„Undine repräsentiert die unerschütterlich Wahrheitsbringende“ Marcela Selinger, Sängerin_Wien_Undine geht_1.10.2021

Marcela Selinger_Sängerin_Wien

Liebe Marcela, wie liest Du den Text „Undine geht“ von Ingeborg Bachmann? Welche Grundaussagen gibt es da für Dich?

Undine repräsentiert die unerschütterlich Wahrheitsbringende. Sie konfrontiert die Schattenseiten und spendet hier sozusagen einen schonungslosen Ort zum Ausruhen.

– denn in der Wahrhaftigkeit- egal wie unschön sie sein mag- macht es keinen Sinn mehr zu vermeiden und es entsteht auf abstruse Art ein Ort der Geborgenheit.

Das Wasser repräsentiert für mich die Tiefe der Gefühle, das Unkontrollierbare, anziehend, wunderschön und doch so abschreckend.

Die Erzählung beschreibt den Konflikt der Sehnsucht nach einerseits dem „sicheren“ Leben, das man unter Kontrolle hat, dem jedoch immer etwas fehlt, und zum anderen nach der Tiefe des Unergründlichen, Wahrheitsbringenden, das furchteinflößend sein kann, konfrontativ, abrechnend mit all den Seiten an sich selbst, die verwerflich sein mögen, die man verdrängt, weil man sie selbst abwertet – JEDOCH- dem Erkennen, dem tiefen Bedürfnis nach Weiterentwicklung und Ganzwerdung dienlich sind.

„Undine geht“ wurde vor 60 Jahren veröffentlicht. Was hat sich seit damals im Rollenbild von Frau und Mann verändert und was sollte sich noch ändern?

Gemäß der Zeit in der Bachmann lebte rechnet sie vor allem mit den Männern ab, die sich ein Doppelleben erschaffen, um sich Erleichterung des Drucks des Alltags und der Rollenerfüllung zu verschaffen, für die sie die Frauen benutzen, um in gutem Licht dazustehen; aber auch mit den Frauen, welche sie scheinbar eher als Opfer sieht, aber auch durchscheint, dass dieses Spiel sehr wohl wechselseitig ist („Ihr kauft und ihr lasst euch kaufen“). Dennoch erscheint diese Kraft für Bachmann  wohl generell den Frauen innewohnend als „natürlich“, während es für den Mann eine externalisierte Kraft darstellt, zu der er sich hingezogen fühlt und sie integrieren will, jedoch in Konflikt gerät mit der Scheinsicherheit der Gesellschaft.

Ich denke, dass im Laufe der Zeit sowohl Männer als auch Frauen das Bedürfnis haben, tatsächlich in Begegnung zu gehen und sich von diesen Rollenbildern zu lösen -gesellschaftlich betrachtet sind diese leider immer noch sehr präsent, letztendlich ist die Mutter oftmals die Hauptverantwortliche für den Haushalt und die Kinder und der Vater dafür, das Geld heranzubringen, ganz zu schweigen von Alleinerzieher/-innen, denen oftmals plötzlich alle Rollen gleichzeitig zufallen.

Allerdings ist zu beobachten, dass innerhalb der Familien Lösungen gesucht werden, dass sich jeder verwirklichen kann und sich jeder um Kinder und Haushalt kümmert. Auch setzt man sich mehr mit der Partnerbeziehung auseinander, auch wenn es oftmals wenig Raum dafür gibt und es oftmals auch zu Trennungen führt, wenn manche Wahrheiten schwer zu überwinden sind.

Für mich ist aber auch auffällig, wie wenig Menschen heutzutage willig sind, sich zu „binden“, es ist oftmals eher das Streben nach dem „noch Besseren“. Ich persönlich finde das recht schade, da sich meines Empfindens nach die Tiefen hier gar nicht wirklich offenbaren können- schließlich benötigt es dazu das emotionale Einlassen- die Hingabe an die- eventuell unkontrollierbare- Erfahrung in den Tiefen verborgenen Schmerzes.

Der Monolog geht mit der patriarchalen Gesellschaftswelt schonungslos ins Gericht. Wie siehst Du die Situation patriarchaler Macht heute, in Leben und Gesellschaft?

Patriarchale Macht ist nach vor stark präsent in unseren gesellschaftspolitischen Strukturen. Die Sozialwissenschaften beschäftigen sich mit dem Thema nach wie vor. In kritischen Lebenssituationen  brechen tiefenpsychisch geschlechtsdifferente Bewältigungsmuster wieder auf. Männer fallen da eher in die Erwerbsarbeitsrolle durch den ökonomischen Externalisierungsdruck, ob wohl sie sich nach Selbstverwirklichung in gefühlvollen, emphatischen und nicht konkurrierenden Beziehungen sehnen.

