„Dass wir Sprachen finden, die dem Nichteindeutigen das Wort reden und den vereinfachenden Antworten ins Wort fallen“ Ulrike Bail, Schriftstellerin _Luxemburg 23.12.2021

Liebe Ulrike, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Frühmorgens gehe ich mit meinem Hund lange und langsam im Wald spazieren. In dieser gemeinsamen Zeit öffne ich mich dem Tag.

Den Tag über vermischen sich Schreiben, Lesen und die alltäglichen Dinge und Bewegungen ineinander. Ideen und Texte entstehen. Gespräche mit Freund*innen und Kolleg*innen, mit Literatur und Kunst gehören dazu.

Ulrike Bail, Lyrikerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich zögere immer, wenn ich für ‚uns‘ oder für ‚alle‘ sprechen soll. Wo fängt ein ‚uns‘ an? Wo hört ein ‚alle‘ auf? Wer bin ich und wer die andere(n)? Einander mit Respekt begegnen und aufeinander achten  – und da beziehe ich die Tiere und die Pflanzen mit ein – ist für mich besonders wichtig.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Anja Utler sprach einmal von der „befreienden Unsicherheit“, die Gedichte ermöglichen können. Das wünsche ich mir von Literatur und Kunst. Dass wir Sprachen finden, die dem Nichteindeutigen das Wort reden und den vereinfachenden Antworten ins Wort fallen.

Ich bin fasziniert von Kunstwerken, die etwas Unübersetzbares ausstrahlen, etwas Vibrierendes, das Grenzen durchlässig werden lässt. Sie nachdenklich von allen Seiten betrachten, ihren Schwingungen lauschen, sich verunsichern lassen und aufrütteln, empathisch, verletzbar und offen werden.

Was liest Du derzeit?

Robert Macfarlane, Jackie Morris, Die verlorenen Zaubersprüche. Aus dem Englischen von Daniela Seel, Naturkunden Nr. 77, Matthes & Seitz Berlin 2021.

Uljana Wolf, Etymologischer Gossip. Essays und Reden, kookbooks Berlin 2021.

Ocean Vuong, Auf Erden sind wir kurz grandios. Roman. Aus dem Englischen von Anne-Kristin Mittag, Karl Hanser Verlag München 2019.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Da stand der mohn dort / eine schar disteln / und nesseln / mit geschürzten lippen blau / wie die herzkranken früher / neben den veilchen/ wir waren nicht gefaßt auf die rosen

(Esther Kinsky, kö növény kökény. Gedichte, Edition Thannhäuser 2019)

Vielen Dank für das Interview liebe Ulrike, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an Künstler*innen:

Ulrike Bail, Lyrikerin

https://www.ulrike-bail.de/

Foto_privat.

14.11.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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