Mein Tagesablauf sieht im Moment so aus, dass mich fast täglich die Sonne so gegen 06:30 weckt und wenn es meine Zeit erlaubt, ich mich dann gleich mal auf mein Fahrrad setze und 1 bis 2 auf irgendwelchen Routen durch meine Heimat fahre.
Der Rest vom Tag besteht im Moment vor allem aus komponieren und arrangieren, Programme entwickeln, üben, proben und Gott sei Dank auch wieder aus vielen Auftritten! Life is beautiful, kann ich da nur sagen!!!
Joe Pinkl, Musiker, Komponist
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Meiner Meinung nach, ist im Moment das Wichtigste, dass wir endlich erkennen, das es wieder eine gesunde Balance zwischen dem Ich und dem Wir benötigt. Denn das eine bedingt das andere. Man kann sich selbst nur dann entwickeln, wenn man den Wert des Kollektives erkennt und dieses kann aber wiederum nur funktionieren, wenn ich mein eigenes und wahres Selbst erkenne und annehme. Ich denke, wenn wir das schaffen, dann wird es uns auch gelingen all die großen Herausforderungen, denen die Menschheit im Moment gegenüber steht, zu meistern.
Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Musik, der Kunst an sich zu?
Ich glaube, dass es für die Lösung der anstehenden Probleme und Herausforderungen jede Menge an Kontemplation benötigt, um nicht überfordert zu werden. Und da spielt Kunst in jeder Form und Musik insbesondere eine wichtige Rolle! Kunst um sich fallen zu lassen, um einzutauchen, sich selbst zu erkennen, neue Perspektiven zu erlangen und vor allem um Grenzen zwischen den Menschen und Kulturen ein für alle mal einzureißen. Musik dient in meinen Augen dazu um Herz und Seele zu berühren, damit der Verstand lieben lernt.
Was liest Du derzeit?
Im Moment lese ich „Black and Blue“ von Wolfram Knauer. Das ist ein wunderbares Buch über den großartigen Trompeter, Musiker und Menschen Louis Armstrong. Ich liebe es generell, Biographien zu lesen, da ich es sehr inspirierend finde zu erkennen, dass es das Leben Ansicht ist, dass einen als Künstler formt und prägt und dass es das Beste ist, wenn man in seiner Kunst bei sich bleibt und seine eigene Geschichte erzählt.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Da gibt es zwei, die ich liebe: Das eine steht auf meinem Weinkühler und ist für mich zu einem Leitspruch geworden: „LEBEN LIEBEN LACHEN… und hin und wieder auch mal LALLEN! Das andere ist die Geschichte „ich bin schnorrhabardian“ von H.C. Artmann, die zur Aussage hat, dass man der eigenen Phantasie keine Grenzen setzen soll, denn die Gedanken sind frei. Und nur diese Gedankenfreiheit gibt uns auch die Möglichkeit unser Menschsein sowohl alleine als auch im Kollektiv und in der Verbundenheit mit anderen positiv zu erleben
Joe Pinkl, Musiker, Komponist
Vielen Dank für das Interview lieber Joe, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Musikprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Puh, schwierige Frage….ich würde sagen, nie gleich. Zumindest vor und nach dem Lockdown. Die einzige Routine ist das Frühstück mit Kaffee oder Chai und Marmeladenbrot oder Müsli. Und die Morgendusche nicht zu vergessen. Das Frühstück/Mittag- oder Abendessen natürlich nur in Gesellschaft mit meinem Freund oder Ö1. Der gemeinsame Start in den Tag und vor allem die Tatsache, diese sogenannten Ruhephasen und Handy/Computerpausen mit meinem Freund zu teilen und somit diese mindestens zwei ungestörten Beziehungsmomente zu haben, sind für mich essenziell um die Partnerschaft auch in stressigen Zeiten aufrecht und in Balance zu halten. Diese Momente sind manchmal auch fast ein bissl zu relaxt, denn danach bricht bei mir oder meinen Chauffeuren meist der große Stress aus, denn der Zug entweder gen Westen (Vöcklabruck) oder Osten (Wien) muss erwischt werden. Das gelingt auch fast immer auf die Minute genau :).
Dann genieße ich das Runterkommen im Zug mit guter Musik (momentan Mark Hollis, Piers Faccini, Tears For Fears, Imogen Heap, Quartabe, Bon Iver, Chris Thile, Shai Maestro, Siya Makuzeni Sextett,…), einem Buch oder Emails checken. Dann muss ich hoffen, dass ich den Ausstieg nicht verpasse, weil ich meist so tief versinke. Ja das ist ein ziemlich starker Charakterzug von mir, ich kann die Welt um mich vergessen wenn ich im Zweiergespräch bin, mit einem Menschen oder meinem Instrument oder ich bin einfach so ultraentspannt, dass ich wegpenne.
Lisa Hofmaninger, Saxophonistin, Bassklarinettistin, Komponistin
Zurück zu meiner Lieblingsstrecke, die ich ca 330x im Jahr in eine der beiden Richtungen befahre. Ich hab’ mir soeben mit meinem Freund genau dort ein Haus gekauft, wo ich am besten meine Liebe zur Natur, zu einer guten Nachbarschaft und der Zurückgezogenheit ausleben kann, nämlich fast in der Mitte zu meinen beiden Ankerpunkten. In Vöcklabruck unterrichte ich einmal pro Woche in meiner Lieblingsmusikschule, dort wo auch ich meine ersten musikalischen Gehversuche gemacht habe und in Wien spielt sich die Musik ab. Dort sind alle meine Bands verhaftet und natürlich viele meiner langjährigen Freundschaften. Sollte ich mal einen Ruhetag zuhause haben, wird der momentan im neuen Heim mit planen, umgestalten, einwohnen, üben, lesen, Musik hören, kuscheln, kochen und wandern bestritten. Und ich mache mir liebend gern Gedanken über Musikfortschritte, meine neuen Ziele, neue Hobbys und Herausforderungen. Nachdem ich sehr viele Interessen habe passiert’s schon mal, dass ich einen Tag versuche mir das Mixing beizubringen oder wieder einmal anfange, Französisch zu lernen, oder einfach von einer Ö1 Sendung zur nächsten springe.
