„Die patriarchale Machtausübung ist sicherlich unterschwelliger geworden“ Irene Diwiak, Schriftstellerin_Wien_Undine geht _20.10.2021

Irene Diwiak, Schriftstellerin_Wien_
Undine geht

Liebe Irene, wir sind hier auf der Donauinsel in Wien – welche Bedeutung hat Wasser, die Natur für Dich?

Ich liebe das Wasser. Flüsse, Seen, Meere – alles. Ich bin gern im Wasser und gern am Wasser. 2019 habe ich ja als Gast für drei Monate im Literarischen Colloquium Berlin leben dürfen, das sich direkt am Wannsee befindet. Beim Frühstücken, Arbeiten und abendlichen Zusammensitzen auf der Terrasse hat man da immer das Wasser im Blick gehabt. Das war großartig, so würde ich am liebsten dauerhaft leben – aber dazu müsste ich wohl leider ein paar Bestseller schreiben…

Schwimmst Du gerne? Wenn ja, wo/wie hast Du schwimmen gelernt?

Natürlich schwimme ich sehr gern. Gelernt habe ich es ganz unromantisch bei einem Schwimmkurs in unserem heimischen Schwimmbad. Dieses heißt übrigens „Hietl-Bad“, was sich, glaube ich, von „Hüttel-Bad“ ableitet und immer für sehr erschrockene Gesichter bei Touristen sorgt, die „Hitler-Bad“ verstehen. 

Du bist in der Steiermark aufgewachsen und lebst jetzt seit 10 Jahren in Wien. Was bedeutet Dir und welche Impulse bekommst Du von Wien als Lebens- und Kunstraum?

Ich bin grundsätzlich eher ein Stadtmensch. Ich mag die Anonymität irgendwie, das „Allein- und doch Unter-Menschen-Sein“. In der U-Bahn oder im Café nimmt man die unterschiedlichsten Gesprächsfetzen wahr, hört Erzählungen aus Milieus, die einem ganz fremd sind, und erfährt von Weltanschauungen, auf die man selbst nie gekommen wäre. Das kann sehr inspirierend wirken, ohne dass man es direkt wahrnimmt. Im Lockdown habe ich erst gemerkt, wie sehr mir das abgeht. 
Naja, und in Graz geht das mit der Anonymität schon nicht mehr so gut. Graz ist klein genug, dass man immer irgendwen trifft, den man kennt.
Und das Kulturleben in Wien ist natürlich großartig. Ich geh fast nie irgendwo hin, aber ich liebe das Gefühl, dass ich jederzeit ins Theater, zu einem Konzert oder in die Oper gehen könnte, wenn ich nur wollte. Auch das hab‘ ich sehr vermisst im Lockdown.

Was sind Lieblingsorte von Dir in Wien?

Tatsächlich die Alte Donau. Da gibt es auch ein paar frei, also gratis zugängliche Stellen, dort halte ich mich im Sommer sehr oft auf.
Sonst streife ich aber auch sehr gern immer wieder durch die Innenstadt, weil man dort auch historisch interessantes und ästhetisch ansprechendes „Neues“ entdeckt, wenn man schon seit 10 Jahren Wien lebt. Und am Donaukanal und im Augarten bin ich auch oft.

Welche Bezüge gibt es von Dir zu Ingeborg Bachmann?

Das erste, was mir zu Bachmann immer einfällt, ist, dass sie beim Rauchen eingeschlafen und verbrannt ist. Das zweite ist der Bachmannpreis, und bei dem war ich noch nicht. Sind das Bezüge? Vermutlich nicht.
Aber jetzt komme ich ja bald in „Dreißigste Jahr“, vielleicht ist das ein guter Zeitpunkt, um neue Bezüge zu Ingeborg Bachmann zu erlangen.

Wie liest Du den Text „Undine geht“ von Ingeborg Bachmann? Welche Grundaussagen gibt es da für Dich?

Wie bei allen Texten von Ingeborg Bachmann bin ich mir nicht ganz sicher, ob ich alles verstanden habe. Das ist sicher durchaus gewollt, das Rätselhafte, Offene, „was sich nicht festlegen lässt“, wie es in der Undine heißt. Und trotzdem stellt sich kein Gefühl der Beliebigkeit ein. Da brodelt schon etwas unter der lyrischen Sprache.
Wenn ich die Grundaussage von „Undine geht“ auf einen Satz herunterbrechen müsste, würde ich sagen: Die unterschiedliche Lebensrealitäten von Männern und Frauen. Und wenn ich das Sakrileg begehen und Bachmann kritisieren darf: Ein bisschen klischeehaft wird da die Frau der Natur und der Mann der Zivilisation zugeordnet.

