„Ich bin dem Schreiben lustvoll ausgeliefert“ Valerie Springer, Schriftstellerin_Neulengbach/NÖ 7.10.2021

Liebe Valerie, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich stehe recht früh auf und setze mich mit ausreichendem Kaffeevorrat an meinen Schreibtisch. Ich schreibe in mein Tagebuch, das ich mit einer geradezu manischen Regelmäßigkeit führe, und sinniere dann beim Blick aus dem Fenster in die unsagbar schöne Natur über das, was wichtig sein könnte.

Ja, und dann, nach der Besinnlichkeit, beginne ich zu arbeiten. Wobei: Ich mag das Wort Arbeit nicht so sehr, denn Arbeit bedeutet für mich, etwas tun zu müssen, das ich eigentlich nicht tun will. Meine Arbeit – nennen wir es nun einmal so – ist für mich nicht hinterfragbar, nicht aufschiebbar. Ich bin dem Schreiben lustvoll ausgeliefert.

Valerie Springer, Schriftstellerin

Maler malen, Filmer filmen, ich schreibe. Als Schriftstellerin stelle ich mich der Schrift. Dem schriftlich Festzuhaltenden. Das Virtuelle in meinem Denken wird in Worte gefasst, wird auf Papier physisch.

Zwischendurch Yoga, Essen kochen und genießen, mit Aquarell und Tusche arbeiten, kontemplative Spaziergänge, abends fernsehen oder Freunde auf ein Glaserl treffen … und viel, wirklich viel lesen.

Ich denke an die Frauen, die homeoffice, Kinderbetreuung, Haushalt, Kurzarbeit – und einen Mann, der ebenfalls zuhause im homeoffice arbeitet – zu bewältigen haben. Und da weiß ich natürlich, dass ich ein durchaus komfortables Leben führe.

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Klarheit, Offenheit, Respekt und Toleranz im Miteinander. Das betrifft nicht nur den privaten Bereich jedes einzelnen, sondern vor allem den öffentlichen Diskurs.

Dogmen, Parolen und Phrasen hinterfragen.

Nicht nur jetzt, sondern ganz allgemein und immer ist geistige Ruhe wichtig. Die ermöglicht Betrachten, Analysieren … Widerrufen … neuerliches Betrachten …

Schlicht gesagt: Sich nicht aus der Ruhe bringen zu lassen, das finde ich entscheidend. Und diese Ruhe bewusst zu suchen, wenn man sich im Medien-, im häuslichen oder im beruflichen Tumult verwirrt und verirrt fühlt.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Ein Aufbruch und Neubeginn ist angesichts dessen, wohin Kapitalismus, Konzern-Imperialismus und Fortschritts-Profit-Politik uns geführt haben, zwingend notwendig. Ob wir jetzt an diesem Punkt stehen, wo sich etwas ändern wird? Wenn ja, dann antworte ich mit einem Zitat von Michael Stavarič: „Du gibst eine Welt auf, weißt aber nicht, ob es für eine neue langt … und schon gar nicht, ob du darin Halt findest.“ (aus „Brenntage“)

Kunst ist für mich neben der Darstellung des Vordergründigen vor allem die des Hintergründigen. Interpretation dessen, was wir als Wirklichkeit wahrnehmen. Inspiration, wie man diese Wirklichkeit auch sehen könnte. Insofern stellt Kunst den Kontrapunkt zum Banalen dar. Sie offenbart Mehrdeutigkeit und Komplexität.

Will ein Künstler eine „message“ vermitteln? Wohl kaum, er ist schaffend, weil er nicht anders kann, absichtslos hält er fest, was kommt und wieder gehen würde, wenn man es nicht dingfest macht.

Kunst nimmt bei einer neuen Definition unserer Werte eine subtile Rolle ein. Sie kann im Leser oder Betrachter etwas berühren, was ohne sie nicht möglich ist. Sie hat einen feinsinnigen Einfluss. Und mag es für einige ein Tropfen auf den heißen Stein sein, so ist es für mich der stete Tropfen, der den Stein irgendwann höhlt.

Was liest Du derzeit?

Ich lese Schundromane, Thriller, Zeitungen, die sogenannte Weltliteratur. Ich lese, als Lesesüchtige, auch Postings in social media, Gebrauchsanleitungen, Texte auf Verpackungen, Flugblätter, Reklameschriften, Werbung, Pamphlete.

Und derzeit lese ich:

Annie Ernaux, „Die Jahre“

Sasha Filipenko, „Rote Kreuze“

Roger Willemsen, „Wer wir waren“

Derrick Jensen, „Deep Green Resistance“

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Wer sich zwischen die Stühle setzt, landet im Unbequemen. Wo’s am unbequemsten ist, da hat die Kunst ihren Platz. Kunst bewahrt den Menschen nicht vor dem Chaos, sondern vor der Ordnung.“

Arno Geiger (Dankesrede Verleihung Joseph-Breitbach-Preis 2018)

Valerie Springer, Schriftstellerin

Vielen Dank für das Interview liebe Valerie, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Valerie Springer, Schriftstellerin

www.valerie-springer.at

Fotos_Rudi Teix

12.9.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Ich möchte mich selbst immer wieder überraschen können“ Susanna Klein_Künstlerin_Station im Atelier_Wien 7.10.2021

Susanna Klein_Künstlerin_Wien

Liebe Susanna, welche Bedeutung hat die Natur in Deiner Kunst?

Die Natur ist meine Hauptinspiration. Meine aktuellen Arbeiten beschäftigen sich mit Vergänglichkeit und dem Festhalten von Zeit, und Erinnerungen. 

Die künstlerische Technik ist dabei die Cyanotypie (Fotodrucktechnik, Anm.), mit der ich schon in meinem Diplom viel gearbeitet habe.

(Beim Diplomprojekt dienten die Fundstücke aus der Kiste meines Großvaters der Fotograf war, als Vorlage wie beispielsweise Fotos, die er von meiner Großmutter gemacht hatte.)

Aktuelle Materialien sind jetzt angeschwemmte tote Pflanzen, Hinterlassenschaften der Natur, die ich an der Donau gefunden habe.

