„Trotz sexueller Revolution und schriller Pop-Musik scheinen die Eltern des Kindes die 68er erfolgreich übersprungen zu haben. Stattdessen dockten sie nahtlos an die 50er an. Staubsauger fein säuberlich geparkt an Staubsauger. Wie konnte das gelingen?…“
Die Erfahrungswelt des Herbie Bräutigam, der seinem Familienunglück zu entkommen sucht, wird zu einer tour de force von Lebensbeginn an. Der einengenden Welt der Kindheit sucht Herbie zu entkommen und fällt weiter in innerliche und äußerliche Abgründe im Loslösungs- und Bindungschaos des Lebens…
„Hallo Mama, lieber Papa! Ich möchte euch heute meinen Fang, wie Du es bezeichnen würdest, Mama, Anna vorstellen. Wir lernten uns in keiner geringeren als der Psychiatrie kennen…“
Und sein Weg geht weiter im Labyrinth von Verlust und Suche in Begegnung, Scheitern und Einsamkeit…
Rebecca Ramlows Romandebüt ist ein Feuerwerk an Sprachvariation und schonungsloser existentiell gesellschaftlicher Innenschau am Kern von Liebe, Identität, Bewusstsein, Gesellschaft und Verhängnis. Mensch und Zeit werden in einzigartiger Sprachkunst in allen Wegen und Ausweglosigkeiten in Drama wie Witz genial und zeitkritisch in Szene gesetzt.
Die Leiden des mittelalten Herbies. (Be-)Gattungslos. Rebecca Ramlow. Roman. Novum Verlag.
Ingeborg Bachmann auf der Terrasse in ihrer Wohnung in der Bocca de Leone/Rom, um 1970
100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _
im Interview _ Ali E. Danabaş, Schriftsteller _ München.
Lieber Ali, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns?
Als Kind keine. Später in der Schule und im Studium auch nicht. Autorinnen waren im Deutschunterricht und in den Germanistikseminaren eine Rarität. Wahrscheinlich auch deshalb, weil Lehrer und Professoren fast ausnahmslos Männer waren. Heute bin ich überzeugt, dass Frauen nicht zufällig ausgelassen wurden. Die subtile Botschaft war: Frauen sind nicht talentiert genug zum Schreiben.
Ingeborg Bachmann habe ich erst nach Annette von Droste-Hülshoff, Else Lasker-Schüler, Isolde Kurz, Rose Ausländer und Sarah Kirsch entdeckt. Literarisch haben mich Frauen stärker inspiriert als Männer. Vor allem, weil sie Machtstrukturen sichtbar machen.
Was macht das Besondere Ihres Schreibens aus?
In ihrem Essay über Wittgenstein stellt Ingeborg Bachmann die Frage, ob unserer Sprache nicht vielleicht genau das Wort fehlt, auf das es ankommt. Der Satz aus dem Tractatus „Gott offenbart sich nicht in der Welt“ gehört für sie zu den bittersten überhaupt. Er bringt die schmerzliche Einsicht auf den Punkt, dass es Dinge gibt, die sich unserer Sprache entziehen.
Darauf sucht Bachmann im Schreiben eine Antwort. Sie interessiert sich für das, was sich nicht einfach aussprechen lässt. Darin sehe ich auch eine Nähe zu Wittgenstein: Sie akzeptiert die Grenzen der Sprache, zieht daraus aber eine andere Konsequenz. Während der Tractatus mit dem Satz endet: „Wovon man nicht sprechen kann, darüber muß man schweigen“, versucht Bachmann, dem Unsagbaren und dem Verschwiegenen mit den Mitteln der Dichtung eine Stimme zu geben. Sie will nicht erklären oder beweisen, sondern sichtbar und spürbar machen. Wo die Logik an ihre Grenze stößt, beginnt für sie die Poesie.
Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben?