Der Frau wiederum wird eher das beziehungsorientierte Prinzip zugeschrieben, die Innenorientierung, die allerdings in der Außenwelt als weniger wert im Vergleich zur Außenorientierung der Jungen und Männer empfunden wird. Zwar wird die Gleichstellung der Geschlechter öffentlich propagiert, im privaten Bereich wird dies oftmals nach wie vor altmodisch gehandhabt. Dadurch werden diese Konflikte demnach auch immer weniger öffentlich thematisiert, wodurch diese Strukturen unterschwellig weiterwirken.

Der Text drückt auch viel Trauer über das Scheitern der Poesie der Liebe und des gesellschaftlichen Lebens aus? Ist eine Poesie darin möglich – zwischen Frau und Mann, Mensch und Natur?

Das Scheitern gehört zum Leben dazu, hat mir ein alter Freund einmal gesagt. Es diene der Weiterentwicklung. Womöglich ist es das was die Geschichte der Undine ausdrückt- die Berührung mit dem Scheitern, dem Aufbrechen zur Ganzwerdung seiner Selbst.

Vielleicht bieten die Menschen , die uns am tiefsten treffen, eine hervorragende Projektionsfläche, um letztendlich zu erkennen, dass man all das in sich trägt.: Das Undurchsichtige, das Schambehaftete, das Unerträgliche, das Dunkle und Leidvolle. Möglicherweise liegt hier das Scheitern verborgen- im „Nicht- aushalten-können“ seiner selbst.

Ich persönlich möchte glauben, dass dieses Scheitern durch wahrhaftige Hingabe überwindbar ist, sowohl gesellschaftlich als auch in der Liebe zu seinem Partner, der Familie usw. Für mich erfordert es Hingabe an das was uns innewohnt- im Schönen wie im Schrecklichen- um uns letzten Endes verbinden zu können, tief in unserem Menschsein, wo wir alle gleich sind.

Ich denke aufrichtige Hingabe an das Leben erfordert viel Arbeit an uns selbst und eine klare Auseinandersetzung mit Ab-und Bewertungen, Kategorisierung, Scham, Illusionen usw. und wenn wir Glück haben entfalten wir Gelassenheit und pure Neugier dem Leben, dem Menschen, der Natur gegenüber.

Was kannst Du als Frau und Künstlerin von „Undine geht“ in das Heute mitnehmen?

Als Frau und Künstlerin kann ich mir unheimlich viel mitnehmen von „Undine geht“.

Für mich repräsentiert Undine nicht unbedingt eine Frau, sondern mehr die weibliche Kraft. Den Dschungel, das Undurchsichtige, die undurchschaubaren Tiefen des Unbewussten. Sich mit dieser Kraft zu verbinden lässt uns stärker werden. Ich ordne diese Attribute dem Weiblichen zu- in meinem Verständnis ist es das Ziel eines jeden Menschen die innewohnende weibliche sowie männliche Kraft in eine Balance zu bringen.

Ich denke Undine beschreibt das Ungleichgewicht in der Gesellschaft, die eher männlich geprägt ist und konfrontiert, provoziert die Herstellung der Balance durch ihr schonungsloses Erscheinen. Ich denke es ist unser aller Aufgabe diese Balance herzustellen, nicht wegzusehen, auch wenn es so verlockend ist, um einen offenen Dialog und tatsächliche zwischenmenschliche Begegnung herstellen zu können. Es ist unser aller Aufgabe diese Arbeit zu tun- für uns selbst und unsere Kinder.

Durch die Kunst ist die Thematik der Balance der weiblichen und männlichen  Kraft natürlich schön auszudrücken- es ist der ewige Tanz, der uns verbindet, uns antreibt und Verbindung schafft- in Scheitern und in Liebe.

Was bedeutet Dir Natur?

Die Natur umschreibt für mich alles Erschaffene- sie kann auch destruktiv sein. Da ich den Menschen als Bestandteil der Natur betrachte ist die Frage, was genau gemeint ist – die „grüne“, konstruktive Natur ist für mich ein wesentlicher Bestandteil meines Alltags. Ich gehe regelmäßig in den Wald, ans Wasser oder auf den Berg- die Ruhe, der Frieden, das Pure, nicht Ablenkende- gibt soviel Kraft.

Wie kann der moderne Mensch Poesie/Harmonie in Liebe und Welt/Umwelt leben?

Ich denke, wenn der Mensch aufhört einer Idee von sich selbst nachzujagen und sich auf das Abenteuer der Gegenwärtigkeit einlässt und bereit ist in Verbindung zu treten – in angenehmen wie unangenehmen Gefühlen- dann kann definitiv mehr Harmonie auf dieser Welt entstehen.

Was hat sich in Liebe, Beziehung und Gesellschaft seit 1961 verändert?

Nun was hat sich geändert seit 1961 in Liebe, Beziehung und Gesellschaft?

Eine große Frage- am ehesten gesellschaftlich erkennbare Bewegungen hinsichtlich der Frauen- bzw Gleichstellungsrechte- zumindest vordergründig- auch was zB Homosexualität angeht. Es ist auch abhängig in welcher Kultur man sich befindet.

