„Literatur hilft uns, Perspektiven zu wechseln, und das brauchen wir gerade dringend“ Nora Bossong, Schriftstellerin _Berlin 18.12.2021

Liebe Nora, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Meistens unspektakulär: Um neun sitze ich mit Kaffee am Schreibtisch. Mittag gib es zwischen 12h und 14h. Nachmittags gehe ich eine Stunde spazieren. Manchmal denke ich, ich könnte auch Tagespläne für Altenheime schreiben.

Nora Bossong, Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Die Nerven zu bewahren.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Literatur hilft uns, Perspektiven zu wechseln, und das brauchen wir gerade dringend. Durch die Pandemie haben sich viele in ihre eigene Misere zurückgezogen, um irgendwie durchzukommen. Dadurch ging aber oft auch der Blick dafür verloren, dass es anderen schlecht, vielleicht sogar noch schlechter ging. Jede Gruppe kämpfte für sich. Das Bewusstsein für die eigene Verletzlichkeit zu bewahren, ohne dieses in ein gesellschaftliches Gegeneinander umschlagen zu lassen, wäre ein Ziel.

Was liest Du derzeit?

Gerade lese ich Habermas „Die neue Unübersichtlichkeit“ und lerne, dass auch die 80er schon mies waren. Retrospektiv wissen wir immerhin, dass der Atomschlag damals doch ausblieb. Wüssten wir ähnlich Erleichterndes über die Klimakrise, wäre uns wohl leichter ums Herz. Vielleicht fielen wir dann aber auch in Passivität zurück.

Welches Zitat,  Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?  

„Als es noch darum ging, die Freiheit zu erringen, wusste man sehr gut, wen man zu fürchten hatte und was man dagegen tun konnte. Nun ist die Freiheit errungen, und es gilt, in ihr zu bestehen. Das ist eine ebenso großartige wie harte Aufgabe.“ Richard von Weizsäcker in seiner Weihnachtsansprache 1990.

Vielen Dank für das Interview liebe Nora, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Nora Bossong, Schriftstellerin

Nora Bossong, geboren 1982 in Bremen, studierte in Berlin, Leipzig und Rom. Sie lebt als freie Schriftstellerin in Berlin, veröffentlicht Romane, Essays und Gedichte und meldet sich regelmäßig zu aktuellen gesellschaftspolitischen Themen zu Wort. 2019 gelangte ihr Roman Schutzzone auf die Longlist des Deutschen Buchpreises. Bossong wurde vielfach ausgezeichnet, zuletzt mit dem Thomas-Mann-Preis (2020) und dem Joseph-Breitbach-Preis (2020). Sie ist Mitglied im ZdK und Kolumnistin des Philosophie-Magazins

am 24. Februar 2022 erscheint bei Ullstein das Buch „Die Geschmeidigen – Meine Generation und der neue Ernst des Lebens“ von Nora Bossong.

(Info _Ullstein Verlag)

Foto_Heike Steinweg.

2.12.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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