Ihr Gedichtzyklus „Lieder auf der Flucht“ ist eine besondere Inspirationsquelle.
Wie siehst Du Ingeborg Bachmanns Gesellschaftskritik der zerstörenden und zerstörerischen patriarchalen Welt heute?
Sie hat an Aktualität sogar gewonnen. Die Strukturen sind subtiler und zugleich engmaschiger geworden. Die Sehnsucht mancher Männer, archaische Machtstrukturen im letzten Moment doch noch wiederherstellen zu können, macht sie aggressiver und offensiver. Sie organisieren sich gegen all jene Gruppen, die unabhängiger und selbstbewusster geworden sind und allein durch ihre Existenz die althergebrachten Machtverhältnisse infrage stellen: gegen Frauen, Einwanderer, Menschen mit Behinderungen, Andersgläubige und Menschen mit anderer sexueller Orientierung.
Wir erleben, wie diese Gruppen gegeneinander aufgehetzt werden – und das funktioniert. Ich befürchte, wir werden auch Zeugen davon, wie das Patriarchat seine zwischenzeitlich etwas geschwächte Macht wieder festigt und ausbaut.
Die Liebe in allen Facetten von Glück und Verhängnis ist ein wesentliches Thema in Gedichten wie Prosa Ingeborg Bachmanns_ „die Männer sind unheilbar krank…“ (Interview, 1971) _ wie lieben wir nach/mit Bachmann?
Die Liebe fällt nicht vom Himmel. Die Art, wie wir lieben, hängt von vielen Faktoren ab. Ich sage: Wir lieben nicht gut. Wir werden nicht gut geliebt. Und sind weit davon entfernt, unser Potenzial voll auszuschöpfen. Da ist ziemlich krank. Wir sind krank. Ich hoffe nur, dass wir genesen.
„Es ist eine seltsame, absonderliche Art zu existieren, asozial, einsam, verdammt, es ist etwas verdammt daran“, so charakterisierte Ingeborg Bachmann in ihrer Rede zur Verleihung des Anton Wildgans Preises (1971) Schreiben und Existenz. Ist das Schreiben, die Kunst immer (auch) eine Form des persönlichen „Martyriums“?
Im Gegenteil: Allein zu sein und einsam zu sein, bietet die Möglichkeit, Abstand von der Härte der Welt zu gewinnen. Das größere Martyrium liegt für mich eher in der Weichherzigkeit gegenüber einer ungerechten Welt – in der Sehnsucht, nicht allein zu sein, und gerade dabei etwas von sich selbst aufzugeben. Diese Selbstverleugnung kann am Ende in eine noch tiefere Einsamkeit oder in das Gefühl münden, die eigene Existenz habe keinen Sinn. Für mich ist sie sogar schwerer auszuhalten als die Einsamkeit selbst. Schreiben und Kunst helfen mir, dieses Gefühl der Ausweglosigkeit zu verarbeiten. Diese vielleicht absonderliche Art zu existieren entsteht also nicht durch das Schreiben – vielmehr ist das Schreiben eine Reaktion auf dieses Martyrium. Anders ausgedrückt: Nicht die Kunst erzeugt diese Fremdheit, sondern diese Fremdheit bringt die Kunst hervor.
Welche Aspekte in Bachmanns Schreiben möchtest Du neben den existenz- wie gesellschaftskritischen Grundpositionen noch hervorheben?
Ich sehe sie weniger als Kritikerin denn als Protokollantin ihrer eigenen Gefühlswelt. Mich inspiriert vor allem die Art, wie sie diese für andere erfahrbar macht.
Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?
Ich hätte mich mit ihr bis zum Exzess über alles ausgetauscht.
Was sind Deine aktuellen Projektpläne?
Eigentlich müsste ich einmal alle meine Gedichte sichern, ausdrucken und ordnen. Doch es gibt keinen Anlass dafür. Also lasse ich es bleiben – und schreibe weiter.