Aufgrund der Überschwemmung im Sommer an der Donau wurde sehr viel an die Ufer geschwemmt. Tote Tiere, Pflanzen, Kleidungsstücke, Müll. Ich habe dann mit Cyanotopie experimentiert. Die toten Pflanzen waren am Besten für meinen künstlerischen Prozess geeignet. Pflanzen haben etwas sehr Poetisches.

Die Arbeiten sind direkt an der Donau in Wien und in Stopfenreuth (Nationalpark Donau-Auen) entstanden.

Welche Bedeutung hat Wasser für Dich?

Wir leben seit 2020 im zwanzigsten Bezirk in Wien, in unmittelbarer Nähe der Donau. Das man hier in der Großstadt leben kann und die Donau hat, ist einfach wunderbar. Am Wasser findet man Ruhe.

Ich bemerke jetzt auch in meinen Arbeiten, dass es immer mehr um das Zusammenspiel, die Zusammenhänge von Mensch und Natur geht. Es sind nicht mehr spezielle Themen sondern es geht jetzt um alles, den Gesamtblick von Natur, Welt. Wasser vereinigt das für mich und drückt es sehr gut aus.

Ich habe immer nach einer Möglichkeit gesucht nicht nur im Studio sondern auch draußen zu arbeiten, mit der Natur. Da arbeitet die Natur quasi mit mir zusammen. Wir arbeiten zusammen (lacht).

Wie ist Dein Arbeitsprozess aufgebaut?

Ich sehe, lese oder finde Dinge, nehme diese mit und setze es dann um. Ich produziere dann sehr viel. Dann gibt es eine Auswahl.

Wie ist Deine künstlerische Arbeit im Laufe der Jahreszeiten?

Im Sommer konnte ich viel draußen arbeiten. Über den Herbst und Winter arbeite ich das im Sommer entstandene auf. Ich finde es gut mit den Jahreszeiten zu arbeiten.

Der Arbeitsrhythmus mit der Natur hat etwas Entspannendes.

Ich stelle meist alle Farben selbst her und kaufe wenig dazu. Alles was man selbermacht, dauert länger aber ist meistens auch irgendwie besser (lacht). Das ist wie beim Kochen.

Wie siehst Du die Verbindung von Kunst und Leben?

Erst seit kurzem lebe ich die unmittelbare Verbindung von Lebensraum, Wohnung und Atelier, momentan genieße ich es. Nütze die Wegzeiten für meine Arbeit. Vermutlich werde ich aber wieder ein Atelier brauchen, weil ich relativ große Bilder mache. Für die nächsten zwei, drei Monate passt es aber sehr gut hier.

Ich arbeite meistens vormittags, kommt auch darauf an wie lange ich mit dem Hund spazieren gehe. Dann nach Mittag bis abends. Es gibt auch Zeit am Computer, um Projekte/Termine zu bearbeiten. Ich habe da einen Kalender, den ich dann abarbeite. Ich mache dies dann meist tageweise. Dann ist der Wochenschwerpunkt etwa Bewerbungen oder Steuer und Ähnliches .

Wie wichtig sind Ortsveränderungen und Bewegung für Deine Kunst?

Ich überlege derzeit ob ich mich für Auslandsstipendien bewerbe. Reisen, der Blick von außen, eine andere Urbanität, der Blick von Kulturen, das ist ganz wichtig für die künstlerische Arbeit.

Ein Ort macht sehr viel in der Kunst. Ob in der Stadt oder der Natur.

Was bedeutet Dir Wien?

Wien ist meine Wahlheimat. Sehr lebenswert, als Großstadt mit Anschluss an die Natur.

Wie war Dein Weg zur Kunst?

Ich konnte immer gut zeichnen, wusste aber zunächst nicht, was ich damit tun soll. Ich habe dann eine Ausbildung in Kommunikations- und Modedesign gemacht und auch in dieser Branche gearbeitet. Dann habe ich aber umgesattelt und Kunst studiert.

Mit welchen Kunsttechniken arbeitest Du?

Ich versuche in meiner Kunst so wenig neues Material wie möglich zu nehmen und wenn dann nachhaltig. Ich verwende dabei auch gebrauchte Leinwände, färbe und nähe diese neu zusammen. So produziere ich wenig Müll (lacht). Wie kann man Sachen wiederverwerten, herstellen, produzieren, das interessiert mich. Mir wird da nicht langweilig (lacht).

Kunst gibt auch Ruhe. Wenn man Kunst macht, ist man immer ruhig.

Ich bin sehr an verschiedenen Kunsttechniken interessiert und experimentiere mit diesen. Im Studium habe ich für Siebdruck begeistert. Eine Siebdruckwerkstatt wäre aber zu kostspielig gewesen. Und ich habe dann gelesen und mich informiert über weitere Techniken und bin dann auf die Cyanotopie, eine alte Fototechnik, gestoßen und dachte, ich probiere das mal aus. Es dauert aber natürlich eine zeitlang, bis dies möglich ist. Dieser Prozess begeistert mich aber, wenn ich nicht weiß, was passieren wird, du wirst immer überrascht, was da herauskommt. Es ist nicht absehbar – es ist ja nie irgendwas absehbar. Das finde ich sehr wichtig in der Arbeit. Ich möchte mich selbst immer wieder überraschen können und auch die Betrachtenden.

In meinen verschiedenen Zugängen öffnet sich auch wieder ein neuer Blick. Es gibt ja meist einen kritischen Blick auf die gerade vollendete Arbeit und man will etwas verändern. Zeit, ein Abstand tut da gut.

Neue Sachen auszuprobieren sind für mich ein künstlerischer Motor. Ich lese, sehe viel, sehe mir auch alte Techniken an. Ich arbeite derzeit etwa mit Wachs, da gibt es auch verschiedene Herausforderungen. Aber solche Experimente finde ich gut, so was mache ich gerne (lacht).

Unseren Zimmertisch habe ich etwa aus einem Bett gebaut, das ich davor hatte. Da habe ich mit Leim und Holz experimentiert. Ich will Sachen, die ich mal hatte, nicht wegtun sondern lieber etwas daraus machen.

Wir haben auch ein Jahr in einem Bus gelebt und ich habe dann angefangen in dem Bus zu arbeiten, was natürlich wahnsinnig eng war.

