
2026 _ 100.Geburtstag Ingeborg Bachmann
Ingeborg Bachmann, Schriftstellerin *25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom.

100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _
im Interview _ Ali E. Danabaş, Schriftsteller _ München.
Lieber Ali, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns?
Als Kind keine. Später in der Schule und im Studium auch nicht. Autorinnen waren im Deutschunterricht und in den Germanistikseminaren eine Rarität. Wahrscheinlich auch deshalb, weil Lehrer und Professoren fast ausnahmslos Männer waren. Heute bin ich überzeugt, dass Frauen nicht zufällig ausgelassen wurden. Die subtile Botschaft war: Frauen sind nicht talentiert genug zum Schreiben.
Ingeborg Bachmann habe ich erst nach Annette von Droste-Hülshoff, Else Lasker-Schüler, Isolde Kurz, Rose Ausländer und Sarah Kirsch entdeckt. Literarisch haben mich Frauen stärker inspiriert als Männer. Vor allem, weil sie Machtstrukturen sichtbar machen.
Was macht das Besondere Ihres Schreibens aus?
In ihrem Essay über Wittgenstein stellt Ingeborg Bachmann die Frage, ob unserer Sprache nicht vielleicht genau das Wort fehlt, auf das es ankommt. Der Satz aus dem Tractatus „Gott offenbart sich nicht in der Welt“ gehört für sie zu den bittersten überhaupt. Er bringt die schmerzliche Einsicht auf den Punkt, dass es Dinge gibt, die sich unserer Sprache entziehen.
Darauf sucht Bachmann im Schreiben eine Antwort. Sie interessiert sich für das, was sich nicht einfach aussprechen lässt. Darin sehe ich auch eine Nähe zu Wittgenstein: Sie akzeptiert die Grenzen der Sprache, zieht daraus aber eine andere Konsequenz. Während der Tractatus mit dem Satz endet: „Wovon man nicht sprechen kann, darüber muß man schweigen“, versucht Bachmann, dem Unsagbaren und dem Verschwiegenen mit den Mitteln der Dichtung eine Stimme zu geben. Sie will nicht erklären oder beweisen, sondern sichtbar und spürbar machen. Wo die Logik an ihre Grenze stößt, beginnt für sie die Poesie.
Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben?
Ihr Gedichtzyklus „Lieder auf der Flucht“ ist eine besondere Inspirationsquelle.
Wie siehst Du Ingeborg Bachmanns Gesellschaftskritik der zerstörenden und zerstörerischen patriarchalen Welt heute?
Sie hat an Aktualität sogar gewonnen. Die Strukturen sind subtiler und zugleich engmaschiger geworden. Die Sehnsucht mancher Männer, archaische Machtstrukturen im letzten Moment doch noch wiederherstellen zu können, macht sie aggressiver und offensiver. Sie organisieren sich gegen all jene Gruppen, die unabhängiger und selbstbewusster geworden sind und allein durch ihre Existenz die althergebrachten Machtverhältnisse infrage stellen: gegen Frauen, Einwanderer, Menschen mit Behinderungen, Andersgläubige und Menschen mit anderer sexueller Orientierung.
Wir erleben, wie diese Gruppen gegeneinander aufgehetzt werden – und das funktioniert. Ich befürchte, wir werden auch Zeugen davon, wie das Patriarchat seine zwischenzeitlich etwas geschwächte Macht wieder festigt und ausbaut.
Die Liebe in allen Facetten von Glück und Verhängnis ist ein wesentliches Thema in Gedichten wie Prosa Ingeborg Bachmanns_ „die Männer sind unheilbar krank…“ (Interview, 1971) _ wie lieben wir nach/mit Bachmann?
Die Liebe fällt nicht vom Himmel. Die Art, wie wir lieben, hängt von vielen Faktoren ab. Ich sage: Wir lieben nicht gut. Wir werden nicht gut geliebt. Und sind weit davon entfernt, unser Potenzial voll auszuschöpfen. Da ist ziemlich krank. Wir sind krank. Ich hoffe nur, dass wir genesen.