Darf ich abschließend zu einem Bachmann Zitat/Text bitten?
„Die Fahrt ist zu Ende, doch ich bin mit nichts zu Ende gekommen, (…)“
(Die Welt ist weit)
Herzlichen Dank für das Interview!
Ali E. Danabaş, Schriftsteller _ München
Zur Person/über mich: Ali E. Danabaş (geb. 1970 in Ankara) ist Lyriker und Schriftsteller. Seit seinem neunten Lebensjahr lebt er in Deutschland. Nach Stationen in Lippstadt, Münster, Ankara, Köln und Bergisch Gladbach wohnt er seit 2004 in der Nähe von München. Er ist Vater zweier Kinder. Nach dem Abi tur studierte er in Münster Philosophie, Publizistik, Politik und Germanistik. Anschließend setzte er sein Studium in Ankara fort und schloss es dort mit dem Diplom als Bildhauer ab. Nach einem Zeitungsvolontariat in Lippstadt (Westfalen) arbeitete Danabaş als Redakteur, unter anderem beim Münchner Merkur. Mitte der 1990er-Jahre war er in Ankara Herausgeber und Verleger der Literaturzeitschrift „Kavram ve Karmaşa“ („Begriff und Komplexität“). Er veröffentlichte seinen Gedichtband „Sokak“ und übersetzte Erich Frieds Werk „Befreiung von der Flucht“ ins Türkische, das im Ankaraner Suteni-Verlag als Buch erschien. Zeitweise war er stellvertretender Generalsekretär des türkischen Schriftstellerverbandes. In dieser Funktion veröffentlichte er eine Monografie über Hasan Ali Yücel, den ersten türkischen Minister für Bildung und Kultur. Neben seiner beruflichen Tätigkeit widmet sich Danabaş weiterhin intensiv der Literatur. Er arbeitet an mehreren Gedichtzyklen, aus denen er regelmäßig einzelne Gedichte in sozialen Medien veröffentlicht. (Ali E. Danabaş, 30.7.2026)
Malina ist der große, einzige Roman, der von 1946-53 in Wien lebenden Ingeborg Bachmann, in dessen Mittelpunkt eine namenlose Schriftstellerin in ihren Wegen, Spannungen und Zerstörungen zwischen Vergangenheit und patriarchaler Gegenwart steht. Der Romanschauplatz ist Wien und hier wesentlich das „Ungargassenland“, darin auch der Wohnsitz der 1973 in Rom verstorbenen Schriftstellerin lag. In ihren letzten Lebensjahren dachte die vielfach ausgezeichnete wie vielseitige Autorin eine Rückkehr nach Wien an. Dazu kam es aber nicht mehr.
Ali E. Danabas, Schriftsteller
Lara Bumbacher, Schauspielerin
Foto: Ingeborg Bachmann _ Garibaldi Schwarze
Fotos: Ali E. Danabaş _ privat
Fotos: Lara Bumbacher, Schauspielerin_Wien_ performing Malina _ Originalschauplatz Malina, Roman, Ingeborg Bachmann 1971 _ Wien _ Walter Pobaschnig, 12/21
Im Interview _ Katharina Kohm, Schriftstellerin _ München
Liebe Katharina, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns?
Da ich während meines Studiums in Heidelberg und der Promotion zu Paul Celan viel zu ihm gearbeitet habe, habe ich über diesen Zugang auch zur Bachmann gefunden. Den Briefwechsel Herzzeit habe ich sehr bald nach Erscheinen gelesen und dabei die korrespondierenden Welten der beiden Dichter auch besser verstanden, Winke mit Sprache in den frühen Bänden von Celan und in den Gedichtbänden der Bachmann. Es gab aber auch problematische Einblicke in das Verhältnis der beiden.
Das letzte Stück Literatur, das ich am Ende meines Studiums in Heidelberg im Petit Paris las, war Bachmanns Malina.
