Lieber Raphael, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Bis vor kurzem noch proben für „Die große Show“ – aktionstheater ensemble, seit einigen Tagen habe ich „frei“, womit ich mir gerade in Corona Zeiten etwas schwer tue.
Raphael Macho, Zauberkünstler & Schauspieler
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Disziplin – wir müssen uns zusammenreißen und alle an einem gemeinsamen Strang ziehen – um das zu ermöglichen, ist es essentiell einander zuzuhören.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?
Das Theater hat zwei Möglichkeiten:
Den Menschen den Frust und die ganze aufgestaute Energie durch Radikalität auf der Bühne abzunehmen, oder das Publikum von der Radikalität des Alltags abzulenken, und es einfach gut zu unterhalten.
In Zeiten wie diesen ist das Theater wichtiger denn je!
Was liest Du derzeit?
„Amoralman“ von Derek Delgaudio, aber das ist auch schon einige Wochen her – momentan also Nichts.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
„What the eyes see and the ears hear, the mind believes.“ Harry Houdini
Raphael Macho, Zauberkünstler & Schauspieler
Vielen Dank für das Interview lieber Raphael, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Schauspiel-, Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
DIE GROSSE SHOW Eine „große Show“ mit allerlei Hindernissen, mit wahrhaftigen Bekenntnissen und verdichteten Geständnissen, unglaublich komisch, skurill-witzig, tragisch und mitten aus dem Leben. Regie; Martin Gruber. MIt: Michaela Bilgeri, Susanne Brandt, Raphael Macho, Elias Hirschl, Benjamin Vanyek, Christian Musser, Pete Simpson, Anton Bennent, youcancallmeoliver, Resa Lut, Maxance, Pia Welser.
Schönen Guten Morgen, liebe Constanze Sophie Passin, Schauspielerin, hier im Biedermeier Hotel Wien in der Ungargasse, dem Romanschauplatz „Malina“! Herzlichen Dank für das Interesse und die Teilnahme am Projekt zum 50- jährigen Romanjubiläum!
Constanze Sophie Passin, Schauspielerin _ Romanschauplatz _ Malina _ Wien
Du hast bereits in Deiner Schulzeit den Roman „Malina“ gelesen und dieser war auch teil Deiner Abschlussprüfungen. Wie kam es dazu und was sind heute Erinnerungen daran?
Es war in der Maturaklasse und wir hatten eine ganz phantastische Deutsch Professorin und ich wollte für die Abschlussprüfung ein gutes Thema finden. Wir sind dann relativ schnell draufgekommen, dass mich Frauen in der Literatur sehr interessieren und auch der feministische Ansatz und die Fragen nach Selbstbestimmtheit. Und dann sagte meine Professorin, dass der Roman „Malina“ von Ingeborg Bachmann da fast unumgänglich sei (lacht). Und dann habe ich den Roman gelesen und es wurde zu meinem Matura-Thema. Es hat zum Glück auch sehr gut funktioniert, sonst hätte ich eine Vier bekommen (lacht). Aber dadurch, dass die mündliche Prüfung so gut war, ist es dann sehr gut geworden 🙂
Das Lesen des Romans hat mich damals sehr mitgenommen und als ich jetzt wieder reingelesen habe, war sofort diese Erinnerung, dieser Geruch von der Zeit damals da. Es scheint mich doch sehr geprägt zu haben.
Das war auch die Zeit der ersten großen Liebe, wo alles so wichtig ist, wo man so sehr beim Andern ist, dass man gar nicht mehr bei sich ist und seinen Entscheidungen, sondern nur mehr darauf wartet, wann kommt die nächste Nachricht (lacht).
Es ist so existentiell, so absolut tief, da dreht sich alles nur darum, wie die Ich-Erzählerin bei Ivan, dieses „bei ihm sein“ ist – wann ruft er an, dieses stundenlange Dasitzen, wo geht er hin, was sagt er?
Es war auch wahnsinnig interessant, wie ich draufgekommen bin, im Zurückblättern, wieder lesen – damals hat man ja noch nicht gegoogelt (lacht) – dass Malina ja ein Teil ist, der in ihr herrscht. Da habe ich mich auch sehr stark wiedererkannt, in diesen zwei Teilen. Aber dies trifft wohl auch auf einen Mann zu und ist total unabhängig von Mann oder Frau, diese Teile, die in einem kämpfen.
Ich habe viele, viele Jahre gebraucht, dass da kein Kampf mehr ist, sondern dass beides in totaler Gelassenheit existieren kann in mir, wenn man das so benennen will als männlichen und weiblichen Teil. Oder dieser fokussierte, klarere Teil und dieser weichere Teil, warum auch immer das als männlich oder weiblich gesehen wird.
Wie gestaltete sich die pädagogische Aufbereitung, Begleitung in der Schule bei der Texterarbeitung?
Malina habe damals nur ich gelesen, jede/jeder hatte da eigene Matura-Themen. Meine Deutsch Professorin hat wohl das literarische Interesse bei mir gesehen und sie hat mir dann Malina empfohlen und mich total begleitet dabei in dieser Zeit.
Wir haben viel darüber gesprochen und ich habe auch darüber geschrieben. Aber ich weiß nicht ob eine Lehrerin diese entstehende Innerlichkeit in einer Vollzeitbetreuung auffangen könnte, natürlich ist man da alleine mit seinen Gedanken und der Emotionalität, der Angst, den Albträumen im Roman, wo es einem halt hinzieht beim Lesen. Aber ich denke ich war da schon alt genug.
Und dann gab es die Vorbereitung auf die Matura. Wir hatten da eine total gute Sprache miteinander. Ich fühlte mich richtig toll vorbereitet und Malina war dann eigentlich auch das, was die Jury interessiert hat. Die hat alles andere gar nicht so interessiert, die haben sich total auf Malina geschmissen (lacht).
Erinnerst Du Dich an einen Malina-Gesprächsinhalt, -impuls mit Deiner Professorin oder der Jury (Prüfungskommission; Anm.)?
Die Jury war zuerst etwas skeptisch mir gegenüber, dass ich das in meinem Alter behandle, was ich einerseits sehr gut verstehen kann. Ich weiß jetzt nicht was die Fragen waren, aber es wurde schon sehr detailliert gefragt und viel über den Teil, dass das Weibliche stirbt am Ende oder unterdrückt wird, sich auflöst oder verschwindet. An das kann ich mich erinnern.
Von den Gesprächen mit meiner Professorin weiß ich, dass wir auch viel über „Die blassblaue Frauenschrift“ (Franz Werfel; Anm.) dazu gesprochen haben und die Ähnlichkeiten darin. Aber sonst, es ist wirklich schon sehr lange her (lacht).
Wo hast Du maturiert?
