„Kunst ist kein Luxusgut“ Dirk Hülstrunk, Schriftsteller_Frankfurt/Main 23.10.2021

Lieber Dirk, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Wenn ich das wüsste, wäre ich wahrscheinlich erfolgreicher. Hatte schon lange keinen geregelten Tagesablauf mehr. Warte auf Überraschungen aller Art. Aber erst nach dem Kaffee. Werfe alle Planung über den Haufen. Improvisiere mit Worten, Taten, Geräuschen und spätabends mit der Angst vor dem Absturz und dem Schreck, schon wieder eine Zoom-Sitzung verpasst zu haben.  

Seit Corona sitze ich fast nur noch zu Hause am Schreibtisch und rede mit mir selbst und meinen Endgeräten. Der schöne Traum vom internationalen Jet-Set-Künstler-Dasein ist mindestens beschädigt. Die tollen, großen Projekte schon im zweiten Jahr abgesagt oder noch mal verschoben oder vergessen. Dafür bin ich jetzt bei Instagram. Dafür lerne ich endlich mal meine Umgebung kennen und performe als local poet auf Straßen und in Parks. Ich übersetze Graphic Novels und Kinderbücher und schreibe gelegentlich wieder so etwas wie „echte“ Gedichte. Meisten zwischen Mitternacht und Morgengrauen.
Die Bedeutung der Performance von Texten ist vermutlich überschätzt. Geschriebenes läuft wenigstens nicht weg.

Dirk Hülstrunk_Schriftsteller, Soundpoet, Audiokünstler

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Wenn ich wüsste, wer wir alle sind, würde ich sagen, bitte weniger Misstrauen, weniger Neid, weniger Missgunst, weniger Rechthaberei. Bitte Ausweitung der Grauzone. Bitte Subtext einfügen. Bitte weitergehen. Und bitte die Demokratie nicht vergessen. Aber natürlich kann ich nur für mich selbst sprechen.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Augen aufmachen und hinsehen. Dann hinsetzen, zuhören, nachdenken. Nicht in Panik geraten. Probleme erkennen, benennen und pragmatische Lösungen finden. Mit Fantasie nach den Fakten suchen.
Kunst ist kein Luxusgut, sondern sozialer Klebstoff und Erste-Hilfe in der Krise. Blick schärfen, Einfühlungsvermögen justieren, spielerisches Denkvermögen und Vorstellungsvermögen stärken. Kunst kann aber am meisten, wenn sie gar nichts muss.

Was liest Du derzeit?

Immer mehrere Bücher parallel, u.a.

Klasse und Kampf, herausgegeben von Maria Barankow und Christian Baron. Claasen, 2021. Weil elitäre Blasen und soziale Unausgewogenheit in der Literatur die Möglichkeiten von Kultur beschränken.

Chester B. Himes – A Biographie von Lawrence P. Jackson, New York 2017

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Wir spielen, bis uns der Tod abholt“ (Kurt Schwitters)

Dirk Hülstrunk_Schriftsteller, Soundpoet, Audiokünstler

Vielen Dank für das Interview lieber Dirk, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literatur-, Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Dirk Hülstrunk_Schriftsteller, Soundpoet, Audiokünstler

www.dirkhuelstrunk.de 

Fotos_Oliver Lauberger_Büro für Gebrauchsgrafik.

23.9.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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