„Der Tod schwingt in Wien immer mit“ Lisa Schmid, Schauspielerin und David Poglin, Musiker_Station in St.Marx_Wien 10.10.2021

Lisa Schmid_Kabarettistin, Schauspielerin, Sängerin _ David Poglin, Musiker _
am Friedhof St.Marx_Wien

Liebe Lisa, wann hast Du zuletzt an den Tod gedacht?

Heute. Einerseits wegen dem Interview hier am Sankt Marxer Friedhof, andererseits, weil ich vorher mit David Poglin, meinem Musikkollegen am Zentralfriedhof war. Wir haben ein paar organisatorische Sachen für mein Kabarettprogramm „Ehrengrab“ erledigt. Ich spiele nämlich das Programm am 22.10. in der Aufbahrungshalle. Außerdem werden wir auch Musik machen.

Warum hast Du den Wiener Biedermeier Friedhof St.Marx, der jetzt eine Parkanlage ist, für das Interview gewählt?

Ich mag diesen Friedhof, weil er so verwachsen und geheimnisvoll ist. Auch wegen der wunderbaren Natur, zum Beispiel die Fliederblüte im Frühling, das ist echt besonders. Ich bin sehr gerne hier.

Der Tod ist Thema Deines Kabarettsoloprogrammes und auch Deiner Musik. Verändert dies auch Deine persönliche Sicht von Leben und Tod?

Meine Oma hat immer gesagt, dass der Mensch während dem Leben das Sterben lernen sollte. Jede Auseinandersetzung mit dem Tod, egal ob künstlerisch oder im Gespräch, ist eine Vorbereitung auf den Tod – und somit ein „Sterben – lernen“.

Wien wird als eine Stadt bezeichnet, in welcher Tod und Ritual, Begräbnis, einen bestimmenden Raum in Gesellschaft, Kunst und Kultur einnimmt. Wie nimmst Du dies wahr?

Wien ist halt eine morbide Stadt. Am Wiener Zentralfriedhof sind mehr Menschen begraben als in dieser Stadt leben. Wir lassen hier die Toten nicht los. Der Tod schwingt in dieser Stadt immer mit – und ist – vor allem in der Wiener Musik Thema. Er wird verehrt und gefürchtet zugleich. Meine Oma hat dem Tod gerne augenzwinkernd entgegengelacht. Dieser humoristische Zugang begleitet mich bis heute. Bis zur Bühne (lacht).

Dein Solo Kabarettprogramm trägt den Titel „Ehrengrab“ und nimmt damit die Wiener Begräbniskultur thematisch auf. Wie kam es zu diesem Programm und fließen dabei auch persönliche Gedanken zu Tod und Begräbnis ein?

Als Wiener Künstlerin*er ist ja ein Ehrengrab vielleicht auch so ein persönliches Ziel (lacht). Nicht für alle, Georg Danzer wollte das ja nicht. Ich kann mir das aber schon gut vorstellen (lacht).

Mein Kabarettprogramm „Ehrengrab“ hatte 2019 als 90min Programm Premiere. Coronabedingt gab es dann eine Pause und jetzt eine 60min Version mit anschließender Musik.

Ich mache mir oft Gedanken über meinen Tod und mein Begräbnis. Ich halte das auch für wichtig. Man sollte vorab einen Plan haben – und den habe ich auch.

Wie ist Dein persönlicher Plan für das Begräbnis?

Ich möchte meine Familie damit überraschen (lacht). Sie dürfen dann eine Dose öffnen und da steht dann drinnen wie ich mir alles vorstelle. Deshalb brauche ich auch ein Ehrengrab – sonst lässt sich das vielleicht eher nicht finanzieren (lacht).

Wie kam es zu Deinem Kabarett-Programm „Ehrengrab“?

Meine Mama war in meiner Kindheit sehr krank und der Tod war immer Thema in unserer Familie. Meine Oma hat mir dann die Angst davor genommen. Sie ist zum Beispiel mit mir auf Begräbnisse gegangen. Oft auch auf fremde. Das war schon schräg – aber ich bekam früh eine Wahrnehmung – einen Zugang – der bei aller Intensität der Trauer immer vom Humor meiner Oma geprägt war. Ich finde ja sowieso, man kann Kindern den Tod, direkt und ungeschönt, erklären. Und eigentlich war meine Oma dann auch der Grundstein für mein Kabarettprogramm.