Ich habe in der Waldorfschule der Stadt Salzburg maturiert. Dabei ist ja das Maturajahr entkoppelt und es kommen Professoren von außen an die Schule zum Unterricht. In Deutsch war es eine Professorin von der Universität. Der Mathe Professor kam auch von der Uni, manche kamen von anderen Schulen. Und ich bin so dankbar für diese Frau, die mich zu Malina als Matura-Thema herangeführt hat. Sie hat viel bewirkt.
Welche Literatur von Frauen war in der Schule noch Thema?
Wir haben grundsätzlich über Frauen in der Literatur gesprochen, was dann auch später, als ich mit Theater in Verbindung gekommen bin, eine Rolle gespielt hat. Es waren aber eher die literarischen Seiten, die wir in der Schule behandelt haben. Genaueres, da müsste ich auf dem Dachboden nachschauen was es von der Matura da noch gibt (lacht).
Welche Gedanken, Zugänge hast Du jetzt, im Zuge dieses Jubiläumsprojektes, zum Roman Malina?
Jetzt ist für mich natürlich total interessant, wo ich stehe, wenn ich es lese. Was hat sich bei mir getan? Wie lese ich Dinge jetzt anders?
Man kann den Roman ja sicherlich fünf, sechs Mal in seinem Leben lesen in unterschiedlichen Altersstufen und man wird immer wieder auf andere Dinge draufkommen, die einen ansprechen.
Jetzt beim Lesen war ich wahnsinnig erleichtert, dass ich so einen Kampf nicht austragen muss.
Und dass sich natürlich gesellschaftlich extrem viel getan hat, noch nicht genug (lacht), aber es hat sich viel getan seitdem und ich total froh sein kann, alles zu leben was ich möchte, Teile in mir leben zu können, die ich möchte. Gut, da gibt es natürlich noch die ganzen Abgründe (lacht).
Ich konnte den Roman jetzt einfach anders lesen, ich weiß nicht wie ich das beschreiben soll, oh Gott, ja, ich bin froh, dass das hinter mir liegt (..hoffentlich).
Dass ich, glaube ich, relativ gesund, emotional gesehen, lebe – was ich auch brauche in dem Job, den ich mache. Das war jetzt, was mich beim Lesen bewegte, faszinierte oder erleichtert hat.
Und dass ich die Sprache noch einmal ganz neu wahrgenommen habe. Die einfach krass ist. Zwei Seiten alleine sind so brrrrr. Das ist eigentlich wie ein Trip das Buch. Da klingt auch wieder Intensives, Schönes, Tolles an.
Wie nimmst Du die Intensität eines Textes wie Malina auf? Wie gehst Du da vor?
Ich lese meistens so wie ich sprechen würde, deswegen brauche ich auch länger für ein Buch (lacht). Ich merke beim Lesen wie sich mein Lesetempo innerlich verlangsamt oder beschleunigt.
Ich will reinleben, wenn ich etwas lese, deswegen brauche ich auch länger. Ich merke im Lesen, wenn, musikalisch gesehen ein Tempowechsel drin ist, es wird schneller oder es wird langsamer und ich muss dann etwa eine Pause machen, zurücklesen, oder nach vor gehen, weil ich mich frage, wo sind wir jetzt gelandet wie sind wir da hingekommen, wo waren wir gerade noch (lacht)? Es ist ein krasses Hin- und Herspringen.
Und dann lese ich reingepackt in diese vollen Tage so bald es halt geht. Im Bus war es schwierig zu lesen, in der U-Bahn leichter, weil es geradeaus geht (lacht). Ich merke dann auch wie die Welt draußen im Lesen richtig ruhig wird, ich brauche da keine Kopfhörer mit Musik drin sondern es passiert so ein Raum. Da muss ich zwischendurch gucken, wo ich bin, dass ich nicht bis zur Endstation fahre (lacht).
Liest Du auch laut zuhause?
Laut lese ich ehrlich gesagt nur, wenn ich mich mit Rollen beschäftige. Was ich in meiner Freizeit lese, lese ich eigentlich nie laut. Gedichte vielleicht manchmal, um sie klingend zu hören. Aber ich finde es eher komisch, laut zu lesen. Aber ich lese gerne vor (lacht).
Ich danke vielmals für die Vorbereitung zu diesem Interview/Fotoshooting in Text und Style, es ist sehr beeindruckend wie Du die Zeit des Romans und Ingeborg Bachmann gleichsam hier in den Raum mitbringst und diesem zur Bühne des Romans machst, verwandelst! Wie gehst Du in Deinem Beruf als Schauspielerin an Rollen heran? Welche Bedeutung kommt dabei der Mode zu?
Früher habe ich die Theaterstücke gelesen und da kam sofort in meinem Kopf – ja, da muss ich so was tragen, da brauche ich? – ich bin da von Außen rangegangen, ganz stark über Kostüme und die haben mir extrem geholfen.
Und natürlich die Schuhe als Extremstes, weil sie den Körper komplett verändern.
Auch privat ist mir Mode sehr wichtig. Ich habe aber keinen Stil, es ist bei mir ganz breit gefächert und trage das, worauf ich Lust habe und es muss einfach passen und manchmal brauche ich dann länger, weil ich merke, es fühlt sich nicht richtig an (lacht). Und dann muss ich auch mal mit Jogginghose raus (lacht).
Und bei Ingeborg Bachmann habe ich mir natürlich nochmal die Fotos im Internet angesehen, klar weiß man wie sie ausgesehen hat und man kennt die Zeit. Und ich dachte perfekt, das habe ich alles Zuhause und würde ich auch selber tragen.
Kleidung auszuwählen fällt mir meistens leicht, aber es kann auch schon mal eine Krise sein, wenn ich etwa zu einer Gala eingeladen bin, das stresst mich auch (lacht).
Mittlerweile gehe ich zum Kostüm über den Text ran, da wird alles Wichtige beschrieben, wie spricht diese Figur und daraus ergibt sich später das Kostüm was es dann hebt, richtig macht. Das hat sich etwas geändert, das von Draußen raufpacken brauche ich jetzt nicht mehr so.
Und ich bin immer so gespannt, was die Kostümbildnerinnen sich überlegt haben. Ich liebe es in unterschiedlichen Rollen den Style, die Zeit zu leben. Ich liebe Epochen in der Geschichte und könnte mich da richtig reinfallen lassen, würde dann am Liebsten in so einer Wohnung der 50er/60er, wie auch immer, leben wollen (lacht).
Das liebe ich, Architektur, Möbel, Mode
War die Beschäftigung mit Malina in der Schulzeit auch für Dein weiteres Interesse an Mode, Architektur in den Zeiten ein Impuls?
Mein Modestil, der ja keiner ist (lacht), hat sich, glaube ich, erst später geformt. In der Schulzeit waren ja die Modemarken total wichtig, da hatte man ja gar keine Chance einen eigenen Stil zu finden. Ich glaube, dies hat sich jetzt etwas geändert. Wenn ich mir jetzt die Schülerinnen angucke, die sind da viel freier.
