„Mit der Poesie lernen wir sprechen, täglich neu“ Hans Thill, Schriftsteller_Heidelberg 3.10.2021

Lieber Hans, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Nach dem Aufstehen laufe ich eine Strecke am Fluss entlang. Dann schreibe ich „Dörfer“ oder Lyrik oder Prosa. Wenn mich der Mut verlassen hat, fange ich an zu organisieren. Später lese ich, höre Musik oder schaue einen Film oder gehe mit meiner Frau im Wald spazieren. Außerdem esse und trinke ich.

Häufig fahre ich nach Edenkoben, um im Künstlerhaus zu arbeiten.

Hans Thill, Schriftsteller,
Kuenstlerhaus Edenkoben/Pfalz: 30. Uebersetzerwerkstatt „Poesie der Nachbarn – Dichter uebersetzen Dichter“ vom 27.06.2017 bis 03.07.2017. Jedes Jahr laedt das Kuenstlerhaus Edenkoben der Stiftung Rheiland-Pfalz fuer Kultur auslaendische und deutschsprachige Lyrikerinnen und Lyriker zu gemeinsamer Uebersetzungsarbeit ein. Im Jahr 2017 waren die Lyriker Lina Atfah, Aref Hamza, Raed Wahesh, Rash Omran, Mohammad Al-Matroud und Lina Tibi aus Syrien sowie Dorothea Gruenzweig, Brigitte Oleschinski, Christoph Peters, Joachim Sartorius, Julia Trompeter und Jan Wagner aus Deutschland zu Gast.

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Einstweilen am Leben zu bleiben.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Wir sind gefangen in der schrecklichen Paradoxie eines erträglichen Lebens. Als ginge es uns allen gut. Aber es geht uns gut.

Gleichsam als höhnische Bestätigung sehen wir den kalten Ego-Quatsch der Impfgegner und Covid-Leugner. Das sind seltsame Irrläufer, deren Demos wirken wie die infantile Karikatur früherer Sponti-Auftritte.

Dabei herrscht eine Vielheit an Verzweiflungen, Auflehnungen, Katastrophen. Zu sagen, es ginge uns gut, wäre eine krasse Lüge. Die Pandemie zwingt uns in die Privatheit, aber die Welt scheint durchzudrehen.

Mit der Poesie lernen wir sprechen, täglich neu. Mit der Kunst erkennen wir die Welt. Vielleicht können wir in der weltweiten Gemeinsamkeit der Literatur und der Musik uns mit dem Aufbruch anfreunden, der uns droht. Es ist ein Aufbruch, der uns aufgezwungen wurde, wir selber hätten ihn nicht erfunden. Es ist ein Aufbruch, den wir Leben nennen.

Was liest Du derzeit?

Norbert Lange, Unter Orangen. Gedichte. Wunderhorn, Heidelberg 2021.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Du willst Dichter sein? Dann beginne damit, daß du die Pferde mit Würfelzucker fütterst.

Charles Olson

Hans Thill, Schriftsteller

Vielen Dank für das Interview lieber Hans, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Hans Thill, Schriftsteller

Fotos_ 1 Jürgen Bauer; 2 Julia Grinberg.

7.9.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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