Das interessiert mich nach wie vor, wie kann man auf kleinstem Raum arbeiten und wohnen, wie es etwa in Japan ein Thema ist. Wir würden das auch gerne wieder machen, in einem Bus leben, wenn Reisen vielleicht wieder einfacher wird.

Wie war das künstlerische Arbeiten im Bus, im Unterwegssein?

Direkt nach dem Kunstdiplomabschluss sind wir mit dem Bus gereist. Da habe ich hauptsächlich Zeichnungen gemacht und gemerkt, wie ich mein Atelier vermisse. Das war total verrückt, weil ich mich ja so auf diese Reise gefreut habe. Jetzt wüsste ich natürlich, wie ich auch im Bus arbeiten könnte und dann vielleicht auch Station zu machen und uns einzumieten für ein temporäres Atelier. Im Bus kann ich nicht malen aber Sachen vorbereiten.

Darf ich Dich bitten, Werke vorzustellen?

Susanna Klein _ „Überbleibsel – Überschwemmung“ 2020

Das ist eine Arbeit aus 2019/20. Diese ist inspiriert von den Arbeiten meines Großvaters, der Fotograf war, und da auch Fehlversuche in der Fotoentwicklung hatte, die ich aber am spannendsten fand. Das ist jetzt quasi ein Stück davon, ein Cyanotopie Abdruck malerisch mit Weiß bearbeitet.

Dieses Werk heißt „Überbleibsel – Überschwemmung“ und ist meine erste große Arbeit mit Cyanotopie und diese ist in der Stopfenreuther Au entstanden. Da sind tote Pflanzen, Schlamm, Bäume. Der Blauton kommt nach einer gewissen Zeit dieser Technik.

Das persönliche Sehen der Betrachtenden dabei ist mir wichtig.

Könntest Du bitte den Arbeitsprozess zu Deinen Werken mit der Cyanotopie Technik skizzieren?

Ich bin da meistens sehr früh an der Donau unterwegs. Ich mag Menschen, aber es ist wichtig, dass ich da alleine bin (lacht). Es war dann im Sommer und auch jetzt sehr viel von den Überschwemmungsfolgen sichtbar und etwa auch an der Farbe der Bäume erkennbar. Da waren dann auch ganz viele tote Pflanzen und die mir am interessantesten erschienen, die habe ich dann mit mir zu einem Punkt gezogen, der relativ flach war. Dann habe ich die große Leinwand ausgelegt, gab Emulsion darauf und platzierte die Pflanzen darauf. Das ist in der Komposition zu bedenken. Dann gebe ich die Pflanzen weg und renne damit zur Donau, unterdessen kommt nochmal Licht darauf, deswegen ist auch das Wasser am Bild sichtbar.

Bei diesem Bild hier sind es angeschwemmte Holzstücke der Donau. Die waren ganz schön schwer (lacht). Es sind Holzstücke, große Steine und Seegras am Bild. Es wirkt sehr abstrakt und jeder kann darin etwas sehen. Ich sehe natürlich die hingelegten Naturmaterialien sehr stark, das ist spannend.

Da es sehr schwer war, sind auch die Spritzeffekte des Wassers zu sehen. Die Leinwand ist aus Baumwolle.

Dieses Werk hier ist aus recycelten Materialien. Ich habe es mit Kaffee und Braunton gefärbt.

Wie gehst Du bei der Titelgebung vor?

Ich habe da zunächst Zahlen ausgewählt, die mit Größen des Werks verbunden sind, also abstrakt betitelt. Jetzt bin ich dazu übergegangen, einen Titel in deutscher Sprache zu wählen.

Susanna Klein_Künstlerin_Wien

Vielen Dank für das Interview liebe Susanna, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

Station im Atelier_bei:

Susanna Klein_Künstlerin_Wien

https://www.susanna-klein.com/

Alle Fotos_Walter Pobaschnig

1.10.2021_Interview_im Atelier_Walter Pobaschnig.

Walter Pobaschnig 10_21

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„Mama“ Jessica Lind. Roman. Kremayr&Scheriau Verlag.

Tiefster Wald und ihr Auto mitten darin. Wie die Augen im Kopf, in dem so viele Rätsel und Abgründe lauern. Zum Sprung bereit.

Wie dieses Reh jetzt auf der Straße. Wo kam es her? Amira tritt die Bremse durch mit den Fingernägeln von Josef in der Haut. Das Reh blinzelt wie Josef aufgeregt ist. Nur der Wald ist ruhig und dunkel. Und da geht es jetzt hinein…

Zur Hütte im Wald. Zu den Sommern der Kindheit von Josef. Jetzt kommt er zurück. Mit all den Bildern im Kopf und Amira. Und es geht um Leben. Um ihres und das werdende. Ihre Zukunft und Leben, das sie schenken wollen. Sie sind bereit. Hier in der Einsamkeit. Die nun zu sprechen beginnt. In Begegnungen, Blicken, Erfahrungen, Erinnerungen…in ihnen…

Wer sind wir? Wer waren wir? Wer werden wir sein?…. Ein Reigen aus Geheimnis und Überraschung beginnt…Im Wald? Im Kopf? Oder wo?….

Jessica Lind, österreichische Schriftstellerin, Dramaturgin und Drehbuchautorin, legt mit „Mama“ ihren Debütroman vor, der in Spannung, Rasanz und Hintergründigkeit begeistert. Es ist eine faszinierende literarische Raffinesse, mit welcher die Autorin Realität und Identität verschwinden und wieder aufblitzen lässt und damit Erschütterung wie Neugierde erzeugt, die bis zur letzten Seite nicht loslässt. Tiefgreifende Metaphorik und Psychologie werden zu Leuchtfeuern einer Sprache, die Kopf und Herz trifft und zerfetzt. Ein Ereignis. 

