„Die Zunahme von Gewalt, insbesondere gegen Frauen, empfinde ich als besorgniserregend“ Cornelia Stahl, Schriftstellerin _ Wien 16.12.2021

Liebe Cornelia, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Meine Tage folgen der Monotonie immer gleicher Abläufe. An ein ausgiebiges Frühstück als Eingangsvoraussetzung für einen gelingenden/geglückten Tag (Peter Handke) reihen sich Routinearbeiten, die ich rasch erledige, um mich dem Lesen von Zeitungen/Büchern und dem Verfassen von Texten/Textfragmenten zu widmen.

Cornelia Stahl_Schriftstellerin, Radiojournalistin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich kann und möchte nicht für alle sprechen. Ich kann hier nur meine persönlichen Auffassungen darlegen. Wichtig erscheint mir, sich auf Wesentliches zu fokussieren und ab und an Prioritäten neu zu setzen. Komplexitätsreduktion, so wie es Niklas Luhmann formulierte.

Momentan konzentriere ich mich auf die zu lesenden Rezensionsexemplare und die zeitgerechte Abgabe der dazugehörigen Besprechungen. Das erfordert ein gewisses Maß an Struktur und Disziplin. Das im Kalender mit Signalgelb markierte Abgabedatum leuchtet jeden Tag auf, erzeugt Spannung.

Zeit, um mich von Negativmeldungen ablenken zu lassen, bleibt daher wenig. Ein gesundes Vertrauen in das Ende aller Katastrophen, so auch der Pandemie, mindert den persönlichen Stresslevel wesentlich und trägt dazu bei, den (stoischen) Tagesablauf konsequent durchzuziehen sowie eigens gesteckte Ziele zu erreichen, was am Ende des Tages für einen ruhigen Schlaf sorgt.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Gesellschaften unterliegen permanenten Veränderungen. Die „Baustellen“ des Neoliberalismus und Kapitalismus wachsen ununterbrochen. Die Pandemie hat die soziale Spaltung innerhalb gesellschaftlicher Ungleichheiten zunehmend verstärkt. Wichtig erscheint mir, solidarisch zu handeln und einen achtsamen Umgang mit Menschen und der Natur zu pflegen. Politisch gilt es, künftig die richtigen Weichen zu stellen, insbesondere den Ausstieg aus der Atomenergie zu forcieren. Das Theaterstück „Tschernobyl“ (Werk X), welches im Oktober 2021 im Odeon gezeigt wurde, erinnerte an die Atomreaktorkatastrophe von 1986 in Tschernobyl. Die Folgen sind bis in die Gegenwart spürbar, die Schäden irreparabel. Diskussionen über die Weiternutzung von Atomkraftwerken, wie ich unlängst in einem Artikel las: „Kann Atomenergie eine grüne Alternative sein?“ (Wiener Zeitung, 6./7.11.2021), erzeugen Unverständnis (und Proteste!).

Literatur und Kunst haben die Aufgabe, politische Missstände auf´s Tapet zu bringen, zu benennen, anzuprangern. Sie ermöglichen, Welten und Utopien zu imaginieren, in denen ein solidarisches Miteinander selbstverständlich ist, Konkurrenzdenken aus der Mode gerät und ein gleichberechtigter, wohlwollender Umgang miteinander gelebt wird.

Die Zunahme von Gewalt, insbesondere gegen Frauen, empfinde ich als besorgniserregend. Einen wichtigen Schritt in Richtung Bewusstseinsbildung und im Aufbrechen tradierter Rollenbilder leistet hier durchaus Kinder- und Jugendliteratur. „Was Sara verbirgt“ von Kathrine Nedrejord, Urachhaus, 2021, steht beispielgebend dafür, wie Tabuthemen wie Vergewaltigungen literarisch bearbeitet werden können, um Diskussionen im gesellschaftlichen bzw. schulischen Kontext anzustoßen.

Was liest Du derzeit?

Täglich lese ich in Gesichtern der Menschen und versuche, ein Stimmungsbild unserer Gegenwart einzufangen. Gesichter als Seismographen gesellschaftlicher Zustände. Besorgte, verärgerte, ängstliche Menschen. Dazwischen Lichtblitze.

Terézia Mora spiegelt in „Fleckenverlauf“ (2021) ebenfalls ein Stimmungsbild. Sie erzählt darin vom Mangel an Zeit in der Mitte des Lebens, vom Umgang mit Freunden, der anfänglichen Bearbeitung von „Oberflächen“ in Gesprächen, um anschließend in die Tiefe gehen zu können. Dazu kommt es meistens nicht, da jede/r weiterzieht, mit sich selbst beschäftigt ist. Am Ende bleibt der schale Nachgeschmack von Einsamkeit.

Parallele Lektüre: „Stephen Hawking. Eine Biographie“ (2021), von Charles Seife, eine Art Rückkoppelung zu Raoul Eiseles wunderbarem Lyrikband „Einmal hatten wir schwarze Löcher gezählt“ (2021). Weitere Bücher sind zum Beispiel „Zwischen Schaumstoff“ von Didi Drobna (2014) und „Der Präsident“ von Clemens Berger (2020). Literarische Kostbarkeiten, die ich 2022 im Lesekreis des BÖS (Berufsverband Österreichischer Schreibpädagog*innen) mit Teilnehmenden besprechen werde.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Michel Foucault verweist in „Zur Genealogie der Ethik“ auf die Rolle der Kunst:

„Daß Kunst etwas Gesondertes ist, das von Experten, nämlich Künstlern gemacht wird. Aber könnte nicht das Leben eines jeden ein Kunstwerk werden? Warum sollte die Lampe oder das Haus ein Kunstgegenstand sein, nicht aber unser Leben?“ (Michel Foucault: „Zur Genealogie der Ethik“ in: Hubert Dreyfus/ Paul Rabinow: Michel Foucault: Jenseits von Strukturalismus und Hermeneutik. 1982/ Zitat Ausgabe 1987).

Vielen Dank für das Interview liebe Cornelia, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literatur-, Journalismusprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an Künstler*innen:

Cornelia Stahl_Schriftstellerin, Radiojournalistin

Cornelia Stahl verantwortet als Radiojournalistin die Sendung Literaturfenster Österreich beim Freien Radio Orange, Wien. Seit 2014 schreibt sie Rezensionen für bn-Bibliotheksnachrichten Salzburg, Die Alternative, AUGUSTIN und etcetera der LitGes, Literarische Gesellschaft St.Pölten. Zudem organisiert sie dort seit 2015 als Juryvorsitzende den Jugendliteraturwettbewerb LitArena. Letzte Veröffentlichung: Jahrbuch Lyrik, Edition Art Science, St.Wolfgang, 2021.

Foto_privat.

18.11.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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