„Eine Kindheit im Ungargassenland“ _ Interview _ Haris Balic _Kurator/Archivar_Wien 26.10.2021

Haris Balic mit Halbschwester Dagmar
Haris Balic mit seinen Eltern
Ungargasse_Wien
„Das neue Auto“
Mutter von Haris Balic mit dem neuem Auto ihres Sohnes, Bruder von Haris Balic, vor dem Haus Ungargasse 9 – 1970er
Haris Balic_Kurator/Archivar_Theatermuseum Wien _
vor dem Haus seiner Kindheit _ Ungargasse 9 _ Romanschauplatz Malina

Nach 42 Jahren stehe ich wieder vor dem Tor mit den zwei Löwenköpfen des Hauses in der Ungargasse Nr. 9. Da bin ich aufgewachsen und hier habe ich meine ersten zwanzig Lebensjahre verbracht.

Walter Pobaschnig, der unermüdliche Interviewer und Fotograf der Wiener Kulturszene ist über Ingeborg Bachmanns Roman „Malina“ auf diesen romantisch-historistischen Bau aus dem Erbauungsjahr 1858 gestoßen und hat anlässlich des 50-jährigen Romanjubiläums bereits etliche Prominenz, zumeist Schriftstellerinnen und Schriftsteller, hier an diesen Ort gelockt, um spannende Interviews und hervorragende Fotografien für seine tolle Webseite zu fertigen. Über einen Kommentar, den ich auf dieser Webseite abgegeben habe, ist Walter (wir haben uns gleich geduzt) auf mich aufmerksam geworden. Das heutige Interview hätte eigentlich schon vor einem Jahr stattfinden sollen. Mittlerweile habe ich aber erfreulicherweise meinen Ruhestand antreten dürfen und bin daher auf Grund von Zeitüberschuss gerne bereit einen Hausrundgang inklusive Interview mit Walter zu machen.

Während wir also reden, werden Handyfotos angefertigt und das Mikro ist eingeschaltet.

Meine Eltern übernahmen die Wohnung Ungargasse 9 rechte Stiege 3. Stock Tür Nr. 20 von dem Theatermann Gustav Manker im Jahr 1954. Beide waren geschieden und brachten aus ihren Ehen jeweils drei Kinder mit. Mein Vater drei Söhne, meine Mutter zwei Töchter und einen Sohn. 1956 wurde geheiratet und im April 1959 entschlüpfte ich in der Semmelweissklinik dem Schoß meiner deutschgebürtigen Mutter.

Haris Balic_Hof_Blick zur ehemaligen Wohnung
Haris Balic „Das Farbfoto zeigt meinen Vater auf der Küchenbank zeitunglesend mit Fes, den er nur für das Foto spaßhalber aufgesetzt hat. Meine Mutter schaut ihm über die Schulter“ 1960er,
Ungargasse

Mein Vater kam 1940 als geborener mostarischer Muslim 1940 nach Wien um hier ein oder mehrere Studien abzuschließen. So begann eben meine Laufbahn als „waschechter“ Wiener im Hause Ungargasse 9.  Meine Ankunft wurde von meinen sechs Halbgeschwistern, die allesamt 10 Jahre und älter als ich sind, infernalisch begrüßt! Es war wohl eine große Freude!

Eineinhalb Jahre später bekam meine jüngere Schwester, inzwischen schon siebzehn, ein uneheliches Baby! Ein Skandal in der damaligen Zeit und so wuchs ich auch mit meiner Nichte Nadja auf von der ich bis zu meinem siebenten Lebensjahr glaubte, sie sei meine Schwester! Alle sagten zu unserer Mutter „Mutti“ und so auch Nadja. Ihre Mutter war einfach die Dagi. Auf diese Weise hatte ich also eine Spielkameradin, denn meine richtigen „Halbgeschwister“ waren schon viel zu alt, um mit mir Knirps auf Augenhöhe spielen zu können.