„Jessica Lind ist der David Lynch der modernen Literatur – ein sensationelles Debüt“

Walter Pobaschnig 10_21

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„Ich habe meinen Garten und die Poesie“ Andrea Maria Kerstinger, Schriftstellerin_Burgenland_ 6.10.2021

Liebe Andrea, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Nach dem Sommer ist es jetzt wieder vorbei mit länger schlafen und viel lesen und/oder schreiben. Jetzt heißt es wieder früh aufstehen, ein bis zwei Kaffee trinken, die Kinder aufwecken, Jausenbrote richten, ev. noch kleinere Vorbereitungs- und Computerarbeiten erledigen und in die Schule zum Unterrichten fahren. Als Deutschlehrerin und Schulbibliothekarin bin ich auch dort von Büchern umgeben und manchmal schaffe ich es, dass ein klitzekleiner Funke überspringt. Am Nachmittag stehen wieder Vor- und Nachbereitungsarbeit auf dem Programm, dazwischen sind oft die Kinder irgendwo abzuholen oder hinzubringen und ich helfe bei Aufgaben, organisiere den Alltag mithilfe meines Mannes – das übliche Chaos halt.

Zeit zum Genießen, Lesen und Schreiben bleibt jetzt wieder weniger – für all diese Dinge brauche ich meine Ruhe. Aber ich habe ja meinen Garten und die Poesie.

Andrea Maria Kerstinger, Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Im ersten Lockdown hat sich gezeigt, was die wirklich wichtigen Dinge im Leben sind und dass man gar nicht so viel zum Glücklichsein braucht: Gesundheit, Familie und Freunde. Mittlerweile scheint mir, dass vieles wieder in Vergessenheit geraten ist und der Alltagsstress mit tausenden, scheinbar wichtigen Terminen wieder überhandgenommen hat. Wir sollten dennoch versuchen manchmal innezuhalten, Kraft zu schöpfen und auf die Natur und die Mitmenschen zu achten. Zusammenhalt und Solidarität sind wichtiger denn je.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Die Rolle von Literatur und Kunst hat sich meiner Meinung nach nicht wesentlich verändert, vielleicht ist man sich ihrer sogar noch bewusster geworden. Literatur und Kunst helfen uns, in andere Welten abzutauchen, neue Sichtweisen und Blickwinkel zu entdecken, Unbekanntes kennenzulernen, über den Tellerrand zu blicken. Ihre Aufgabe ist es nicht nur zu unterhalten, sondern auch zu bilden, zu provozieren, anzuecken, auszuloten, Missstände und Ungerechtigkeiten aufzuzeigen, aber auch Schönes aufzuzeigen und zu berühren. Über alle künstlerischen Kanäle, v.a. aber auch über die Literatur können und sollen so wichtige Themen wie Toleranz, Diversität, Mitgefühl  etc. transportiert werden.

Was liest Du derzeit?

Ich habe in den Sommerferien viele großartige Bücher gelesen, jetzt ist die Zeit knapper bemessen. Momentan lese ich Angela Lehners „2001“, aber auch „Die Unschärfe der Welt“ von Iris Wolff und „Lebenswende“ von Julia Hoch liegen schon parat.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Man kann seine Heimat verlassen, aber es gibt keine Gegenwart ohne Herkunft. Niemals und nirgends.“ (Salih Jamal: Das perfekte Grau)

Vielen Dank für das Interview liebe Andrea, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

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Andrea Maria Kerstinger, Schriftstellerin

Foto_Anna Maria Kuzmits

12.9.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Mehr Vertrauen zu haben und Dinge einfach passieren zu lassen :) “ Saskia Norman_Schauspielerin_Wien 5.10.2021

Liebe Saskia, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Zurzeit verbringe ich meine Tage meist mit Proben für mein Stück, LOST MY
WAY. Am 6. Oktober ist Premiere in der Theater Arche. Da ich nicht nur das
Einpersonenstück geschrieben habe, sondern auch darin spiele und es
produziere, gibt es noch Einiges zu tun bis dahin. Zum Glück habe ich mit
Elisabeth Halikiopoulos eine wirklich großartige Regisseurin und Unterstützung
gefunden, was vieles erleichtert!

Saskia Norman_Schauspielerin, Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Hmm, ich kann nur sagen was für mich gerade wichtig ist, aber vielleicht trifft
das auch auf die ein oder andere Person zu: mehr Vertrauen zu haben und
Dinge einfach passieren zu lassen 🙂

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und
persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt
dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?

Ich stehe selber auch vor einem Aufbruch und da ist für mich wesentlich, darauf
zu vertrauen, dass Alles so kommt wie es kommen soll. Ich bin selber sehr
gespannt wie sich diese Aufbruchszeit in der Kunst und im Theater auswirken
wird. Aber so wie ich das Theater kenne, wird es weiterhin ein Spiegel der
Gesellschaft sein.

Was liest Du derzeit?

Zurzeit lese ich drei Bücher je nach Stimmung. Flight Attendant von Chris
Bohjalian, the sun and her flowers von Rupi Kaur und The Actor’s Life von Jenna
Fisher.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„You know that when the truth is told that you can get what you want or you
can just get old. You’re gonna kick off before you even get halfway through.
When will you realize, Vienna waits for you.“ – Billy Joel (Vienna)

Vielen Dank für das Interview liebe Saskia, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Theater-, Schauspiel-, Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Saskia Norman_Schauspielerin, Schriftstellerin

https://www.saskianorman.net/

Aktuelle Produktion:

Foto_privat.

3.10.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Immer wieder auf’s Neue Halt, Leichtigkeit und Neugierde zu finden“ Judith Mahler, Schauspielerin_Salzburg 4.10.2021

Liebe Judith, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Tagesablauf“ – so etwas gibt es bei mir nicht. Jeder Tag ist neu, birgt neue Herausforderungen, zieht mir manchmal völlig den Boden unter den Füßen weg oder lässt mich leicht wie ein Vogel dahingleiten. Damit umzugehen, macht für mich die Lebendigkeit in meinem Leben aus. Die Lebenskunst besteht darin immer wieder auf’s Neue Halt, Leichtigkeit und Neugierde zu finden.

Judith Mahler_Schauspielerin, Performerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Für mich stellt sich die Frage: wie können wir in einer möglichst großen Diversität nebeneinander und miteinander bestehen und agieren? Welche Veränderungen im Umgang mit uns und unserer Umgebung braucht es, um Nachhaltigkeit auch zu leben?


Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?