„Es ist eine seltsame, absonderliche Art zu existieren, asozial, einsam, verdammt, es ist etwas verdammt daran“, so charakterisierte Ingeborg Bachmann in ihrer Rede zur Verleihung des Anton Wildgans Preises (1971) Schreiben und Existenz. Ist das Schreiben, die Kunst immer (auch) eine Form des persönlichen „Martyriums“?
Im Gegenteil: Allein zu sein und einsam zu sein, bietet die Möglichkeit, Abstand von der Härte der Welt zu gewinnen. Das größere Martyrium liegt für mich eher in der Weichherzigkeit gegenüber einer ungerechten Welt – in der Sehnsucht, nicht allein zu sein, und gerade dabei etwas von sich selbst aufzugeben. Diese Selbstverleugnung kann am Ende in eine noch tiefere Einsamkeit oder in das Gefühl münden, die eigene Existenz habe keinen Sinn. Für mich ist sie sogar schwerer auszuhalten als die Einsamkeit selbst. Schreiben und Kunst helfen mir, dieses Gefühl der Ausweglosigkeit zu verarbeiten. Diese vielleicht absonderliche Art zu existieren entsteht also nicht durch das Schreiben – vielmehr ist das Schreiben eine Reaktion auf dieses Martyrium. Anders ausgedrückt: Nicht die Kunst erzeugt diese Fremdheit, sondern diese Fremdheit bringt die Kunst hervor.
Welche Aspekte in Bachmanns Schreiben möchtest Du neben den existenz- wie gesellschaftskritischen Grundpositionen noch hervorheben?
Ich sehe sie weniger als Kritikerin denn als Protokollantin ihrer eigenen Gefühlswelt. Mich inspiriert vor allem die Art, wie sie diese für andere erfahrbar macht.
Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?
Ich hätte mich mit ihr bis zum Exzess über alles ausgetauscht.
Was sind Deine aktuellen Projektpläne?
Eigentlich müsste ich einmal alle meine Gedichte sichern, ausdrucken und ordnen. Doch es gibt keinen Anlass dafür. Also lasse ich es bleiben – und schreibe weiter.
Darf ich abschließend zu einem Bachmann Zitat/Text bitten?
„Die Fahrt ist zu Ende,
doch ich bin mit nichts zu Ende gekommen, (…)“
(Die Welt ist weit)
Herzlichen Dank für das Interview!

Zur Person/über mich: Ali E. Danabaş (geb. 1970 in Ankara) ist Lyriker und Schriftsteller. Seit seinem neunten Lebensjahr lebt er in Deutschland. Nach Stationen in Lippstadt, Münster, Ankara, Köln und Bergisch Gladbach wohnt er seit 2004 in der Nähe von München. Er ist Vater zweier Kinder. Nach dem Abi tur studierte er in Münster Philosophie, Publizistik, Politik und Germanistik. Anschließend setzte er sein Studium in Ankara fort und schloss es dort mit dem Diplom als Bildhauer ab. Nach einem Zeitungsvolontariat in Lippstadt (Westfalen) arbeitete Danabaş als Redakteur, unter anderem beim Münchner Merkur. Mitte der 1990er-Jahre war er in Ankara Herausgeber und Verleger der Literaturzeitschrift „Kavram ve Karmaşa“ („Begriff und Komplexität“). Er veröffentlichte seinen Gedichtband „Sokak“ und übersetzte Erich Frieds Werk „Befreiung von der Flucht“ ins Türkische, das im Ankaraner Suteni-Verlag als Buch erschien. Zeitweise war er stellvertretender Generalsekretär des türkischen Schriftstellerverbandes. In dieser Funktion veröffentlichte er eine Monografie über Hasan Ali Yücel, den ersten türkischen Minister für Bildung und Kultur. Neben seiner beruflichen Tätigkeit widmet sich Danabaş weiterhin intensiv der Literatur. Er arbeitet an mehreren Gedichtzyklen, aus denen er regelmäßig einzelne Gedichte in sozialen Medien veröffentlicht. (Ali E. Danabaş, 30.7.2026)
Foto: Ingeborg Bachmann _ Garibaldi Schwarze
Fotos: Ali E. Danabaş _ privat
Walter Pobaschnig, 30.7.2026