„gesellschaftlich eine neue sachlichkeit fordern“ Klammerzu Klammerauf, Schriftsteller_Unterach/A 30.9.2021

Lieber Klammerzu Klammerauf, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?   

die coronapandemie hat meinen tagesablauf nicht im geringsten beeinflusst: ich wandere wie gewohnt nach dem ersten kaffee hinter’m haus (in unterach am attersee) hoch den berg und drehe eine große runde zum egelsee. an der frischen luft kommen mir die besten ideen, was heute die suche nach einem visuellen ersatzportrait für dein interview beinhaltete, da ich öffentlich anonym auftrete (siehe erläuterung im nahbell-interview auf poesiepreis.de bzw visuellepoesie.at). suchen ist dabei für mich eine art meditativer gebetshaltung: ich beschäftige mich beim wandern nicht aktiv mit dem problem, sondern lasse es im hintergrund von alleine arbeiten. darauf habe ich dank guter erfahrungswerte gelernt zu vertrauen, es war schon meine „geheime“ taktik in früheren marketingjobs als grafiker: gegenüber chefs und kollegen unglaublich ernst und beschäftigt zu wirken, aber in wahrheit innerlich leer und tiefenentspannt zu sein, um sich von automatischen eingebungen inspirieren zu lassen…

wenn ich am frühen nachmittag heimkomme, wird der computer hochgefahren, während das essen kocht (meine frau ist eine leidenschaftliche gourmetköchin, sie überrascht mich tagtäglich als ihren vorkoster neuer kreationen), und die tüftelei an den neuen ideen beginnt. in unserem falle hier hatten sich während der wanderung wortpaare wie SELBSTPORTRAITIERUNG/STORNIERUNG, SELBSTBEBILDERUNG/TILGUNG und GESICHTSERKENNUNG/ICHNENNUNG im bewusstsein hervorgetan, aber mehr wie ein assoziationsrätsel denn echte lösung. die ergebnisfindung kann durchaus bis zum schlafengehen andauern (wie jetzt das gewünschte „foto“ hier für dich: mit identitätskern als überbelichteter lücke) oder sich auch erst am nächsten morgen beim aufwachen herausschälen und lässt die anfänglichen wortspiele oftmals nicht mehr erahnen. am abend treffe ich meist freunde, wir sitzen im seegarten und plaudern über unser früheres arbeitsleben, die peinlichen anekdoten aus der hysterischen designwelt voller prominenter profilneurotiker gehen uns ebenso wenig aus wie der gute hiesige wein.

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

die frage fällt mir schwer. was ist überhaupt wichtig, was gibt es an erkenntniszuwachs? die schockierenden oder romantischen geschichten der steinalten und die idealistischen sehnsüchte der jungen generation, das sind die beiden wichtigsten pole, zwischen denen ich als mensch mittleren alters pendel. das wichtigste daran ist wohl, unsere ehrlichen gefühle zu akzeptieren, nicht gleich zu verlachen, was wir selber im grunde nur verdrängen wollen, sondern den mut aufzubringen, uns zuzuhören und uns zu zeigen, was uns bewegt und berührt. psychologisches und moralisches taktgefühl kann verhindern, wut anzustauen, die dann irgendwann destruktiv und asozial ausbricht.

ja, das ist es: SACHZWÄNGE! das wichtigste ist jetzt, nicht mehr an sachzwänge zu glauben, sondern die sachliche realität zu sehen: klima und krankheiten kennen keine sachzwänge, sie brennen mit furchterregender urgewalt irreparable schneisen in die gemeinschaft und die landschaft! ich würde gesellschaftlich eine neue sachlichkeit fordern, eine „innovative sachlichkeit“, um eine dystopische zukunft zu verhindern, in der unsere enkel unnötig leiden anstatt auch so glücklich zu leben wie wir es einige jahrzehnte seit dem ende des letztens weltkrieges noch konnten!

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

die rolle von literatur und kunst ist für mich ein januskopf: einerseits als dionysisches prinzip anarchistisch/hedonistisch frei zu bleiben von jeglicher ideologie, andererseits sich für soziale belange zu engagieren (als apollinische kraft). das war schon immer beinahe paradox an jeder form von kreativität – kunst, die hilft, weniger angst vor dem offenen an sich zu empfinden, mehr urvertrauen und die schönheit der begegnung, der anteilnahme und hilfsbereitschaft. am ende liegt nämlich jeder auf seinem sterbebett und heult seine eigene dummheit ins kissen, mit der man sich durchs leben mogelte. lieber schon vorher ein bisschen offener werden für das jetzt an sich, das immerwährende, mehrdimensionale „jetzt“, denn nirgends sonst lauert der anspruch des lebens an das geschöpf, selber schöpferisch zu werden.

Was liest Du derzeit?

ach, ich arbeite mich allmählich durch die aktuelle ausgabe 104/105 des grazer magazins „perspektive“ und warte auf den beitrag, der mein herz jubilieren lässt. die zeitgenössische avantgarde ist mir tatsächlich zu epigonal dionysisch, selten wird da etwas fokussiert ausgedrückt, das mir persönlich weiterhilft oder existenziell gut tut. gleichzeitig sind aber die meisten beiträge, was die p104|105 betrifft, auch überraschend verspielt, witzig, überbordend nervös, zynisch und wie gewohnt herrlich betriebsbashend und im jargon zeitgemäß, das macht ungeheuer freude beim lesen! desweiteren sauge ich nebenbei das neue werk „post corona“ von scott galloway auf, das aus der pandemiebuchblase (die natürlich erst platzt, wenn alle bestseller verkauft sind) positiv hervorsticht, was ich vom bald erscheinenden buch „open“ von johan norberg ebenfalls erhoffe.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

oh, das wäre eine stelle aus meinem lieblingstext von bodo hell: „nicht in allen Weltgegenden benützt man Gabel und Messer, doch überall essen die Leute, so auch wir, mit dem Mund“ (auf seite 94 im buch „schöpfungszeiten – wie was zustande kommt“, 2000)

Vielen Dank für das Interview lieber Klammerzu Klammerauf, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Klammerzu Klammerauf_Schriftsteller

Foto_privat.

3.8.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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