Haris Balic (neben Mutter) mit Eltern und Cousin Shiraz im Wohnzimmer, ca.1964;
Ungargasse

Mein Vater, der Bosnier, studierte Philosophie und islamische Theologie und promovierte 1944 mit seiner Dissertation „Geistige Triebkräfte im bosnisch-herzegowinischen Islam“. Seine Heimat und seine Religion waren ihm sein ganzes Leben lang sein wichtigstes Anliegen. Leider, denn seine Familie hat er gerne hintangestellt. Seine Forschungen, Publikationen, seine nicht aufzählbaren Auslandsreisen in der ganzen Welt mit seinen Vorträgen und seinen zahlreichen Engagements fanden, so ehrenvoll seine Arbeit auch war, immer zu Lasten der Familie statt.

Smail Balic, Vater von Haris Balic, Ungargasse

In den 1960er-Jahren gründete mein Vater den muslimischen Sozialdienst. Dazu wurde eine Souterrainwohnung in der Münzgasse gleich ums Eck angemietet. Anlaufstelle für Menschen aus Bosnien, die unter dem Tito- Regime flüchten mussten. Eigentlich war dieser Sozialdienst anfangs ein Ein-Mann-Betrieb und mein Vater vermittelte Arbeit, Hilfsgelder und war bei Behördenwegen gerne auch als Übersetzer tätig. In den 1970er-Jahren kamen dann auch die türkischen Gastarbeiter dazu und auch hier wurde gerne geholfen! Da mein Vater auch als Türkischlehrer tätig war, gab es keine Verständigungsprobleme. Es wurde ein Gebetsraum eingerichtet, der jeden Freitag sehr besucht war. Ein junger Imam aus Bosnien wurde angestellt. Bald ist es für die muslimische Community zu beengt geworden und es wurde eine größere Räumlichkeit in der Werdertorgasse im 1. Bezirk für diese Zwecke adaptiert. Der Verein war der Vorläufer der heutigen Islamischen Glaubensgemeinschaft, die 1979 auf Antrag meines Vaters gegründet wurde. Auch am Zustandekommen des Baus der Wiener Moschee in der Donaustadt war er wesentlich beteiligt. Also sehr viel Engagement von meinem Vater. Nur, er hat es nicht geschafft, aus uns 4 Brüdern „gute“ Moslems zu machen. Wir hatten ein sehr ambivalentes Verhältnis zu Vaters Religion. Trotzdem sind wir erstaunlicherweise alle anständige Menschen geworden! Da hat die Mutter schon einiges dazu beigetragen.

https://www.derstandard.at/story/895471/smail-balic-1920—2002

Wir wohnten hier oben im letzten Stock. Die Wohnung war groß, ca. 130 Quadratmeter und die meisten Zimmer hatten ein Fenster zum Hof. Der größte Raum mit den 2 Fenstern schaute zur Ungargasse. Dieses Zimmer durfte ich die meiste Zeit bewohnen.

Unsere Katze. Blick auf die gegenüberliegende Straßenseite. Um 1970
Wohnung_Ungargasse

Im Winter bin ich als Kind oft freudig erwacht, weil mich die sanften Schneeschaufelgeräusche des Hausmeisters um halbfünfuhrmorgens aus dem Schlaf holten. Im Hof hingegen wurde zu meiner Freude kaum geräumt. Da konnte man noch Schneemänner und Iglus bauen. Eine schöne Erinnerung war für mich auch die Schlittenfahrt abends in der Gasse. Ich am Schlitten, mein Vater der Esel, der ziehen musste. Das gibt es heute nicht mehr in Wien.

Meine Brüder waren recht schlimm, wie ich den Erzählungen meiner Mutter entnommen habe. Einmal hatten sie Hausarrest und sind dann aus dem Fenster des „Bubenzimmers“ über den Fenstersims ums Eck in das Stiegenhaus geklettert und geflohen! Über die späteren Konsequenzen ist mir nichts bekannt.

Die wellenartigen Bleistiftlinien, die mehrfach an der Runden abblätternden Wand des Stiegenhauses vom 3. Stock bis ins Erdgeschoss verliefen, werde ich auch nie vergessen. Wer war das bloß?