Hierzulande jedenfalls wurde schon mehr Offenheit hinsichtlich festgefahrener Rollen entwickelt und auch diversere Bewegung- ebenso gewinnen psychosoziale Ansätze an Bedeutung.

Das Gefühl der Liebe ist wohl zeitlos. Der Umgang mit der Liebe und Beziehungen wird auf jeden Fall offener behandelt und diverse Sichtweisen gewinnen an Raum, Aufmerksamkeit und Wichtigkeit, da auf mehrere Ebenen Rücksicht genommen wird – nicht mehr nur die effektive, pragmatische Überlebensebene.

Was braucht Liebe immer, um zu wachsen, blühen?

Für mich braucht Liebe immer Aufmerksamkeit und Gegenwärtigkeit, um blühen zu können – Raum um sich entfalten zu können.

Was lässt Liebe untergehen?

Das Gefühl der Liebe stirbt, wenn es keinen Raum mehr gibt, um sich zu „ent-falten“ im wahrsten Sinne des Wortes. Wenn kein Bezug zueinander stattfindet, kein „Aufeinanderzugehen“, kein „MIT-einander“. Das muss sich nicht auf einen anderen Menschen beziehen- für mich umfasst es alles auf was man sich beziehen kann, sozusagen in Interdependenz steht und diese lebt, die Arbeit macht.

Wie war Dein Weg zur Musik?

Musik war immer ein Teil von mir. Es fällt mir schwer, mich mit der Idee des Musikerdaseins zu identifizieren. Diese irritiert mich sogar. Musik beschreibt für mich irgendwie alles. Melodie liegt irgendwie in allem, für mich. Mit Musik kann man alles ausdrücken- sogar im Schweigen liegt Musik. Ich habe schon als Kind viel Ruhe gefunden und Innehalten können durch singen. Darüber habe ich nicht nachgedacht. Damit kam das Interesse für jegliche Art von Musik und das womit sie gemacht werden kann ganz natürlich.

Welche Berührungspunkte mit/Impulse von Literatur gibt es in Deinen künstlerischen Projekten?

Die Berührungspunkte zwischen Literatur und musikalischer Umsetzung finde ich irrsinnig faszinierend und stimmig, da es zwei vermeintlich unterschiedliche Werkzeuge beschreibt, die aber im selben Fluss der Begegnung münden.

Was bedeutet Dir das Element Wasser?

Wasser repräsentiert für mich Gefühl, Bewegung, Tiefe, Hingabe, Eintauchen

Schwimmst Du gerne, wo/wie hast Du schwimmen gelernt?

Ich bin gerne im und am Wasser, aber keine gute Schwimmerin. Schwimmen hab ich als Kind gelernt, wie die meisten vermutlich, in einem Kurs und in der Schule.

Was sind Lieblingsorte von Dir in Wien?

Lieblingsorte in Wien habe ich viele. Ich mag Orte im Wienerwald, wo Flüsse sind. Davon gibt es einige. Ich mag auch gern die Sophienalpe, wenn keine Leute da sind, und natürlich auch die Donauauen.

Wie lebst Du den Kreislauf der Jahreszeiten?

Den Kreislauf der Jahreszeiten lebe ich wie er kommt. Wir haben hierzulande ja ziemlich klare Jahreszeiten. Ich versuche generell viel draußen zu sein, egal bei welchem Wetter . Die kalte Jahreszeit nutze ich auch für Rückzug.

Welches Zitat aus „Undine geht“ möchtest Du uns mitgeben?

„Wohl euch! Ihr werdet viel geliebt, und es wird euch viel verziehen. Doch vergesst nicht, dass ihr mich gerufen habt in die Welt, dass euch geträumt hat von mir, der anderen, dem anderen, von eurem Geist und nicht von eurer Gestalt, der Unbekannten, die auf euren Hochzeiten den Klageruf anstimmt, auf nassen Füßen kommt und von deren Kuss ihr zu sterben fürchtet, so wie ihr zu sterben wünscht und nie mehr sterbt: ordnungslos, hingerissen und von höchster Vernunft.“

Darf ich Dich zum Abschluss zu einem Achrostikon zu „Undine“ bitten?

Unter Wasser ist mein Heim

Nahtlos beinahe und doch so fern

Denkst du mich in dir

Ich höre dich

Noch hab Geduld, doch sei dir gewiss:

Es wird schmerzhaft schön, denn es kann nicht anders sein.

Liebe Marcela, herzlichen Dank für Deine Teilnahme am szenischen Foto-Interview Projekt „Undine geht“!

Marcela Selinger_Sängerin_Wien

60 Jahre_Undine geht _Erzählung _ Ingeborg Bachmann _ im Gespräch und szenischem Fotoporträt:

Marcela Selinger, Sängerin_Wien

http://www.marcy.at/

Station bei Ingeborg Bachmann_Wien.

Interview und alle Fotos_Walter Pobaschnig _Wien_9_2021.

https://literaturoutdoors.com

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