„Kunst muss ihren Finger in die Wunden unserer Zeit legen“ Thomas Mulitzer, Schriftsteller, Musiker_Salzburg 26.10.2021

Lieber Thomas, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Der Wecker klingelt. Ich wache auf und brauche ein paar Augenblicke, bis ich mich orientieren kann. Umrisse und Geräusche verraten, ob ich zu Hause bin oder unterwegs. Morgendliche Stille oder schnarchende Bandkollegen, der vertraute Bücherstapel neben dem Bett, fremde Haustiere oder beliebig austauschbare Hotelzimmer. Seit ich mir vor Kurzem ein kleines Stück vom Schneidezahn am Mikrofon rausgeschlagen habe, untersuche ich mein Gebiss vorm Badezimmerspiegel nach neuen Schäden. Alle Zähne da, alles gut.

Erfreulicherweise finden wieder Konzerte statt, dazu kommen Lesungen aus meinem neuen Roman „Pop ist tot“. Somit ist das Wochenende meist verplant. Mit Autofahrten, Soundchecks, Begegnungen und Punkrock. Unter der Woche bin ich Frühaufsteher wider Willen, beantworte Mails und verbringe den Arbeitstag im Büro. Am Abend bereite ich mich auf anstehende Termine vor. Fürs Schreiben bleibt da wenig Zeit. Also bleiben die Texte und Songs in mir, bis sie die Zeit einfordern, die ich ihnen im Moment nicht geben kann.

Thomas Mulitzer _ Schriftsteller, Musiker

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Mit Ratschlägen an alle tue ich mir schwer, aber vielleicht ist das, was mir wichtig ist, bzw. das, was ich glaube, was für mich jetzt wichtig ist, auch für andere relevant: Sich auf das Wesentliche konzentrieren, Ballast abwerfen und das Gleichgewicht bewahren. Rücksichtsvoll und achtsam sein, dazulernen, sich verändern. Nie so bleiben, wie man ist.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Musik, der Kunst an sich zu?

In der Lockdown-Zeit war Literatur für mich vor allem eine Flucht vor der Realität. Als die Welt verrücktspielte, habe ich mich literarischen Welten zugewandt, um nicht den Halt zu verlieren. Die waren irgendwie plausibler. Allem Eskapismus zum Trotz muss Kunst ihren Finger in die Wunden unserer Zeit legen und kräftig umrühren. Sensibel sein für das, was sich tut, und unbarmherzig sein beim Benennen. Eines ist klar: Kunst ist eine Notwendigkeit.

Was liest Du derzeit?

Roberto Bolaño, Jens Rachut, Gertraud Klemm.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Ich denke, dass ich sagen will, dass Kafka verstand, dass die Reisen, der Sex und die Bücher Wege sind, die nirgendwo hinführen, und dass sie nichtsdestotrotz Wege sind, die man beschreiten und in denen man sich verlieren muss, damit man sich wiederfindet oder damit man etwas findet, was es auch sei, ein Buch, eine Geste, ein verlorenes Objekt, damit man irgendetwas findet, vielleicht eine Methode und mit Glück: Das Neue, das, was schon immer da war.“ (Roberto Bolaño)

Thomas Mulitzer _ Schriftsteller, Musiker

Vielen Dank für das Interview lieber Thomas, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Literatur-, Musikprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Thomas Mulitzer_Schriftsteller, Musiker

https://www.kremayr-scheriau.at/autoren/thomas-mulitzer/

Fotos_1 Verena Castlpietra; 2 Ludwig Seidl; 3 PunktFormStrich.

14.10.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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