Liebe Janine, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
In meinem Leben gibt es kaum einen Tag, der dem anderen gleicht. Ich genieße diese Freiheit sehr und bin dankbar dafür, mir jeden Tag neu gestalten zu können, allerdings erfordert dieser unregelmäßige Alltag viel Flexibilität und vor allem Disziplin, um Routinen zu integrieren.
Janine Hickl, Schauspielerin, Sängerin
Während des Lockdowns habe ich mir viel Zeit für mich genommen und jeden Tag mit einer Yogaeinheit, einer kurzen Meditation und einer großen Tasse Kaffee gestartet. Diese Morgenroutine habe ich beibehalten, denn besonders an Konzert- und Drehtagen aber auch bei Proben und anderen Tätigkeiten hilft es mir, Fokus zu finden und konzentriert zu arbeiten.
Als freischaffende Künstlerin nimmt die Planung und Organisation des „Alltags“ ebenso viel Zeit in Anspruch wie üben, Trainingseinheiten und allgemeine Vorbereitungen, denn der künstlerischen Arbeit sind keine Grenzen gesetzt.
Meine freien Tage verbringe ich liebend gerne auf der Tanzfläche, wo ich mich beim Swing- und Salsa tanzen austoben und den Kopf frei bekommen kann aber auch bei Spaziergängen, stundenlangen Gesprächen mit Freunden und Familie, Konzert- und Theaterbesuchen und gutem Essen.
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Empathie, Solidarität und ein respektvoller, wertschätzender Umgang miteinander. Dazu gehört ehrliche Kommunikation und Vernetzung, denn nur so kann es uns gelingen zusammenzuhalten und gemeinsam zu wachsen. Was für jedes Individuum meiner Meinung nach besonders wichtig ist, ist behutsam mit sich umzugehen, immer wieder in sich hineinzuhören und sich zu fragen, was im Leben wirklich wichtig ist und zu guter Letzt, natürlich den Humor nicht zu verlieren.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater, der Musik, der Kunst an sich zu?
Ich hätte tatsächlich gehofft, dass wir vor einem Neubeginn stehen, dass sich unser Leben nach dem Lockdown etwas entschleunigt und wir mit mehr Dankbarkeit und Solidarität durch die Welt gehen können. Ich habe das Gefühl, dass das Gegenteil der Fall ist.
Ich bezweifle auch, dass wir in der Kulturszene vor einem großen Neubeginn stehen aber ich hoffe sehr, dass das vergangene Jahr mehr Bewusstsein für uns Künstler und unsere, ohnehin schon filigrane, Tätigkeit geschaffen hat.
Die Kunst und damit meine ich die darstellende sowie bildnerische Kunst und alles was dazugehört, ist und bleibt ein wichtiger Bestandteil unseres Lebens – nämlich ein emotionales Ventil und ein individueller Raum der Kreativität, der unser Leben farbenfroh macht.
Als Künstler*in hat man die Möglichkeit, das Publikum abzuholen und gemeinsam in andere Welten einzutauchen. Wir können Geschichten erzählen und eine ganz besondere Verbindung zu Menschen aufbauen, mit denen wir zuvor noch nie kommuniziert haben. Diese Verbindung spielt sich auf einer emotionalen Ebene ab, die durch nichts ersetzt werden kann und soll. Wesentlich ist, dass wir weiterhin reflektieren, die Neugierde nicht verlieren, der Kreativität einen Platz geben und offen für Neues sind.
Was liest Du derzeit?
The Artist’s Way – Julia Cameron
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Das Leben ist eine große Leinwand, bemale sie so bunt du kannst.
– Danny Kaye
Janine Hickl, Schauspielerin, Sängerin
Vielen Dank für das Interview liebe Janine, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Schauspiel-, Musikprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Da ist die Leinwand. Da ist Marius. Und da ist die Farbe. Und das Bild im Kopf und in der Bewegung des Pinsels über dem alles umfassenden Weiß vor ihm. Er sieht jetzt die Umrisse der Frau bevor er sie malt. Und er hat Angst…
„Er hat Angst, dass sie ihr Gesicht zeigen könnte, und deshalb wird er sie nur von hinten malen, von der Seite vielleicht, aus allen möglichen Perspektiven. Nur nicht von vorne. Nur nicht so, wie er sie zuletzt gesehen hat…“
Hier ins Atelier hat er sich zurückgezogen. Er absolviert nur die notwendigsten Wege nach draußen. Einkaufen, Behörden…
Er ringt hier mit seinen Bildern. Denen auf der Leinwand und denen im Kopf. Erinnerungen wie Hirnwindungen. Unsichtbar und präsent, fordernd. Das Kindsein. Die Mutter. Das Dunkle….
Und da ist Colette. Und die Sehnsucht ganz zu werden. Wie geflochtenes Haar. Wie jenes der Mutter…
Die Wiener Schriftstellerin Elke Steiner legt mit ihrem neuen Roman „Die Frau im Atelier“ eine hintergründige wie mitreißende Spurensuche nach dem Menschsein in Verlust und Neubeginn vor. Es ist beeindruckend wie fein und aufmerksam hier Gedanken, Erinnerungen im persönlichen Ringen gleichsam sprachlich gewoben werden und einen leuchtenden Sprachteppich wie ebenso ein umfangendes Spinnennetz in Spannung und Neugierde ergeben. Da trifft in einzigartiger Weise eine Kraft und Zärtlichkeit der Sprache auf das Leben in aller Zerbrechlichkeit wie gemeinsamer Kraft der Schönheit.
„Elke Steiner fasst und erfasst das Herz von Sprache und Menschsein in einzigartiger Weise – tiefgründig, spannend, mitreißend!“
Lieber David, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Grundsätzlich wohl gleich wie bei jedem anderen Künstler. In meinem Fall wahrscheinlich etwas geregelter, weil ich eine gewisse Ordnung in meinem Leben brauche. Weil sonst fällt alles auseinander (lacht).
David Poglin, Musiker
Aufstehen meist zwischen 8h und 9.30h, das kommt darauf an, ob ich vorher ein Konzert hatte oder Studiotermine, anderes. Dann Kaffeemachen, Zähneputzen, Morgentoilette. Dann setze ich mich am frühen Vormittag in ein Cafè und erledige alle organisatorischen Sachen, das heißt, Anfragen beantworten bzw. Anfragen stellen, Informationen einholen über verschiedenste Projekte. Am frühen Nachmittag dann etwas Technik üben oder Songs auschecken, je nachdem, zwischendurch einen Kaffee machen.
Am Nachmittag fangen dann die Proben an. Da sind die meisten Musiker schon munter (lacht). Dann wird dann an Projekten gearbeitet wie derzeit mit Lisa Schmid, Musikerin, oder der Band Kitsch Royal.
Am Abend hängt es dann davon ab, ob es Studiotermine gibt. Mit Lisa Schmid derzeit abends und mit Kitsch Royal dann tagsüber. Manchmal gehen wir dann was trinken. Ich schaue auch, dass ich regelmäßig eigene musikalische Übungseinheiten, individuelle Vorbereitungen mache – an Songs arbeiten, verschiedenste Musikstücke anhören, die ich unbedingt hören oder auch spielen können möchte. Oder technische Sachen probieren, wo ich höre, wow, das ist cool.
Mein Tagesablauf hängt auch von den Wochentagen ab. Ich bin als Lehrer an zwei Musikschulen tätig und koordiniere da meine Musikschüler*innen. Montag, Dienstag bin ich an den Musikschulen tätig und da sind meist auch zusätzlich Projektproben. Am Mittwoch ist meist Studioarbeit in Wien, davor Probe. Donnerstag und Freitag ebenso. Am Freitagabend fahre ich dann meist nach Graz und habe am Abend, dem Wochenende mit anderen Bands Konzerte oder ich nütze den Proberaum, um mit Equipment zu experimentieren.
So sieht mein Tages-, eigentlich Wochenablauf aus und dieser ist in der Regel auch relativ gleich. Sicher gibt es da Ausreißer, aber eigentlich dreht sich alles um die Musik.
David Poglin und Musikpartnerin Lisa Schmid
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Das ist schwer zu beantworten und sicherlich individuell. Manche Menschen brauchen mehr Ruhe und Rückzug und andere müssen sich in den Tag/Abend stürzen, um im Kopf sauber zu bleiben.
Ich persönlich bin ein Mensch, der Freunde und Lieblingsmenschen um sich hat und auch braucht. Diese Zeit des Miteinander, diese Art von quality time ist mir persönlich sehr wichtig.