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Solidarität, Wachheit, Emotionalität und der Mut, Gefühle zu zeigen, Gelassenheit und Zuversicht. Ich habe in den letzten Monaten sehr viel gelernt und traue mir zu behaupten, dass ich in dieser Krise, die für mich auch eine sehr starke und tiefe persönliche Krise ausgelöst hat, sehr gewachsen bin. Auch als ich an meinem bisherigen tiefsten Punkt angekommen war, habe ich nie die Zuversicht verloren, dass ich stärker und selbstbewusster aus dieser Zeit heraustreten werde. Das hat mir sehr geholfen und das möchte ich auch jeder/jedem ans Herz legen. Gewisse Momente treffen uns hart und tief, ihnen jedoch nach einer bestimmten Zeit ins Auge zu sehen, sie zu analysieren oder einfach zu besprechen darf jedoch nicht verpasst werden. Ich hoffe, jeder/jede von uns kann diese Erfahrung im Laufe des Lebens machen, denn danach versteht man sich einfach besser und lernt mit herausfordernden Zeiten umzugehen.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Musik, der Kunst an sich zu?
Meiner Meinung nach steht der Mensch jeden Tag vor einem Aufbruch und Neubeginn. Lebe jeden Tag als wäre es dein erster! So möchte ich es machen, jeden einzelnen Tag. Denn für mich ist es das Wichtigste und ich denke auch die Triebfeder meiner Motivation, diese unbekümmerte Neugier und fast auch etwas Naivität eines Kindes immer präsent zu haben und den Dingen, Orten und Menschen, die ich treffe tagtäglich von Neuem frisch und vorurteilslos zu begegnen. Kinder sind für mich so wahnsinnig spannend zu beobachten und ich muss sagen, ich verbringe am liebsten meine Zeit mit diesen wunderbaren Geschöpfen. Nur durch diese vorbehaltlose Neugierde habe ich die Möglichkeit, Neues zu entdecken und Inspirationsquellen für meine Musik und Bands zu sammeln. Nicht zuletzt heißt eine meiner langjährigen Projekte gemeinsam mit 12 KollegInnen „Little Rosies Kindergarten“.
Seit einiger Zeit ist es mir auch ein großes Anliegen und großer Bestandteil meiner Arbeit, mich in der Kunst auch politisch auszudrücken. Ich möchte meine Meinung teilen und auch Denkanstöße geben, egal wie weitreichend sie sein mögen. Mir reicht es auch, wenn ich einen Menschen im Publikum bereichern oder anregen konnte. Und für mich ist es oberste Priorität in der Kunst Emotionalität zu zeigen, es ist für mich auch der stärkste Kanal nach außen.
Was liest Du derzeit?
„Fokus !“ von Hermann Scherer, „da ich morgens und moosgrün. Ans Fenster trete“ von Friederike Mayröcker (was für ein genialer Mensch, leider viel zu spät entdeckt), „Wie Musik wirkt“ von David Byrne….ja ich habe diese Art von Krankheit, tausende Bücher gleichzeitig zu beginnen, manchmal geht’s gut, manchmal fällt eins wieder weg.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Da gibt es mehrere:
„Sound ist revolutionärer als jede Stilrichtung“ – Ornette Coleman
„Berichte über das Ableben des Songs scheinen aus heutiger Sicht stark
Übertrieben“ Eine Wiederverzauberung – Daniel Rab-Saij 2021 (ein geschätzter Freund und Duopartner)
Und natürlich: „Lebe jeden Tag als wäre er dein erster!“
Lisa Hofmaninger, Saxophonistin, Bassklarinettistin, Komponistin
Vielen Dank für das Interview liebe Lisa, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Musikprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Herzlichen Dank für den Denkanstoß!
5 Fragen an Künstler*innen:
Lisa Hofmaninger, Saxophonistin, Bassklarinettistin, Komponistin
Isabella Jeschke, Schauspielerin_ am Romanschauplatz Malina _ Wien
Orte sind für mich mit Erinnerungen und auch mit Wünschen verbunden. Es sind Wünsche einen Ort wiederzusehen oder an einen Ort zu kommen, den ich noch nicht kenne aber in meiner Vorstellung habe ich ein Bild davon und möchte gerne diesem Bild nachgehen.
Orte sind allgegenwärtig und haben eine große Bedeutung für mich.
Ich fotografiere gerne, wenn ich an bestimmten Orten bin. Aber es gibt Orte, etwa jene meiner Kindheit und der Wohnsiedlung, in der ich aufwuchs, da sind Bilder im Kopf, die sofort da sind.
Postkarten von Orten schreibe ich in den letzten Jahren wieder öfters. Ich mag diese Nostalgie, dieses Analoge, dieses Hinsetzen und Schreiben. Und auch, weil ich mich selbst wahnsinnig freue, wenn ich eine Postkarte bekomme (lacht). Einen Moment in Bild und kurzen Worten, Gruß zusammenzufassen, gefällt mir sehr gut.
Ich liebe es, die Atmosphäre einer Stadt kennenzulernen, bin aber auch sehr interessiert an Geschichte, Architektur, eigentlich alles, was über eine Stadt zu erfahren ist. Ich bin da ein richtiger freak (lacht).
Auf meiner Reise nach Rom im letzten Jahr war all das, das Gewordensein einer Stadt in Geschichte, Kunst und Vermächtnis über Zeiten hinweg und natürlich die typische Atmosphäre ganz unmittelbar zu spüren und zu erleben. Vor allem auch wie sehr Bauwerke, von Wohnhäusern bis zum Colosseum Kunstwerke sind. Und das ist ja auch in Wien so.
Italien, das ist Lebensfreude und Überraschung, das hat ja auch Ingeborg Bachmann beschrieben. Interessant ist auch diese anarchistische Energie im Straßenverkehr in Rom, in dem Ampelsignale nicht wirklich eine Rolle spielen. Das ist außergewöhnlich und besonders, weil es eben diese starke Lebensfreude ausdrückt, die auch eine innere Aufmerksamkeit beinhaltet. Das ist wunderbar. Ich verstehe, wenn Menschen wie Ingeborg Bachmann in Italien leben wollten und wollen. Und natürlich das Essen (lacht), dieser Genuss, das ist sehr stark verankert. Immer wenn ich Italien bin, habe ich das Gefühl ich könnte da viel länger sein (lacht). Neapel ist etwa ein Sehnsuchtsort.
Ich bin sehr gerne in Wien und arbeite hier sehr gerne. Ich schätze die Atmosphäre und auch die ganz eigene Lebensfreude sehr.