Damals war Mode für mich – ich habe sehr gerne schöne Sachen getragen – eher danach orientiert, was sollte ich anziehen als worauf habe ich jetzt Lust oder was trage ich jetzt gerne, habe ich Bock auf einen Rock oder eine zerrissene Jeans.
Für mich war der Umzug von Deutschland nach Österreich total prägend. Meine Eltern sind Musiker und ich bin in Berlin groß geworden. Und da war alles total international, es war vollkommen wurscht ob du eine Frau oder ein Mann bist, in Berlin sowieso, da habe ich nie darüber nachgedacht.
Und dann bin ich in dieses schöne Dorf gekommen und da wirst du dann mit Dingen konfrontiert. Und dann auch als Deutsche, das war schwierig.
Dieses Frauen-Stärken, sich nicht zum Opfer machen lassen, das war früh da. Mein Gerechtigkeitssinn war immer schon stark… was ich mich mit Jungs geprügelt habe… (lacht).
Später dann, dass man für Solidarität, Akzeptanz und Toleranz steht. Dieses „es ist doch wurscht was ich bin und wenn ich ein Alien bin“ (lacht). Das war total früh da und deswegen war wohl auch das Thema Frauen in der Literatur schon in der Schulzeit interessant.
Wie ist es für Dich als Schauspielerin, wenn Du Mode und Kostüm der Zeit in einer Rolle auf- und annimmst?
Mode ist für mich, wie gesagt, total wichtig. Nicht was gerade in Mode ist sondern Mode an sich, Kleidung, Stoffe.
Es macht ja so viel aus, was Du auf Deiner Haut trägst. Ob Du etwa Seide oder so ein Kunststoffding trägst, das bewirkt ja etwas mit dem Körper und du kannst das sehr gut nützen für eine Rolle.
Wenn es kratzt und piekst, kann es auf der Bühne in der Rolle phantastisch sein (lacht), oder auch ein Korsett. Du fühlst dich dann einfach anders und wenn du dich in der Mode zeitnah fühlst und dir dann auch noch Haltungen der Zeit ansiehst, die Musik anhörst, das macht etwas. Alles fügt sich so und ist hebend.
Neben dem Text finde ich persönlich den Style am Wichtigsten (lacht). Nein, natürlich die Kolleg*innen, die Regie, Bühne. Aber für mich persönlich ist der Text und dann was sie trägt am Interessantesten, weil es mich auch fasziniert.
Du hast Dich mit den Modestil Ingeborg Bachmanns für dieses Projekt beschäftigt, hast Dir Fotos angesehen. Wie würdest Du ihren Modestil beschreiben?
Ingeborg Bachmann hat in der Mode einerseits etwas total Unprätentiöses, ich denke da an ein Foto, wo sie ein Kleid trägt und ich dachte da, nee, das passt jetzt aber gar nicht. Es ist aber logisch, sie ist ja nicht immer am Präsentierteller und kann ja tragen was sie will (lacht).
Ingeborg Bachmann ist ja eine, Stilikone ist jetzt nicht das richtige Wort, eine wesentliche Figur für uns – diese Frau, die so intensiv geschrieben hat und so einen dramatischen Tod hatte.
Was ich auch interessant fand, waren die Frisuren und dieses Ungeschminkte. Eben auf der einen Seite unprätentiös und auf der anderen Seite dieser lässige, schöne, coole Style.
Man müsste da jetzt einen Fotoband ansehen, um Näheres zu sagen aber sie hat schon diese beiden Seiten, das passt auch zu Malina finde ich. Ich finde es auch total gut, dass sie einerseits dieses Weibliche wie auch Männliche trägt.
Manches wirkt dann modisch fast etwas bieder bei Bachmann. Ja, ich müsste da mehr darüber wissen, möchte aber an dieser Frau jetzt sowieso etwas dranbleiben.
Mein Vater, der leider schon verstorben ist, hat Ingeborg Bachmann persönlich kennengelernt, weil er mit Paul Celan bekannt war. Ich hätte ihn da jetzt gerne noch einiges gefragt dazu. Vielleicht habe ich meinen Vater auch bei der Matura danach gefragt, ich weiß es nicht.
Ich würde meinen Vater jetzt gerne fragen wie sie so gewirkt hat im Raum, das Gefühl, was seine Wahrnehmung von ihr war.
Von Marilyn Monroe gibt es so viele Fotos, da hat man es natürlich leicht, aber von Ingeborg Bachmann gibt es nur ein paar, so weit ich weiß.
Dein Vater war mit Paul Celan und Ingeborg Bachmann bekannt?
Ich weiß, dass mein Vater mit Paul Celan bekannt war und das Paul Celan irgendwann mit Ingeborg Bachmann zu einem Treffen kam, mehr weiß ich, wie gesagt leider nicht Mein Vater war Oboist in Berlin.
Der Roman Malina hat ja eine dreiteilige Kapitelstruktur. Wie siehst Du diesen Aufbau und die Aussagen darin?
Ich sehe es etwas wie eine Fahrt in die Hölle (lacht), diese Albträume etwa.
Wie so eine Zerfleischung sehe ich es, wie einen Kampf in Aufbäumen und Auflösen.
Ich empfinde es wie gesagt wie einen Trip, den man auch mit ein bisschen Sinn für Wahnsinn nachvollziehen kann (lacht), die Stufen, die da passieren.
Die Begegnung, Beziehung mit Ivan stehen am Anfang der Romankapitelfolge und sind betitelt „Glücklich mit Ivan“. Welche Zugänge gibt es da für Dich?
Von Anfang an fühlt es sich ja nicht gleich an zwischen den beiden und tatsächlich kann ich kein „Glücklich mit Ivan“ sehen. Ich finde da nichts glücklich daran. Ich habe nicht das Gefühl, dass es auf Beiderseitigkeit beruht – dieses „Gar nicht voneinander lassen können“ – das empfinde ich da nicht so.
Die Bezeichnung Glück ist im ersten Kapitel schon sehr interessant. Es ist eher ein Wahnhaftes „Ich bin glücklich“ von dem/der Ich-Erzählerin.
Mich hat das ein wenig erinnert an eine Freundin von mir, die vor kurzer Zeit über einen Mann erzählt hat, wo ich dachte „…oje“ und dieses „oje“ ist da beim Lesen wieder passiert (lacht). Es ist diese ungesunde Abhängigkeit, die einem so weh tut und die man natürlich von sich kennt.
Deswegen finde ich das erste Kapitel, man muss da ja erst mal reinfinden in das Ganze und man muss sie etwas verstehen, nicht als „Glücklich mit Ivan“. Es ist eine Verliebtheit bei ihr aber kein Glücklich-Sein.