Es ist immer, aber gerade auch in einer Pandemie wichtig, seinen Platz zu kennen und zu finden, an dem man glücklich sein kann. Ich denke, viele haben jetzt ihr prototypisches Verhalten dahingehend hinterfragt – was macht mich glücklich?
Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Musik, der Kunst an sich zu?
Kunst und Musik haben immer eine kritische gesellschaftliche Bedeutung. Das wurde, meiner Meinung nach, in den letzten Jahren etwas abgeblockt, weil das Musikgeschäft auch eine Maschinerie geworden ist. Da hat es geheißen, alle drei Monate muss eine Single rauskommen, ein Album einmal im Jahr, damit man dem Algorithmus von Spotify und anderen gerecht wird und das Jahr nicht verloren geht.
Aber trotzdem glaube ich, dass Musik jetzt wieder einen Aufschwung erlebt und Menschen wieder Musik anders erleben und genießen. Ich finde es gut, wie es im Moment geht. Es ist zu spüren, dass Menschen die Live Erfahrung eines Konzertes, die wir alle sehr vermisst haben, jetzt wieder intensiv miterleben wollen. Ich finde das schön, auch wenn im Moment alle Musiker*innen Bäume ausreißen wollen und man sich etwas in die Quere kommt.
Ich habe auch das Gefühl, dass Musik wieder individueller wird. Es ist nicht mehr dieser Einheitsbrei, es fängt wieder an interessanter zu werden. Derzeit gibt es etwa wieder mehr Funk-, Blues-Bands, der Indierock wird auch wieder erdiger und ehrlicher. Es ist nicht mehr so überproduziert, weil Musiker*innen jetzt wieder mehr auf eigene Faust etwas machen. Sie machen genau das, auf was sie Bock haben und das spüren die Leute. Diese Ehrlichkeit, die in der Musik einmal da war, kommt zurück und das ist sehr schön.
Was liest Du derzeit?
Ich bin derzeit so in klassische Romane und deren besondere Sprache reingerutscht.Das ist im Moment „Das Bildnis des Dorian Grey“ von Oscar Wilde.
David Poglin am Mozartgrab_Wien _St.Marx
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
„Alle Kunst ist zugleich Oberfläche und Symbol. Wer unter die Oberfläche dringt, tut es auf eigene Gefahr. Wer dem Symbol nachgeht, tut es auf eigene Gefahr. In Wahrheit spiegelt die Kunst den Betrachter und nicht das Leben.“
Das Zitat stammt aus dem Vorwort von Oscar Wilde „Das Bildnis des Dorian Grey“.
David Poglin, Musiker
Vielen Dank für das Interview lieber David, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Musikprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:
David Poglin, Musiker
Alle Fotos_Walter Pobaschnig_Friedhof St.Marx_Wien _9_2021.
30.9.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.
Statt dem hier üblichen Interview beschreibe ich, wie sich mir der Zugang zu „Undine geht“ durch den Prozess dieses Fotoshootings und Interviews gezeigt hat. Ich möchte erzählen, warum genau das viel mehr über meinen Bezug zu Bachmanns Text aussagt, als es das Interview könnte.
Ich bedanke mich bei Dir, Walter, für den offenen und wertschätzenden Dialog und für das Verständnis für meine eventuell überrumpelnde Aktion und freue mich, wenn du trotzdem bereit wärst den Text zusammen mit den Fotos zu veröffentlichen.
Ich beginne in Klagenfurt, im Garten meiner Eltern, dort lese ich zum ersten mal die Erzählung von Undine. Obwohl ich mit dieser Thematik vertraut sein könnte, dockt der Text zunächst bei mir nicht wirklich an. Die Vorstellung, dass ich in einem Interview etwas dazu sagen müsste stößt auf gähnende Leere in mir. Natürlich könnte ich etwas über die Kampfansage an das Patriarchat loswerden, oder weiterführend Undine als weibliche Kraft und die Natur selbst, oder die Sexualität bezeichnen. Mit diesen generischen Zuschreibungen von „weiblich ist mystisch, naturverbunden, im Untergrund“..etc., möchte ich aber sehr vorsichtig sein, weil diese leider nur zu oft missbraucht wurden und werden um Frauen im Hintergrund zu halten und mit angeblichen „Naturgesetzen“ argumentiert wird, um die Unterdrückung von Frauen zu rechtfertigen.
Am meisten kann ich mit Undine anfangen, wenn ich sie als ein neutrales Wesen sehe, welches die Abhängigkeiten und Verhaltensmuster der Menschen erkennt, sowohl die der Menschenmänner, sowie auch die der Menschenfrauen.
Am Abend vor dem Fotoshooting lese ich noch einmal den Bachmann Text und finde unter anderem bei Recherchen ein Zitat in dem Bachmann sich selbst als „Hans“ bezeichnet und Undine als „die Kunst“ beschreibt. Es sei ein Missverständnis wenn man diese Erzählung als autobiographisch und Bachmann als Undine deuten würde. Wir alle sind Hans. Langsam kommt mir der Text näher, denn auch ich, als Mensch, bin eher ein Hans als eine Undine. Es ist mir schlagartig unangenehm wenn ich mir vorstelle mich am nächsten Morgen als Undine zu inszenieren. Ich möchte mich aber auch nicht plakativ als Hans darstellen. Mit einer Krawatte und einem Männerhemd wäre es ja wohl nicht getan. Außerdem ist die Gegend um die Mauerbachschleuse, die ich ausgesucht habe, prädestiniert für die unterschiedlichen Welten in denen Undine sich bewegt. Vielleicht findet sich die Verbindung zu ihr/them im Laufe des Shootings.
Während des Shootings fällt mir auf, wie viele Posen bereits besetzt sind. Wie viele mir bekannt sind, und Assoziationen auslösen, die einer langen patriarchalen Geschichte entspringen und dem entsprechen wie Frauen von Männern dargestellt wurden und werden. Das süße Rehlein von oben herab fotografiert – hol mich hier raus; einmal in die Haare gegriffen – Germanys Next Topmodel;
Nachdenklich in die Ferne blickend – wenigstens denkend;
Den Hals hinhalten – ich gebe mich hin, hoffentlich Beißhemmung beim Gegenüber;
Irgendwo herumliegend – als wäre das die Hauptbeschäftigung von Frauen.
Ich erinnere mich an ein Zitat von Hannah Gadsby: “The history of Western art is just the history of men painting women like they’re flesh vases for their dick flowers.”
Walter macht den Vorschlag ich könnte meine Hände verschränken und breitbeinig dastehen, weil Bachmanns Undine eine selbstbewusste Seite hat, die ich damit zeigen könnte. Ich stelle mich in dieser Weise hin und komme mir gleich ziemlich lächerlich dabei vor.
Bei „Körpersprache Guru“ Samy Molcho habe ich als Jugendliche gelesen, dass es Angst und Unsicherheit signalisiert, wenn man die Hände verschränkt.
Ungefähr zur selben Zeit habe ich mir viele Talkshows im Fernsehen angeschaut. Eines der damaligen Lieblingsthemen war „Ich bin fett und finde mich geil“. Dort musste sich eine der Talkshow Teilnehmerinnen von Talkshowhost Jörg Pilawa anhören, dass sie sich ja gar nicht so geil finden kann, weil sie mit vor dem Bauch verschränkten Armen da saß, was ihre Unsicherheit offenlegt. Damals habe ich Konsequenzen daraus gezogen und beschlossen meine Hände nicht mehr zu verschränken, damit keine Samy Molchos oder Jörg Pilawas denken könnten ich versuche mich vor ihnen zu schützen und ihnen das das Gefühl geben könnte sie stünden über mir.
Nun wird Undine für mich doch zur Frau, und steht für alle Frauen, die durch männliche Interpretationen dargestellt wurden und nicht selbst für sich sprechen konnten. In den ausschließlich von Männern bearbeiteten Versionen des Mythos bekommt Undine nur dann eine Seele, wenn sie sich mit einem Mann verbindet, diesen muss sie aber töten, wenn er ihr gegenüber untreu wird. Sie hat keine Entscheidungsfreiheit und muss sich größtenteils passiv fügen. Von den männlichen Undine – Autoren wird dies durch die Natur dieses Wasserwesens gerechtfertigt, womit wir wieder bei meinem Anfangsgedanken wären. Nach Bachmann sind übrigens auch wieder alle Autoren, die sich mit diesem Thema beschäftigen, und über Undine schreiben, männlich.