Was macht das Besondere ihres Schreibens aus?
Ihre Bildsprache, ihre Reflexion des eigenen Schreibens sowie auch Mut und Wut darin. Sie ist zugänglich, aber gleichzeitig bleibt sie auch verborgen in der Sprache, was die Intonation und die Begegnung mit ihrem Schreiben prägt. Gleichzeitig ist es ein zutiefst menschliches Schreiben.
Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben und warum?
Ich halte Malina für besonders lesenswert. Undine geht hat bei mir ebenfalls einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Von ihren Gedichten sind mir am eindrücklichsten die Zyklen Auf der Flucht und Von einem Land, einem Fluß und den Seen, besonders Gedicht V, weil es aktuell und wahr bleibt, im Gedächtnis geblieben: „Wir aber wollen über Grenzen sprechen, / und gehen auch Grenzen noch durch jedes Wort: / wir werden sie vor Heimweh überschreiten / und dann im Einklang stehn mit jedem Ort.“ Beide Zyklen finden sich in ihrem Gedichtband Anrufung des Großen Bären.
Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?
Ich wäre ihr einfach gerne begegnet.
Was sind Deine aktuellen Projektpläne?
Ich hatte für mein Promotionsprojekt meine literarischen Tätigkeiten etwas auf Eis gelegt, die tauen und tauchen gerade wieder auf. Ich arbeite gerade an meinem vierten Gedichtband, der im Grunde auch schon länger steht, ich schreibe neue, was ich sehr genieße, mich sehr freut und vielleicht wird auch irgendwann der Roman fertig, an dem ich immer wieder arbeite.
Darf ich abschließend zu einem Bachmann Zitat/Text bitten?
„Mein Königreich, mein Ungargassenland, das ich gehalten habe mit meinen sterblichen Händen, mein herrliches Land, jetzt nicht mehr größter als meine Herdplatte, die zu glühen anfängt, während der Rest des Wassers durch diesen Filter tropft…“ Malina, S. 353
Herzlichen Dank für das Interview!
Katharina Kohm, Schriftstellerin
Zur Person: Katharina Kohm, geboren 1985 in Frankfurt am Main und aufgewachsen in Mörfelden-Walldorf, studierte Deutsche Philologie, Kunstgeschichte und Psychologie in Heidelberg. Sie spielte u.a. in Mannheim und Heidelberg Theater. Ihr Stück „Das Kind und die Königin“ wurde 2012 uraufgeführt. Seit 2017 promoviert sie an der Universität Vechta, verfasst wissenschaftliche Aufsätze, Essays und Rezensionen über Gegenwartslyrik, gibt Seminare und leitet Workshops zu Kreativem Schreiben. Katharina Kohm lebt und arbeitet in München, Vechta und Frankfurt.
Werkauswahl: 2010 erschien Katharina Kohms Debütband „Schuppenflügel. Ein Zyklus in Kehrtwenden“ (Llux-Verlag). Es folgten der Lyrikband „Phosphor. Ein Übergeben“ (2019, Geest-Verlag), der innerhalb des Bandes in Korrespondenz zu Zeichnungen und Graphiken der Berliner Künstlerin und Professorin Ruth Tesmar tritt, und der Band „In Melanin“ (2021, gutleut verlag). Kohm, Katharina – Hessischer Literaturrat e.V. 27.7.26
Malina ist der große, einzige Roman, der von 1946-53 in Wien lebenden Ingeborg Bachmann, in dessen Mittelpunkt eine namenlose Schriftstellerin in ihren Wegen, Spannungen und Zerstörungen zwischen Vergangenheit und patriarchaler Gegenwart steht. Der Romanschauplatz ist Wien und hier wesentlich das „Ungargassenland“, darin auch der Wohnsitz der 1973 in Rom verstorbenen Schriftstellerin lag. In ihren letzten Lebensjahren dachte die vielfach ausgezeichnete wie vielseitige Autorin eine Rückkehr nach Wien an. Dazu kam es aber nicht mehr.