Wie würdest Du dieses Ivan-Kapitel betiteln?
Wo ist Ivan? (lacht). Irgendwas mit einer Wartehaltung, um dieses „Ich bin nur bei Dir“ auszudrücken. Oder einfach nur „Ivan“.
Wir blicken hier vom Fenster auf den Romanschauplatz in der Ungargasse und unweit davon liegen auch die zentralen Wohnorte Ingeborg Bachmanns in Wien. Wie wichtig sind Orte für Dich?
Orte sind extrem wichtig. Sie prägen ja unsere Erinnerungen von Kindheit an. Die Gerüche, den Klang, das Licht, die ein Ort hat, dies ist ja alles so eingeprägt.
Wie etwa bei einem Lied, wenn Du genau weißt, da, mit dem Menschen, der Ort, der Geruch. Orte sind ja der Platz, wo Begegnungen stattfinden, die unser Leben ausmachen.
Ich liebe es, neue Orte kennenzulernen.
Für den Film finde ich Orte viel wichtiger als für das Theater. Im Theater ist es ja fast deprimierend an Orte zu denken (lacht), denn da stehst du ja auf der Bühne und hast ein Bühnenbild. Der Ort muss da im Kopf stattfinden. Im Film kannst Du den Ort ja einfangen.
In der Literatur ist das dann nochmal ganz anders, da findet es ja nur im Kopf statt.
Ich finde es sehr spannend im Lesen einen Ort zu kreieren, weil es nur dein Bild, dein Ort ist. Da ist ein Weg, ein Hügel, das wird zu deinem Ort, der immer da ist. Wenn Du an das Buch denkst, siehst du das und das finde ich so toll.
Die Liebe im Roman Malina und die Liebe heute. Hat sich da etwas verändert?
(Kopfschütteln) Nein, ich glaube, die Liebe kann sich gar nicht verändern (lacht), die ist was sie ist.
Die Liebe kann sich in uns entwickeln, aber allgemein ist die Liebe die Liebe. Deswegen entwickeln wir Menschen uns ja auch nicht unbedingt weiter (lacht).
Das wir da stehen, wo wir schon immer standen, eigentlich, bei Besitzdenken, Neid.
Man kann jetzt Liebe nicht lernen, aber was bedingungslose Liebe betrifft, das kann man lernen. Oder konnte ich vielleicht lernen. Dass ich sage, das ist der Mensch und wenn es bedeutet, dass er glücklich ist und mein Weg mit diesem Menschen nicht weitergeht, ist es doch schön, auch wenn ich dann leide, leiden muss. Dies betrifft jetzt auch Freundschaften. Solche Dinge kann man, glaube ich schon lernen. Aber sonst verändert sich die Liebe nicht.
Wie siehst Du das Ende des Romans?
Dieses Verschwinden am Ende ist wie ein Luftzug, der sich noch einmal leicht hebt und dann stürzt.
Das Schlimme ist dieses Aufgeben der Ich-Erzählerin, dieses „Sich nicht einmal dagegen wehren“. Dieses „mit sich machen lassen“ oder „mit sich selbst machen“, dieses Selbstzerstörerische. Das ist sehr traurig eigentlich, sehr, sehr traurig.
Man kommt natürlich nicht umhin den Tod Ingeborg Bachmanns auch immer mit dem Romanende zu sehen.
Dieser Roman ist wahnsinnig mutig. Es ist ein extrem mutiges Werk sich mit all diesen Fehlbarkeiten, dem Nicht-Können, Nicht-Zutrauen, mit all diesen Seiten so auseinanderzusetzen, in so einer Ehrlichkeit, das ist so bewundernswert.
Malina war ein Teil Deiner schulischen Matura, der Reifeprüfung. Ist der Roman auch heute für die Leserin/den Leser eine Art persönliche Reifeprüfung in Liebe, Selbstbild, Selbstbegegnung?
Ja, ich glaube, dass sich jeder darin erkennen kann. Das jeder Anteile davon in sich hat, Opfer, Täter.
Klar, fünfzig Jahre später, Emanzipation, endlich gendern, aber im Roman geht es nochmal unabhängig davon um den Teil in Dir, für den du dich entscheidest oder ob du alle Teile leben lassen kannst. Deswegen ist es wie ein Lebensroman, den man in mehreren Lebensphasen lesen kann.
Für mich persönlich ist es sehr interessant, den Roman mit achtzehn Jahren gelesen zu haben und jetzt wieder und dazwischen gar nicht. Aber dazwischen alles Mögliche durchgemacht zu haben was da auch so drin ist im Roman (lacht).
Und dann bin ich gespannt, wenn ich den Roman nochmal lese, mit sechzig oder so (lacht).
Der Aufschrei, steh doch für Dich ein, endlich, sei doch stark, liebe diese Anteile in dir, hör doch auf so abhängig so sein, das ist natürlich stärker jetzt. Und ich glaube, das ist bei vielen stärker.
Wie siehst Du die Persönlichkeitsanteile, die in der Liebe ans Licht kommen?
Total spannend (lacht).
Ich finde es schön, so viele Persönlichkeitsanteile zu haben und manchmal muss man halt zurückstecken, nicht als Schwäche, es darf da sein, aber es würde jetzt etwas zerstören.
Man kann sich natürlich in manche Dinge ganz schön reinschmeißen, Eifersucht etwa.
Man sollte im besten Falle allen Persönlichkeitsanteilen in der Liebe Raum geben. Alle emotionalen Teile dürfen da sein, dann ist es gesund.
Wenn du etwas unterdrückst und wegdrückst, ist das meiner Meinung nach nicht gesund auf Dauer.
Alles muss die Möglichkeit haben, da zu sein und dann muss es eine Balance kriegen. Wenn`s klappt (lacht). Man macht es ja jeden Tag irgendwie durch (lacht).
Malina ist auch wesentlich ein Wien Roman. Was bedeutet Dir Wien?
(lächelt) Wien ist ein Zuhause geworden und war für mich wahnsinnig wichtig. Ich habe von 2003-2005 an der Uni Wien studiert, bevor ich dann Schauspiel in Salzburg studiert habe. 2014 bin ich dann wieder hierhergezogen. Hier leben ganz viele liebe Menschen von mir und die Stadt ist natürlich extrem lebenswert und ja weltweit im Ranking ganz oben (lacht).
Ich finde aber man sollte zwischendurch immer wieder mal weg, um sich neue Impulse zu holen.
Wien bietet alles was man so braucht, Weinberge (lacht), Donau, wunderschöne Architektur, da ist viel Liebe zur Stadt.
Du bist in Berlin aufgewachsen. Wo liegen für Dich Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Städte Berlin und Wien?
Die gehören fast ein bisschen zusammen, finde ich (lacht).