Wie ist es für mich möglich aktiv meine Rolle zu bestimmen und nicht durch die männliche Brille dargestellt zu werden, obwohl ich von einem Mann fotografiert werde? Was ist denn überhaupt das Problem? Walter lässt mir doch die komplette Freiheit in diesem Setting und folgt mir durch eine Umgebung, die ich bestimme und choreografiere und ich kann frei entscheiden ob ich seine Vorschläge annehme oder nicht. Die männlich geprägten Darstellungen von Frauen wären aber auch nicht plötzlich inexistent, wenn ich von einer Frau fotografiert werden würde. Diese zu überwinden setzt ein Bewusstsein beider Parts für die Thematik voraus. Egal ob die daran Beteiligten männlich oder weiblich sind.
Fürs Erste halte ich es für das Beste nicht zu posieren, die Linse zu ignorieren und einfach etwas zu machen. Bei Aktionen gibt es kein Posieren.
Das funktioniert ganz gut, und ich habe großen Spaß Plätze zu erkunden, die ich von dieser Gegend noch nicht kannte und den Ort in Verbindung mit der Undine Geschichte in Szene zu setzten. Selbstverständlich gehört für mich auch das „ins Wasser gehen“ am Schluss zu dem Märchen und so besuchen wir eine Stelle am Fluss, wo ich gerne durchs Wasser wate und weiß, dass ich dort tiefere Stellen finden werde.
Als ich am Ende des Shootings wieder aus dem Wasser komme, fällt mir auf, dass sich meine Nippel durch das nasse Kleid abzeichnen und somit vermutlich auch auf den Fotos sichtbar sind. „Hätte ich doch meinen BH angelassen, aber dadurch hätten sich die Kissen so mit Wasser vollgesogen, dass ich monströse Brüste auf den Fotos gehabt hätte, oder die Kissen unförmig runtergehangen wären“, geht es mir durch den Kopf. Soll ich Walter sagen er soll denn Nippel rausretuschieren? Und warum schreibe ich hier überhaupt einen ganzen Absatz über meine Nippel, sie würden vermutlich nicht einmal auffallen, oder ich könnte die Fotos auch einfach vermeiden. Stört es mich überhaupt selbst, oder stört es mich nur, wenn ich mir vorstelle, dass das jetzt alle Jörg Pilawas sehen, die sich denken könnten „kein Wunder dass sie die Arme vor der Brust verschränkt hat. Sie wollte ihre Nippel vor mir verbergen“.
Ein paar Tage nach dem Shooting bekomme ich von Walter das transkribierte Interview, welches wir in einer Pause geführt haben. Es sind meine Aussagen, aber sie sind so formuliert, dass sie sich nicht mehr nach meinen anfühlen. Für mich transportieren sich Aussagen oft mehr durch die Form der Sprache, als durch ihren Inhalt. Durch die Kombination der Ästhetik der Fotos und der blumigen Sprache, fühle ich mich als mystisches, romantisiertes Wesen präsentiert – wie durch einen rosaroten Filter gezeigt – genau das was ich vermeiden wollte. Auch ist alles was ich gesagt habe in einem Gespräch entstanden und nicht einfach aus dem Nichts gekommen. Was davon waren meine Gedanken und was davon Bestätigungen von Walters Gedanken, die jetzt als meine geschrieben stehen, weil Walters Part in dem Interview nicht mehr vorkommt? Wo sind Verneinungen, Momente in denen ich widersprochen habe? Ich kann mir die Intention dahinter vorstellen – Er möchte sich rücksichtsvoll rausnehmen, aber genau dadurch verschwimmen seine und meine Meinung.
Undine bekommt durch Ingeborg Bachmann zum ersten Mal eine eigene Stimme. Ist es ein Rückschritt, wenn nun sechzig Jahre später meine Bezüge zu dem Thema von einem Mann bearbeitet und gefiltert werden? Es kann aber auch nicht die Lösung sein, dass sich Männer keinen feministischen Themen widmen dürfen. So stammle ich auch beim Telefonat, welches ich danach mit ihm führe „du kannst ja nix dafür dass du ein Mann bist..“ Und beschreibe ihm meine Bedenken und den Prozess, den das Ganze in mir ausgelöst hat. Er hört geduldig und verständnisvoll zu und bedankt sich für diese Offenheit.
Auf die Frage wie wir dieses Format gemeinsam verändern könnten, so dass wir beide nicht in die Falle tappen, uns wieder auf der Straße zurück zu Friedrich de la Motte Fouqué (Undine 1811), weg von Bachmann zu bewegen, entgegnet er, dass es spannend wäre, etwas Neues zu entwickeln, aber es viel Zeit und Auseinandersetzung bedürfen würde, ich sei aber gerne ganz frei den Text zu verändern und umzugestalten. Mir ist auch bewusst, dass dieses Vorhaben aufwendig wäre, vor allem für einen Artikel, außerdem gibt es Deadlines und plötzlich finde ich mich wieder im „Hans“. Wir haben zu funktionieren, es sollen ja auch Leute lesen und die sollen das interessant finden, nicht zu sperrig, außerdem haben wir das Interview schon gemacht und es wäre schade es wegzuwerfen, es hat schließlich Zeit gekostet und von der haben wir alle nicht viel, und dann hat sich Walter auch bereits die Mühe gemacht es zu transkribieren und ich habe auch gar keine Kapazitäten alles komplett umzuwerfen und neu zu schreiben usw..
Trotzdem kann ich mich von dieser Ebene, die mittlerweile zum Kern meiner Verbindung von „Undine geht“ geworden ist, nicht lösen und so ist es auch für mich nicht ausreichend das Interview marginal zu verändern, oder mit einem Kommentar zu versehen und abzudrucken.
So stehen wir nun da ohne Interview und mit diesem Text. Mit dieser Situation, in welcher ich Walter seine Journalistenrolle entrissen habe, um selbst für mich zu sprechen, sowie auch Bachmanns Undine für sich selbst sprechen ließ. Mit Dankbarkeit dafür, dass ich „Undine geht“ auf diese Weise kennenlernen durfte.
Anna Anderluh_Musikerin_Wien _ Undine geht
Liebe Anna, herzlichen Dank für Deine Teilnahme am Projekt „Undine geht“!
60 Jahre_Undine geht _Erzählung _ Ingeborg Bachmann _
Liebe Vanessa, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Mit Schulbeginn in Wien im September muss ich familientechnisch wieder früher aufstehen und eine gewisse Regelmäßigkeit kehrte wieder ein. Im August habe ich zwar intensiv gearbeitet, aber meistens mit „freier Zeiteinteilung“. Das liegt daran, dass ich zur Zeit viel schreibe und Produktionen vorbereite.
Jeder Tag sieht da etwas anders aus. Meistens fang ich bald nach dem Aufstehen an, alles das abzuarbeiten- oder auch „abzuleben“- falls man so eine Wortschöpfung brauchen kann- was eben gerade ansteht: sei es im Kreativen, im Organisatorischen, im Haushalt oder in Belangen der Familie. Gegessen wird in einem solchen Tagesablauf meistens locker und irgendwann – auch Treffen mit Freunden oder Bewegung und Ausflüge finden meist eher kurzfristig geplant statt. Wenn ich allerdings für meine- „Theaterminiaturen“ oder andere Auftritte probe oder die Aufführung vorbereite, stehe ich früh auf und bin dann den ganzen Tag auf Achse;
Ich bin eigentlich ein gut organisierter Mensch und plane auch gerne, aber in dieser letzten Zeit war der Tagesablauf sehr viel offener und flexibler als gewöhnlich, was ich genieße. Fast täglich stand aber eines auf dem Programm: mich hier irgendwo im 22. Bezirk, wo ich wohne, zwischendurch in eines der vielen Naturgewässer zu hauen!
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Hm, mit der Frage tu ich mir a bisserl schwer, denn es wird doch wirklich für jede/n etwas anderes besonders wichtig sein und wie ist „uns“ hier definiert? Die Lebenssituationen sind so unterschiedlich…
Möglichst umfassend beantwortet, würde ich sagen, die Welt braucht Empathie und das ist wirklich für alle und auch für alles wichtig.
Empathie äußerst sich ja in vielen Formen, eine davon ist echtes Zuhören; die Bereitschaft, Inhalte einmal in aller Ruhe zu erfassen und das Gegenüber und das Gesagte auch in seinem Kontext wahrzunehmen; Wir leben in einer derart hysterisch reaktiven Zeit, es kommt mir wie ein gedankliches Hecheln vor.