Ich finde ja Kabarett darf mehr als zum Lachen zu bringen. Verstören, schockieren, zum Weinen und zum Nachdenken bringen.

Bei „Ehrengrab“ kann man all das – wenn man sich darauf einlässt.

Gibt es bestimmte Impulse, die Du Deinem Publikum mitgeben willst?

Da muss man sich hinsetzen in die Vorstellung, dann bekommt man diese (lacht).

Wie darf man sich Deinen Spaziergang mit der Oma auf den Friedhof in Kindheitstagen vorstellen? Gab es da etwa bestimmte Rituale davor, danach?

Meine Oma ist jetzt 89 Jahre alt und wir spazieren auch heute noch am Friedhof, natürlich etwas langsamer – aber nicht immer wegen meiner Oma (lacht). Bei Spaziergängen in der Kindheit haben wir oft über Grabinschriften gelacht. Wenn wir fremde Beerdigungen „gecrasht“ haben wir aber schon wirklich Anteil genommen.

Wird Deine Oma bei der Vorstellung am Zentralfriedhof dabei sein ?

Meine Oma ist bei fast jeder Vorstellung dabei. Ich werde am 22.10. aus einem Sarg, der von der Bestattung Wien hereingetragen wird, heraussteigen. Meine Oma sagte dazu, dass sie sich darauf freut, weil sie ja bei meiner „echten Beerdigung“ einmal eher nicht dabei sein kann (lacht).

Das Publikum freut sich auch immer, wenn meine Oma vor Ort ist, da sie ja im Programm sehr präsent ist. Nach der Vorstellung ist meine Oma oft der Mittelpunkt, was mich manchmal eifersüchtig macht (lacht).

Für den Flyer zu „Ehrengrab“ liegst Du in einem Sarg. Wie kam es dazu und wie war dieser so direkte Zugang zum Tod für Dich?

Die Sarglogistik der Bestattung Wien hat mir für das Foto einen Sarg zur Verfügung gestellt. Und den durfte ich mir dann auch aussuchen. Ich habe ihn wirklich so gewählt, wie ich ihn in der Zukunft gerne hätte. Weiß, mit grüner Einbettung und goldenen Beschlägen (lacht). Es war nicht schlimm für das Foto kurz im Sarg zu liegen. Ich werde ja sowieso, wenn es soweit ist, nur kurz im Sarg liegen – ich plane ja dass ich einmal in Flammen aufgehe.

Ein Erdbegräbnis wie hier am Friedhof St.Marx möchtest Du nicht?

Es soll bei meinem Begräbnis eine Aufbahrung in einem offenen Sarg geben. Und es soll auch gerne geweint werden. Bei mir muss eigentlich jeder weinen, das verdiene ich mir schon (lacht). Anschließend will ich verbrannt werden. Die Urne soll dann im Stillen beigesetzt werden.

Warum wünscht Du Dir ein Feuerbegräbnis? Ist dies in Verbindung zum Bewusstsein von Kunst und Verzehren, Verschwinden zu sehen?

Flammen und Feuer haben in jedem Fall mit Leidenschaft zu tun. Im Leben – sowie in der Kunst – deshalb will ich es auch so beenden. Der Gedanke in Flammen aufzugehen, ist für mich schöner, als gefangen im Sarg unter der Erde zu sein, bis man langsam verwest. Das dauert ja eine Zeit, da ist das Verschwinden im Moment für mich wünschenswerter.

In welchem Friedhof möchtest Du bestattet werden?

Am Wiener Zentralfriedhof, für mich der schönste Platz der Welt. Wohnen würde ich in Simmering nicht unbedingt so gerne – aber begraben sein dort ist voll ok (lacht).

Wie siehst Du die Beziehung von Tod und Erotik, die auch hier am Biedermeier Friedhof in den Grabskulpturen zu sehen ist?

Ich denke die Skulpturen der halbnackten, jungen Frauen sind einfach Ausdruck von Sehnsucht und Begehren. Das passt ja sehr gut zum Tod.

Wie ist Dein Programm „Ehrengrab“ inhaltlich aufgebaut?

Es beginnt mit einer Trauerrede. Meiner eigenen. Und den Rest sollte man sich selbst ansehen (lacht).

Der Tod ist ja weitestgehend ein gesellschaftliches Tabuthema. Braucht es da einen offeneren Umgang?