Hier im Hof, heute stehen zwei Autos da, befand sich ein hölzernes Teppichklopfgerüst, das nicht mit dem Boden verankert war und beim Herumturnen bedrohlich wackelte. Mit Karli dem Hausmeisterbuben habe ich des Öfteren Fußball gespielt. Ich hatte und habe bis heute keine Ahnung von Fußball, aber das Klopfgerüst war logischerweise das Tor und ich musste immer „Austria“ sein, obwohl mir „Rapid“ viel lieber gewesen wäre.

Hinter der rückwärtigen Mauer im Hof mit dem historistischen Brunnen, gab es einen Zugang zu einem verwilderten Garten, der von den Hausbewohnern nicht genutzt wurde. Sehr wohl aber von uns Kindern. Zwischen den vielen Stauden, Sträuchern und Essigbäumen konnten wir wunderbar verstecken spielen. Der Boden war vollkommen mit Efeu zugewachsen. Im zweiten Stock des linken Traktes wohnte ein Frauenarzt. Auch seine Praxis war dort. Sein kleiner Sohn, der Maxi, warf zur Freude von Karli und mir oft sein Spielzeug in den Garten.

Die Höfe der gegenüberliegenden Häuser zur Baumannstrasse waren durch hohe Ziegelmauern abgegrenzt. Über einen Essigbaum konnte ich dennoch über eine der Mauern klettern, auf der anderen Seite auf die dort abgestellten Koloniakübel steigen, um auf diese Weise über den fremden Hof und dann über den Hausflur in die Baumannstraße zu gelangen. Öfters benutzte ich diesen komplizierten Weg, um auch wieder zurückzukommen, denn es war mein Weg, mein persönlicher Geheimweg! Ich wunderte mich immer, warum diese kleine Sackgasse als Straße bezeichnet wurde. Hier war auch die kleine Kohlenhandlung des Herrn Wegscheidler von dem wir unseren Koks bezogen. Als in den 1980er-Jahren der Sünnhof renoviert wurde, gestalteten die Architekten einen hübschen Durchgang am Ende der Baumannstraße. Jetzt gelangt man auch von hier in den wunderbaren Sünnhof.

In den 1960er- Jahren spielte manchmal im Hof der Ungargasse 9 ein Kriegsversehrter mit seiner Geige auf. Die Fenster öffneten sich und die Bewohner lauschten den Klängen. Nach Vorstellungsende wurden ein paar Münzen in ein Papier geknüllt und hinuntergeworfen.

Da das Große Haustor mit den Löwenköpfen tagsüber unversperrt war, kam es auch vor, dass Bettler an den Haustüren klopften. Einer von ihnen kam eine zeitlang regelmäßig an unsere Tür. Meine Mutter gab ihm dann einen Teller Suppe, ein Stück Brot und einen unserer schweren Silberlöffel. Der Mann aß die Suppe am Gangfenster, putzte den Teller schön aus, klopfte wieder, um sich zu bedanken und gab den Teller und den Löffel wieder zurück.

Jahre später läutete es wieder bei uns. Es war ein anderer Bettler. Meine Mutter lief schnell in die Küche und schmierte ihm ein Butterbrot. Als meine Mutter später einkaufen ging, pickte das Butterbrot an der Wohnungstüre! Er hatte sich wohl Geld erwartet.

Der Roman „Malina“, der 1971 von Ingeborg Bachmann geschrieben wurde, war bei uns zu Hause kein Thema, da wir von dessen Existenz nichts wussten. Erst ungefähr 15 Jahre später ist mir das Buch in die Hände gefallen, nichtsahnend wie genau unser Haus und die ganze nähere Umgebung beschrieben wird. Im Roman wird sogar eine Begegnung mit einem Mann beschrieben, die auf meinen Vater passen würde. Auch die Nationalbibliothek wird öfters erwähnt, in der mein Vater hauptberuflich als Bibliothekar und Referent für Arabistik und Orientalistik tätig war. Er hat hier auch den Katalog der arabischen Handschriften erstellt.

1979 habe ich selbst (über eine Zeitungsanzeige und nicht über meinen Vater) einen Job in der Nationalbibliothek als Magazineur angenommen. Vorübergehend wie ich dachte. Anscheinend habe ich mich nicht ungeschickt angestellt und bin dann bald in den Benutzerbereich überstellt worden.