Ich lese oder höre oft Reaktionen auf Äußerungen eines anderen Menschen, die beinahe gar nichts mit dessen ursprünglicher Aussage zu tun haben. Man schreit dann nur mehr seine eigenen Projektionen heraus. Das vergiftet das gesellschaftliche Klima schon sehr. Ein Bemühen, den anderen wirklich zu erfassen- also dieses empathische Zuhören- halte ich für sehr wichtig; sonst sind wir überhaupt nicht mehr in der Lage zu einem klaren gesellschaftlichen Diskurs und zu klarsichtiger Differenzierungsfähigkeit. Und DAS ist dann tatsächlich eine Gefährdung in einer Demokratie. (wobei ich nicht der Ansicht bin, dass man sich- gerade jetzt- auf jede noch so absurde Diskussion einlassen sollte. Freundlich schweigen?)
Empathie äußert sich auch in Wohlwollen; ein altmodisches Wort, aber gut zu gebrauchen. Ich würde es mir vor allem für Politiker und Führungskräfte wünschen und es als zu Grunde liegende Motivation ihres Handelns ansehen. (ich halluziniere nicht, bin immer noch bei der Beantwortung der Frage)
Empathie ist natürlich vor allem die Fähigkeit, sich in die Situation eines/r Anderen hineinzuversetzen und die nächste Stufe ist dann Mitgefühl. Wenn wir die Verrohungstendenzen auf politischer und gesellschaftlicher und medialer Ebene nicht bald in den Griff kriegen, können wir uns meiner Meinung nach von unseren vielgeliebten europäischen Werten verabschieden. Denn dann gibt es dieses Europa nicht mehr. Also Empathie als wichtiger Kulturerhalt, würde ich sagen.
Auch hier, im Kleinen, auf unseren Strassen. Soll ja vorkommen, daß z.B. ein Mensch stolpert, ein Kind sich verlaufen hat…wenn dann alle Umstehenden oder -gehenden sich überhaupt nicht betroffen fühlen und keine/r seinem natürlichen Instinkt zu helfen folgt – dann frage ich mich schon. Echt jetzt?
Also ein sehr wesentlicher Ausdruck von Empathie ist auch die einfache, ganz simple Freundlichkeit. Ein schönes Wort übrigens.
Freundlichkeit als Trend, das wär doch mal was..
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?
Das ist ein optimistischer Ansatz und ich hoffe, es stimmt; dass die Gesellschaft einen Neubeginn erkennt und der einzelne Mensch einen Aufbruch. (und nicht einfach „nur“ eine Rückkehr zur alten Normalität)
Wesentlich wird dabei eine Art von Evaluierung sein, nehme ich an, eine persönliche und gesellschaftliche Reflexion. Welche Werte und Gegebenheiten gehören unbedingt wiederhergestellt und bewahrt, weil sie unsere Gesellschaft ausmachen, aber welche Errungenschaften und positiven Impulse gab und gibt es auch in dieser Zeit? Was können wir uns an Erkenntnis und Entwicklungspotential mitnehmen?
Theater und Kunst sind immer Nahrungsmittel der Seele und Spiegel der Gesellschaft. Gerade jetzt erfüllen sie diese Funktionen umso mehr. Die Menschen haben ein Bedürfnis nach der unmittelbaren Erfahrung des Theaters an sich; das allein nährt schon. Natürlich kann und wird Kunst das kollektive Erleben verarbeiten, künstlerisch umsetzen und formal darauf reagieren. Sei es durch neu entstehende Projekte und Spielformen oder durch die Erkenntnis archetypischer menschlicher Erfahrung in klassischen Werken.
Mich interessieren Theater und Kunst mit einer Vision. Das bedeutet weder das Aussparen von Tragik noch von Komik, noch von Wahrheit- aber ich möchte die Menschen mit einem Gefühl von Inspiration aus einem Stück kommen sehen, mit einer Aussicht, einem Funken, einer Möglichkeit, die sie für sich selbst empfinden. Aus dem Theater zu kriechen mit dem Gefühl- es ist eh alles sinnlos- what for? Ich glaube an das menschliche Bedürfnis, einander zu stärken. Theater und Kunst können das ohne Kitsch und auf vielen Ebenen bringen.
Was liest Du derzeit?
Mehreres gleichzeitig (mir fällt da natürlich ein, daß meine Eltern immer gesagt haben, dass man das nicht tun soll- „schlecht für die Aufmerksamkeit“. Angesichts der Info-Häppchen, die man sich heutzutage über social media reinzieht, eine fast rührende Erziehungsmaßnahme)
Den siebenten Band aus der Krimireihe „Flavia de Luce“ von Alan Bradley, ein Geschenk meiner Schwester.
Etwas eingerostet schmökere ich durch einen informativen französischen Ausstellungkatalog über Eileen Gray und Le Corbusier- aus beruflichen Gründen, aber auch aus privatem Interesse.
Eva Sternheim-Peters „Habe ich denn allein gejubelt?“ Eine Jugend im Nationalsozialismus. Ein Buch, das einen länger begleitet.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Vielen Dank für das Interview liebe Vanessa, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Liebe Roberta, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Kaffee, Chanten, Spaziergang mit den Hunden, ein wenig Yoga, wieder Kaffee, dann kann die Arbeit beginnen: E-Mails erledigen, schreiben und planen, meistens am Computer – bis die Zeit reif ist, mit dem Geschaffenen auf die Bühne zu gehen. Und wenn abends kein Theater ist, gemütlich mit meinem Mann essen, bei einem Glas Wein und einem guten Film oder auch einer Fernsehserie. Man lernt immer noch etwas dazu.
Roberta Cortese 2020 _ Schauspielerin, Theatermacherin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Uns nicht zu verlieren und Dialog eine Chance zu geben. Hinhören, zuhören, immer versuchen, anderen mit Respekt und Mitgefühl gegenüberzustehen, auch wenn man anderer Meinung ist, damit keiner auf der Strecke bleibt. Und lernen, Einheit in der Vielfalt zu finden, Vielfalt als bereichernder Wert zu schätzen.
Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater, der Kunst an sich zu?
Für mich sind Theater und Kunst immer schon ein kräftiges Mittel gewesen, vor allem soziale Dynamiken kritisch anzugehen, auch wenn man scheinbar von etwas anderem erzählt. Man soll verkrustete Denkweisen in eine neue Perspektive setzen, dann kann man sie mit neuen Augen betrachten.
Sex, Lügen und Odysseus_Szenenfoto _ Roberta Cortese in szenischer Lesung als Nausikaa, eine Sirene und Polyphem.
Was liest Du derzeit?
Auf meinem Nachtkästchen steht Homers Odyssee – die ich zum hundertsten Mal lese, aber diesmal in der englischen Übersetzung von Emily Wilson, ein Meisterwerk der Lyrik an sich. Gleichzeitig lese ich aber viele anderen Texten für meine aktuelle Recherche über Autorinnen, die eben die Odyssee neu erzählen: darunter viel Lyrik, aber auch Romane und Essay. Und ganz oben auf meiner Liste steht zurzeit natürlich Sex, Lügen und Odysseus der Britin Judith Kazantzis, ein poetic drama, das ich am 18.10. und 7.11. in der TheaterArche als szenische Lesung mit Musik präsentiere (Infos darüber hier).
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
In diesem Sinne, der allerletzte Satz aus dem Monolog die letzte odyssee von Miroslava Svolikova, den ich gerade das Glück habe, in der TheaterArche Produktion Odyssee 2021 zu sprechen: „der weg ist nie zu ende“. Also Ärmel hoch.
Vielen Dank für das Interview liebe Roberta, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Theater-, Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:
Roberta Cortese – Schauspielerin und Theatermacherin
Liebe Carmen, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Mein Tagesablauf ist immer anders, da ich ja freiberuflich tätig bin, die meiste Zeit zumindest. Er ist ständig im Wandel, hat aber auch klare Strukturen, was die Tanzvermittlung betrifft.
Carmen Maria Pratzner_ Tänzerin, Choreografin, Tanzpädagogin, Kunsthistorikerin BA,BA
Den ganzen Sommer über sah er ganz anders aus als er in zwei Wochen sein wird. Ich steh auf, restauriere mich im Bad, frühstücke und gehe trainieren/proben bzw. hatte Vorstellungen, dann Abendessen und schlafen gehen. Da bleibt oft auch nicht viel Zeit bzw. Kapazitäten für andere Dinge. Das sind aber sich immer ändernde zeitlich begrenzte Situationen.
Jetzt im Herbst beginne ich mit der Ausbildung zur Physiotherapeutin an der FH St.Pölten. Das wird spannend und ein ganz neuer Tagesablauf – ein sehr geregelter Ablauf – tagsüber studieren, abends unterrichten, WE proben – dazwischen leben.