Ja, auf jeden Fall. Das Thema Tod sollte offen betrachtet und besprochen werden, es betrifft uns ja alle. Niemand kommt hier lebend raus. Mit „Ehrengrab“ gebe ich dem Publikum einen Vorschlag für einen Zugang – den kann man wählen oder nicht.

Wie kam es zu Eurer musikalischen Zusammenarbeit und zum musikalischen Element im Programm?

Lisa:  Vor eineinhalb Jahren wollte ich Gitarre spielen lernen und habe dann David kennengelernt. Kurz darauf wurde er mein Lehrer.

David: Ich habe am Konservatorium Wien Gitarre studiert und dort auch immer selbst nebenbei Privatunterricht gegeben. Lisa hat sich dann bei mir mit einer Anfrage zum Unterricht gemeldet. Bald ergab sich daraus dann auch unsere musikalische Zusammenarbeit.

Lisa: Ich wollte immer schon irgendwas mit Musik machen – habe mich aber nicht so recht getraut. David motivierte mich im Unterricht dazu Melodien und Worte zu finden. Ich war dann Anfang 2020 in Venedig. Dort spazierte ich durch die Erinnerung an meinen Großvater, zu dem ich eine sehr innige Beziehung hatte und mit dem ich oft in Venedig war. Und plötzlich war der Text zu unserem 1. Lied „Venedig“ da. Zurück in Wien gab ich den Text David – und er komponierte dann um diese Worte herum – und dann war „Venedig“ geboren.

Danach dachte ich dann, ich kann nie mehr ein Lied schreiben. Und das denke ich mir jedesmal. Jetzt sind es aber schon zehn Lieder (lacht). Einfach alle so passiert.

Nach dem vierten Lied schickten wir ein Demoband an ein Plattenlabel und haben dann einen Vertrag bekommen. Seitdem haben wir zwei Singles veröffentlicht und das erste Album ist für März 2022 geplant. Ich hoffe, das geht sich alles aus (lacht).

Die Musik ist halt passiert, weil sie sowieso immer schon da war, nur halt versteckt (lacht).

Unsere Zusammenarbeit ist für mich eine Fügung. David ist ein begnadeter Musiker.

David: Für mich als Musiker ist es wichtig in unserem Projekt, den Text in den Mittelpunkt zu stellen und dass die Musik diesen gleichsam trägt. Es geht darum musikalisch simpel zu sein, aber nicht zu simpel. Das war die große Herausforderung. Ich komme musikalisch aus dem Jazz und Blues. Da geht es musikalisch schon anders zur Sache als beim Wienerlied. Das war für mich ein ganz neuer Ansatz in diesem Projekt. Simpel aber doch catchy (lacht).

Die gute Zusammenarbeit von Euch ist jetzt im Fotoshooting und Interview spürbar. Wie war denn der Beginn der Zusammenarbeit als Schülerin und Lehrer im Gitarreunterricht?

David: Es war von Beginn an eine sehr angenehme Zusammenarbeit. Lisa war immer sehr neugierig und interessiert Neues zu lernen, aber gleichzeitig sehr ungeduldig (beide lachen). Lisa möchte immer gleich alles und sofort in kürzester Zeit. Aber es braucht Zeit.

Lisa: Dafür ist der David halt sehr geduldig. So ergänzt sich das. Wobei er schon manchmal an mir verzweifelt (lacht).

Wie verläuft euer gemeinsamer Prozess der Liederarbeitung?

Lisa: Oft ist es so, dass bei mir Textelemente da sind, eine Zeile – manchmal mehr. Manchmal aber auch eine Melodie oder ein paar Akkorde. Oder David komponiert ein Lied – und das ist dann einfach da. Das war zum Beispiel bei „Seitengossn“ so. Zunächst fiel mir dazu kein Text ein, ich begann ein Liebeslied zu schreiben, dann ein Lied über das Cafè Jenseits – aber es passte einfach nicht. Es fühlte sich einfach falsch an. Und dann kam der Terroranschlag 2020 und in dieser Nacht schrieb ich innerhalb von zwei Stunden den Text zu Davids Komposition. Es ist so als hätten die Akkorde darauf gewartet. Plötzlich fühlte es sich richtig an.

Es ist sehr unterschiedlich, aber meist braucht es einen Anstoß, ein unmittelbares Erleben, dass ich schreiben kann.

Welche Themen greift Ihr in eurer Musik auf?

Lisa: Der Tod spielt eigentlich in jedem Lied eine Rolle. Aber auch die Sehnsucht. Vielleicht auch die Sehnsucht nach dem Tod. Nach dem eigenen.