Aus meinem Erleben der letzten anderthalb Jahre habe ich gelernt, wie wichtig es ist Momente und Phasen des Innehaltens einzulegen. Das gibt mir die Möglichkeit meine Verhaltensweisen, Gefühle und Gedanken unter die Lupe zu nehmen und gegebenenfalls zu verändern. Das ist DAS Trainingsfeld überhaupt, um dann auch mehr Wertschätzung, Respekt und Verständnis anderen entgegenzubringen. Wesentlich finde ich also bei sich selbst anzufangen.

Ich werde mich als Mensch und Künstlerin für Werte einsetzen, die eine gesellschaftliche, humanistische Weiterentwicklung fördern und fordern.


Was liest Du derzeit?

„Sturm“ von Christoph Scheuring
„Ein neues Ich“ von Dr. Joe Dispenza

„Jeder ist beziehungsfähig“ von Stefanie Stahl

„Der neue Menoza“ von Jakob Reinhold Maria Lenz
– das sehenswerte Stück, in dem ich gerade am Salzburger Landestheater spiele

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Ein Zitat von Rainer Maria Rilke, das erst mal banal klingen mag, aber es hat eine unglaubliche Tiefe und Wahrheit und ist für mich der Schlüssel für erfüllte menschliche Begegnungen.

Darin besteht die Liebe: Dass sich zwei Einsame beschützen und berühren und miteinander reden.“

Judith Mahler_Schauspielerin, Performerin

Vielen Dank für das Interview liebe Judith, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Theater-, Schauspiel-, Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

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Judith Mahler, Schauspielerin

https://www.judithmahler.at/kontakt

Fotos_Elisa Unger

30.9.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Mit der Poesie lernen wir sprechen, täglich neu“ Hans Thill, Schriftsteller_Heidelberg 3.10.2021

Lieber Hans, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Nach dem Aufstehen laufe ich eine Strecke am Fluss entlang. Dann schreibe ich „Dörfer“ oder Lyrik oder Prosa. Wenn mich der Mut verlassen hat, fange ich an zu organisieren. Später lese ich, höre Musik oder schaue einen Film oder gehe mit meiner Frau im Wald spazieren. Außerdem esse und trinke ich.

Häufig fahre ich nach Edenkoben, um im Künstlerhaus zu arbeiten.

Hans Thill, Schriftsteller,
Kuenstlerhaus Edenkoben/Pfalz: 30. Uebersetzerwerkstatt „Poesie der Nachbarn – Dichter uebersetzen Dichter“ vom 27.06.2017 bis 03.07.2017. Jedes Jahr laedt das Kuenstlerhaus Edenkoben der Stiftung Rheiland-Pfalz fuer Kultur auslaendische und deutschsprachige Lyrikerinnen und Lyriker zu gemeinsamer Uebersetzungsarbeit ein. Im Jahr 2017 waren die Lyriker Lina Atfah, Aref Hamza, Raed Wahesh, Rash Omran, Mohammad Al-Matroud und Lina Tibi aus Syrien sowie Dorothea Gruenzweig, Brigitte Oleschinski, Christoph Peters, Joachim Sartorius, Julia Trompeter und Jan Wagner aus Deutschland zu Gast.

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Einstweilen am Leben zu bleiben.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Wir sind gefangen in der schrecklichen Paradoxie eines erträglichen Lebens. Als ginge es uns allen gut. Aber es geht uns gut.

Gleichsam als höhnische Bestätigung sehen wir den kalten Ego-Quatsch der Impfgegner und Covid-Leugner. Das sind seltsame Irrläufer, deren Demos wirken wie die infantile Karikatur früherer Sponti-Auftritte.

Dabei herrscht eine Vielheit an Verzweiflungen, Auflehnungen, Katastrophen. Zu sagen, es ginge uns gut, wäre eine krasse Lüge. Die Pandemie zwingt uns in die Privatheit, aber die Welt scheint durchzudrehen.

Mit der Poesie lernen wir sprechen, täglich neu. Mit der Kunst erkennen wir die Welt. Vielleicht können wir in der weltweiten Gemeinsamkeit der Literatur und der Musik uns mit dem Aufbruch anfreunden, der uns droht. Es ist ein Aufbruch, der uns aufgezwungen wurde, wir selber hätten ihn nicht erfunden. Es ist ein Aufbruch, den wir Leben nennen.

Was liest Du derzeit?

Norbert Lange, Unter Orangen. Gedichte. Wunderhorn, Heidelberg 2021.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Du willst Dichter sein? Dann beginne damit, daß du die Pferde mit Würfelzucker fütterst.

Charles Olson

Hans Thill, Schriftsteller

Vielen Dank für das Interview lieber Hans, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Hans Thill, Schriftsteller

Fotos_ 1 Jürgen Bauer; 2 Julia Grinberg.

7.9.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Dieser Aspekt der Kommunikation bzw. Nicht-Kommunikation verstärkt sich in der Gegenwart“ Janine Hickl, Schauspielerin_Romanjubiläum Malina_Wien_3.10.2021

Janine Hickl_Schauspielerin/Sängerin/Tänzerin _
am Romanschauplatz Malina_Wien

Liebe Janine, herzlich willkommen hier in der Ungargasse in Wien dem Schauplatz des Romans „Malina“ von Ingeborg Bachmann. Was sind jetzt Deine ersten Eindrücke nach dem Fotoshooting am Dach des Hauses?

Ich bin, besonders von dem wunderschönen Ausblick über Wien, begeistert. Wir sind ja soeben auf das Dach geklettert und haben Wien, den Romanschauplatz Malina, von oben gesehen. Es ist wahnsinnig schön, auf diese Art in Literatur einzutauchen und diese Verbindung zu spüren und zu sehen. Ich denke, ich werde das Buch jetzt nochmal lesen, weil ich es mir noch besser vorstellen kann.

Was bedeutet Dir Wien?

Wien ist meine Heimatstadt, ich bin hier geboren und lebe hier, obwohl ich eine ziemliche Weltenbummlerin bin und gerne verreise, wenn es möglich ist. Dieses Rauskommen aus Wien tut mir immer sehr gut. Es ist außerdem der Ort, wo meine Familie, meine Freunde leben und wo ich mir beruflich etwas aufgebaut habe.