Auch wenn Berlin natürlich eine ganz andere Geschichte hat, das kann man dann wieder so gar nicht vergleichen. Aber alleine durch die Kunstszene sind die Städte sehr verbunden.
Wien und Berlin zu kombinieren ist ziemlich beflügelnd. Wobei ich Wien ein bisschen unbunter empfinde als Berlin. Aber das liegt an Berlin (lacht).
Ist die Mentalität der Menschen beider Städte ähnlich?
Nein. Man sagt immer die Berliner sind so – Berliner Schnauze – und ich finde sie aber sehr herzlich und humorvoll eigentlich. In Berlin kriegst du an der Kasse einen Spruch und dann lachst du gemeinsam.
Der Wiener Humor, Schmäh, ist da etwas Besonderes. Den muss man kennenlernen, dann mag man ihn auch, ich kann darüber lachen, und er klingt ja auch im Roman an und durch.
Constanze Sophie Passin, Schauspielerin _ Romanschauplatz _ Malina _ Wien
Herzlichen Dank, liebe Constanze Sophie, für Deine Zeit in Wort und szenischer Darstellung hier am Romanschauplatz „Malina“! Viel Freude und Erfolg für alle Theater-, Schauspielprojekte!
50 Jahre Malina _ Roman _ Ingeborg Bachmann _ im Gespräch und szenischem Fotoporträt:
Meistens unspektakulär: Um neun sitze ich mit Kaffee am Schreibtisch. Mittag gib es zwischen 12h und 14h. Nachmittags gehe ich eine Stunde spazieren. Manchmal denke ich, ich könnte auch Tagespläne für Altenheime schreiben.
Nora Bossong, Schriftstellerin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Die Nerven zu bewahren.
Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Literatur hilft uns, Perspektiven zu wechseln, und das brauchen wir gerade dringend. Durch die Pandemie haben sich viele in ihre eigene Misere zurückgezogen, um irgendwie durchzukommen. Dadurch ging aber oft auch der Blick dafür verloren, dass es anderen schlecht, vielleicht sogar noch schlechter ging. Jede Gruppe kämpfte für sich. Das Bewusstsein für die eigene Verletzlichkeit zu bewahren, ohne dieses in ein gesellschaftliches Gegeneinander umschlagen zu lassen, wäre ein Ziel.
Was liest Du derzeit?
Gerade lese ich Habermas „Die neue Unübersichtlichkeit“ und lerne, dass auch die 80er schon mies waren. Retrospektiv wissen wir immerhin, dass der Atomschlag damals doch ausblieb. Wüssten wir ähnlich Erleichterndes über die Klimakrise, wäre uns wohl leichter ums Herz. Vielleicht fielen wir dann aber auch in Passivität zurück.
Welches Zitat, Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
„Als es noch darum ging, die Freiheit zu erringen, wusste man sehr gut, wen man zu fürchten hatte und was man dagegen tun konnte. Nun ist die Freiheit errungen, und es gilt, in ihr zu bestehen. Das ist eine ebenso großartige wie harte Aufgabe.“ Richard von Weizsäcker in seiner Weihnachtsansprache 1990.
Vielen Dank für das Interview liebe Nora, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:
Nora Bossong, Schriftstellerin
Nora Bossong, geboren 1982 in Bremen, studierte in Berlin, Leipzig und Rom. Sie lebt als freie Schriftstellerin in Berlin, veröffentlicht Romane, Essays und Gedichte und meldet sich regelmäßig zu aktuellen gesellschaftspolitischen Themen zu Wort. 2019 gelangte ihr Roman Schutzzone auf die Longlist des Deutschen Buchpreises. Bossong wurde vielfach ausgezeichnet, zuletzt mit dem Thomas-Mann-Preis (2020) und dem Joseph-Breitbach-Preis (2020). Sie ist Mitglied im ZdK und Kolumnistin des Philosophie-Magazins.
am 24. Februar 2022 erscheint bei Ullstein das Buch „Die Geschmeidigen – Meine Generation und der neue Ernst des Lebens“ von Nora Bossong.
(Info _Ullstein Verlag)
Foto_Heike Steinweg.
2.12.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.
Liebe Susanna, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Derzeit sehr gemixt. Einerseits sitze ich viel vor dem Computer und erledige Nacharbeiten, Subventionsabrechnungen oder schreibe Projektberichte für unser Festival theaterzeit//Freistadt. Gleichzeitig sind wir bereits am Planen für zukünftige Projekte, das betrifft einerseits die nächste Festivalausgabe 2023, aber auch u.a. ein größeres Filmprojekt. Parallel versuche ich mich in meinem neuen Autorendasein zurechtzufinden und mir einen groben Überblick zu verschaffen, was ich nun damit tun könnte, sollte oder müsste.
Wenn es sich irgendwie zeitlich ausgeht (viel zu oft bleib ich an meiner ToDo-List hängen) treffe ich mich mit Freund*innen. Und dann gibts viel Theater, Ausstellungen und kulturelle Veranstaltungen in meinem Terminkalender. Momentan versuche ich noch, so viel wie möglich rauszukommen und Sonne zu tanken, bevor die Wolkendecke Wien bis zum Frühling wieder mit einem Earl Grey-Schleier zudeckt.
Susanna Bihari_Schauspielerin, Festivaldirektorin, Autorin und Sprecherin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Impfen. Bitte! Ist es wirklich so schwierig zu verstehen, warum das jetzt mehr als sinnvoll wäre? Das geht mir nicht in den Kopf. Wir kommen nur gemeinsam aus dieser Situation raus und je früher, desto kollektiv unbeschadeter, lebendiger und verlustfreier.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater, der Literatur, der Kunst an sich zu?
Die zugespitzte politische Wackelsituation in Österreich kombiniert mit eineinhalb Jahren Pandemie rüttelt ordentlich an unser aller Nerven. Man muss davon ausgehen, dass die nächsten Jahre keine leichten sein werden. Der große Aufschrei der Kulturszene im vergangenen Jahr ist inzwischen ziemlich verebbt, weil für alle möglichen Bereiche eine zeitlang teilweise großzügig Gelder ausgeschüttet wurden. Dieses Budget wird aber natürlich zukünftig eingespart werden müssen bzw. fehlt es jetzt teilweise schon stark, da viel weniger Menschen das kulturelle Angebot nutzen und die Besucherzahlen oft trotz der Öffnungen ausgedünnt sind.
Das kollektive Mitfühlen, das in den ersten Zügen der Pandemie den Künstler*innen entgegengebracht wurde, ist im Laufe des Kampfes jede/r/s Einzelnen, die zunehmend nervenfordernde Pandemie halbwegs zu überleben, genauso verpufft wie die Anerkennung und der Applaus für das Krankenhauspersonal.