David: Es ist auch die Sehnsucht sehr bei sich zu sein. Und die Sehnsucht nach der Unfreundlichkeit (beide lachen).

Lisa: Ja in unserem Lied „Wien gegen die Welt“ geht es um die Wiener Unfreundlichkeit. Ich wünsche mir ja, dass die Wiener wieder unfreundlicher werden. Es hat sich so ein freundlicher Ton eingeschlichen, das ist ganz komisch für unsere Stadt. Diese freundlichen Menschen plötzlich überall, das halte ich gar nicht aus. Vor allem auch im siebten Bezirk, wo David wohnt.

David: Schimpf` nicht über den Siebten (lacht).

Lisa: Ja der 7. Bezirk kann eh nix dafür. Das ist halt der Neoliberalismus. In der guten alten Sozialdemokratie hätte es sowas nicht gegeben (lacht).

In Eurem Lied „Venedig“ geht es um Liebe und deren Bewusstsein vom Ende schon im Lieben selbst. Ist das Ende immer ein Teil der Liebe?

David: Es muss immer irgendwann ein Ende in der Liebe geben. Entweder ist es der Tod oder ein Zerwürfnis. Irgendwo ist immer das Ende, das stimmt schon.

Lisa: Schön ist, wenn der Tod die Liebe beendet. Alles andere ist immer sehr traurig.Wenn der Tod die Liebe beendet, ist es etwas Schönes.

Ist Wien eine Stadt der Liebe?

Lisa: „Aber in Wien heilt die Liebe an jeden Schmerz“, heißt es in „Seitengossn“.Es ist schon eine Stadt der Liebe. Zumindest bei dem Lied bin ich der Meinung (lacht).

David: Auf eine eigene Art und Weise ist Wien eine Stadt der Liebe. Nicht auf die klassische Art.

Lisa: Ja, auf eine sehr eigene Art.

Welche persönlichen Zugänge hast Du, lieber David, zum Tod als Thema der Musik.

David: Ich bin vom Tod eigentlich ziemlich unberührt was persönliche Erfahrungen betrifft. Bis auf den Tod der Cousine meiner Mutter, der sehr tragisch war. Allerdings hatte ich da nicht so ein nahes Verhältnis. Daher war es nicht so krass. Aber traurig schon, speziell weil ich meine Cousinen weinen gesehen habe.

Welche Beziehung hast Du, lieber David, zum eigenen Tod, zur Endlichkeit des Lebens?

David: Ich hatte als Kind extreme Angst vor dem Sterben und ich habe viel darüber nachgedacht – wie es ist, wenn ich alt bin und sterbe. Es ist schon bizarr, dass man als Kind diese Gedanken hat und als Erwachsener dann nicht mehr. Bei mir ist das zumindest so.

Lisa sagt ja immer, der Tod ist das „happy end“ und so sehe ich es auch. Wenn das Leben zu Ende geht und der Tod eintritt, ist es wie bei einem Marathonlauf. Du hast dein Leben absolviert, fertig, gratuliere.

David Poglin am Grab W.A.Mozarts

Liebe Lisa, wie versteht Du dieses „happy end“ des Todes?

Lisa: Das Leben ist halt ein Warten aufs Sterben. Man kann sich diese Warterei schön gestalten, das Beste aus der Warterei rausholen. Das ist wie, wenn ich auf den Bus warte. Ich kann mich über dieses Warten aufregen und aus dieser Zeit nichts machen oder ich kann ein schönes Buch lesen, während ich warte.

Während ich auf den Tod warte, kann ich das Leben gestalten, schön gestalten. Je nachdem was ich als schön empfinde. Für mich ist es schön, das machen zu dürfen, was ich gerne mache, für dass ich brenne. Solange ich das machen kann, ist es kein unnötiges Warten.

David: Wir sitzen ja hier beim Mozart Grab. Ich finde, es geht um den Fingerabdruck den man in der Welt hinterlässt. Es gibt einen Anfang und ein Ende. Und dann gibt es noch unser eigenes Vermächtnis. Das ist für mich persönlich der Sinn des Lebens. Dass man etwas macht/schafft, es nach dem Ableben etwas gibt, worüber Menschen reden können.

(Das Mozart Grab wird gerade von einer Besucher*innengruppe aufgesucht und fotografiert)

So ist es. Es geht um den Fingerabdruck und viele hundert Jahre danach kommen Leute her und feiern. Das ist cool und das würde ich mir auch wünschen.