Wien ist und bleibt meine Sehnsuchtsstadt mit sehr viel Inspiration.
Was Ingeborg Bachmann auch als Frau in einer männerdominierten Welt geschafft hat, ist bewundernswert und für mich eine sehr große Inspiration und Motivation. Auch heute muss man sich als Frau mehr beweisen als ein Mann.
Es gibt Ivans und Malinas natürlich auch heute. Und es gibt auch beides in einem und auch viel mehr (lacht).
Die Kommunikation zwischen Mann und Frau hat sich grundsätzlich verbessert. Ich persönlich spüre da eine Augenhöhe. Natürlich gibt es viel zu lernen auf beiden Seiten. Es braucht Unterstützung auf beiden Seiten.
Wenn wir von Emanzipation sprechen, sollten wir von der Emanzipation der Menschen sprechen. Wir haben 2021 und sollten zu dem Punkt kommen, wo es wurscht ist ob Frau, Mann, Transgender, was immer. Wir sind Menschen und sollten dies gemeinsam werden. Daran arbeiten. Wir sollten auf einem anderen Niveau beginnen, miteinander zu sprechen.
Es gibt in der Gesellschaft noch nicht diese Wertschätzung unterschiedlichster Identitäten und Lebensmodelle. Wir brauchen da mehr Offenheit. Auch wenn es natürlich besser als vor fünfzig Jahren ist.
Ich glaube, es gibt in unserer Gesellschaft in Identitäts- und Geschlechterfragen noch viel zu tun. Kunst und Theater setzen da auch viel daran dies zu thematisieren, gerade auch in Wien/Österreich. Diskurse sind da ganz wichtig, die dies auf den Tisch bringen.
Wir haben in diesem Jahr im Theater mit unterschiedlichsten Planungsmodellen und Organisationsmöglichkeiten arbeiten müssen. Da waren auch Skypeproben dabei, die sehr spannend waren und in denen sich auch Emotionen, Gefühle zu aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen widerspiegelten. In einem Probenprozess wird ja dann vieles neu zusammengebaut. Unser E3 Ensemble steht sich ja sehr nahe und wir konnten diese Herausforderungen bewältigen und unsere Eigenproduktion „Mutter“ hat im Juni des Jahres im Off Theater Wien Premiere gefeiert und wurde sehr gut angenommen.
Isabella Jeschke, Schauspielerin_ am Romanschauplatz Malina _ Wien
50 Jahre Malina _ Roman _ Ingeborg Bachmann _ im Gespräch und szenischem Fotoporträt:
Liebe Oksana, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Meine Tage sind sehr unterschiedlich organisiert, je nachdem wer ich heute bin oder sein möchte. Da ich mehrere Rollen beziehungsweise verwandte Berufe und viele verschiedene innere Zustände habe, kann mein Tagesablauf völlig unterschiedlich sein, und das ist die Freiheit, die ich in meinem Leben wirklich mag.
Oksana Kuzo, Pianistin
An den Tagen, an denen ich arbeite oder unterrichte, ist alles bis zu der letzte Minute verplant, manchmal bis 22-23 Uhr, und ich bin sehr diszipliniert. Wenn ich ein Konzert habe, versuche ich meine Energie bis zum Abend zu behalten und den Kopf frei von allem, außer dem Konzertprogramm, zu lassen. Manchmal, und meistens gibt es diese Gelegenheit im Sommer, mag ich es nichts zu planen, sondern den Tag in einem Andante Tempo laufen zu lassen und eine gewisse Langeweile zu verspüren um später wieder Inspiration zu finden. Diese Möglichkeit, an verschiedenen Tagen ein unterschiedlicher Mensch zu sein, ist für mich notwendig, um voranzukommen.
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Ich denke, es ist wichtig für uns die Welt mit „weit offenen Augen“ betrachten zu können und zu verstehen, dass die subjektive Wahrnehmung der Wahrheit je nach Blickwinkel unterschiedlich sein kann. Auf unserem kleinen Planeten finden wir Bestätigung und Ablehnung vieler Überzeugungen, daher macht uns Toleranz und Verständnis für andere menschlich und kreativ. An uns selbst zu arbeiten und an andere zu denken, ist, meiner Meinung nach, besonders wichtig für uns, und noch: Dankbarkeit (hier kann jeder viele Gründe für sich persönlich finden), sowie ein gewisses Maß an Bescheidenheit und die Entwicklung des kritischen Denkens.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Kunst an sich zu?
Ich würde es gerne glauben, dass wir vor einem Zustand des Wandels und eines Neubeginns stehen oder uns bereits darin befinden, aber, meiner subjektiven Meinung oder Beobachtung nach, ist dies jetzt kein so radikaler Prozess. Ich würde eher sagen, dass wir einen gewissen Restart durchmachen, mit der Möglichkeit verschiedene Dinge anderes zu sehen, sowohl persönliche als auch globale, und ich hoffe, dass dies wirklich einen positiven Einfluss auf uns haben wird.
Für mich hat Kunst die einzigartige Kraft einen Menschen in einen besonderen Zustand zu versetzen und dadurch zu erleben, zu fühlen – mehr, als unser Gehirn erfassen kann. Und hier sehe ich die Aufgabe der Kunst unserer Zeit – unsere Seelen so magisch zu beeinflussen. Natürlich gibt es noch viele andere Aspekte, aber dieser ist eine Ausnahme und für mich der wichtigste.
Was liest Du derzeit?
Ein Roman der ukrainischen Schriftstellerin Irena Karpa und „Spiele der Erwachsenen“ vom Eric Berne.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Life isn’t long enough for love and art. (W. Somerset Maugham)
Oksana Kuzo, Pianistin
Vielen Dank für das Interview liebe Oksana, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Musikprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:
Oksana Kuzo, Pianistin
Fotos_ 1-3, 5, 6, 8, 10-11, 13-14 Walter Pobaschnig; 4,12 Lukas-Johannes Aigner; 7 Peter Wagner, 9 Matthias Hauer.
29.8.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.
Marcela Selinger, Sängerin_ am Romanschauplatz Malina _ Wien
Das Thema der emotionalen Abhängigkeit im Roman, diese unerfüllte, Liebe, ist vielen vertraut. Auch mir (lacht).
