
Ein Koffer steht da. Auf der Straße. Und dazu die Frage – öffnen oder nicht.
Öffnen.
Ein verstohlener Blick zum Zahlenrad und dann das Drehen. Es klickt bei „9/1/1/“ und der Deckel springt und darin? Eine Welt. Briefe, Aufzeichnungen, Zeitungsausschnitte…

„Nach zwei durchwachten Nächten, müde vor Grübelei und Gewissensängsten, machte ich mich daran, die einzelnen Manuskripte ausführlicher zu studieren, auch die Traumnotate und tagebuchartigen Rückschauen, die sich nach und nach zu den Briefen fügen, wie Teile eines Ganzen…“

Ein Leben in Erinnerung, schonungsloser Analyse von Mensch und Zeit, Sinn und Einsamkeit, Papier voller Wunden und Blut. Das Leben von Elda Vera, Psychiaterin, die nach der sexuellen Nötigung eines Patienten entlassen wird und sich in die Einsamkeit zurückzieht.

Eine Einsamkeit, in der das Panorama eines Lebens zwischen Mutter, Schwester, Liebhaber, Stationen des Anfangs und des Abschieds im Karussell der Existenz vorbeizieht und ins Wort fällt, ins Wort stürzt. Nicht mehr und nicht weniger…unvollendet.
„Mutters Siegeslächeln. Ich wusste, dass Du heimkommst. Endlich siehst du ein, wie gut du es hier hattest.“

Anna Baar, Trägerin des Großen Österreichischen Staatspreises 2022, Bachmannpreisnominierte 2015, ist eine der virtuosesten Stimmen moderner deutschsprachiger Literatur und überrascht wie begeistert mit jedem neuen Buch.
So auch mit dem Roman „Amseln“, der in genialer Formvariation ein existentielles Drama gleichsam in Fragmenten von zustoßender Welterfahrung in Leben, Liebe, Familie, Gesellschaft explodieren lässt, das an „Werther“ und „Malina“ in einem denken lässt.
Es ist ein ganz außerordentlicher literarischer Wurf, der den beeindruckenden Mut zum Experiment, der in Wien und Klagenfurt lebenden Autorin, erneut unter Beweis stellt. Anna Baar nimmt immer volles Risiko und das geht auf.
Das Leben der Elda Vera wird in Textmontagen (Briefe an den Liebhaber/Gespräche/Notate/Ereignisse des persönlichen Lebenspanoramas), welche die Achterbahn einer Existenz zwischen vorgegebenen Schienen, Geschwindigkeit, Aussicht und Fall ohne Steuer und Bremse – ein Passagier, dem jetzt noch das Wort bis zum Stillstehen bleibt – wiedergeben, die zahlreiche literarische-, welt-, und kulturgeschichtliche Referenzen aufweist, welche thematisch Existenz und Welt-, Sinnrahmen erschüttern und zertrümmern und Leser:innen auch sehr spannend einladen diese zu entschlüsseln.
Hervorzuheben sind jene Referenzen zu Leben und Werk Ingeborg Bachmanns, wie erwähnt Malina – Erinnerung, Schmerz, Auflösung im Protokoll von Textmontagen – wie auch der Schluss von „Amseln“, der beides in der Metapher des Feuers und des Schnees zusammenführt.
Und dazu der geniale Schluss – „Sie sagen Schnee voraus. Mir soll alles recht sein.“
Anna Baar katapultiert „Werther“ und „Malina“ genial ins 21.Jahrhundert. Ein Meilenstein als großartiges literarisches Formexperiment und existentiell-gesellschaftliche Dekonstruktion eines Lebens.
Amseln, Anna Baar. Roman. Wallstein Verlag.
256 S., geb., Schutzumschlag, 12 x 20 cm
ISBN 978-3-8353-6218-5
€ 24,00 (D) / € 24,70 (A)
Alle Preise inkl. MwSt zzgl. Versandkosten
Erscheinungsdatum: 19.08.2026
Foto: Cover _ Verlag.
Fotos: Motive & „Undine geht“/Lisa Kröll/Schauspielerin _ Walter Pobaschnig 8/26
Walter Pobaschnig 8/26