Tod ist ja auch mit Angst behaftet. Hilft da das gemeinsame künstlerische Arbeiten an diesem Thema?

Lisa: Ich habe keine Angst vor dem Tod, aber es ist schön sich gemeinsam musikalisch mit diesem Thema auseinander zu setzen. Allein wäre es vermutlich langweilig.

Vor dem eigenen Tod habe ich keine Angst.

David: Ich habe auch keine Angst vor dem eigenen Tod.

Wir sitzen zum Interview jetzt bei der Grabgedenkstelle Mozarts (Wolfgang Amadeus Mozart wurde 1791 hier am Friedhof St.Marx in einem Schachtgrab beigesetzt). Gibt es von Dir, liebe Lisa, musikalische, persönliche Bezüge zu Mozart?

Eigentlich nicht. Als Kind war ich einmal als Nannerl (Maria Anna Mozart_ältere Schwester von Wolfgang Amadeus Mozart) verkleidet.

Ein Friedhof wie hier stellt ja auch die Frage was passiert nach dem Tod? Welche persönlichen Hoffnungen gibt es da? Wie seht Ihr das?

Lisa: Ich glaube, dass der Zeitpunkt deines Todes bei deiner Geburt bestimmt ist. Dem kannst du nicht entkommen. Wege können variieren, aber der Zeitpunkt bleibt bestimmt. Und ich glaube, danach ist es aus. Das wars dann. Ich glaube nicht an ein Leben nach dem Tod.

David zu Lisa: Das ist aber schon sehr unökologisch.

Lisa zu David: Warum?

David: Du lebst und dann ist es vorbei. Das ist wie, wenn ich ein Plastiksackerl vom Billa mitnehme und dann weghau‘.

Lisa: Ja.

David: Traurig.

Lisa: Wir werden es dann alle erfahren. Der Tod ist die Lösung. Man stirbt und dann erfährt man alles – das große Geheimnis.

David: Stell` Dir vor, jeder Mensch ist ein Plastiksackerl. Und Millionen von Jahre werden Plastiksackerl permanent weghaut. Das ist eine große Verschwendung. Ich glaub` nicht, dass es so ist.

Lisa: Ich glaub` schon.

David: Schau` (zeigt auf die Wiese).

Beide lachen.

(Ein Hamster ist in der Wiese zu sehen)

Eine Grabinschrift hier auf dem Friedhof lautet – „Sie ist jetzt in einem besseren Leben“. Wie seht Ihr das Verhältnis von Leben und Tod, Diesseits und Jenseits?

Lisa: Das ist sehr romantisch, aber ich glaube nicht daran.Ich glaube nicht, dass es nach dem Tod weitergeht, dass man an die Himmelstür klopft oder in die Hölle kommt oder dass es eine Wiedergeburt gibt. Es ist einfach aus. Der Zeitpunkt des Todes – das ist für mich Schicksal. Davor hast du deine Chance zu leben und es wäre gut diese eine zu nützen (lacht).

David: Ich glaube, dass Dein Bewusstsein in einer anderen Person weiterleben kann. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich, dass ein Ich, in Millionen von Jahren nur ein einziges Mal existiert. Das geht sich nicht aus in meinem Kopf.

In welchen emotionalen Momenten entstehen Eure Lieder bevorzugt und welche Emotionen greift Ihr thematisch auf? Wie lange braucht der Entstehungsprozess?

Beide: Das ist total unterschiedlich.

David: Unser Lied „Venedig“ ist dunkel und traurig, „Wien gegen die Welt“ hingegen ist lustig. Das Lied „Seitengossn“ ist motivierend, treibt an.

David: Manchmal sind es Monate, manchmal Stunden, Minuten, in denen ein Lied entsteht. 

Die Komposition, der Text sind unabhängig von der unmittelbaren emotionalen Situation und nicht an diese gebunden.

Lisa: Das Lied „Namenlos“ zum Beispiel. Darin geht es um ein Gespräch am Friedhof der Namenlosen. Die Thematik ist traurig, aber ich war nicht traurig als ich es geschrieben habe. Es war für mich eine Auseinandersetzung mit dem eigenen Tod, ein Nachdenken. Auch über das Tabuthema Selbstmord. Ich denke, jeder hat/hatte schon solche Gedanken, wenn sich eine Ausweglosigkeit stark aufbaut. Im Lied geht es um den Moment des Zurückholens, des Wieder-ins-Leben-finden.