Was kannst Du als Frau und Künstlerin von „Undine geht“ in das Heute mitnehmen?

Das ist immer so eine Frage. Was will man sich aus einem literarischen Text „mitnehmen“? Einen Ratschlag, eine Lebensweisheit? Vielleicht am ehesten eine Grundstimmung. Und die Grundstimmung ist für mich hierbei das Missverständnis, das einem Missverhältnis entspringt. Dieses Missverständnis will man sich vielleicht nicht unbedingt in das Heute mitnehmen, aber es ist eben leider noch da, weil ja auch das Missverhältnis noch da ist.

„Undine geht“ wurde vor 60 Jahren veröffentlicht. Was hat sich seit damals im Rollenbild von Frau und Mann verändert und was sollte sich noch ändern?

Heute heißen einmal bedeutend weniger Männer Hans. Hannes vielleicht. Aber Hans?
Sonst hat sich natürlich auch allerhand geändert, rechtlich, ökonomisch, auch gesellschaftlich. Aber was doch noch besteht, ist eben dieser Unterschied in der Lebensrealität von Männern und Frauen. Und Frauen sind viel geübter darin, die männliche Perspektive mitzudenken als umgekehrt. Darum sind ja so viele Männer aus allen Wolken gefallen, als sie im Rahmen der MeToo-Bewegung mitbekommen, dass Missbrauch auch in ihrem eigenen Umfeld stattgefunden hat. Dass ihre eigenen Partnerinnen, Kolleginnen, Schwestern solche Erfahrungen gemacht haben. Und relativ schnell kommen dann so „selber Schuld, wenn ihr euch nicht wehrt“-Vorwürfe, weil man sich überhaupt nicht in die Situation einfühlen kann. Und das durchaus nicht nur von Ignoranten, bei denen man es sich eh nicht anders erwartet hat, sondern durchaus auch von verständigen Männern.
Und es ist so unendlich schwer, diesen Unterschied in den Lebenswelten zu beschreiben, weil es oft Nuancen sind, die unterschiedliche Realitäten ausmachen, nicht greifbar, und Männer wollen ja immer alles logisch erklärt haben. Das ist übrigens auch eine sehr schöne Passage in dem Text: wie die Männer sich über den Motor beugen und die Technik erklären, „bis vor lauter Erklärungen wieder ein Geheimnis daraus geworden ist“.

Der Monolog geht mit der patriarchalen Gesellschaftswelt schonungslos ins Gericht. Wie siehst Du die Situation patriarchaler Macht heute, in Leben,  Gesellschaft, Kunst?

Die patriarchale Machtausübung ist sicherlich unterschwelliger geworden. Was es so viel schwieriger macht, gegen sie anzukämpfen. Die sogenannten „Gläsernen Decken“ sind ironischerweise beinahe unzerbrechlich. Und da stellt die Kulturwelt leider keine Ausnahme in unserer Gesellschaft dar.
Naja, und die richtigen Chauvinisten an den wichtigen Stellen gibt es dann natürlich auch noch. Die werden mittlerweile zwar in regelmäßigen Abständen öffentlich dafür kritisiert, aber nur in seltenen Fällen führt das dazu, dass sie von ihren Machtpositionen abgezogen werden. Da liegt noch ein weiter, steiniger Weg vor uns.

Der Text drückt auch viel Trauer über das Scheitern der Poesie der Liebe und des gesellschaftlichen Lebens aus? Ist eine Poesie darin möglich – zwischen Mensch und Mensch, Mensch und Natur?

Für mich ist wahre Poesie ist eigentlich nur im Scheitern möglich. Alles andere ist Kitsch. Aber Kitsch tut auch gut, von Zeit zu Zeit.

Wie kann der moderne Mensch Poesie/Harmonie in Liebe und Welt/Umwelt leben?

Ich weiß nicht, ob man Poesie „leben“ kann. Poesie ist für mich eine Sache, die sich im Inneren abspielt, die weniger mit der Außenwelt zu tun hat als mit der eigenen Sicht auf diese, und da ist es eigentlich egal, wie „modern“ sie ist. Poesie denken, das geht vielleicht. Poesie denken im eigenen Scheitern an einfach allem und es sich damit erträglicher machen.

Was hat sich in der Liebe in Beziehung und Gesellschaft seit 1961 verändert?

Alles und nichts. Wie gesagt, am Papier sind Männer und Frauen mittlerweile rechtlich gleichgestellt. Aber eben nur am Papier. Und gerade Beziehungen gehorchen ja wieder ganz anderen Gesetzen. Aber ich benutze das mir zur Verfügung stehende Papier immer wieder, um diesen Verhältnissen auf literarische Weise nachzuspüren.