Diese Stadt ist nicht grundlos eine der lebenswertesten Städte weltweit und ich weiß das Privileg sehr zu schätzen, in dieser Stadt leben zu können.

Gab es von Dir zum Romanschauplatz hier im dritten Wiener Gemeindebezirk bisher Berührungspunkte? 

Ich hatte im Theater L.E.O., gleich nebenan in der Ungargasse mehrere Konzerte. Ansonsten gab es bisher keine näheren Berührungspunkte.

Welche Zugänge hast Du zu Ingeborg Bachmann und ihren Wienroman Malina?

Im Zuge dieses Projektes zum 50jährigen Romanjubiläum kam ich zum ersten Mal in intensivere literarische Berührung mit Ingeborg Bachmann. Ihr Roman „Malina“ hat mich sehr ergriffen. Die Protagonistin ist eine sehr zerrissene, emotionale Person. Gleichzeitig ist sie aber auch beinhart in ihren Entscheidungen. Diese Wandlungsfähigkeit hat mich überrascht.

Für mich sind die Zerrissenheit und die Leidenschaft, die nicht den Mut findet sich preiszugeben, die Kernthemen des Romans. Und natürlich die Einsamkeit in der Leidenschaft, der Liebe und die Tragik, die das alles mit sich bringt.

Der Roman hat allerdings schon eine gewisse Schwere und Dunkelheit, die natürlich auch passend zum Herbstbeginn ist (lacht).

Was hat sich in Beziehungswirklichkeiten in 50 Jahren verändert?

Schwer zu sagen, ich denke, es ist dann letztlich von Mensch zu Mensch unterschiedlich.

Im Roman sind ja die Telefongespräche, die Erreichbarkeit und das Nichtmelden ein großes Thema. Ich denke, dass ist auch heutzutage präsent.

Man ist dauernd und viel schneller erreichbar und gleichzeitig bewirkt das, dass man nie wirklich erreichbar ist. Ich weiß, dass dieses Nicht-Antworten viel anrichten kann.

Ob es das Telefon damals oder whatsapp heute ist. Man weiß, ob die Person eine Nachricht gelesen hat, ob sie online ist. Das ist ein Aspekt, der wirklich zerreißen kann und wehtut, auch wenn es dem anderen gar nicht bewusst ist.

Dieser Aspekt der Kommunikation bzw. Nicht-Kommunikation im Roman, diese Verletzungen und Verletzbarkeiten wiederholen sich jetzt nach 50 Jahren bzw. verstärken sich.

Und natürlich ist auch die Zerrissenheit ein Aspekt der Gegenwart. Weil so vieles möglich ist, man so einfach Menschen kennenlernen kann und viele Vergleiche hat.

Ich habe mir darüber schon viele Gedanken gemacht. Es ist schwierig. Liebe ist immer schön und schwierig zugleich.

Was würdest Du der Protagonistin im Roman als fiktive Freundin empfehlen?

Vermutlich wäre ich eher die Protagonistin selbst als die gute Freundin (lacht) aber ich würde ihr raten, auf ihr Herz hören. Selbst wenn ich die gute Freundin wäre, würde ich mir sehr viele Gedanken dazu machen (lacht).

Wenn Du die Protagonistin selbst wärest, wie würdest Du im Beziehungsspannungsfeld zwischen den Protagonisten Ivan und Malina agieren?

Vermutlich sehr ähnlich (lacht). Es ist nicht umsonst eine Geschichte, mit der man sich gut identifizieren kann. Ihre emotionale Ladung kann ich auf jeden Fall nachvollziehen.

Die Protagonistin und Ich-Erzählerin lernt Ivan vor einem Blumengeschäft, um die Ecke von hier, kennen. Es ist Liebe auf den ersten Blick. Gibt es für Dich Liebe auf den ersten Blick?

Definitiv! Vielleicht nicht gleich Liebe, da kommt es vor allem darauf an, wie man “Liebe” definiert aber dass es Begeisterung und auch Chemie auf den ersten Blick gibt, davon bin ich überzeugt. Man fühlt sehr schnell, ob man mit einem Menschen auf einer Wellenlänge ist und dazu braucht es oft nicht mehr als ein paar Worte oder Blicke. Ich denke, je älter, erwachsener man wird, desto mehr spürt man diese Verbindung im Moment der ersten Begegnung.

Im Roman sind die Beziehungswirklichkeiten in der Dominanz des Mannes gegenüber der Frau festgelegt. Wie siehst Du dies heute?

Naja, die Protagonistin richtet sich im Roman schon sehr nach den Männern (lacht). Wir alle wissen, dass die Liebe viel mit einem macht und dass man in der ersten Begeisterung mehr tut, um der anderen Person zu gefallen.

Es hat sich aber einiges verändert, was die Dominanz des Mannes in der Beziehung betrifft. Frauen sind viel emanzipierter und vielleicht auch egoistischer, was gut ist. Ehrlich gesagt kenne ich vermehrt Beziehungsmodelle, in denen die Frauen die Hosen anhaben. (lacht).

Welche Beziehungsmodelle gibt es heute in Deiner Generation?

Der Wunsch nach Langzeitbeziehungen ist natürlich immer noch da, allerdings kommt mir vor, dass das “für das Leben an eine Person binden” auch ein ziemliches Angstthema ist (lacht).

Soziale Medien spielen bei dem Optimierungs- und Glückanspruch eine große Rolle. Weil alles so schnelllebig ist und man auch so viele Möglichkeiten hat, neue Menschen kennenzulernen.

In allen Lebensbereichen ist heute gesellschaftlicher Druck da. Und in Beziehungswirklichkeiten auch. Es ist einfach schwierig, alles unter einen Hut zu bringen.

Eine Langzeitbeziehung erfordert viel Arbeit und Zeit und dies investieren die meisten nicht mehr.

Trennungen waren für Frauen zur Zeit des Romans kaum vorstellbar, was natürlich damit zu tun hatte, dass sie nicht so viele Möglichkeiten hatten unabhängig zu sein. Es war ein anderes Existenzverständnis in der Liebe.