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Obwohl ich nicht für andere sprechen kann, fände ich es enorm wichtig, dass die Menschen sich annähern, austauschen und einander aufmerksamer zuhören. Sich aufs Gemeinsame konzentrieren und nicht aufs Trennende – Andersartige. Jede Person ist anders aber wir sind alle Menschen. Das betrifft sehr viele Bereiche unserer Gesellschaft. Die Freiheit, die wir uns hart erkämpft haben, sollten wir uns nicht selbst wieder kaputtmachen.
Ich verstehe mich als Weltenbürgerin und lebe in einer Gesellschaft, einer Gemeinschaft. Mir ist wichtig, dass dieses Zusammenleben funktioniert, weshalb ich meinen Teil dazu beitrage. Das ist nicht immer sehr einfach, aber die Vorteile überwiegen. Leider habe ich das Gefühl, dass gerade sehr viel zerbricht und Politik und Gesellschaft nur dabei zusehen. Die Gier und der Egoismus nehmen überhand, es spaltet sich immer mehr auf, anstatt dass wir zusammenkommen. Oft fehlen auch in der Kommunikation klare Grenzen; persönliche Freiheiten hören da auf, wo ich damit einem anderen Lebewesen/Mitmenschen Schaden zufüge.
Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Tanz, der Kunst an sich zu?
Machen wir das nicht immer? Ist es nicht ein ständiger Aufbruch in etwas Neues? So ist das Leben. Ein bisschen mehr Ruhe und Genuss, Wertschätzung und Wohlwollen, Bewusstsein für unsere Umwelt und weniger Arbeit würde ich uns wünschen.
Außerdem mehr Wertschätzung für Kunst und Kultur. Wir sind keine Branche mit der man sich dekorieren kann, und gleichzeitig alles daran setzt sie mehr und mehr kaputt zu sparen. Wir Kulturschaffende leisten sehr viel harte Arbeit, die die Gesellschaft bereichert und was wären wir ohne Kultur?
Kunst hat eine wichtige, reflektierende und auch kritisierende Rolle in der Gesellschaft. Sie bietet andere Blickweisen, inspiriert und berührt uns, philosophiert, politisiert, tritt in Dialog, provoziert und vieles mehr
Tanz ist ein Teil „der Kunst“. In Österreich, aber vor allem in Wien braucht er aber definitiv mehr Sichtbarkeit, mehr Unterstützung, mehr Raum. Früher eigens geschaffene Häuser haben sich von ihrer Kernaufgabe leider weit entfernt. Es gibt soviele wunderbare Tänzer:innen in der Stadt, im Land, welche aber vor große Herausforderungen gestellt werden. Es besteht meiner Meinung nach ein eklatanter Mangel an Spielorten, Trainingsmöglichkeiten, und vor allem an geeigneten Proberäumen. Tanz wird nicht Ernst genommen. Meines Wissens gibt es derzeit keinen einzigen Ort, keine einzige Bühne in ganz Österreich, die einzig dem Tanz gewidmet ist.
Das sehe ich als ein Problem. Tänzer:innen brauchen Platz und geeignete Infrastrukturen. Ich bin immer wieder beeindruckt, was viele Kolleg:innen auf sich nehmen, um weiterhin Tanz zu schaffen und Tanz präsentieren zu können.
Ich denke Tanz leidet auch darunter, oft als feminin und dekorativ empfunden zu werden. Tanz muss sich immer noch emanzipieren und dafür kämpfen als eigene Kunstform ernstgenommen zu werden. Im Gegensatz zur Musik oder anderen darstellenden und bildenden Kunstformen wurde Tanz auch noch lange nicht ausreichend wissenschaftlich/kulturhistorisch aufgearbeitet.
Was liest Du derzeit?
eine Empfehlung von einem Kollegen: „the conspiracy against the human race“ von Thomas Ligotti. Das erste non-fiction Werk vom Autor, der eigentlich im übernatürlichen Horror-Genre schreibt.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Einen kleinen Ausschnitt aus einem Text von Kae Tempest, der im letzten Projekt, bei welchem ich engagiert war, vorkam und mich gerade jetzt sehr berührt hat:
„But, when time pulls lives apart
Hold your own
When everything is fluid, nothing can be known with any certainty
Hold your own
Hold it till you feel it there“
Carmen Maria Pratzner_ Tänzerin, Choreografin, Tanzpädagogin, Kunsthistorikerin BA,BA
Vielen Dank für das Interview liebe Carmen, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Tanz-, Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:
Carmen Maria Pratzner_ Tänzerin, Choreografin, Tanzpädagogin, Kunsthistorikerin BA,BA
Lisa Schmid_Kabarettistin, Schauspielerin, Sängerin _ David Poglin, Musiker _ am Friedhof St.Marx_Wien
Liebe Lisa, wann hast Du zuletzt an den Tod gedacht?
Heute. Einerseits wegen dem Interview hier am Sankt Marxer Friedhof, andererseits, weil ich vorher mit David Poglin, meinem Musikkollegen am Zentralfriedhof war. Wir haben ein paar organisatorische Sachen für mein Kabarettprogramm „Ehrengrab“ erledigt. Ich spiele nämlich das Programm am 22.10. in der Aufbahrungshalle. Außerdem werden wir auch Musik machen.
Warum hast Du den Wiener Biedermeier Friedhof St.Marx, der jetzt eine Parkanlage ist, für das Interview gewählt?
Ich mag diesen Friedhof, weil er so verwachsen und geheimnisvoll ist. Auch wegen der wunderbaren Natur, zum Beispiel die Fliederblüte im Frühling, das ist echt besonders. Ich bin sehr gerne hier.
Der Tod ist Thema Deines Kabarettsoloprogrammes und auch Deiner Musik. Verändert dies auch Deine persönliche Sicht von Leben und Tod?
Meine Oma hat immer gesagt, dass der Mensch während dem Leben das Sterben lernen sollte. Jede Auseinandersetzung mit dem Tod, egal ob künstlerisch oder im Gespräch, ist eine Vorbereitung auf den Tod – und somit ein „Sterben – lernen“.
Wien wird als eine Stadt bezeichnet, in welcher Tod und Ritual, Begräbnis, einen bestimmenden Raum in Gesellschaft, Kunst und Kultur einnimmt. Wie nimmst Du dies wahr?
Wien ist halt eine morbide Stadt. Am Wiener Zentralfriedhof sind mehr Menschen begraben als in dieser Stadt leben. Wir lassen hier die Toten nicht los. Der Tod schwingt in dieser Stadt immer mit – und ist – vor allem in der Wiener Musik Thema. Er wird verehrt und gefürchtet zugleich. Meine Oma hat dem Tod gerne augenzwinkernd entgegengelacht. Dieser humoristische Zugang begleitet mich bis heute. Bis zur Bühne (lacht).
Dein Solo Kabarettprogramm trägt den Titel „Ehrengrab“ und nimmt damit die Wiener Begräbniskultur thematisch auf. Wie kam es zu diesem Programm und fließen dabei auch persönliche Gedanken zu Tod und Begräbnis ein?
Als Wiener Künstlerin*er ist ja ein Ehrengrab vielleicht auch so ein persönliches Ziel (lacht). Nicht für alle, Georg Danzer wollte das ja nicht. Ich kann mir das aber schon gut vorstellen (lacht).
Mein Kabarettprogramm „Ehrengrab“ hatte 2019 als 90min Programm Premiere. Coronabedingt gab es dann eine Pause und jetzt eine 60min Version mit anschließender Musik.
Ich mache mir oft Gedanken über meinen Tod und mein Begräbnis. Ich halte das auch für wichtig. Man sollte vorab einen Plan haben – und den habe ich auch.
Wie ist Dein persönlicher Plan für das Begräbnis?
Ich möchte meine Familie damit überraschen (lacht). Sie dürfen dann eine Dose öffnen und da steht dann drinnen wie ich mir alles vorstelle. Deshalb brauche ich auch ein Ehrengrab – sonst lässt sich das vielleicht eher nicht finanzieren (lacht).
Wie kam es zu Deinem Kabarett-Programm „Ehrengrab“?
Meine Mama war in meiner Kindheit sehr krank und der Tod war immer Thema in unserer Familie. Meine Oma hat mir dann die Angst davor genommen. Sie ist zum Beispiel mit mir auf Begräbnisse gegangen. Oft auch auf fremde. Das war schon schräg – aber ich bekam früh eine Wahrnehmung – einen Zugang – der bei aller Intensität der Trauer immer vom Humor meiner Oma geprägt war. Ich finde ja sowieso, man kann Kindern den Tod, direkt und ungeschönt, erklären. Und eigentlich war meine Oma dann auch der Grundstein für mein Kabarettprogramm.