Katharina Kohm, Schriftstellerin
Zur Person: Katharina Kohm, geboren 1985 in Frankfurt am Main und aufgewachsen in Mörfelden-Walldorf, studierte Deutsche Philologie, Kunstgeschichte und Psychologie in Heidelberg. Sie spielte u.a. in Mannheim und Heidelberg Theater. Ihr Stück „Das Kind und die Königin“ wurde 2012 uraufgeführt. Seit 2017 promoviert sie an der Universität Vechta, verfasst wissenschaftliche Aufsätze, Essays und Rezensionen über Gegenwartslyrik, gibt Seminare und leitet Workshops zu Kreativem Schreiben. Katharina Kohm lebt und arbeitet in München, Vechta und Frankfurt.
Werkauswahl: 2010 erschien Katharina Kohms Debütband „Schuppenflügel. Ein Zyklus in Kehrtwenden“ (Llux-Verlag). Es folgten der Lyrikband „Phosphor. Ein Übergeben“ (2019, Geest-Verlag), der innerhalb des Bandes in Korrespondenz zu Zeichnungen und Graphiken der Berliner Künstlerin und Professorin Ruth Tesmar tritt, und der Band „In Melanin“ (2021, gutleut verlag). Kohm, Katharina – Hessischer Literaturrat e.V. 27.7.26
Christina Cervenka, Schauspielerin
Foto: Ingeborg Bachmann _ Heinz Bachmann
Foto: Katharina Kohm _ privat
Fotos: Christina Cervenka, Schauspielerin _ Wien _ acting Malina _ Ungargasse/Romanschauplatz Malina _ Wien Malina, Roman, Ingeborg Bachmann, 1971 _ Walter Pobaschnig 6/23
Die Welt der Bibel zeichnet sich in einer großen Erzählkraft aus, die von einer großen Bandbreite menschlicher Erfahrungen, Wahrnehmungen, Charaktere aller gesellschaftlichen Schichten gekennzeichnet ist. Das betrifft Hirten und Könige, Propheten und engste Familienkonstellationen. Freude, Schmerz, Verrat, Intrige alles ist dabei und wird nicht geglättet, sondern authentisch geschildert. Darüber hinausgehend, gibt es ebenso psychische Erkrankungen, die manifest sind. Das Auftreten und das Leiden an psychischen Erkrankungen ist dabei ein wesentliches und wiederkehrendes Phänomen. Dies zieht sich von der Erschaffung der Welt bis zum apokalyptischen Schluss der christlichen Bibel.
Simone Paganini und Claudia Paganini, studierte katholische Fachtheologen:innen und versierte Buchautoren:innen, begeben sich nun auf eine biblische Spurensuche nach psychischer Erkrankung, deren Beschreibung und weitere Entwicklung in den Büchern des Alten und Neuen Testamentes.
In guter Kapitelstruktur werden sowohl Personen im biblischen Kontext in Referenz zu gegenwärtigen psychischen Krankheitskriterien gestellt wie auch der geschilderte Umgang mit Erkrankung in biblischer Zeit und dessen Deutung wie Veränderung, Heilung geschildert.
In Summe ein spannender Zugang zu biblischer Lebenswelt und der Darstellung wie dem Umgang von psychischer Erkrankung zur Zeit des Alten und Neuen Testaments.
Zwischen Wahn und Weisheit. Psychische Erkrankungen im Leben biblischer Gestalten. Simone Paganini, Claudia Paganini. Gütersloher Verlagshaus.