Bei einem Neubeginn nach dieser Krise ist sicher wichtig, die auseinander gedrifteten gesellschaftlichen Gruppen wieder zusammenzubringen, hier Kommunikation zu pushen. Schön wäre (!) eventuell auch eine Politik, in der es nicht um Machtkämpfe, sondern um konsensorientierte, produktive und professionelle gemeinsame Arbeit geht.
Die Rolle der Kunst darf man als verbindendes gesellschaftliches Element niemals unterschätzen. Sozialkritische Themen oder Probleme werden durch das künstlerische Sprachrohr von Musik, Literatur, Theater oder Malerei so vermittelt, dass wir Informationen nicht nur über unser Denken, sondern durch unsere Sinne, unsere Emotionen wahrnehmen. Es entsteht eine tiefgründigere Reflexion von Inhalten, als es z.B. im bloßen Gespräch möglich ist. Kunst hat Kraft, das dürfen wir niemals vergessen.
Was liest Du derzeit?
Wolf unter Wölfen / Hans Fallada
Fremdes Licht / Michael Stavaric
Der Geschichtenerzähler / Patricia Highsmith
Der lange Abschied / Raymond Chandler
Über den Schmerz / C.S. Lewis
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Wer in schönen Dingen einen schönen Sinn entdeckt, hat Kultur. Für solche besteht noch Hoffnung.
Oscar Wilde
Vielen Dank für das Interview liebe Susanna, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Theater-, Schauspiel-, Kunst-, Textprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:
Susanna Bihari_Schauspielerin, Festivaldirektorin, Autorin und Sprecherin
Foto_Johannes Siglär
4.11.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.
Liebe Cornelia, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Meine Tage folgen der Monotonie immer gleicher Abläufe. An ein ausgiebiges Frühstück als Eingangsvoraussetzung für einen gelingenden/geglückten Tag (Peter Handke) reihen sich Routinearbeiten, die ich rasch erledige, um mich dem Lesen von Zeitungen/Büchern und dem Verfassen von Texten/Textfragmenten zu widmen.
Ich kann und möchte nicht für alle sprechen. Ich kann hier nur meine persönlichen Auffassungen darlegen. Wichtig erscheint mir, sich auf Wesentliches zu fokussieren und ab und an Prioritäten neu zu setzen. Komplexitätsreduktion, so wie es Niklas Luhmann formulierte.
Momentan konzentriere ich mich auf die zu lesenden Rezensionsexemplare und die zeitgerechte Abgabe der dazugehörigen Besprechungen. Das erfordert ein gewisses Maß an Struktur und Disziplin. Das im Kalender mit Signalgelb markierte Abgabedatum leuchtet jeden Tag auf, erzeugt Spannung.
Zeit, um mich von Negativmeldungen ablenken zu lassen, bleibt daher wenig. Ein gesundes Vertrauen in das Ende aller Katastrophen, so auch der Pandemie, mindert den persönlichen Stresslevel wesentlich und trägt dazu bei, den (stoischen) Tagesablauf konsequent durchzuziehen sowie eigens gesteckte Ziele zu erreichen, was am Ende des Tages für einen ruhigen Schlaf sorgt.
Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Gesellschaften unterliegen permanenten Veränderungen. Die „Baustellen“ des Neoliberalismus und Kapitalismus wachsen ununterbrochen. Die Pandemie hat die soziale Spaltung innerhalb gesellschaftlicher Ungleichheiten zunehmend verstärkt. Wichtig erscheint mir, solidarisch zu handeln und einen achtsamen Umgang mit Menschen und der Natur zu pflegen. Politisch gilt es, künftig die richtigen Weichen zu stellen, insbesondere den Ausstieg aus der Atomenergie zu forcieren. Das Theaterstück „Tschernobyl“ (Werk X), welches im Oktober 2021 im Odeon gezeigt wurde, erinnerte an die Atomreaktorkatastrophe von 1986 in Tschernobyl. Die Folgen sind bis in die Gegenwart spürbar, die Schäden irreparabel. Diskussionen über die Weiternutzung von Atomkraftwerken, wie ich unlängst in einem Artikel las: „Kann Atomenergie eine grüne Alternative sein?“ (Wiener Zeitung, 6./7.11.2021), erzeugen Unverständnis (und Proteste!).
Literatur und Kunst haben die Aufgabe, politische Missstände auf´s Tapet zu bringen, zu benennen, anzuprangern. Sie ermöglichen, Welten und Utopien zu imaginieren, in denen ein solidarisches Miteinander selbstverständlich ist, Konkurrenzdenken aus der Mode gerät und ein gleichberechtigter, wohlwollender Umgang miteinander gelebt wird.
Die Zunahme von Gewalt, insbesondere gegen Frauen, empfinde ich als besorgniserregend. Einen wichtigen Schritt in Richtung Bewusstseinsbildung und im Aufbrechen tradierter Rollenbilder leistet hier durchaus Kinder- und Jugendliteratur. „Was Sara verbirgt“ von Kathrine Nedrejord, Urachhaus, 2021, steht beispielgebend dafür, wie Tabuthemen wie Vergewaltigungen literarisch bearbeitet werden können, um Diskussionen im gesellschaftlichen bzw. schulischen Kontext anzustoßen.
Was liest Du derzeit?
Täglich lese ich in Gesichtern der Menschen und versuche, ein Stimmungsbild unserer Gegenwart einzufangen. Gesichter als Seismographen gesellschaftlicher Zustände. Besorgte, verärgerte, ängstliche Menschen. Dazwischen Lichtblitze.
Terézia Mora spiegelt in „Fleckenverlauf“ (2021) ebenfalls ein Stimmungsbild. Sie erzählt darin vom Mangel an Zeit in der Mitte des Lebens, vom Umgang mit Freunden, der anfänglichen Bearbeitung von „Oberflächen“ in Gesprächen, um anschließend in die Tiefe gehen zu können. Dazu kommt es meistens nicht, da jede/r weiterzieht, mit sich selbst beschäftigt ist. Am Ende bleibt der schale Nachgeschmack von Einsamkeit.
Parallele Lektüre: „Stephen Hawking. Eine Biographie“ (2021), von Charles Seife, eine Art Rückkoppelung zu Raoul Eiseles wunderbarem Lyrikband „Einmal hatten wir schwarze Löcher gezählt“ (2021). Weitere Bücher sind zum Beispiel „Zwischen Schaumstoff“ von Didi Drobna (2014) und „Der Präsident“ von Clemens Berger (2020). Literarische Kostbarkeiten, die ich 2022 im Lesekreis des BÖS (Berufsverband Österreichischer Schreibpädagog*innen) mit Teilnehmenden besprechen werde.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Michel Foucault verweist in „Zur Genealogie der Ethik“ auf die Rolle der Kunst:
„Daß Kunst etwas Gesondertes ist, das von Experten, nämlich Künstlern gemacht wird. Aber könnte nicht das Leben eines jeden ein Kunstwerk werden? Warum sollte die Lampe oder das Haus ein Kunstgegenstand sein, nicht aber unser Leben?“ (Michel Foucault: „Zur Genealogie der Ethik“ in: Hubert Dreyfus/ Paul Rabinow: Michel Foucault: Jenseits von Strukturalismus und Hermeneutik. 1982/ Zitat Ausgabe 1987).