Ich finde ja Kabarett darf mehr als zum Lachen zu bringen. Verstören, schockieren, zum Weinen und zum Nachdenken bringen.
Bei „Ehrengrab“ kann man all das – wenn man sich darauf einlässt.
Gibt es bestimmte Impulse, die Du Deinem Publikum mitgeben willst?
Da muss man sich hinsetzen in die Vorstellung, dann bekommt man diese (lacht).
Wie darf man sich Deinen Spaziergang mit der Oma auf den Friedhof in Kindheitstagen vorstellen? Gab es da etwa bestimmte Rituale davor, danach?
Meine Oma ist jetzt 89 Jahre alt und wir spazieren auch heute noch am Friedhof, natürlich etwas langsamer – aber nicht immer wegen meiner Oma (lacht). Bei Spaziergängen in der Kindheit haben wir oft über Grabinschriften gelacht. Wenn wir fremde Beerdigungen „gecrasht“ haben wir aber schon wirklich Anteil genommen.
Wird Deine Oma bei der Vorstellung am Zentralfriedhof dabei sein ?
Meine Oma ist bei fast jeder Vorstellung dabei. Ich werde am 22.10. aus einem Sarg, der von der Bestattung Wien hereingetragen wird, heraussteigen. Meine Oma sagte dazu, dass sie sich darauf freut, weil sie ja bei meiner „echten Beerdigung“ einmal eher nicht dabei sein kann (lacht).
Das Publikum freut sich auch immer, wenn meine Oma vor Ort ist, da sie ja im Programm sehr präsent ist. Nach der Vorstellung ist meine Oma oft der Mittelpunkt, was mich manchmal eifersüchtig macht (lacht).
Für den Flyer zu „Ehrengrab“ liegst Du in einem Sarg. Wie kam es dazu und wie war dieser so direkte Zugang zum Tod für Dich?
Die Sarglogistik der Bestattung Wien hat mir für das Foto einen Sarg zur Verfügung gestellt. Und den durfte ich mir dann auch aussuchen. Ich habe ihn wirklich so gewählt, wie ich ihn in der Zukunft gerne hätte. Weiß, mit grüner Einbettung und goldenen Beschlägen (lacht). Es war nicht schlimm für das Foto kurz im Sarg zu liegen. Ich werde ja sowieso, wenn es soweit ist, nur kurz im Sarg liegen – ich plane ja dass ich einmal in Flammen aufgehe.
Ein Erdbegräbnis wie hier am Friedhof St.Marx möchtest Du nicht?
Es soll bei meinem Begräbnis eine Aufbahrung in einem offenen Sarg geben. Und es soll auch gerne geweint werden. Bei mir muss eigentlich jeder weinen, das verdiene ich mir schon (lacht). Anschließend will ich verbrannt werden. Die Urne soll dann im Stillen beigesetzt werden.
Warum wünscht Du Dir ein Feuerbegräbnis? Ist dies in Verbindung zum Bewusstsein von Kunst und Verzehren, Verschwinden zu sehen?
Flammen und Feuer haben in jedem Fall mit Leidenschaft zu tun. Im Leben – sowie in der Kunst – deshalb will ich es auch so beenden. Der Gedanke in Flammen aufzugehen, ist für mich schöner, als gefangen im Sarg unter der Erde zu sein, bis man langsam verwest. Das dauert ja eine Zeit, da ist das Verschwinden im Moment für mich wünschenswerter.
In welchem Friedhof möchtest Du bestattet werden?
Am Wiener Zentralfriedhof, für mich der schönste Platz der Welt. Wohnen würde ich in Simmering nicht unbedingt so gerne – aber begraben sein dort ist voll ok (lacht).
Wie siehst Du die Beziehung von Tod und Erotik, die auch hier am Biedermeier Friedhof in den Grabskulpturen zu sehen ist?
Ich denke die Skulpturen der halbnackten, jungen Frauen sind einfach Ausdruck von Sehnsucht und Begehren. Das passt ja sehr gut zum Tod.
Wie ist Dein Programm „Ehrengrab“ inhaltlich aufgebaut?
Es beginnt mit einer Trauerrede. Meiner eigenen. Und den Rest sollte man sich selbst ansehen (lacht).
Der Tod ist ja weitestgehend ein gesellschaftliches Tabuthema. Braucht es da einen offeneren Umgang?
Ja, auf jeden Fall. Das Thema Tod sollte offen betrachtet und besprochen werden, es betrifft uns ja alle. Niemand kommt hier lebend raus. Mit „Ehrengrab“ gebe ich dem Publikum einen Vorschlag für einen Zugang – den kann man wählen oder nicht.
Wie kam es zu Eurer musikalischen Zusammenarbeit und zum musikalischen Element im Programm?
Lisa: Vor eineinhalb Jahren wollte ich Gitarre spielen lernen und habe dann David kennengelernt. Kurz darauf wurde er mein Lehrer.
David: Ich habe am Konservatorium Wien Gitarre studiert und dort auch immer selbst nebenbei Privatunterricht gegeben. Lisa hat sich dann bei mir mit einer Anfrage zum Unterricht gemeldet. Bald ergab sich daraus dann auch unsere musikalische Zusammenarbeit.
Lisa: Ich wollte immer schon irgendwas mit Musik machen – habe mich aber nicht so recht getraut. David motivierte mich im Unterricht dazu Melodien und Worte zu finden. Ich war dann Anfang 2020 in Venedig. Dort spazierte ich durch die Erinnerung an meinen Großvater, zu dem ich eine sehr innige Beziehung hatte und mit dem ich oft in Venedig war. Und plötzlich war der Text zu unserem 1. Lied „Venedig“ da. Zurück in Wien gab ich den Text David – und er komponierte dann um diese Worte herum – und dann war „Venedig“ geboren.
Danach dachte ich dann, ich kann nie mehr ein Lied schreiben. Und das denke ich mir jedesmal. Jetzt sind es aber schon zehn Lieder (lacht). Einfach alle so passiert.
Nach dem vierten Lied schickten wir ein Demoband an ein Plattenlabel und haben dann einen Vertrag bekommen. Seitdem haben wir zwei Singles veröffentlicht und das erste Album ist für März 2022 geplant. Ich hoffe, das geht sich alles aus (lacht).
Die Musik ist halt passiert, weil sie sowieso immer schon da war, nur halt versteckt (lacht).
Unsere Zusammenarbeit ist für mich eine Fügung. David ist ein begnadeter Musiker.
David: Für mich als Musiker ist es wichtig in unserem Projekt, den Text in den Mittelpunkt zu stellen und dass die Musik diesen gleichsam trägt. Es geht darum musikalisch simpel zu sein, aber nicht zu simpel. Das war die große Herausforderung. Ich komme musikalisch aus dem Jazz und Blues. Da geht es musikalisch schon anders zur Sache als beim Wienerlied. Das war für mich ein ganz neuer Ansatz in diesem Projekt. Simpel aber doch catchy (lacht).
Die gute Zusammenarbeit von Euch ist jetzt im Fotoshooting und Interview spürbar. Wie war denn der Beginn der Zusammenarbeit als Schülerin und Lehrer im Gitarreunterricht?
David: Es war von Beginn an eine sehr angenehme Zusammenarbeit. Lisa war immer sehr neugierig und interessiert Neues zu lernen, aber gleichzeitig sehr ungeduldig (beide lachen). Lisa möchte immer gleich alles und sofort in kürzester Zeit. Aber es braucht Zeit.
Lisa: Dafür ist der David halt sehr geduldig. So ergänzt sich das. Wobei er schon manchmal an mir verzweifelt (lacht).
Wie verläuft euer gemeinsamer Prozess der Liederarbeitung?
Lisa: Oft ist es so, dass bei mir Textelemente da sind, eine Zeile – manchmal mehr. Manchmal aber auch eine Melodie oder ein paar Akkorde. Oder David komponiert ein Lied – und das ist dann einfach da. Das war zum Beispiel bei „Seitengossn“ so. Zunächst fiel mir dazu kein Text ein, ich begann ein Liebeslied zu schreiben, dann ein Lied über das Cafè Jenseits – aber es passte einfach nicht. Es fühlte sich einfach falsch an. Und dann kam der Terroranschlag 2020 und in dieser Nacht schrieb ich innerhalb von zwei Stunden den Text zu Davids Komposition. Es ist so als hätten die Akkorde darauf gewartet. Plötzlich fühlte es sich richtig an.