Es ist im Roman eine tragische Liebe, die in den Abgrund stürzt, in den Selbstmord/Tod treibt. Das Ende bleibt ja mehrdeutig.
In den 1960/70er Jahren war die Situation der Frau natürlich noch in vielem eine andere, etwa auch was das Mitteilen dieses intimen, abgründigen Zustandes betrifft. Es gibt ja im Roman kein Gespräch mit anderen Frauen oder der Familie über ihre Situation. Und dies ist wohl auch ein Bild der Zeit. Dieses Eingeschlossensein in Verzweiflung und Einsamkeit im Zustand einer unglücklichen Liebe.
In den 1970er Jahren war eine Frau, die nicht Mutter, Hausfrau war, per se noch eine „Außenseiterin“. In dieser Situation innere Verletzbarkeit und Intimität preiszugeben, war ja praktisch unmöglich. Es ist ja auch heute noch irrsinnig komplex und schwierig, vor allem auch als Mensch, der sehr in Kontakt mit diesen Gefühlen steht.
Über die extremen Abgründe und Dunkelheiten im Menschen, Liebe, Leben wird heute nach wie vor nicht offen gesprochen. Aber es ist schon enttabuisierter als vor fünfzig Jahren.
Heutzutage gibt es Rollenveränderungen in der Gesellschaft und es gibt auch Männer, die innere Spannungen und Belastungen nach außen tragen und teilen. Es ist mehr Raum, mehr Platz für diese innere Schwere, Druck und die Verzweiflung über emotionale Abhängigkeiten wie sie im Roman geschildert wird.
Intimität ist facettenreich. Viele Menschen können mit den emotionalen Abgründen nicht umgehen, die diese auch zu bieten hat. Sie haben Angst davor. Das gesellschaftliche Streben ist nach wie vor nach Leichtigkeit und das Nichtgreifbare – Abgründige wird gerne ausgeblendet- vielleicht weil es zu schwer einzuordnen ist oder zu viele Fragen für das eigene Kennenlernen aufwirft.
Es soll „leicht“ sein. Dafür müssen wir aber erst erkennen, dass das „schwere“ immer da sein wird. Wenn man an der Bewertung arbeitet, wirkt es vielleicht nicht mehr so bedrohlich.
Die Suche nach dem Glück, wie kann ich glücklich sein, steht heute ganz im Vordergrund. Die Schattenseite davon wird ausgeblendet. Beides ist aber „not-wendig“ ,im wahrsten Sinne des Wortes. Die Balance ist entscheidend.
Die Liebe ist ein Tanz. Wenn wir lieben, sind wir berührbar und somit verletzbar- sowie auch heilbar. Und in extremis ist es ein Tanz zwischen Leben und innerlichem Sterben was zum Tod führen kann wie im Roman oder zu einer Neugeburt.
Der Roman war da bahnbrechend in der schonungslosen Darstellung von Licht und Abgrund der Liebe und des Lebens und ist es heute noch. Ich finde es wichtig, sich persönlich mit den Themen des Romans zu beschäftigen.
Da wir soziale Wesen sind und Beziehungen unser Leben prägen, finde ich, es ist eine Notwendigkeit ,Gefühle und Gedanken bezüglich Liebe und Leben zu reflektieren.
Im Anhören des Romans jetzt dachte ich mir, wow, ich kann das so gut verstehen und deswegen möchte ich mich jetzt für etwas Anderes entscheiden. Literatur kann sehr heilsam sein, weil sie in erster Linie klar darstellt. Das ermöglicht, Themen mit denen man sich identifizieren kann, aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten.
Gegen die Abgründe der Liebe kann man sich nicht schützen, da sie letztendlich in uns selbst zu finden sind. Das geht also nicht, auch fünfzig Jahre danach nicht (lacht). Darum geht es auch nicht im Roman. Der Roman zeigt das „Spiel der Liebe“ und die Gefahr des Verletztwerdens durch die Berührbarkeit, und das bleibt immer so.
Die Frage ist ,wie gehen wir mit dem Scheitern in der Liebe um. Wie wachsen wir daran? Wie benutzen wir die „inneren Werkzeuge“, die wir mitkriegen und die wir, schmerzlich, lernen?
Keiner, der sich der Liebe hingibt und dazu aufmacht, ist gewappnet vor den unermesslichen Schmerzen, die das Chaos birgt. Das hat vor fünfzig und fünfhundert Jahren genauso wehgetan wie heute. Heilung ist ein Prozess. Das ist so. Das ist ein Geheimnis des Menschseins.
Die Frage ist, lerne ich negative Erfahrungen in der Liebe konstruktiv zu nutzen oder gebe ich mich der Destruktivität hin. Aber dem Schmerz kann keiner entrinnen.
Ich denke, der erste Schritt ist, in Kontakt mit seinen Gefühlen zu kommen und diese zum Ausdruck zu bringen. Authentisch zu werden und sich nicht von den eigenen „Vor – Stellungen“ von sich selbst oder des anderen blenden zu lassen.
Malina und Ivan sind beide unerreichbar für die Frau im Roman. Malina ist anwesend, unmittelbar erreichbar für sie aber in seinem Charakter wieder so schräg, dass er letztlich unerreichbar ist. Ivan ist der solide im Leben stehende Geschäftsmann, hat Kinder, und ist von der Romanze her, der emotional erreichbarere. Aber aufgrund der Situation der Affäre, ist Ivan wiederum unerreichbar.
Von Ivan her gesehen, ist es eine sehr egoistische Konstellation, weil es ein Ablaufdatum hat, außer er dreht es um, was er ja nicht tut. Die Ich-Erzählerin bleibt die Geliebte, die Wartende, Sehnende, Verzweifelnde. Für mich ist das ein extrem gemeines Spiel, das Ivan da treibt. Es ist nicht fair. Man kennt es ja auch heute, aber ich verstehe so etwas nicht, dieses Scheinbild in einer Affäre. Natürlich entbindet es die Ich-Erzählerin nicht von ihrer Selbstverantwortung, dennoch ist es sehr schwer sich aus einer solchen Situation zu lösen und klar zu sehen, wenn man emotional so sehr verwickelt.
Malina ist wie ein Phantom. Er ist eigentlich gar nicht da und trotzdem ein Anker zur Welt, damit sie sich nicht ganz verliert.
Sie ist, bleibt letztlich einsam und allein mit Malina und Ivan. Die Einsamkeit ist ihr Grundgefühl.