1981 wurde ein C-Posten in der damaligen Theatersammlung frei. Ich durfte dort die Fotosammlung betreuen. 1991 übersiedelte die Theatersammlung in das für uns renovierte Palais Lobkowitz am Lobkowitzplatz (auch dieser Platz kommt in dem Roman vor!). Von nun an war das Theatermuseum ein eigenständiges Bundesmuseum, bis es 10 Jahre später dem Kunsthistorischen Museum unter Wilfried Seipel angegliedert wurde. Es war eine politische Entscheidung, die ich bis heute für falsch halte. Bis zu meiner Pensionierung im heurigen Frühjahr war ich dort der Leiter der Fotografischen Sammlung.

Hier unten, zwei Stufen hinauf, am Anfang des Ganges zum Stiegenhaus. Ein in den Boden eingelassener Gusseiserner Fußabstreifer mit dazugehörigem Haltegriff in der Wand. Offenbar war er früher nützlich, um den Strassengatsch oder Schneematsch loszuwerden.

Ein Stück weiter, an der Bassena. Ich erinnere mich, dass zweimal im Jahr ein Scherenschleifer kam. Hier stellte er sein Tischchen mit Schleifscheibe auf, die er, auf einem Schemel sitzend, mit dem Fuß in Schwung brachte. Für wenig Geld konnten die Hausbewohner ihre Messer und Scheren schleifen lassen.

Als ich in das schulreife Alter kam, gaben mich meine Eltern in das Francais Lycee in der Liechtensteinstraße. Der Schulbus fuhr morgens bei einer Haltestelle beim Rochusmarkt ab und abends spuckte mich der Bus dort wieder aus. Zweimal am Tag durchlief ich also den Sünnhof, der damals ziemlich verwahrlost war. Er war ein halbes Jahr lang mein Schulweg, bis mich meine Mutter aus dieser Schule wieder herausnahm. Es herrschte dort die Macht der Stärkeren und ich hatte keine Chance mich durchzusetzen, bis ich zum Bettnässer geworden bin. Erzählt habe ich zu Hause nichts, bis ich einmal mit aufgeschlagener Stirn über dem Auge und nasser Hose nach Hause kam. Nahtlos kam ich dann, mitten unter dem Jahr, in die Volksschule Kleistgasse. Dort ging es mir besser.

Schräg vis à vis von unserem Haus war die Straßenbahn-Haltestelle des O-Wagen. Fünf Stationen die Ungargasse hinauf, dann die Fasangasse, Station Kölblgasse, noch 5 Minuten Fußweg und ich war da. 50 Groschen kostete ein Kinderfahrschein damals. Irgendwann wurde der Preis auf einen Schilling verdoppelt. Ich hörte, wie meine Mutter zum Vater sagte: Jetzt müssen wir dem Haris immer 2 Schilling für die Straßenbahn mitgeben! Ich fühlte mich schuldig.

Später dann, im Gymnasium Stubenbastei. Die Ungargasse hinunter, durch den Stadtpark über die Holzbrücke, die eigentlich eine Behelfsbrücke der im Krieg zerstörten Brücke war, beim Ententeich vorbei zum Stubenring, Luegerplatz mit dem Denkmal des antisemitischen Wiener Bürgermeisters, ein paar Schritte noch und ich war wieder in der Schule. Manchmal bin ich gemeinsam mit meinem Vater gegangen, er hatte ja fast den gleichen Weg zur Nationalbibliothek.

Nach der Schule haben meine Kameraden und ich auch manchen Unfug betrieben. Am Ring haben wir 10-Groschen Stücke auf die Geleise der Straßenbahn gelegt. Danach waren sie schön platt! Im Winter haben wir auf dem zugefrorenen Ententeich Rutschbahnen angelegt. Wer am weitesten mitAnlauf schlittern konnte! Eine Mutprobe war, im Auslasskanal des Teiches, ein unterirdisches Rohr mit vielleicht 60 Zentimeter Durchmesser welches in das Bett des Wienflusses mündete, durchzukriechen. Das Rohr hatte eine Länge von etwa 30 bis 40 Metern und verlief in einer Biegung, sodass man kein Licht am Ende des Tunnels erkennen konnte. Es war stockfinster! Ich glaube, ich warder Einzige, der sich das getraut hat! Wenn dann am Heimweg noch ein paar Groschen übrig waren, kaufte ich mir in der Bäckerei, Ecke Ungargasse/Beatrixgasse ein paar Stollwerk-Zuckerl um 10 Groschen das Stück.