Es ist sehr unterschiedlich, aber meist braucht es einen Anstoß, ein unmittelbares Erleben, dass ich schreiben kann.
Welche Themen greift Ihr in eurer Musik auf?
Lisa: Der Tod spielt eigentlich in jedem Lied eine Rolle. Aber auch die Sehnsucht. Vielleicht auch die Sehnsucht nach dem Tod. Nach dem eigenen.
David: Es ist auch die Sehnsucht sehr bei sich zu sein. Und die Sehnsucht nach der Unfreundlichkeit (beide lachen).
Lisa: Ja in unserem Lied „Wien gegen die Welt“ geht es um die Wiener Unfreundlichkeit. Ich wünsche mir ja, dass die Wiener wieder unfreundlicher werden. Es hat sich so ein freundlicher Ton eingeschlichen, das ist ganz komisch für unsere Stadt. Diese freundlichen Menschen plötzlich überall, das halte ich gar nicht aus. Vor allem auch im siebten Bezirk, wo David wohnt.
David: Schimpf` nicht über den Siebten (lacht).
Lisa: Ja der 7. Bezirk kann eh nix dafür. Das ist halt der Neoliberalismus. In der guten alten Sozialdemokratie hätte es sowas nicht gegeben (lacht).
In Eurem Lied „Venedig“ geht es um Liebe und deren Bewusstsein vom Ende schon im Lieben selbst. Ist das Ende immer ein Teil der Liebe?
David: Es muss immer irgendwann ein Ende in der Liebe geben. Entweder ist es der Tod oder ein Zerwürfnis. Irgendwo ist immer das Ende, das stimmt schon.
Lisa: Schön ist, wenn der Tod die Liebe beendet. Alles andere ist immer sehr traurig.Wenn der Tod die Liebe beendet, ist es etwas Schönes.
Ist Wien eine Stadt der Liebe?
Lisa: „Aber in Wien heilt die Liebe an jeden Schmerz“, heißt es in „Seitengossn“.Es ist schon eine Stadt der Liebe. Zumindest bei dem Lied bin ich der Meinung (lacht).
David: Auf eine eigene Art und Weise ist Wien eine Stadt der Liebe. Nicht auf die klassische Art.
Lisa: Ja, auf eine sehr eigene Art.
Welche persönlichen Zugänge hast Du, lieber David, zum Tod als Thema der Musik.
David: Ich bin vom Tod eigentlich ziemlich unberührt was persönliche Erfahrungen betrifft. Bis auf den Tod der Cousine meiner Mutter, der sehr tragisch war. Allerdings hatte ich da nicht so ein nahes Verhältnis. Daher war es nicht so krass. Aber traurig schon, speziell weil ich meine Cousinen weinen gesehen habe.
Welche Beziehung hast Du, lieber David, zum eigenen Tod, zur Endlichkeit des Lebens?
David: Ich hatte als Kind extreme Angst vor dem Sterben und ich habe viel darüber nachgedacht – wie es ist, wenn ich alt bin und sterbe. Es ist schon bizarr, dass man als Kind diese Gedanken hat und als Erwachsener dann nicht mehr. Bei mir ist das zumindest so.
Lisa sagt ja immer, der Tod ist das „happy end“ und so sehe ich es auch. Wenn das Leben zu Ende geht und der Tod eintritt, ist es wie bei einem Marathonlauf. Du hast dein Leben absolviert, fertig, gratuliere.
David Poglin am Grab W.A.Mozarts
Liebe Lisa, wie versteht Du dieses „happy end“ des Todes?
Lisa: Das Leben ist halt ein Warten aufs Sterben. Man kann sich diese Warterei schön gestalten, das Beste aus der Warterei rausholen. Das ist wie, wenn ich auf den Bus warte. Ich kann mich über dieses Warten aufregen und aus dieser Zeit nichts machen oder ich kann ein schönes Buch lesen, während ich warte.
Während ich auf den Tod warte, kann ich das Leben gestalten, schön gestalten. Je nachdem was ich als schön empfinde. Für mich ist es schön, das machen zu dürfen, was ich gerne mache, für dass ich brenne. Solange ich das machen kann, ist es kein unnötiges Warten.
David: Wir sitzen ja hier beim Mozart Grab. Ich finde, es geht um den Fingerabdruck den man in der Welt hinterlässt. Es gibt einen Anfang und ein Ende. Und dann gibt es noch unser eigenes Vermächtnis. Das ist für mich persönlich der Sinn des Lebens. Dass man etwas macht/schafft, es nach dem Ableben etwas gibt, worüber Menschen reden können.
(Das Mozart Grab wird gerade von einer Besucher*innengruppe aufgesucht und fotografiert)
So ist es. Es geht um den Fingerabdruck und viele hundert Jahre danach kommen Leute her und feiern. Das ist cool und das würde ich mir auch wünschen.
Tod ist ja auch mit Angst behaftet. Hilft da das gemeinsame künstlerische Arbeiten an diesem Thema?
Lisa: Ich habe keine Angst vor dem Tod, aber es ist schön sich gemeinsam musikalisch mit diesem Thema auseinander zu setzen. Allein wäre es vermutlich langweilig.
Vor dem eigenen Tod habe ich keine Angst.
David: Ich habe auch keine Angst vor dem eigenen Tod.
Wir sitzen zum Interview jetzt bei der Grabgedenkstelle Mozarts (Wolfgang Amadeus Mozart wurde 1791 hier am Friedhof St.Marx in einem Schachtgrab beigesetzt). Gibt es von Dir, liebe Lisa, musikalische, persönliche Bezüge zu Mozart?
Eigentlich nicht. Als Kind war ich einmal als Nannerl (Maria Anna Mozart_ältere Schwester von Wolfgang Amadeus Mozart) verkleidet.
Ein Friedhof wie hier stellt ja auch die Frage was passiert nach dem Tod? Welche persönlichen Hoffnungen gibt es da? Wie seht Ihr das?
Lisa: Ich glaube, dass der Zeitpunkt deines Todes bei deiner Geburt bestimmt ist. Dem kannst du nicht entkommen. Wege können variieren, aber der Zeitpunkt bleibt bestimmt. Und ich glaube, danach ist es aus. Das wars dann. Ich glaube nicht an ein Leben nach dem Tod.
David zu Lisa: Das ist aber schon sehr unökologisch.
Lisa zu David: Warum?
David: Du lebst und dann ist es vorbei. Das ist wie, wenn ich ein Plastiksackerl vom Billa mitnehme und dann weghau‘.
Lisa: Ja.
David: Traurig.
Lisa: Wir werden es dann alle erfahren. Der Tod ist die Lösung. Man stirbt und dann erfährt man alles – das große Geheimnis.
David: Stell` Dir vor, jeder Mensch ist ein Plastiksackerl. Und Millionen von Jahre werden Plastiksackerl permanent weghaut. Das ist eine große Verschwendung. Ich glaub` nicht, dass es so ist.
Lisa: Ich glaub` schon.
David: Schau` (zeigt auf die Wiese).
Beide lachen.
(Ein Hamster ist in der Wiese zu sehen)
Eine Grabinschrift hier auf dem Friedhof lautet – „Sie ist jetzt in einem besseren Leben“. Wie seht Ihr das Verhältnis von Leben und Tod, Diesseits und Jenseits?
Lisa: Das ist sehr romantisch, aber ich glaube nicht daran.Ich glaube nicht, dass es nach dem Tod weitergeht, dass man an die Himmelstür klopft oder in die Hölle kommt oder dass es eine Wiedergeburt gibt. Es ist einfach aus. Der Zeitpunkt des Todes – das ist für mich Schicksal. Davor hast du deine Chance zu leben und es wäre gut diese eine zu nützen (lacht).
David: Ich glaube, dass Dein Bewusstsein in einer anderen Person weiterleben kann. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich, dass ein Ich, in Millionen von Jahren nur ein einziges Mal existiert. Das geht sich nicht aus in meinem Kopf.
In welchen emotionalen Momenten entstehen Eure Lieder bevorzugt und welche Emotionen greift Ihr thematisch auf? Wie lange braucht der Entstehungsprozess?
Beide: Das ist total unterschiedlich.
David: Unser Lied „Venedig“ ist dunkel und traurig, „Wien gegen die Welt“ hingegen ist lustig. Das Lied „Seitengossn“ ist motivierend, treibt an.
David: Manchmal sind es Monate, manchmal Stunden, Minuten, in denen ein Lied entsteht.