Heutzutage ist eine Beziehung nicht mehr so existentiell. Es ist eine positive Ergänzung und man wirft schnell das Handtuch, wenn es nicht mehr passt. Das ist allgemein ein trauriges Phänomen unserer heutigen Zeit.

Das Modell der Affäre zwischen Rationalität (Beziehung) und Leidenschaft ist im Roman wesentlich. Wie ist das heute? Ist beides in einer Person zu finden?

Sehr gute Frage (lacht). Prinzipiell denke ich, ja. Es ist nur die Frage, ob man es auch schafft, das auf Dauer aufrecht zu erhalten. Das ist ja auch einer der häufigsten Gründe für Trennungen oder Affären. 

Es gibt Menschen, denen man leidenschaftlich näher ist und es gibt Menschen, denen man rationaler näher ist. Das Ziel ist, Rationalität und Leidenschaft in einer Beziehung zu integrieren. Das ist Arbeit.

Die Protagonistin im Roman weiß, da wo die Leidenschaft ist, ist nicht viel mehr dahinter, was auf Dauer auch nicht glücklich machen kann. Auf der anderen Seite fehlt bei dem rationalen Teil die Leidenschaft. Das ist diese Zerrissenheit, die im Roman ein sehr präsentes Thema ist.

Wie siehst Du das Frausein heute im Allgemeinen wie in Deinem künstlerischen Beruf?

Ich finde es sehr schön, Frau zu sein. Es hat sehr viele besondere Aspekte. Zeitweise ist es aber zugegeben auch überfordernd. Sich als junge Frau das aufzubauen, was man will und sich von dem zu lösen, was man nicht will, ist nicht leicht. Besonders im künstlerischen Bereich muss man sich behaupten, um wirklich ernst genommen zu werden.

In der Arbeitswelt könnte also viel verändert werden, was es uns Frauen leichter machen würde.

Ich persönlich brauche dann Methoden der Ruhe und Zeit für mich, um wieder zu mir zu finden. Etwa beim Yoga oder tanzen. Mir hilft es auch, Gedanken niederzuschreiben und neue Pläne zu machen.

Auch die Dankbarkeit ist sehr wichtig und sich vor Augen zu führen, was man bereits alles geschafft hat. Außerdem muss und kann man es nicht allen recht machen. Das ist ein wichtiger Punkt.

Wie war Dein Weg zur Kunst, zum Schauspiel?

Dieser Weg war immer schon da (lacht). Ich glaube, dieser war mir schon vorgegeben, obwohl ich aus keinem künstlerischen Umfeld komme. Da war etwas, was in frühester Kindheit, ab dem Punkt wo ich mich auf den Beinen halten konnte, rauswollte.

Ich hatte immer den Raum Kunst zu leben. Ich habe mit drei Jahren schon gesungen, kannte unfassbar viele Kinderlieder, habe immer getanzt, machte eigene Choreographien und bereitete an jedem Freitagabend Theaterabende für die Familie vor. (lacht). Ich nahm dann Geige- und Klavierstunden. Sehr bald darauf nahm ich dann auch Gesangs- und Tanzunterricht. Neben der höheren Schule mit dem Schwerpunkt Eventmanagement habe ich jeden Nachmittag im Tanzsaal und bei Gesangsstunden verbracht. Als ich die Schule absolviert hatte, war dann klar, dass ich das auch studieren will.

Mein künstlerisches Dasein ist ein Brennen und eine Begeisterung, die mich gar nicht vor die Wahl stellt, es nicht auszuüben. Ob beim Tanz, Gesang, Schauspiel oder Sprechen – die Ausdrucksform ist da eigentlich egal. Das künstlerisch kreative Denken, Entwickeln, Darstellen und transportieren von Emotionen ist mir wichtig. 

Was sind Deine derzeitigen Projektpläne?

Ich arbeite laufend an einem Projekt, nämlich an meinem Swing Trio The Reveilles, mit dem einige Shows und Auftritte in Planung sind. Ansonsten bin ich mit Drehs, Shootings und Proben für andere künstlerischen Projekten meistens ganz gut ausgelastet (lacht). 

Was kannst Du von dem Roman mitnehmen?

Sich nicht zu sehr zu „verkopfen“ und die Schwere nicht immer zuzulassen. Das ist in allen Bereichen wichtig. Man sollte das Leben einfach mehr genießen, auch wenn nicht alles immer perfekt ist und genau so läuft, wie man sich das vorstellt.

Darf ich Dich zum Ende des Interviews zu einem Malina-Achrostikon bitten?

M=Möglichkeiten

Weil sich die Protagonistin alle Möglichkeiten offenhält und sich nicht entscheiden will. Andererseits steckt auch viel Hoffnung in dem Wort “Möglichkeiten” und das trifft nicht ganz auf sie zu. Diese Ambivalenz ist wiederum passend. Das Gedankenkarussell dreht sich, es passt (lacht).

Vielen Dank, liebe Janine, für Deine Zeit bei „Malina“ und das wunderbare Fotoshooting und Interview – viel Freude und Erfolg weiterhin!

Janine Hickl_Schauspielerin/Sängerin/Tänzerin _
am Romanschauplatz Malina_Wien

50 Jahre Malina _ Roman _ Ingeborg Bachmann _ im Gespräch und szenischem Fotoporträt:

Janine Hickl_Schauspielerin/Sängerin/Tänzerin _Wien

https://www.janine-hickl.com/

Station bei Ingeborg Bachmann_Romanschauplatz_Malina.

Interview und alle Fotos_Walter Pobaschnig _Wien_9_2021.

https://literaturoutdoors.com

Walter Pobaschnig 9_21

https://literaturoutdoors.com

„Dalli Dalli“ Fulminante Uraufführung des E3 Ensemble_Wien 1.10.2021

Da ist der schwere rote Vorhang. Und die Rollen sind verteilt. Vom Krokodil bis zum Kasperl. Alles ist bereit für das Spiel. Für das Drehen der Arme und Beine. Und der Worte. Für das Oben und Unten…

Doch dann stoppt die Musik. Der Reigen in Rot kommt zum Stehen. Das Krokodil stellt Fragen. Alle stellen Fragen. Dazwischen die Keule des Kasperls…

Doch was wissen wir, bevor das Spiel beginnt? Wir tragen Kostüme. Wir sind da. Wer bist Du? Wer bin ich? Und wenn wir sprechen, ist es viel…

dav

Das Wiener E3 Ensemble lässt mit seiner neusten Produktion „Dalli, Dalli“ erneut fulminant die Bühnenbretter Wiens in Satire und Abgründigkeit, einmaliger Sprachvirtuosität, Körperdynamik und beeindruckendem interaktiven Gruppenspiel brennen.