Die Häuser damals waren alle grau in grau und im Winter roch es in der ganzen Stadt nach verbrannter Kohle. In manchen Gegenden gab es Häuser, wo man noch Einschusslöcher vom Krieg ausmachen konnte. Dort wo man durch Bombentreffer Häuser abreißen musste, blieben oft noch jahrelang Baustellen zurück, bis die Lücken dann doch irgendwann geschlossen wurden.

Im heruntergekommenen Sünnhof gab es die liebenswürdige alte Frau Hutzler. Sie betrieb eine kleine, ebenfalls schäbige Greisslerei. An der alten Fassade gab es etliche Reklameschilder aus Email, die heute vermutlich ein kleines Vermögen wert wären. Hier wurde in den Sechzigern hauptsächlich eingekauft. Vor allem Milch, Brot, Butter und Eier. Diese Lebensmittel waren immer zu Hause und gingen nie aus. Anfang des Monats bekam Frau Hutzler von meiner Mutter Zweihundert Schilling oder so und die Kinder wurden meistens täglich dahin geschickt, um einzukaufen. Frau Hutzler rechnete jedesmal ab und wenn das Geld aufgebraucht war, wurde angeschrieben. So war das damals.

Ähnlich auch bei Frau Helene, die Trafikantin in der Ungargasse, gleich links im Nebenhaus. Meine Mutter kaufte dort ihr Päckchen Zigaretten, Austria C, und deponierte es dort. Sie holte sich die Zigaretten dann immer einzeln, um nicht so viel zu rauchen. Später musste meistens ich hinunterlaufen, um ein oder 2 Stück zu holen. Irgendwann ließ ich mir gleich mehrere Zigaretten aushändigen, nicht um sie selbst zu rauchen, sondern ich versteckte sie in der Wohnung, um sie gleich parat zu haben, wenn es wieder einmal so weit war.

Mutter von Harís Balic

Gleich links neben der Trafik gab es den Herrenfriseur, den mein Vater gerne aufsuchte. Meine Mutter hat dann oft geschimpft, weil der Friseur, dessen Name ich nicht mehr weiß, meinem Vater wieder einmal eine unmögliche Frisur verpasst hat. Als Bub musste ich auch manchmal hin. Ich sah danach nicht viel besser aus als mein Vater! Einmal hat mich der Friseur beim Ausrasieren der Schläfen mit dem Rasiermesser etwas geritzt. Um die Stelle zu desinfizieren, nahm er aus dem Aschenbecher ein abgebranntes Zündholz, um den Schwefel auf meiner Wunde zu verteilen! Ich war tapfer!

Den Friseurladen gibt es immer noch, allerdings mit einem neuen netten Friseur, wie ich heute beim Interview mit Walter Pobaschnig erfahre. Wir plauderten kurz mit ihm und er erzählte uns, dass er Frau Helene, die Trafikantin noch kannte. Die arme Frau wurde in den 1980er-Jahren dreimal überfallen und einmal musste sie mit einer schweren Kopfverletzung ins Spital. Das hielt sie aber nicht davon ab, noch am gleichen Tag mit „Turban“ weiterzuarbeiten!

Haris Balic mit Herbert Weber, Friseur_Friseurgeschäft_Ungargasse

An der Ecke zur Beatrixgasse, schräg vis à vis von der Bäckerei, gab es noch eine Einkaufsmöglichkeit, das Delikatessengeschäft Laszakovits. Es war dort teuer, aber das Brot haben wir dann doch dort gekauft, ein wunderbares Brot der Firma Schrammel. Die Ladenbesitzer, ein Ehepaar hatten einen Sohn in meinem Alter, mit dem ich auch manchmal spielen durfte. Obst und Gemüse wurde am