Ob sich Männer seit damals verändert haben? Manche vielleicht (lacht). Ich denke man kann das nicht generalisieren und auch nicht auf Männer beschränken- es gibt ebenso Frauen die Affären haben und oftmals läuft das auch nicht einmal schlecht. Es gibt auch nach wie vor Affären mit dem „Schein-Wahren“ nach außen. In dem Roman geht es ja um mehr als das- es geht um einseitige, unerfüllte Liebe .
Eine geheime Affäre ist sehr stressig. Wenn sich da nicht etwas dreht, dann ist es über die Zeit wohl eher belastend und hat wahrscheinlich ein Ablaufdatum.
Das Thema der Einseitigkeit und Unerreichbarkeit in der Liebe gibt es in allen Facetten. Dazu braucht es keine Affäre.
Liebe und Affäre, da spielen viele gesellschaftspsychologische Mechanismen eine Rolle. Es gibt heute eine größere Offenheit, aber ob die persönliche psychologische Arbeit mehr geworden ist, um daran zu wachsen, würde ich mich nicht trauen zu sagen. Es sind wohl die gleichen inneren Kämpfe wie früher. Und es gibt beides, das „Davonlaufen“ oder das „Sich-Stellen“.
Wie will ich wachsen in Leben und Beziehung? Das ist eine Entscheidung, die zu treffen ist.
Gesundes Wachstum liegt in guter Erde und Pflege. Die Rahmenbedingungen für Wachstum bilden sich aus gesellschaftlichen Gegebenheiten sowie der individuellen Handhabung.
Der dritte Mann als Utopie und Hoffnung im Roman ist für mich der Heiler, der Freund, der sie erkennt, in dem WER sie ist und annimmt in ihrem Schmerz, der totalen Schwere und sagt: „Hey, da ist ein Platz, da kannst du dich ausruhen. Und in diesem Raum ist keiner von den anderen beiden“.
Der dritte Mann ist nur eine Hilfe. Die Entscheidung treffen und den Weg gehen, das muss sie selbst.
Der dritte Mann könnte auch eine Kraft in ihr selbst darstellen einen Raum zu kreieren, der ihr guttut und ihr die Einsamkeit nimmt, hilft, von Abhängigkeiten wegzukommen. Was sie ja versucht aber daran scheitert. Die Utopie bleibt trotzdem, auch im Weg durch die Wand.
Der dritte Mann als Vaterbild im Roman ist die Wurzel ihrer nun erlebten Männergeschichten und wenn sie sich darauf einlässt, kann es auch der heilende Aspekt sein. Wenn sie in diese Ängste reingeht, erkennt sie sich selbst.
Irgendwann ist das Schlachtfeld leer, der Krieg zu Ende und man findet sich wieder, still. Die Stille ist ja auch das Ende des Romans und alles weitere bleibt offen. Das leere Schlachtfeld ist der perfekte Ort, um loszugehen.
Im Roman wird der Krieg, den sie erlebt hat, im Außen wie im Innen, thematisiert und ins Bild gesetzt.
Es ist wichtig seine Grenzen zu erkennen. Zu erkennen, was will ich in der Liebe? Aber es bleibt immer ein Tanz am Abgrund.
Das Verlieren in Vorstellungen, Ideen wie und was man sein sollte, bringt nichts.
Das Thema Liebe und Selbsterkenntnis ist ein lebenslanges.
Wien ist die erste Stadt, in der ich beschloss zu bleiben. Es ist eine sehr gute Mischung aus Stadtatmosphäre und Natur.
Wien ist sehr lebendig, da ist sehr viel Kraft, Energie und auch Ruhe. Das ist außergewöhnlich.
Orte bedeuten mir sehr viel. Da sind viele Erinnerungen und Gefühle und sofort 1000 Bilder im Kopf.
Liebe auf den ersten Blick gibt es, auch wenn mein Verstand sagt, das ist totaler Quatsch (lacht).
Der erste Blick ist oft gar nicht notwendig in der Liebe, die bloße Präsenz kann schon wirken (lacht), wenn man bedenkt auf wie vielen Ebenen unsere Systeme zusammenwirken, die wir mit unserem limitierten gar Bewusstsein nicht erfassen können.
Wenn Menschen sich in ihrer Berührbarkeit zeigten anstatt in ihrer Macht, würde das die Welt zu einem besseren Ort machen. Das ist eine Herausforderung aber ich wünsche mir das.
Scham ist ein großes Thema in der eigenen Verletzbarkeit. Aber die Konfrontation damit lässt einen sich selbst sowie die anderen Menschen annehmen anstatt zu verurteilen.
Wir können nicht der perfekte Mensch werden. Aber wir können uns gegenseitig Kraft und Halt geben.
Wir können Fehler heilen, wenn es einen Teppich an Halt gibt. Wenn es das Wissen gibt, kann ich zurück in die Verbindung.
In allem können wir unser Spiegelbild finden. Es ist die Frage wie wir dies nutzen.
Wir vergessen manchmal unsere Spiegelbilder in Menschen, der Natur, der Welt. Es ist gut, sich darauf zu besinnen. In Schönheit sowie Grenzen.
Unsere Spiegel sind immer da. Aber sie sind wertlos, wenn sie nicht erkannt werden.
Die moderne Kommunikation lässt die Missverständnisse in Beziehungen zunehmen. Vor allem bei geschriebenen Nachrichten. Das ist fürchterlich. Du hörst keine Stimme, siehst keinen Körper. Die Nachricht wird dann oft zum Ausdruck persönlicher Stimmungen. Es ist ganz wichtig, sich zu begegnen.
Direkte, unmittelbare Kommunikation ist gesünder. Das gesunde Schweigen miteinander ist sehr wichtig.
Wir können aus Malina ganz, ganz viel mitnehmen. Der Roman ist eine Mahnung, sich seiner selbst und des Bodens, auf dem man steht, bewusst zu werden und dementsprechend zu handeln.
Der Roman drückt die Sehnsucht aus, berührbar sein zu wollen und berühren zu dürfen und da gilt es weiter zu lernen, auch wenn es wehtut.
Der Roman zeigt auch auf, wie wichtig das „Innehalten“ und das zu suchen was dich stabilisiert, ist. Alles andere lass` außen vor.