Die Komposition, der Text sind unabhängig von der unmittelbaren emotionalen Situation und nicht an diese gebunden.
Lisa: Das Lied „Namenlos“ zum Beispiel. Darin geht es um ein Gespräch am Friedhof der Namenlosen. Die Thematik ist traurig, aber ich war nicht traurig als ich es geschrieben habe. Es war für mich eine Auseinandersetzung mit dem eigenen Tod, ein Nachdenken. Auch über das Tabuthema Selbstmord. Ich denke, jeder hat/hatte schon solche Gedanken, wenn sich eine Ausweglosigkeit stark aufbaut. Im Lied geht es um den Moment des Zurückholens, des Wieder-ins-Leben-finden.
David: Der Kompositionsprozess von „Namenlos“ war sehr schnell, wir haben unsere Ideen, Vorstellungen ausgetauscht und am nächsten Tag war es fertig.
Lisa: Manchmal dauert der Prozess halt länger. Ich muss den Text wirklich so meinen, sonst kann/darf das nicht ein Lied werden. Sobald ich ein Wort dabei nicht wirklich meine, nicht fühle, dann geht das nicht.
Ich hoffe einfach, dass wir noch viele Ideen haben und ich das weitermachen darf. Persönlich glaube ich immer, dass es nach jedem Lied aus ist und ich freue mich immer sehr, wenn es weitergeht (lacht).
Ist die Fertigstellung eines Liedes mit dem Tod vergleichbar?
Lisa: Ja – ich habe nach jedem fertigen Lied Angst vor dem Tod der Kreativität.Was, wenn diese mit dem vollendeten Lied auch stirbt? Ich hoffe immer, dass es musikalisch weitergeht. Das ist nicht fix, dass es so ist. Es kann jederzeit vorbei sein, mit diesem Bewusstsein arbeite ich auch. Das ist wohl auch der Grund für meine Ungeduld, dass alles schnell gehen muss. Ich will künstlerisch etwas erschaffen. Man muss weitertun, sonst stirbt es.
Gibt es bestimmte Jahreszeiten, die Ihr beim Komponieren, Schreiben bevorzugt?
David: Sommer ist ganz schlimm. Das ist eine Stehzeit.Ich mag den Sommer nicht. Da passiert gar nichts.
Lisa: Es wäre jetzt schön, wenn man wie Nino aus Wien die Antwort geben könnte „Ich kann immer ein Lied schreiben“.Aber das ist nicht so. Im Sommer ist man so beschäftigt zu leben und das Leben zu genießen.
David: Ja, der Sommer ist da zum Genießen, Erleben, Aufsaugen. Und der Winter da zum Raushauen.
Lisa: Es gibt musikalisch drei Jahreszeiten wo man arbeiten kann und eine halt nicht.Wir sind da eigentlich wie Lehrer (lacht).
David: Heuer war der Sommer aber sehr intensiv was Konzerte betraf. Da gab es oft spontane Einladungsanrufe „Hey, wir haben da noch einen Konzertslot frei in ein paar Tagen, könnt ihr den füllen?“. Da gab es sehr viel mit meiner Band zu tun und es war sehr cool.
Aber der Sommer ist trotzdem Stehzeit, wenn man ein produktiver und kreativer Mensch ist.
Der Friedhof ist für Euch auch ein musikalischer Inspirationsort. Gibt es Rituale, wenn Ihr einen Friedhof wieder verlässt?
Lisa: Rituale nicht, aber hoffentlich, nehmen wir ein Lied mit (lacht).
David: Eigentlich kommen wir immer zu einem Friedhof, wenn wir schreiben wollen. Wenn uns nichts einfällt, kommen wir hierher. Und nehmen etwas mit.
Lisa: Ja genau, einfach kurz herkommen, inspirieren lassen und dann gehen wir wieder (lacht).
David: Ich finde ein Friedhof ist ein sehr inspirierender Ort.
Lisa: Am Zentralfriedhof gehen wir danach oft einen Spritzer trinken, weil da gibt es ein Cafè.Obwohl wir uns als Künstler das gar nicht leisten können, weil zwei Spritzer kosten da 10 EURO (lacht).
David: Eine Priorität muss man halt setzen. Die Gage muss ja gut verwendet werden (lacht).
Lisa Schmid_Kabarettistin, Schauspielerin, Sängerin _ David Poglin, Musiker _ am Friedhof St.Marx_Wien
Herzlichen Dank liebe Lisa, lieber David für das Interview und Fotoshooting an diesen besonderen Wiener Ort – viel Erfolg weiterhin für das wunderbare Kabarettprogramm „Ehrengrab“ wie Eure großartigen Musikprojekte!
Station in St.Marx_Wien:
Lisa Schmid_Kabarettistin, Schauspielerin, Sängerin
Lieber Christopher, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
In der Früh Haferbrei und Gerstengras, dann eine kalte Dusche. Dann eventuell Kaffee. Je nachdem wie gut der Kaffee war, dann was Sinnvolles oder was weniger Sinnvolles. Oder eh an die Arbeit, was auch immer das bedeutet an diesem Tag. Aber auf jeden Fall mindestens einen menschlichen Kontakt. Das ist glaub ich ganz wichtig.
Christopher Korkisch, Schauspieler
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
So abgedroschen es auch klingen mag, aber einander zuhören. Und sich nicht schon eine Antwort zu überlegen, während das Gegenüber spricht.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?
Dieselbe Rolle, die Theater, Schauspiel und Kunst immer hatten; Das auszudrücken, was man nicht so leicht in Worte fassen oder konventionell unterbringen kann. Vielleicht jetzt ein bisschen lauter.
Was liest Du derzeit?
Martin Suter, Joachim Meyerhoff und Albert Uderzo
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Es ist eh alles wurscht. Aber so wurscht auch wieder nicht.
Christopher Korkisch, Schauspieler
Vielen Dank für das Interview lieber Christopher, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Lieber Valentin, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Aktuell wie der normale Theaterwahnsinn kurz vor der Premiere meistens aussieht. Morgens oder Abends Durchlaufproben und zwischendurch noch kleinere Sachen wiederholen, Kritik besprechen, Licht einrichten und Nachts dann noch drüber nachdenken. Wir haben diesen Samstag, 9. Oktober Premiere mit „Die Hexen von Eastwick“ im Theater Westliches Weinviertel und da ist noch einiges zu tun. Aber ich habe das Glück mit einem ganz tollen, unaufgeregtem und mir vertrauendem Ensemble und Team zu arbeiten. Und auf den letzten Metern entsteht ja immer noch am meisten. Es bleibt spannend!
Valentin Werner_Regisseur, Schriftsteller
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Nach der schweren Zeit für alle Kulturmacherinnen, wo wir viel Zeit mit uns selbst verbracht haben, müssen wir wieder zueinander finden. Das gilt für die Zusammenarbeit bei Projekten genauso wie für uns als Gesellschaft. Niemand hat etwas von egoistischem Verhalten und unnötigen Kontroversen.
Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater, der Kunst an sich zu?
Kunst kann verbinden und die Gemeinschaft stärken. In der Kunst- und Kulturbranche wünsche ich mir aber auch mehr Zusammenhalt. Wir müssen Synergien schaffen und für alle die Situation verbessern. Dies betrifft die Freie Theaterszene genauso wie alle nicht komplett staatlich durchfinanzierten Kulturinstitutionen und Kulturmacherinnen.
Und ohne den Glauben, dass Kunst beziehungsweise Theater die Leute berührt und zum Nachdenken anregt, brauche ich nicht weiterzuarbeiten. Wir haben also gerade jetzt eine wichtige, riesengroße Aufgabe, mit der auch eine Verantwortung mit einhergeht.
Was liest Du derzeit?
„Tiere essen“ von Jonathan Safran Foer und als Gegenpol „Kitchen Confidential: Adventures in the Culinary Underbelly“ von Anthony Bourdain. Außerdem liegt noch die „Anleitung zum Unglücklichsein“ auf meinem Nachtisch, das ist ja ein Klassiker, auf den ich schon sehr gespannt bin.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Mich beschäftigt die Klimaerwärmung und unser eigenes Handeln sehr. In „Die Hexen von Eastwick“ sagt passenderweise der Teufel: „Menschen sind wahnsinnig!“ – Beweisen wir ihm doch das Gegenteil!
Die Hexen von Eastwick nach dem Roman von John Updike _ tww-Eigenproduktion
Vielen Dank für das Interview lieber Werner, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Theater-, Literaturprojekte und die kommende Premiere „Die Hexen von Eastwick“ wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!