Rochusmarkt oder in der so genannten „Gemüsehalle“ in der Invalidenstraße/Landstraße gekauft. Hier war ich gerne. Es gab hier auch einen Gewürzgroßhändler, der seine Waren offen feilbot. Die Gerüche hier waren umwerfend. In der gegenüberliegenden, im gleichen Backsteinstil gebauten „Fleischhalle“ war es grauslich. In der ganzen Halle roch es nach Blut. An den Wänden hingen ganze Rinder- und Schweinehälften, auch Wild, Rehe, Hasen und Fasane. Meine Nase vergrub ich in den dicken Pelzmantel meiner Mutter. Das half ein wenig. Trotzdem aß ich dort am Würstelstand meine ersten „Frankfurter Würstel“, die mir meine Mutter gekauft hatte! Die haben wunderbar geschmeckt! Daheim, in einem muslimischen Haushalt, gab es ja so etwas nicht! Schweinefleisch war für meinen Vater ein absolutes NoGo! Meine Schwester Dagmar hat sich mal heimlich ein ½ Kilo Schweineschmalz gekauft. Na, das war ein Theater!

Im Keller hatten wir ein Abteil, wo unsere Kohle bzw. der Koks eingelagert wurde. Der Kohlenhändler bzw. sein Mitarbeiter brachten die „Ware“ in riesigen Jutesäcken am Buckel und schleppten sie hinunter. Es kam immer wieder vor, dass wir einen unerklärlichen Kohleschwund hatten, und mein ältester Bruder legte sich sogar einmal nächtens im Keller stundenlang auf die Lauer. Vergebens. Es passierte nichts.

Später wurde unser Dauerbrandofen vom Wohnzimmer in das große Zimmer verfrachtet und das Wohnzimmer, welches immer elegant als „Salon“ bezeichnet wurde, bekam einen hässlichen keinen Ölofen. Links in der Ecke neben dem linken Fenster des großen Zimmers, das zu diesem Zeitpunkt ja mein Zimmer war, wurde ein 1000 Liter fassender Öltank aufgestellt. Davor stand mein Bett. Damals hat es mich nicht gestört. Jedenfalls kam im Herbst der Tankwagen und der Jahresölbedarf wurde von der Ungargasse hinauf in den 3. Stock gepumpt!

Nachdem Walter und ich den Keller besichtigt und dort auch ein paar schlafende Fledermäuse entdeckten – es ist dort noch immer alles so wie vor 50 Jahren, nur die Lichtleitungen wurden erneuert – gehe ich mit Walter langsam die Stufen hinauf und erzähle, zeige ihm die abgetreten Stufen, die mir schon als Kind gefallen haben. Die Travertiner Bodenplatten, manche von ihnen habe ich auf Grund der besonderen Musterung gleich wieder erkannt, gab es anfangs auch noch in unserer Wohnung im Vorzimmer und in der Küche erinnere ich mich vage. Später wurden sie auf Geheiß meiner Mutter von meinen Brüdern abgetragen und auf dem Dachboden deponiert. Vermutlich liegen sie heute noch da.

Die schöne Abtrennung zwischen dem Vorzimmer und der Küche, die aus einer Holz-und Glaskonstruktion mit Schiebetür bestand, wurde abgerissen. Es wurde dann ein Raum daraus in dem ein Estrich betoniert wurde und darüber kam ein Linoleumboden. Schade eigentlich, aber man wollte dann doch irgendwie modern sein,  so wie die neue „Amerikanische Küche“, die von einer Firma aufgestellt wurde.

Im Badezimmer wurde eine neue Zanker-Waschmaschine aufgestellt, ein Riesen Trumm mit von oben befüllbarer Wäschetrommel und einer integrierten – auch von oben zu befüllenden Wäscheschleuder! Beim Schleudern hat es immer fürchterlich gerumpelt! Oft ist sie auch übergegangen und wir hatten eine Riesen-Überschwemmung! Aber viel besser als Wäschewaschen mit Waschrumpel in der Badewanne! Als die Maschine nach vielen Jahren endlich kaputt wurde, stellte man sie zum Fenster am Gang, wo der Bettler seine Mahlzeiten einnahm und meine Mutter die Schuhe putzte. Als meine Eltern 1980 aus dem Haus und aufs Land zogen, stand die Waschmaschine noch immer dort.