Wie wollen wir weiter wachsen mit allen Herausforderungen und aller Schönheit der wahrhaftigen Intimität. Das gibt der Roman für mich zu bedenken.
Das „Ich“ braucht die Beziehung zum „Du“ um sich selbst zu erkennen . Wachstum geschieht dann im „Wir“. In der Interdependez, sozusagen.
Wir sollten daran arbeiten den Kontakt mit uns selber nicht zu verlieren und uns immer fragen wo bin ich jetzt – Im „Ich“, im „Du“ und wo ist das „Wir“?
Wie kann ich wachsen, ohne mich selbst aus den Augen zu verlieren. Und auch mit dem „Du“ zu wachsen, ohne sich im „Du“ zu verlieren, darin steckenzubleiben.
Wir müssen ins „Du“ und zurück ins „Ich“ ,um letztendlich zu sehen, ob es das „Wir“ überhaupt gibt.
Marcela Selinger, Sängerin_ am Romanschauplatz Malina _ Wien
50 Jahre Malina _ Roman _ Ingeborg Bachmann _ im Gespräch und Fotoporträt:
Liebe Madeleine, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Endlich geht es wieder bergauf, hab ich das Gefühl, nicht nur im Wanderurlaub in Südtirol. Bin gerade – oder müsste eher sagen, war noch bis vorhin gerade – am Textlernen für das Theaterstück „Vomperloch“ von Felix Mitterer, das im September des Jahres im Theater im Lendbräukeller zur Aufführung kommt. Ansonsten bin ich dauerhaft als organisatorische Leitung und Produktionsleitung eingespannt, was sich durch die Lockdowns nur insofern geändert hat, dass ich mehr Veranstaltungen aus jeglichen Kanälen wieder löschen musste, statt werbetechnisch nochmal nachzulegen …
Mit meiner Band GRACENOTES (Irish Folk, Celtic Punk, Shanty, Dessertrock), bei der ich als Sängerin aktiv bin, konnten wir in diesem Jahr aber schon drei Konzerte spielen, was mich sehr freut.
Ansonsten hab ich auch ein neues Theaterstück geschrieben, an verschiedenen Konzepten gefeilt und mir neue Aufgaben gesucht, die mich als Workaholic beschäftigt halten.
Freue mich nun auf 2022 und hoffe, dass die Projekte, bei denen ich letztes und dieses Jahr Regie und Co-Regie machen hätte sollen, dann (endlich) stattfinden können! Und warte mit einem lächelnden Auge jetzt einfach schon mal darauf (vielleicht hilft das)!
Dass wir trotz Entfremdung unsere Menschlichkeit und Hilfsbereitschaft nicht vergessen! … Zumindest wäre mir das besonders wichtig!
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?
Was passieren wird, kann wohl niemand genau sagen, aber ich hoffe, dass wir Künstler/innen selbst etwas von dieser Zeit mitnehmen können. Es wäre nun die Chance für einen Neubeginn und eine Veränderung! Es wäre die Chance neue Konzepte zu erfinden, neue Wege einzuschlagen, neues auszuprobieren, aus alten und festgefahrenen Strukturen auszubrechen, wieder kreativer zu werden, nicht nur das erarbeiten zu wollen, das bestimmt gut ankommen wird, sondern etwas zu wagen.
Ich finde es beispielsweise schön, dass sich in dieser Zeit viele Einzelkünstler/innen zusammengetan haben und neue Künstlergruppen entstanden sind, die gemeinsam etwas schaffen wollen! Und ich würde mir wünschen, dass gesehen wird, dass Künstler/innen, seien es nun Autoren/Autorinnen, Schauspieler/innen, Regisseur/innen, Tänzer/innen, Maler/innen etc. einen wichtigen Beitrag leisten, indem sie andere Menschenberühren, zum Lachen, Weinen und Nachdenken bringen, gesellschaftliche Themen besprechen, oder auch einfach helfen, mal abzuschalten und den Alltag hinter sich zu lassen. Für mich war nämlich besonders schlimm in dieser Zeit, dass man von allen Seiten hörte, dass wir Künstler/innen nicht systemrelevant sind und dass wir keinen wichtigen Beitrag leisten – vor allem die Freischaffenden wurden dabei kritisiert. Als jemand, der vor allem in diesem Bereich arbeitet (Schauspielerin, Regisseurin, Autorin), sehr viel in diese Arbeit steckt und seine Arbeit liebt, etwas bitter.
Was liest Du derzeit?
Gerade habe ich „Nichts weniger als ein WUNDER“ von Markus Zusakangefangen, nachdem ich „Das Geburtstagsfest“ von Judith W. Taschler fertiggelesen habe. Gut ist ja: Ich kann mir auch wieder mal ein bisschen Zeit zum Lesen genehmigen. Bin schließlich eine Leseratte!
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
»Manchmal wundere ich mich, dass es immer noch Organisationen undKonzerne gibt, die meine Adresse nicht haben …«, sage ich kopfschüttelnd zumKänguru, während wir für ein Gewinnspiel […] ein Formular ausfüllen. »Ichhabe nämlich das Gefühl, meine Adresse schon jeder Firma auf der Weltpersönlich auf einen Zettel geschrieben zu haben.«»Ja, ja«, sagt das Känguru, füllt das Feld mit seiner Telefonnummer aus, öffnetdahinter eine Klammer und schreibt hinein: 69 Cent pro Minute.»Was soll das denn?«, frage ich.»Hab mir ´ne neue Nummer besorgt«, sagt das Känguru.
(Kling, Marc-Uwe (2016): Die Känguru-Chroniken. Berlin: Ullstein Buchverlage.
S. 21).
Erinnert mich immer an das Jahr, als ich mit einer Schauspielkollegin im Tourbus durch ganz Deutschland gefahren bin. Da haben wir auf den Fahrten zu unseren Spielorten eine Zeit lang immer die Känguru-TriØlogie gehört.