Blumenleere _ Michael Johann Bauer, Schriftsteller, Künstler, Philosoph_ Augsburg _ legt mit „wohin ein wind uns jemals traegt“ ein poetisches Gesamtkunstwerk vor, das im zyklischen Formkonzept unvergleichlich Sprache, Wort, Gedanken trägt und weiterträgt gleichsam wie eine wunderbare Kaskade, die sich wandelt und verwandelt, einlädt wahrzunehmen, aufzunehmen und sich vom Wind der Gedankenblitze, Fragen, Inspirationen zu Mensch, Zeit, Sinn Station und Station mitnehmen zu lassen und weiter zu gehen ohne anzukommen im endgültig Festgelegtem, vielmehr sich immer wieder neu zu öffnen im Aufnehmen dieser einzigartigen poetischen Türen, die Labyrinth und Spiegelsaal, Wind und Weite zugleich sind.
Blumenleere ist eine poetische Ausnahmeerscheinung in Sprachspiel, Ausdruckskraft und Faszination und das in einem Gesamtkonzept, das zu den ganz großen Entwürfen und Freiheiten moderner Kunst zählt.
„Undine geht“ ist einer der zentralen Texte in Ingeborg Bachmanns Werk. Dieser erschien im ersten Prosaband „Das dreißigste Jahr“ und nimmt das Motiv des Undine Mythos _ Liebe, weibliche Menschwerdung, Verrat und Rache – auf und transformiert dies in die Struktur gegenwärtiger patriarchal geprägter Gesellschaftsverhältnisse. „Undine geht“ ist einer der meist rezipierten Texte Bachmanns und erfährt zahlreiche künstlerische Zugänge und Dialoge.
im Interview _ Undine Materni, Schriftstellerin _ Dresden
Liebe Undine, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns?
Kurz gesagt: Sie ist wohl einer der Gründe, weshalb ich begonnen habe, Gedichte zu schreiben. Entdeckt habe ich erste Gedichte von ihr in einer wundervollen Anthologie, die in der DDR ein großer Schatz war, 1985 erschien im Union Verlag Berlin Meine liebsten Gedichte von Johannes Bobrowski. Eins der Gedichte von Ingeborg Bachmann darin war Erklär mir, Liebe. Ich lernte es auswendig (wie auch die Gedichte von Christine Lavant, die ich mit großem Staunen in diesem Buch gefunden hatte). Besonders bemerkenswert finde ich das Komma in der Überschrift, den Salamander in der letzten … 1987 erschien im Aufbau Verlag Berlin eine dreibändige Ausgabe mit ausgewählten Werken von Ingeborg Bachmann. Wir konnten das Glück kaum fassen, machten Pläne, wer wo wie diese wundervollen drei Bücher bekommen könnten, wir machten Listen, wer dann die Bücher nach wem lesen könnte … Und dann fand ich mich in einer Schlange vor einem Buchladen in deinem Stadtteil wieder, in dem ich an diesem Tag nur zufällig unterwegs war. Durchs Fenster sah ich im Regal zweimal die drei Bände (blau, beige, gelb marmorierte Umschläge), ein Mann griff sich drei Bücher … und ich wurde immer unruhiger. Dann stand ich im Laden und nahm mir mit klopfendem Herzen die drei Bücher und drückte sie an mich. An der Kasse fragte mich der Verkäufer, ob ich denn nicht gleich drei eingepackte Exemplare haben wolle, und deutet auf einen Stapel neben der Kasse. Man hatte wohl alle Bücher für Dresden in dieser Buchhandlung abgegeben, auch das eine der Merkwürdigkeiten im Ländchen Liliput. Zu Hause angekommen riss ich das Packpapier auf und da war er, der Schatz … Der blaue Band mit den Gedichten hatte seltsamerweise drei Schutzumschläge, wie gut, m denn ihn nehme ich wohl am meisten in die Hand.
Na, und wenn eine wie ich Undine heißt … In Dresden gibt es an der Elbe zwei Skulpturen, in Pieschen heißt sie Undine geht und in der Johannstadt Undine kommt. Was für ein Satz: „Ihr Ungeheuer mit dem Namen Hans!“
Was macht das Besondere ihres Schreibens aus?