Vielen Dank für das Interview liebe Cornelia, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literatur-, Journalismusprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Cornelia Stahl verantwortet als Radiojournalistin die Sendung Literaturfenster Österreich beim Freien Radio Orange, Wien. Seit 2014 schreibt sie Rezensionen für bn-Bibliotheksnachrichten Salzburg, Die Alternative, AUGUSTIN und etcetera der LitGes, Literarische Gesellschaft St.Pölten. Zudem organisiert sie dort seit 2015 als Juryvorsitzende den Jugendliteraturwettbewerb LitArena. Letzte Veröffentlichung: Jahrbuch Lyrik, Edition Art Science, St.Wolfgang, 2021.
Foto_privat.
18.11.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.
Die sieben fulminanten Performer*innen legen in „Cfulnam&Up“ eine Wort- Bewegungs-, und Gesangsrevue im endlich wieder strahlenden Bühnenlicht hin, welche die Sterne vom trüben Winterhimmel reißt und mit Verve, Witz wie unglaublicher Zärtlichkeit und Dynamik des Ausdrucks begeistert!
Ausgehend vom persönlichen Dunkel der Scham, katapultieren die großartigen Darsteller*innen Emotion, Expression und Lebenslust in Musikgenres von Musical bis Disco, Chansons bis Punk und zerfetzen so gleichsam in „soul on fire“ alles Be- und Erdrückende eines Spiegel- und Selbstbildes.
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Es ist ein einmaliger Theaterabend, der in Ausschöpfung der Ideenkraft und Möglichkeiten modernen Theaters in der Verbindung von Wort, Bewegung und Musik ein „set the night on fire“ kreiert, welches das Publikum mit lang anhaltendem Applaus sehr, sehr dankbar begeistert bejubelt.
Eine Musikperformance als kollektive Seelenperformance zur richtigen Zeit, die von den Sitzplätzen reißt und mitschwingen lässt – schamlos!
Gratulation und danke für dieses „night on fire“ Theatergeschenk!
Welche Bedeutung hat das Wiener Cafè für Dich als Künstlerin?
Das Wiener Cafè war und ist immer auch ein Ort der Kunst. Viele Werke, Ideen der Literatur, des Theaters, der Musik, der vielen Formen von Kunst sind hier entstanden.
Das Cafè ist ein Ort der Begegnung, des Zusammenkommens. Dies trifft besonders für die Kunst zu.
Hier im Cafè Prückel befindet sich ja auch ein Theater im Untergeschoß. Ebenso im Cafè Landtmann und weiteren Cafès.
Das Cafè hier ist auch wie eine Zeitreise. Das ist Wiener Vintage im Original (lacht) und ist auch eine wesentliche Form von Kunst.
Die Innenarchitektur der Wiener Cafès ist etwas ganz Besonderes.
Das Wiener Cafè gibt es nur in Wien.
Du hast jetzt eine Clementine in das derzeit (Lockdown, Anm.) leere Cafè mitgebracht. Ist das Cafè für Dich auch ein Vitamin für Kunst und Leben?
Ja, das ist es, wie auch die Theater, Museen, die Architektur und vor allem die Menschen der Stadt, das ist immer Inspiration.
Vitamin ist natürlich auch die umgebende Natur der Stadt, der Wienerwald. Zumindest einmal die Woche gehe ich da spazieren und tanke innerlich richtig auf. Ich komme da zur Ruhe.
Ein Stadtrhythmus muss für mich mit Natur verbunden sein.
Eine Stadt erfordert auch viel Kraft, nimmt auch. Die Natur gibt nur. Ich schätze diese Verbindung Von Stadtleben und Naturerleben in Wien sehr.
Was sind Deine derzeitigen künstlerischen Projekte?
Es war ein intensiver künstlerischer Sommer. Ich habe im Wiener Lustspielhaus Theater gespielt und war dabei auch in der Regieassistenz tätig.
Das war ein sehr spannender intensiver Prozess für mich. Täglich zu spielen, in jeder wechselnden persönlichen Tagesverfassung auf die Bühne zu gehen, war eine neue Herausforderung.
Theater ist kein Komfortzustand und es ist wichtig sich den inneren Emotionen zu stellen, auch den Ängsten, die damit verbunden sind. Jede Überwindung bringt einem, mich, da weiter. Das lässt mich künstlerisch reifen und macht mich stärker. Das war jetzt vielleicht etwas pathetisch ausgedrückt (lacht).
Derzeit drehe ich eine Dokumentation zum Thema Rituale. Dabei stehen vor allem die Rituale von Künstler*innen vor und nach Auftritten im Mittelpunkt.
In den Interviews zur Dokumentation merke ich, dass viele Rituale gar nicht bewusst sind. Erst in der Aufzählung dann kommt es zum Bewusstsein wie sehr Rituale ein Teil des künstlerischen Prozesses sind.
Ich habe Rituale gefilmt und Interviews geführt. Diese Dokumentation ist Teil meines Master Studiumabschlusses.
Auch arbeite ich hinter der Kamera und bin bei verschiedenen Drehs dabei.
Welche Rituale hat Judith Thaler vor einem Bühnenauftritt oder vor einem Fotoshooting?
(lacht) Eine Bühne, auch ein Fotoshooting, hat immer viel mit persönlicher Energie zu tun und da muss dieser Schalter in mir Klick-machen. Wenn es das tut, ist es ein Energierausch.
Bei Bühnenauftritten ist für mich das Anziehen des Kostüms so ein Ritual des Vorbereitens, Einstimmens.
Ebenso sind Stimmübungen für mich vor einem Auftritt wichtig.
Die Stimme ist ein ganz besonderer Raum und diesen zu betreten bei einem Bühnenauftritt, da nehme ich mir Raum und Zeit davor und dafür.
Gehört-Zu-Werden ist ganz wesentlich in der Kunst, gut gehört zu werden.
Was sind Deine derzeitigen musikalischen Projekte?
Es gibt derzeit ein paar Ideen ein Ensemble betreffend, aber das ist noch nicht spruchreif.
Seit acht Jahren singe ich in einem Chor. Wir arbeiten derzeit an der H-Moll Messe von J.S.Bach, die sehr anspruchsvoll ist.
Im November haben wir im Stephansdom das Mozart Requiem gesungen.