Vielen Dank für das Interview liebe Madeleine, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Schauspiel-, Musikprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Lieber Michael, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
tatsaechlich doch relativ aehnlich wie schon seit laengerem: ich stehe ziemlich frueh auf, schreibe ein wenig, kuemmere mich bald um meinen dann aufwachenden sohn, gucke ein buch mit ihm an – wir essen/trinken –, daraufhin wecke ich seine mama, mache mich schnell fertig fuer die arbeit & radle los – dort der uebliche, amuesante alltagswahnsinn: ein kindergarten; wobei ich hier das staendige maskentragen durchaus als zunehmend kraeftezehrend/anstrengend empfinde. auf dem nachhauseweg kaufe ich eventuell ein, ich verbringe zeit mit meiner familie & nutze am abend die noch verbleibende, um in ruhe zu malen, zu schreiben etc. soziale kontakte zu anderen normalisieren sich gerade ein wenig dahingehend, dass man sich an den ist-zustand anpasst & zugleich eine orientierung gen wieder mehr umgang spuerbar wird.
Michael Johann Bauer_Schriftsteller, Maler und Projektkünstler
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
dasselbe, was m.e. & prinzipiell immer wichtig sein sollte: sich auf das einem wesentliche besinnen, kritisch bleiben, in jeglicher hinsicht, vor allem sich selbst & seinen gewohnheiten gegenueber, allerdings ebenso kompromisse eingehen & nachgeben koennen; sich mit anderen respektive auch andersdenkenden menschen in einem staendigen, wertschaetzenden austausch befinden – pluralitaet der sichtweisen, lebensformen etc. – ohne zu diffamieren, zu verurteilen, zu hetzen: fuer ein harmonisches miteinander, das auf unterstuetzung basiert & nicht auf profilneurose & egozentrismus. wir reiben uns gegenseitig auf, wenn ein einzelnes eventuell gar falsch verstandenes wort wichtiger wird als z.b. die gesundheit – sozial, psychisch, physisch, geistig – unserer mitmenschen.
Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
die rolle der literatur/ kunst duerfte identisch sein mit der rolle, die sie wohl spielt, seitdem sie existiert: impulse aufnehmen, verstaerken, persiflieren, karikieren, moegliche ausreiszer skizzieren, zum denken anregen, unterhalten, manchmal in sich sowohl wunschdenken, das dadurch realitaeten praegen kann, als auch exponierte merkmale konzentrieren, verborgenes aufdecken, bedeutungen verschieben, das leben – da-sein – lebendig & interessant halten, abstoszen, anziehen, polarisieren, ventil sein, damit es nicht zur revolution im kleinen & groszen kommt, der zuendende funke sein, zur revolution im kleinen & groszen, dem gleichfoermigen ecken & kanten verleihen, die einem wehtun oder zum verweilen einladen etc. etc. ad infinitum!
Was liest Du derzeit?
momentan in diesen buechern abwechselnd: paulus boehmer „kaddish I-X, ilse kilic „das wort als schoene kunst betrachtet“, bruno schulz „die zimtlaeden“ , endres/schimmel „das mysterium der zahl“ & peter weiss „der schatten des koerpers des kutschers“.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
bruno schulz (am ende der „zimtlaeden“: „die mythisierung der wirklichkeit“): „das wesen der wirklichkeit ist der sinn. was keinen sinn hat, ist fuer uns nicht wirklich. jedes stueck wirklichkeit lebt dadurch, dass es an einem universalen sinn teilhat.“
Vielen Dank für das Interview lieber Michael, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literatur-, Kunstprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:
Michael Johann Bauer_Schriftsteller, Maler und Projektkünstler
Erfahrung ist ganz wesentliche Mitte menschlicher Identität. Erfahrung ist dabei immer in einer Wechselwirkung mit persönlicher Sinndynamik wie gesellschaftlicher Konzeption. Darin bildet sich der Mensch geistig, sozial und kulturell.
Diese Grundkomponente menschlichen Lebens erfährt in der Kulturgeschichte der Menschheit spezifische Ausformungen. Eine davon ist etwa die christliche Mystik, die auf eine kontinuierliche wie wechselvolle Geschichte verweisen kann. Dabei gibt es unterschiedliche theologische wie gesellschaftliche Spannungsfelder, die hierbei eine Rolle spielen. Die mystische Intention sucht sich darin zu behaupten.
Volker Leppin, mehrfach ausgezeichneterProfessor für Historische Theologie an der Yale-university legt mit „Ruhen in Gott“ einen spannenden Abriss der christlichen Mystik in Geschichte und theologischer Ausrichtung vor. Besondere Bedeutung kommt dabei auch den individuellen Konzepten und Persönlichkeiten wie Mechthild von Magdeburg, Johannes Tauler oder Martin Luther zu.
Der Autor vermag in konzentrierter wie gut lesbarer Weise die Schwerpunkte der unterschiedlichen mystischen Ausrichtungen und Konzepte im Laufe der Geschichte darzustellen und zu erläutern. Hervorzuheben ist auch ein umfangreicher Bildteil, welcher einen wunderbaren Einblick in die Kunstgeschichte und deren Bearbeitung des Themas gibt. Es ist in Summe eine gelungene Zusammenschau mystischen Denkens, welche auch Impulse zu weiterführender Reflexion gibt.
„Ein spannender Überblick über die Geschichte des mystischen Denkens im Christentum“
Hristina Susak _ Komponistin, Performerin – am Romanschauplatz Malina_Wien
Orte sind für meine Arbeit als Komponistin sehr wichtig. Sie sind Inspiration. Ich kann nur an besonderen örtlichen Bezugspunkten komponieren.
Ich kann Zuhause nicht komponieren. Es muss etwa ein Cafè sein oder in der Natur. Natürlich auch im Arbeitsbereich der Universität. Ich komponiere dort besonders gerne, wenn ich alleine bin.
Wenn die Inspiration da ist, kann es ein ganzer Tag sein, an dem ich an einer Komposition arbeite. Manchmal auch die ganze Nacht. Ich vergesse hin und wieder auch zu essen dabei (lacht).
Eine Gesamtkomposition kann drei Tage oder ein Monat dauern. Das hängt von der musikalischen Besetzung ab, der Stückdauer und der persönlichen Inspiration.
Ich habe mein erstes Musikstück mit acht Jahren geschrieben. Ich hatte da noch keine Ahnung was komponieren heißt. Ich bin einfach am Klavier gesessen und habe geschrieben (lacht). Das setzte sich fort und mit siebzehn Jahren habe ich dann die Aufnahmeprüfung an der Universität in Wien gemacht. Seitdem studiere ich Komposition hier.
In meiner Arbeit gibt es verschiedene Schwerpunkte. Ich komponiere entweder ganz instrumental oder für Medien – Film, Werbung – oder auch für das Theater. Und ich mache auch konzeptuelle Performances. Bei meinen Performances arbeite ich auch mit Live-Elektronik.