Es ist diese unglaubliche Eleganz und Tiefe in der lyrischen Sprache, die Sprachmelodie sowohl in der Lyrik als auch in der Prosa und die Verletzlichkeit der Sprechenden. Ich war glücklicherweise jung, als ich die Poesie für mich entdeckte, und ich lebte in einem Land, in der Poesie auch eine Währung gewesen ist, eine der es gelang, das Leben besser zu machen. Ich hatte das Glück, die Weke von Ingeborg Bachmann für mich zu entdecken, niemand verlangte Interpretationen. Eine schöne Entdeckung war auch: Wie es dieser Dichterin gelingt, sich direkt ins Herz zu sprechen und der Kopf ist für einen Moment still.
Was ich auch Ingeborg Bachmann verdanke, ist die Einsicht, dass ich nur Gedichte schreibe, die ich unbedingt schreiben muss, und oft ist es auch so, dass mich das Gedicht mit dem überrascht, was es mir zu sagen vermag und nicht umgekehrt.
Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben und warum?
Das Hörspiel Der gute Gott von Manhattan, wenn man bedenkt, dass es 1958 produziert wurde, da hatten Hörspiele noch eine ganz andere Relevanz als vielleicht heute. Es ist gerade in der Audiothek des ARD zu finden und ich höre es im Hintergrund, grandios! Geduld, sehr akzentuierte Stimmen, wenige notwendige Geräusche, das ist alles. Und Briefe vom Eichhörnchen. Natürlich hatten wir damals keine Ahnung von Manhattan, aber von Liebe schon. Bei Ingeborg Bachmann scheint es immer um alles zu gehen, mit weniger gibt sie sich nicht zufrieden. Das ist großartig und gefährlich zugleich.
Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?
Ich würde sie gerne fragen, was sie von diesem Vorlesespektakel in Klagenfurt hält, wo ihr Konterfei auf Liegenstühlen, Torten und Taschen zu sehen ist. Und ob sie sich so etwas in ihrer Jugend vielleicht auch gewünscht hätte.
Und ich würde ihr sagen, dass das mit dem Rauchen keine so gute Idee ist.
Was sind Deine aktuellen Projektpläne?
Gerade übertrage ich die wunderbaren Gedichte aus dem Russischen von Michail Epshteyn ins deutsche. Er hat sie Jahre in seinem Kopf herumgetragen, bis er sie in den Neunzigerjahren in einem kleinen Heftchen aufgeschrieben hat. Und ich schreibe selbst Gedichte, die immer länger werden, gerade entsteht eines über eine Fichte, die der Nachbar vor ein paar Wochen einfach gefällt hat, nur weil er Angst hatte, sie könne auf die Autos auf der Straße fallen. Dieser Baum war älter als sein armseliges Häuschen …
Darf ich abschließend zu einem Bachmann Zitat/Text bitten?
„In einem Gedicht“, sagt Ingeborg Bachmann, „ist also wenig Glück. Für den, der es schreibt, nahezu keins, dass es gelingt, und dann nochmals keins, dass es jemand erreicht. Es ist einsam, hat keine Funktion und kümmert mit Recht niemand.“ Dies klänge entmutigend, würde sie nicht fortfahren: „Ich glaube, (…) daß, wer Gedichte schreibt, Formeln in ein Gedächtnis legt, wunderbare alte Worte für einen Stein und ein Blatt, verbunden oder gesprengt durch neue Worte, neue Zeichen für Wirklichkeit, und ich glaube, dass, wer die Formeln prägt, auch in sie entrückt mit seinem Atem, den er als unverlangten Beweis für die Wahrheit dieser Formeln gibt.“[1]
Ein Koffer steht da. Auf der Straße. Und dazu die Frage – öffnen oder nicht.
Öffnen.