Die Bühne wird zum rasanten Erfahrungskarussell, darin Konturen des Lebens, der Gesellschaft aufblitzen, um Enttäuschung in Selbstreflexion und Ambivalenz auszudrücken. Das Fragen und Zertrümmern von Sein und Schein kommt dabei aus einer existentiellen Lebenslust selbst. Das Lustprinzip sucht Lebensraum zwischen den Polen von Ich und Gesellschaft. Leitlinie ist dabei das Gespräch und ein Wille zur Ehrlichkeit wie das klare Wort gegen Unehrlichkeit. Der Mensch ist ein Suchender, ein Kasperl, vielleicht mehr. Wer weiß das schon.

Modernes Theater in bester innovativer Form zertrümmert hier in faszinierender dramatischer Atonalität eine lineare Spielmitte zugunsten freier spielerischer Melodik, deren Grundton nicht fixiert ist und sich interaktiv impulsgebend im rasanten Wechselspiel von Wort und Körper entwickelt und zerstört.

Es ist Schauspiel als gleichsam mitreißender Jazz in spielerischer, dramaturgischer wie kostümbildender Glanzleistung. Den Bühnengrundton bildet dabei die Virtuosität schauspielerischen Könnens in Vielfalt und Dynamik, die das Publikum begeistert staunen lassen. Das E3 Ensemble gibt dem modernen Theater seine Seele zurück, in dem sie es aus der Bühne reißt, dass sich alle Ehrengräber zwischen Burg und Domplatz staunend auftun.

„Das E3 Ensemble ist ein begeisternd lebendiges wie unberechenbares Plädoyer für lustvolles, kritisches Theater wie es innovativer und ausdrucksstärker nicht sein könnte!“

DALLI DALLI _ E3 Ensemble _ Wien

Uraufführung 1.10.2021

mit MAY GARZON, ISABELLA JESCHKE, RINA JUNIKU, MICHAELA SCHAUSBERGER und GERALD WALSBERGER, Musik SEBASTIAN SPIELVOGEL, Dramaturgie THOMAS BISCHOF, Kostüm/Ausstattung PIA STROSS, Künstlerische Beratung SUSANNE BRANDT, Technik STEFAN RAUCHENWALD, Fotografie THOMAS STEINEDER, Aufzeichnung PHILLIP B. BAUER

Kooperation E3 Ensemble/ DAS OFF THEATER Wien

1., 2., 5., 6., 8. und 9. Oktober 2021 um 20 Uhr

OPEN.BOX im DAS OFF THEATER

Kirchengasse 41, 1070 Wien

17€ normal, 12€ ermäßigt*

Karten: 0660 52 52 532, karten@e3ensemble.at und eventjet.at

Coronaregeln im DAS OFF THEATER

Text und alle Fotos_ Walter Pobaschnig 10_21

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„Schwarzer Kaffee, Zigaretten und David Bowie“ Catrin M.Hassa, Schriftstellerin _ Wien 2.10.2021

Liebe Catrin, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Meist beginnt mein Tag gegen 6 Uhr sich kaugummiartig hinzuziehen – die literarischen Arbeitsprozesse finden sich stets begleitet durch große Mengen schwarzen Kaffees, Zigaretten und David Bowie.

Catrin M.Hassa, Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Die Lockdowns haben uns allen drastisch vor Augen geführt, wie essentiell und auch wie empfindlich das Gefüge aus Strukturen und Strukturlosigkeit, das die Räume unseres Handelns und Erlebens bedingt, so ist, sei das nun auf psychischer, sozialer, ökonomischer oder politischer Ebene. Wir durften wohl alle in den letzten Monaten intensivere Erfahrungs- und Lernprozesse in Sachen Verantwortung, Solidarität, Freiheit und Abhängigkeiten durchlaufen als eingangs gedacht – diese Erfahrungswerte als Chance zur Reflexion zu nutzen, halte ich persönlich für durchaus wichtig.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Es wäre schön, sich der Illusion hingeben zu können, die Einengungen, die Covid 19 in unser aller Lebenswelten eingebracht hat, böten eine reale Chance, die Buzzwords „Aufbruch“ und „Neubeginn“ ganz neu sinnstiftend zu erleben, sei es als Gesellschaft oder als Individuen. Vielleicht sind langfristige Umwertungen, das setzen bewussterer Foci, tatsächlich möglich – für wahrscheinlich halte ich das allerdings nicht.

Es könnte schon hilfreich sein, zu überdenken, ob all die Praxen, in denen wir uns tagtäglich wiederfinden und festgetackert glauben, tatsächlich so sehr unser Leben, unsere Identität bestimmen, wie gemeinhin angenommen. 

Kunst, beziehungsweise Literatur werden, meines Erachtens, das tun, was sie seit Jahrhunderten tun: Baudelaires Aufruf zum „être de son temps“ nachhechelnd, wird sie sich an eben dieser und sich selbst abarbeiten und dabei, mehr oder weniger erfolgreich, versuchen, irgendwo zwischen Erkenntnissen und Eskapismen Relevantes zu generieren. 

Was liest Du derzeit?

Friederike Mayröckers „da ich morgens und moosgrün. Ans Fenster trete“ und

Mithu M. Sanyals „Identitti“. Mayröckers literarisches Vermächtnis ist, aus meiner Sicht, gar nicht überschätzbar – selten hat mich das Ableben eines/r/* Künstler_in dermaßen betroffen gemacht.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Ich denke sowieso mit dem Knie“ (Joseph Beuys)

Vielen Dank für das Interview liebe Catrin, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Catrin M.Hassa, Schriftstellerin

Foto_Alain Barbero

7.9.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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