Was braucht Liebe immer, um zu wachsen, blühen?

Wie alles, das wächst und blüht: Zeit.

Was lässt Liebe untergehen?

Überzogene Erwartungen. Ich habe irgendwann einmal einen Artikel darüber gelesen, dass in unserer „atheistischen“ Welt die romantische Liebe oft als „Religionsersatz“ herangezogen wird und alle emotionalen, geistigen und körperlichen Bedürfnisse gleichzeitig abdecken soll. Das kann ja nicht funktionieren, da ist Enttäuschung vorprogrammiert.

Wie war Dein Weg zur Literatur?

Lang, aber ziellos. Ich habe schon als Kind wahnsinnig gern Geschichten erfunden und aufgeschrieben, habe dann früh bei Jugendliteraturwettbewerben mitgemacht und damit auch Erfolge gefeiert. Eigentlich wollte ich Schauspielerin werden. Aber mit meinen Texten habe ich offensichtlich mehr überzeugt als mit meiner Schauspielerei. Es war also gar keine Entscheidung, Schriftstellerin zu werden. Es hat sich so ergeben. Aber jetzt gefällt es mir ganz gut in der Literatur. Weil sie sich Zeit lassen kann, verspielt sein darf und auch einmal pedantisch, wenn’s sein muss. Und man hat Freiheiten, die man als Schauspielerin nicht hätte. Je älter ich werde, desto klarer wird mir, wie sehr ich eigentlich auf Freiheit stehe.

Welche Impulse gibt es von der Natur her für Dich als Schriftstellerin?

Tatsächlich gar nicht so viele. Ich schreibe sehr gerne in der Natur, und dann besonders gern an Gewässern. Aber direkt wirkt sich das nicht auf mein Schreiben aus. Die Inspiration hole ich mir eher aus dem Zwischenmenschlichen. Oder in der Literatur. Lesen geht übrigens auch ganz wunderbar an Gewässern.

Was sind Deine derzeitigen literarischen Schwerpunkte und Projekte?

Mein Arbeitsschwerpunkt ist momentan historisch. Mein dritter Roman, der von der Freundschaft zwischen Hans Scholl (schon wieder ein Hans) und Alexander Schmorell handelt, ist gerade in der Überarbeitungsphase und erscheint voraussichtlich 2023. Ein vierter ist aber auch schon in Arbeit, da geht es um eine alte Dame, die sich für die uneheliche Enkelin von Kronprinz Rudolf hält. Das wird dann ein Spiel mit historischer und gefühlter Wahrheit.
Und sonst würde ich auch gerne wieder Theatertexte schreiben, jetzt, wo die Theater wieder offen haben dürfen. Ein Drehbuchprojekt über die Jugend von Caterina Valente steht auch noch auf meiner Wunschliste.
Außerdem ist gerade ein Erzählband von mir erschienen: „Guilty Pleasures“ bei der steirischen Edition Kürbis. Das sind Texte von mir aus insgesamt sieben Schaffensjahren darin versammelt, und ich wünsche diesem bunten Büchlein noch viele Leserinnen und Leser.

Wie lebst Du den Kreislauf der Jahreszeiten?

Im Sommer ist es mir zu heiß und im Winter ist es mir zu kalt. Und Frühling und Herbst sind nicht Fisch, nicht Fleisch. Ich fühle mich eher selten so richtig wohl, wettermäßig. Aber dafür hat jede Zeit auch ihr Gutes: Im Sommer gehe ich schwimmen, und WENN es im Winter schneit, dann bin ich überglücklich.

Welches Zitat aus „Undine geht“ möchtest Du uns mitgeben?

„Und nun geht einer oben und hasst Wasser und hasst Grün und versteht nicht, wird nie verstehen. Wie ich nie verstanden habe.“

Darf ich Dich zum Abschluss zu einem Achrostikon zu „Undine geht“ bitten? (Wortassoziation zu der Buchstabenfolge – U=Stichwort, N=…..)

Ich habe so eine Art Gedicht gemacht:

Und
Nicht
Das
Innere
Nur
Erkennen

Gefühle
Ertragen
Hans
Treffen

Liebe Irene, herzlichen Dank für Deine Teilnahme am szenischen Projekt „Undine geht“!

Irene Diwiak, Schriftstellerin_Wien_
Undine geht

60 Jahre_Undine geht _Erzählung _ Ingeborg Bachmann _

Irene Diwiak, Schriftstellerin_Wien

https://irenediwiak.at/

Interview und alle Fotos_Walter Pobaschnig

Station bei Ingeborg Bachmann_Wien.

Walter Pobaschnig _Wien_10_21

https://literaturoutdoors.com

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