Ein verstohlener Blick zum Zahlenrad und dann das Drehen. Es klickt bei „9/1/1/“ und der Deckel springt und darin? Eine Welt. Briefe, Aufzeichnungen, Zeitungsausschnitte…
„Nach zwei durchwachten Nächten, müde vor Grübelei und Gewissensängsten, machte ich mich daran, die einzelnen Manuskripte ausführlicher zu studieren, auch die Traumnotate und tagebuchartigen Rückschauen, die sich nach und nach zu den Briefen fügen, wie Teile eines Ganzen…“
Ein Leben in Erinnerung, schonungsloser Analyse von Mensch und Zeit, Sinn und Einsamkeit, Papier voller Wunden und Blut. Das Leben von Elda Vera, Psychiaterin, die nach der sexuellen Nötigung eines Patienten entlassen wird und sich in die Einsamkeit zurückzieht.
Eine Einsamkeit, in der das Panorama eines Lebens zwischen Mutter, Schwester, Liebhaber, Stationen des Anfangs und des Abschieds im Karussell der Existenz vorbeizieht und ins Wort fällt, ins Wort stürzt. Nicht mehr und nicht weniger…unvollendet.
„Mutters Siegeslächeln. Ich wusste, dass Du heimkommst. Endlich siehst du ein, wie gut du es hier hattest.“
Anna Baar, Trägerin des Großen Österreichischen Staatspreises 2022, Bachmannpreisnominierte 2015, ist eine der virtuosesten Stimmen moderner deutschsprachiger Literatur und überrascht wie begeistert mit jedem neuen Buch.
So auch mit dem Roman „Amseln“, der in genialer Formvariation ein existentielles Drama gleichsam in Fragmenten von zustoßender Welterfahrung in Leben, Liebe, Familie, Gesellschaft explodieren lässt, das an „Werther“ und „Malina“ in einem denken lässt.
Es ist ein ganz außerordentlicher literarischer Wurf, der den beeindruckenden Mut zum Experiment, der in Wien und Klagenfurt lebenden Autorin, erneut unter Beweis stellt. Anna Baar nimmt immer volles Risiko und das geht auf.
Das Leben der Elda Vera wird in Textmontagen (Briefe an den Liebhaber/Gespräche/Notate/Ereignisse des persönlichen Lebenspanoramas), welche die Achterbahn einer Existenz zwischen vorgegebenen Schienen, Geschwindigkeit, Aussicht und Fall ohne Steuer und Bremse – ein Passagier, dem jetzt noch das Wort bis zum Stillstehen bleibt – wiedergeben, die zahlreiche literarische-, welt-, und kulturgeschichtliche Referenzen aufweist, welche thematisch Existenz und Welt-, Sinnrahmen erschüttern und zertrümmern und Leser:innen auch sehr spannend einladen diese zu entschlüsseln.
Hervorzuheben sind jene Referenzen zu Leben und Werk Ingeborg Bachmanns, wie erwähnt Malina – Erinnerung, Schmerz, Auflösung im Protokoll von Textmontagen – wie auch der Schluss von „Amseln“, der beides in der Metapher des Feuers und des Schnees zusammenführt.
Und dazu der geniale Schluss – „Sie sagen Schnee voraus. Mir soll alles recht sein.“
Anna Baar katapultiert „Werther“ und „Malina“ genial ins 21.Jahrhundert. Ein Meilenstein als großartiges literarisches Formexperiment und existentiell-gesellschaftliche Dekonstruktion eines Lebens.
Amseln, Anna Baar. Roman. Wallstein Verlag.
256 S., geb., Schutzumschlag, 12 x 20 cm
ISBN 978-3-8353-6218-5
€ 24,00 (D) / € 24,70 (A)
Alle Preise inkl. MwSt zzgl. Versandkosten
Erscheinungsdatum: 19.08.2026
Foto: Cover _ Verlag.
Fotos: Motive & „Undine geht“/Lisa Kröll/Schauspielerin _ Walter Pobaschnig 8/26