„Tanz muss sich immer noch emanzipieren“ Carmen Pratzner, Tänzerin_Wien 10.10.2021

Liebe Carmen, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Mein Tagesablauf ist immer anders, da ich ja freiberuflich tätig bin, die meiste Zeit zumindest. Er ist ständig im Wandel, hat aber auch klare Strukturen, was die Tanzvermittlung betrifft.

Carmen Maria Pratzner_
Tänzerin, Choreografin, Tanzpädagogin, Kunsthistorikerin BA,BA

Den ganzen Sommer über sah er ganz anders aus als er in zwei Wochen sein wird. Ich steh auf, restauriere mich im Bad, frühstücke und gehe trainieren/proben bzw. hatte Vorstellungen, dann Abendessen und schlafen gehen. Da bleibt oft auch nicht viel Zeit bzw. Kapazitäten für andere Dinge. Das sind aber sich immer ändernde zeitlich begrenzte Situationen.

Jetzt im Herbst beginne ich mit der Ausbildung zur Physiotherapeutin an der FH St.Pölten. Das wird spannend und ein ganz neuer Tagesablauf – ein sehr geregelter Ablauf – tagsüber studieren, abends unterrichten, WE proben – dazwischen leben.

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Obwohl ich nicht für andere sprechen kann, fände ich es enorm wichtig, dass die Menschen sich annähern, austauschen und einander aufmerksamer zuhören. Sich aufs Gemeinsame konzentrieren und nicht aufs Trennende – Andersartige. Jede Person ist anders aber wir sind alle Menschen. Das betrifft sehr viele Bereiche unserer Gesellschaft. Die Freiheit, die wir uns hart erkämpft haben, sollten wir uns nicht selbst wieder kaputtmachen.

Ich verstehe mich als Weltenbürgerin und lebe in einer Gesellschaft, einer Gemeinschaft. Mir ist wichtig, dass dieses Zusammenleben funktioniert, weshalb ich meinen Teil dazu beitrage. Das ist nicht immer sehr einfach, aber die Vorteile überwiegen. Leider habe ich das Gefühl, dass gerade sehr viel zerbricht und Politik und Gesellschaft nur dabei zusehen. Die Gier und der Egoismus nehmen überhand, es spaltet sich immer mehr auf, anstatt dass wir zusammenkommen. Oft fehlen auch in der Kommunikation klare Grenzen; persönliche Freiheiten hören da auf, wo ich damit einem anderen Lebewesen/Mitmenschen Schaden zufüge.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Tanz, der Kunst an sich zu?

Machen wir das nicht immer? Ist es nicht ein ständiger Aufbruch in etwas Neues? So ist das Leben. Ein bisschen mehr Ruhe und Genuss, Wertschätzung und Wohlwollen, Bewusstsein für unsere Umwelt und weniger Arbeit würde ich uns wünschen.

Außerdem mehr Wertschätzung für Kunst und Kultur. Wir sind keine Branche mit der man sich dekorieren kann, und gleichzeitig alles daran setzt sie mehr und mehr kaputt zu sparen. Wir Kulturschaffende leisten sehr viel harte Arbeit, die die Gesellschaft bereichert und was wären wir ohne Kultur?

Kunst hat eine wichtige, reflektierende und auch kritisierende Rolle in der Gesellschaft. Sie bietet andere Blickweisen, inspiriert und berührt uns, philosophiert, politisiert, tritt in Dialog, provoziert und vieles mehr

Tanz ist ein Teil „der Kunst“. In Österreich, aber vor allem in Wien braucht er aber definitiv mehr Sichtbarkeit, mehr Unterstützung, mehr Raum. Früher eigens geschaffene Häuser haben sich von ihrer Kernaufgabe leider weit entfernt. Es gibt soviele wunderbare Tänzer:innen in der Stadt, im Land, welche aber vor große Herausforderungen gestellt werden. Es besteht meiner Meinung nach ein eklatanter Mangel an Spielorten, Trainingsmöglichkeiten, und vor allem an geeigneten Proberäumen. Tanz wird nicht Ernst genommen. Meines Wissens gibt es derzeit keinen einzigen Ort, keine einzige Bühne in ganz Österreich, die einzig dem Tanz gewidmet ist.

Das sehe ich als ein Problem. Tänzer:innen brauchen Platz und geeignete Infrastrukturen. Ich bin immer wieder beeindruckt, was viele Kolleg:innen auf sich nehmen, um weiterhin Tanz zu schaffen und Tanz präsentieren zu können.

Ich denke Tanz leidet auch darunter, oft als feminin und dekorativ empfunden zu werden. Tanz muss sich immer noch emanzipieren und dafür kämpfen als eigene Kunstform ernstgenommen zu werden. Im Gegensatz zur Musik oder anderen darstellenden und bildenden Kunstformen wurde Tanz auch noch lange nicht ausreichend wissenschaftlich/kulturhistorisch aufgearbeitet.

Was liest Du derzeit?

eine Empfehlung von einem Kollegen: „the conspiracy against the human race“ von Thomas Ligotti. Das erste non-fiction Werk vom Autor, der eigentlich im übernatürlichen Horror-Genre schreibt.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Einen kleinen Ausschnitt aus einem Text von Kae Tempest, der im letzten Projekt, bei welchem ich engagiert war, vorkam und mich gerade jetzt sehr berührt hat:

„But, when time pulls lives apart

Hold your own

When everything is fluid, nothing can be known with any certainty

Hold your own

Hold it till you feel it there“

Carmen Maria Pratzner_
Tänzerin, Choreografin, Tanzpädagogin, Kunsthistorikerin BA,BA

Vielen Dank für das Interview liebe Carmen, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Tanz-, Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Carmen Maria Pratzner_
Tänzerin, Choreografin, Tanzpädagogin, Kunsthistorikerin BA,BA

https://carmenpratzner.weebly.com/

Fotos_1,3,4,7, 9,10 Sarah Mistura; 2 Carmen Pratzner; 8 Lukas Beck; 5 Daphne von Schrader; 6 Anja Köhler.

18.9.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

Vielen Dank!

Ich danke auch!

Ein Gedanke zu „„Tanz muss sich immer noch emanzipieren“ Carmen Pratzner, Tänzerin_Wien 10.10.2021

  1. Um Tanz an den österreichischen Schulen abzubilden und besser sichtbar zu machen wurde vor nicht ganz 2 Jahren am NCoC für Kulturelle Bildung, http://www.ncoc.at an der PH NÖ eine bundesweite Community „Netzwerk Tanz“ für alle interessierten Lehrenden mit Vernetzungsmöglichkeiten und Fortbildungsveranstaltungen ins Leben gerufen.
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