
2026 _ 100.Geburtstag Ingeborg Bachmann
Ingeborg Bachmann, Schriftstellerin *25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom.

100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _
im Interview _ Undine Materni, Schriftstellerin _ Dresden
Liebe Undine, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns?
Kurz gesagt: Sie ist wohl einer der Gründe, weshalb ich begonnen habe, Gedichte zu schreiben. Entdeckt habe ich erste Gedichte von ihr in einer wundervollen Anthologie, die in der DDR ein großer Schatz war, 1985 erschien im Union Verlag Berlin Meine liebsten Gedichte von Johannes Bobrowski. Eins der Gedichte von Ingeborg Bachmann darin war Erklär mir, Liebe. Ich lernte es auswendig (wie auch die Gedichte von Christine Lavant, die ich mit großem Staunen in diesem Buch gefunden hatte). Besonders bemerkenswert finde ich das Komma in der Überschrift, den Salamander in der letzten … 1987 erschien im Aufbau Verlag Berlin eine dreibändige Ausgabe mit ausgewählten Werken von Ingeborg Bachmann. Wir konnten das Glück kaum fassen, machten Pläne, wer wo wie diese wundervollen drei Bücher bekommen könnten, wir machten Listen, wer dann die Bücher nach wem lesen könnte … Und dann fand ich mich in einer Schlange vor einem Buchladen in deinem Stadtteil wieder, in dem ich an diesem Tag nur zufällig unterwegs war. Durchs Fenster sah ich im Regal zweimal die drei Bände (blau, beige, gelb marmorierte Umschläge), ein Mann griff sich drei Bücher … und ich wurde immer unruhiger. Dann stand ich im Laden und nahm mir mit klopfendem Herzen die drei Bücher und drückte sie an mich. An der Kasse fragte mich der Verkäufer, ob ich denn nicht gleich drei eingepackte Exemplare haben wolle, und deutet auf einen Stapel neben der Kasse. Man hatte wohl alle Bücher für Dresden in dieser Buchhandlung abgegeben, auch das eine der Merkwürdigkeiten im Ländchen Liliput. Zu Hause angekommen riss ich das Packpapier auf und da war er, der Schatz … Der blaue Band mit den Gedichten hatte seltsamerweise drei Schutzumschläge, wie gut, m denn ihn nehme ich wohl am meisten in die Hand.
Na, und wenn eine wie ich Undine heißt … In Dresden gibt es an der Elbe zwei Skulpturen, in Pieschen heißt sie Undine geht und in der Johannstadt Undine kommt. Was für ein Satz: „Ihr Ungeheuer mit dem Namen Hans!“
Was macht das Besondere ihres Schreibens aus?
Es ist diese unglaubliche Eleganz und Tiefe in der lyrischen Sprache, die Sprachmelodie sowohl in der Lyrik als auch in der Prosa und die Verletzlichkeit der Sprechenden. Ich war glücklicherweise jung, als ich die Poesie für mich entdeckte, und ich lebte in einem Land, in der Poesie auch eine Währung gewesen ist, eine der es gelang, das Leben besser zu machen. Ich hatte das Glück, die Weke von Ingeborg Bachmann für mich zu entdecken, niemand verlangte Interpretationen. Eine schöne Entdeckung war auch: Wie es dieser Dichterin gelingt, sich direkt ins Herz zu sprechen und der Kopf ist für einen Moment still.
Was ich auch Ingeborg Bachmann verdanke, ist die Einsicht, dass ich nur Gedichte schreibe, die ich unbedingt schreiben muss, und oft ist es auch so, dass mich das Gedicht mit dem überrascht, was es mir zu sagen vermag und nicht umgekehrt.
Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben und warum?
Das Hörspiel Der gute Gott von Manhattan, wenn man bedenkt, dass es 1958 produziert wurde, da hatten Hörspiele noch eine ganz andere Relevanz als vielleicht heute. Es ist gerade in der Audiothek des ARD zu finden und ich höre es im Hintergrund, grandios! Geduld, sehr akzentuierte Stimmen, wenige notwendige Geräusche, das ist alles. Und Briefe vom Eichhörnchen. Natürlich hatten wir damals keine Ahnung von Manhattan, aber von Liebe schon. Bei Ingeborg Bachmann scheint es immer um alles zu gehen, mit weniger gibt sie sich nicht zufrieden. Das ist großartig und gefährlich zugleich.
Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?
Ich würde sie gerne fragen, was sie von diesem Vorlesespektakel in Klagenfurt hält, wo ihr Konterfei auf Liegenstühlen, Torten und Taschen zu sehen ist. Und ob sie sich so etwas in ihrer Jugend vielleicht auch gewünscht hätte.
Und ich würde ihr sagen, dass das mit dem Rauchen keine so gute Idee ist.
Was sind Deine aktuellen Projektpläne?
Gerade übertrage ich die wunderbaren Gedichte aus dem Russischen von Michail Epshteyn ins deutsche. Er hat sie Jahre in seinem Kopf herumgetragen, bis er sie in den Neunzigerjahren in einem kleinen Heftchen aufgeschrieben hat. Und ich schreibe selbst Gedichte, die immer länger werden, gerade entsteht eines über eine Fichte, die der Nachbar vor ein paar Wochen einfach gefällt hat, nur weil er Angst hatte, sie könne auf die Autos auf der Straße fallen. Dieser Baum war älter als sein armseliges Häuschen …
Darf ich abschließend zu einem Bachmann Zitat/Text bitten?
„In einem Gedicht“, sagt Ingeborg Bachmann, „ist also wenig Glück. Für den, der es schreibt, nahezu keins, dass es gelingt, und dann nochmals keins, dass es jemand erreicht. Es ist einsam, hat keine Funktion und kümmert mit Recht niemand.“ Dies klänge entmutigend, würde sie nicht fortfahren: „Ich glaube, (…) daß, wer Gedichte schreibt, Formeln in ein Gedächtnis legt, wunderbare alte Worte für einen Stein und ein Blatt, verbunden oder gesprengt durch neue Worte, neue Zeichen für Wirklichkeit, und ich glaube, dass, wer die Formeln prägt, auch in sie entrückt mit seinem Atem, den er als unverlangten Beweis für die Wahrheit dieser Formeln gibt.“[1]
Herzlichen Dank für das Interview!

Zur Person/Website: https://www.undine-materni.com/
Foto: Ingeborg Bachmann _ Garibaldi Schwarze
Foto: Undine Materni _ Anja Schneider
[1] Bachmann, Ingeborg: Ausgewählte Werke in 3 Bänden, Bd.1, Aufbau-Verlag Berlin und Weimar 1987, S. 610–611
Walter Pobaschnig, 28.7.26