An Regentagen im Sommer war es oft üblich die Wohnungspflanzen, und wir hatten viele davon, vom dritten Stock hinunter in den Hof zu schleppen, um ihnen eine Regendusche zu gönnen. Manchmal blieben sie auch ein paar Tage dort stehen, weil man musste sie ja auch wieder hinaufschleppen.

Ebenso unsere Teppiche, die mindestens drei- bis viermal im Jahr über dem „Fußballtor“ ausgeklopft wurden. Das macht heute auch niemand mehr.

Im sogenannten „großen Zimmer“ das zur Ungargasse ging, hatte meine Mutter bei den beiden Fenstern wegen uns kleinen Kindern, Nadja und mir, Gitter anbringen lassen, damit nichts passieren kann. Ich kann mich nicht mehr daran erinnern, aber angeblich haben wir am Fensterbrett einen Striptease veranstaltet und unser komplettes Gewand durch die Gitterstäbe auf die Straße geworfen! Das war sicher lustig für uns!

Ein anderes Mal klopfte es an der Wohnungstüre, wir waren allein und trauten uns nicht die Tür aufzumachen, weil Nadja mit Hilfe eines Sessels durch den Türspion die Polizei erkannt haben wollte. Es war allerdings nur der Briefträger, die damals noch uniformiert durch die Gegend liefen!

Meine Schwester Dagmar hat 1965 geheiratet und ihre Tochter zu ihrer neuen Familie geholt. Schlagartig war ich plötzlich ein Einzelkind und meine Spielkameradin los! Allerdings kann ich mich nicht daran erinnern, ob ich darunter gelitten habe.

Im Haushalt habe ich oft mithelfen müssen. Geschirr abwaschen, Staubsaugen, Möbel und Bilder abstauben, Badezimmer putzen und sofort. Eigentlich habe ich es ganz gerne getan und bin heute froh darüber. Beim Kochen habe ich gerne zugeschaut und das Hendl ausnehmen hat mich fasziniert! Damals bekam man das Geflügel ja nur in komplettem Zustand, zwar gerupft, aber sonst noch mit allem dran. Manchmal hab‘ ich das tote Huhn gewürgt und es riss den Schnabel weit auf und mit den abgeschnittenen Krallenfüssen konnte man auch noch hervorragend spielen! Ich lernte wie der Magen entfernt und die Innenhaut samt Körnerinhalt abgezogen wurde. Ich sah die Leber, das Herz, die kleinen Nieren und die Gallenblase, die niemals verletzt werden durfte, weil der Inhalt das Huhn vermutlich ungenießbar gemacht hätte. Jedenfalls wurde aus den Innereien inklusive des gewürgten Halses immer eine gute Suppe gemacht!

Haris Balic _ Ungargasse

Über Facebook bin ich über Hannes Laszakovits gestolpert, der Junge aus dem Delikatessenladen. Er hat keine Erinnerung mehr an mich. Er ist Musiker geworden und ich werde mich demnächst mit ihm treffen!

Haris Balic_Kurator/Archivar_Theatermuseum _ Wien _
im Garten des Hauses seiner Kindheit _ Ungargasse 9 _ Romanschauplatz Malina

Herzlichen Dank, lieber Haris, für diesen ganz besonderen Beitrag zum Romanjubiläum „Malina“! Es war eine große Freude mit Dir in das Haus Deiner Kindheit zurückzukehren und Deine so lebendigen Erinnerungen zu hören und auch zu sehen!

Ich wünsche Dir viel Glück und Freude im neuen Lebensabschnitt!

50 Jahre Malina _ Roman _ Ingeborg Bachmann _ im Gespräch und Fotoporträt:

Haris Balic, Kurator/Archivar_Theatermuseum

Station bei Ingeborg Bachmann_Malina.

Alle Fotos_Familie Balic/Hausgeschichte _ Haris Balic.

Interview und alle Fotos Porträt_Walter Pobaschnig _Wien_10_2021.

https://literaturoutdoors.com

Walter Pobaschnig 10_21

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