Eine tolle Erfahrung war für mich auch die musikalische Gestaltung und Mitwirkung beim Theaterstück „Watschenmann“ von Karin Peschka am Wiener Volkstheater (2019). Die Regisseurin Berenice Hebenstreit hat mich dazu eingeladen.
Es gibt verschiedene künstlerische Interessen. Ich male, vor allem als ich jünger war, und tanze sehr gerne. Besuche auch eine Ballettklasse. Ich interessiere mich auch sehr für Film und Videoproduktionen.
Ich lebe jetzt sieben Jahre in Wien. Es ist für mich der ideale Ort für Kunst und Leben und ich erfahre als junge Frau und Künstlerin viel Unterstützung und Förderung, gerade auch in diesen sehr herausfordernden Zeiten.
Im Roman „Malina“ finde ich besonders die Traumsequenzen interessant und die psychologischen Überlegungen dazu. Ich lese persönlich auch viel über Psychologie und interessiere mich für die Psychoanalyse Sigmunds Freuds sehr. Wie aber auch für Physik und da für die Relativitätstheorie von Albert Einstein.
Ich denke, dass das Strukturmodell der Psychoanalyse mit ICH, ES und ÜBER-ICH auch eine Interpretationsmöglichkeit des Romans darstellt. Besonders auch da der Protagonist Malina ja als Spiegelbild der Frau gesehen werden kann.
In meiner Arbeit will ich meine Persönlichkeit und meine Weltsicht, meine Ideen abstrakt ausdrücken. Emotionale Erfahrung ist dabei ganz wichtig.
In meinem Stück „Anima“ geht es etwa um die Unterschiede wie Ähnlichkeiten von Lachen und Weichen. Was sind Übergänge und Grenzen. Im Stück „Infants“ geht es um Gefühle von Kindern, die in abstrakter Form musikalisch fühlbar gemacht werden.
Träume spielen nicht direkt in meinen Kompositionen eine Rolle. Aber es kommt vor, dass ich träume und dann nach dem Aufwachen dies als Inspiration für ein Stück aufnehme. Ich schreibe meine Träume nicht auf.
Auch in der Liebe braucht es Zeit für sich. Die persönliche Entwicklung ist sehr wichtig.
Ein Beziehungsende ist immer schwierig. Damals zur Zeit des Romans wie heute.
Kunst ist ein Geschenk für uns alle und verschönert das Leben.
Kunst kann nicht die Welt verändern aber Kunst kann viele positive Impulse geben.
Ich arbeitete jetzt weiter an meinen Projekten. Was kommt, kommt. In dieser Coronazeit ist ja wenig vorhersehbar.
Die Atmosphäre hier am Romanschauplatz ist sehr inspirierend. Ich denke, ich werde da unbewusst viel mitnehmen für meine Arbeit.
Hristina Susak _ Komponistin, Performerin – am Romanschauplatz Malina_Wien
50 Jahre Malina _ Roman _ Ingeborg Bachmann _ im Gespräch und szenischem Fotoporträt:
Hristina Susak _ Komponistin, Performerin_Wien
Station bei Ingeborg Bachmann_Romanschauplatz_Malina.
Interview und alle Fotos_Walter Pobaschnig _Wien_6_2020.
Lieber Kevin, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Nach dem Aufstehen erstmal kurz frisch machen und dann mit dem Hund eine Runde spazieren. Danach bin ich bereit für Frühstück, Nachrichten und Lesen. Ich bin freiberuflich, das heißt auch, dass sich meine Projekte immer wieder verändern, deswegen sind meine Wochen oft verschieden und voller spontaner Änderungen. Im September nehme ich mir ganz frei von allen Projekten und konzentriere mich auf das Schreiben, will aber auch viel Lesen und ich freue mich auf Spätersommerspaziergänge mit meinem Hund.
Kevin Junk, Schriftsteller
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Es wird eine Weile dauern, bis wir uns vom konstanten Stress durch die Pandemie erholt haben werden. Deswegen ist es wichtig, glaube ich, dass wir selbstverzeihlich und behutsam mit uns und anderen umgehen. Das sage ich mir immer wieder im Austausch mit Menschen, die mir nah sind. War einfach viel los und es wird noch eine Weile viel los sein.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Literatur, aber auch Kunst im weiteren Sinne, kann uns ins Stauen versetzen, uns an die Hand nehmen und neue Wege durch neues Terrain aufzeigen. Sie kann zugleich scheinbar Bekanntes neu anordnen und damit neue Zusammenhänge im Gewebe aufzeigen. Das Spannungsfeld zwischen nahbar und weit weg verhandelt für mich die Empathie, die man beim Lesen aufbringen muss. Genau darin liegt für mich die Kraft von Literatur: Die Auseinandersetzung mit Fragestellungen, die mich beschäftigen und zugleich nicht direkt greifbar mit mir zu tun haben. So sehe ich auch die Relevanz von queerer Literatur für ein breiteres Publikum. Mir erschließt sich nicht, warum queere Themen immer wieder in die Nische gedrängt werden.
Was liest Du derzeit?
Derzeit lese ich einen Band aus der Reihe 33 1/3 in der Musikjournalist*innen und Autor*innen einen längeren Essay zu einem Album schreiben, das sie fasziniert oder geprägt hat. Der Essay bespricht „Selected Ambient Works Vol II“ von Aphex Twin, eine Ambient-Platte aus den 90ern, die ich sehr wertschätze. Ich lese gerne über Musik, gerade über elektronische Musik, dann interessiert mich jedes auch noch so unwichtige Detail. Außerdem recherchiere ich für eine Roman-Figur, die Musik produziert und sich für Ambient interessiert.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
My idea of a writer: someone interested in everything. – Susan Sontag
Kevin Junk, Schriftsteller
Vielen Dank für das Interview lieber Kevin, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an KünstlerInnen:
Kevin Junk, Schriftsteller
Kevin Junk – über mich:
Ich bin Kevin, Schriftsteller und Kreativstratege aus Berlin.
Als freier Autor schreibe ich über Kultur, Gegenwart und Gesellschaft.
Im März 2021 erschien mein Debütroman „Fromme Wölfe“ im Querverlag. Daneben habe ich Prosa, Gedichte und Essays in Anthologien und Magazinen veröffentlicht.