David: Der Kompositionsprozess von „Namenlos“ war sehr schnell, wir haben unsere Ideen, Vorstellungen ausgetauscht und am nächsten Tag war es fertig.

Lisa: Manchmal dauert der Prozess halt länger. Ich muss den Text wirklich so meinen, sonst kann/darf das nicht ein Lied werden. Sobald ich ein Wort dabei nicht wirklich meine, nicht fühle, dann geht das nicht.

Ich hoffe einfach, dass wir noch viele Ideen haben und ich das weitermachen darf. Persönlich glaube ich immer, dass es nach jedem Lied aus ist und ich freue mich immer sehr, wenn es weitergeht (lacht).

Ist die Fertigstellung eines Liedes mit dem Tod vergleichbar?

Lisa: Ja – ich habe nach jedem fertigen Lied Angst vor dem Tod der Kreativität.Was, wenn diese mit dem vollendeten Lied auch stirbt? Ich hoffe immer, dass es musikalisch weitergeht. Das ist nicht fix, dass es so ist. Es kann jederzeit vorbei sein, mit diesem Bewusstsein arbeite ich auch. Das ist wohl auch der Grund für meine Ungeduld, dass alles schnell gehen muss. Ich will künstlerisch etwas erschaffen. Man muss weitertun, sonst stirbt es.

Gibt es bestimmte Jahreszeiten, die Ihr beim Komponieren, Schreiben bevorzugt?

David: Sommer ist ganz schlimm. Das ist eine Stehzeit.Ich mag den Sommer nicht. Da passiert gar nichts.

Lisa: Es wäre jetzt schön, wenn man wie Nino aus Wien die Antwort geben könnte „Ich kann immer ein Lied schreiben“.Aber das ist nicht so. Im Sommer ist man so beschäftigt zu leben und das Leben zu genießen.

David: Ja, der Sommer ist da zum Genießen, Erleben, Aufsaugen. Und der Winter da zum Raushauen.

Lisa: Es gibt musikalisch drei Jahreszeiten wo man arbeiten kann und eine halt nicht.Wir sind da eigentlich wie Lehrer (lacht).

David: Heuer war der Sommer aber sehr intensiv was Konzerte betraf. Da gab es oft spontane Einladungsanrufe „Hey, wir haben da noch einen Konzertslot frei in ein paar Tagen, könnt ihr den füllen?“. Da gab es sehr viel mit meiner Band zu tun und es war sehr cool.

Aber der Sommer ist trotzdem Stehzeit, wenn man ein produktiver und kreativer  Mensch ist.

Der Friedhof ist für Euch auch ein musikalischer Inspirationsort. Gibt es Rituale, wenn Ihr einen Friedhof wieder verlässt?

Lisa: Rituale nicht, aber hoffentlich, nehmen wir ein Lied mit (lacht).  

David: Eigentlich kommen wir immer zu einem Friedhof, wenn wir schreiben wollen. Wenn uns nichts einfällt, kommen wir hierher. Und nehmen etwas mit.

Lisa: Ja genau, einfach kurz herkommen, inspirieren lassen und dann gehen wir wieder (lacht).

David: Ich finde ein Friedhof ist ein sehr inspirierender Ort.

Lisa: Am Zentralfriedhof gehen wir danach oft einen Spritzer trinken, weil da gibt es ein Cafè.Obwohl wir uns als Künstler das gar nicht leisten können, weil zwei Spritzer kosten da 10 EURO (lacht).

David: Eine Priorität muss man halt setzen. Die Gage muss ja gut verwendet werden (lacht).

Lisa Schmid_Kabarettistin, Schauspielerin, Sängerin _ David Poglin, Musiker _
am Friedhof St.Marx_Wien

Herzlichen Dank liebe Lisa, lieber David für das Interview und Fotoshooting an diesen besonderen Wiener Ort – viel Erfolg weiterhin für das wunderbare Kabarettprogramm „Ehrengrab“ wie Eure großartigen Musikprojekte!

Station in St.Marx_Wien:

Lisa Schmid_Kabarettistin, Schauspielerin, Sängerin

https://www.lisaschmid.at/kabarett

David Poglin, Musiker

Interview und alle Fotos_Walter Pobaschnig _Friedhof St.Marx_Wien 10_21.

Walter Pobaschnig 10_21

https://literaturoutdoors.com

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