Bach und Mozart, das ist auch ein ganz besonders Einlassen auf Komposition wie Komponisten. Die Anforderungen für die Stimme sind ganz andere und es ist sehr schön da gleichsam eine musikalische Denkweise mit- und erleben zu dürfen.
Was nimmst Du von solch einem intensiven Chorauftritt mit?
Ich nehme da viel Energie mit. Wenn man sich da wirklich darauf einlässt auf diesen Prozess der Musik, diesen Flow Zustand, dann ist es ganz besonders und schwer zu beschreiben.
Liest Du gerne?
Ja, ich lese sehr gerne. Aktuell lese ich mit Schwerpunkt Psychologie, etwa Werke von Erich Fromm. Paul Watzlawick schätze ich auch sehr. Von Verena Kast lese ich derzeit ein Buch über Angst. Ebenso lese ich die „Wolfsfrau“ von Clarissa Pinkola Estés.
Wenn Freunde Geburtstag haben (lacht), schenke ich derzeit gerne psychologische Bücher, etwa E.Fromm „Die Kunst zu lieben“, „Haben oder Sein“ oder eben „Die Wolfsfrau“ von Clarissa Pinkola Estés. Das ist ja auch sehr aktuell alles.
Wie gehst Du persönlich mit Kommunikation um?
Bei mir ist die Kommunikation fest im Körper verankert (lacht). Ein Freund sagte neulich zu mir als ich erzählte und mich bewegte „Du erzählst immer ganz mit Dir“ (lacht). Ja (lacht).
Ich habe auch impulsive Seiten und bin da sehr direkt.
Ich kommuniziere auch gerne mit Fotos und verschicke diese dann – „Wo bist Du gerade? Oder wie geht es Dir gerade?“
Man kommuniziert ja mit viel mehr als nur der verbalen Sprache. Für mich ist körperliche Präsenz und Bildsprache im Ausdruck sehr wichtig.
Wie siehst Du die Wege und Ängste in der Kommunikation heute in Liebe und Leben?
Liebe ist immer Kommunikation, mit und ohne Worte. Es gibt da kein Nicht-Kommunizieren.
Liebe ist immer ein Risiko.
In der Liebe, in Beziehungen ist bewusste Kommunikation ganz wichtig.
Sich zu öffnen in der Liebe, diesem Risiko, auch Ängsten gegenüber, ist wesentlich. Sonst gibt es keinen Gewinn nur Verlust.
Der Gewinn in der Liebe ist Nähe, ist das Verstandenwerden.
Es gibt kein vollständiges Verstehen in der Liebe. Aber Menschen können sich annähern in der Liebe. Das ist sehr viel und es ist sehr wertvoll.
Zeit und Aufmerksamkeit zu schenken, zuzuhören, das ist das Geschenk der Liebe.
Wir nähern uns in der Liebe mit Neugierde. Uns selbst und einander.
Die meisten unserer Ängste in der Liebe sind unbewusst.
Ich versuche mich aus der unbewussten Unmündigkeit im Weg der Nähe zu befreien, in dem ich versuche hinzusehen – „ah, da ist eine Angst oder da habe reagiert, weil ich getriggert wurde“.
Ängste verschließen den Menschen. Und das Leben ist zu schön, um sich zu verschließen. Und das Leben ist zu kurz dafür (lacht).
Ängste bewusst zu machen, ist der Weg der Weiterentwicklung und Stärke zu gewinnen.
Liebe ist das schönste Risiko.
Liebe ist der schönste Gewinn, um ein Risiko einzugehen.
Wie gehst Du mit dem Risiko in der Liebe um?
Für mich ist die Liebe, eine Beziehung, eine bewusste Entscheidung. Das ist Voraussetzung, um mich zu öffnen und geben zu können. Das Damokles Schwert des Scheiterns ist immer dabei.
Es gibt keine Garantie in der Liebe. Das wäre anmaßend.
Es ist erlaubt sich zu entlieben. Wenn man sich committet hat, kann es trotzdem ein Loslösen geben.
Stagnation ist ein innerer Tod.
Der Titel dieser Wiener Interviewreihe „Vienna Calling“ nimmt auf die Musikepoche der 1980er Jahre Bezug. Gibt es Musikepochen moderner Musik, die Dich inspirieren?
Ich höre da gerne in und zwischen den Musikepochen hindurch. Eine bestimmte Vorliebe gibt es da nicht.
Mir ist allerdings bei vielen Popsongs schnell langweilig. Ich kann sie dann nicht mehr hören. Weil es so vorhersehbar ist (lacht).
Früher hörte ich etwa gerne Pink Floyd und ich mag auch klassische Musik sehr gerne.
Komponierst, textest bzw. schreibst Du auch selbst?
Ich habe lange Geige gespielt und auch E-Geige in einer Band.
Bisher habe ich noch nicht so viel getextet.
Im Moment schreibe ich nur meine Masterarbeit (lacht) und Tagebuch.
Du bist in Wien geboren und aufgewachsen. Was bedeutet Dir diese Stadt?
Wien ist für mich Heimat.
Es sind die Freunde, Orte, die Wien zum Zuhause machen.
Ich bin in Wien viel umgezogen. Auch Kärnten war und ist immer ein Bezugspunkt, das Haus der Großeltern.
Es ist urschön, wenn man ein soziales Netz hat ob in der Stadt oder auf dem Land.
Darf ich Dich zu spontanen Assoziationen zu „Vienna Calling“ bitten?
„Wien wartet“ (lacht).
Es ist eine Superstadt mit vielen Möglichkeiten.
Gibt es Lieblingsplätze von Dir in Wien?
Ich schätze die Weinberge um Wien und auch die Parkanlagen. Da gehe ich gerne spazieren. Und es gibt viele weitere Plätze, die ich gerne mag (lacht).
Ich bin sehr gerne in der Natur in Wien. Auch im grünen Innenhof meiner Wohnung.
Kunst begleitet Dich im wahrsten Sinne des Wortes auch bis in die Fingerspitzen. Du hast auch die Ringe an Deinen Fingern selbst hergestellt. Wie führte Dein Weg zur Kunst?
Ich habe eine Waldorfschule besucht. Da gab es besondere Unterrichtsfächer wie etwa Sternenkunde oder auch Praktisches wie Gartenarbeit. Auch das Klassenzimmer war immer nach den Jahreszeiten geschmückt. Daher kommt vielleicht auch mein Interesse an Ritualen? (lacht)
Ich habe in der Schulzeit eine Ästhetik erlebt, die auch etwa vom umgebenden Park geprägt war. Das hatte eine Schönheit und Wärme. Und Kunst kann das auch.
Dieser Weg der Schönheit in der Kunst im Entdecken, Erleben und Fortschreiten ist ganz besonders.
Der Kunstbereich ist auch deshalb mein Berufs- und Interessensfeld geworden, weil dieser meiner Neugierde Raum gibt.
Kunst ist ein großer Raum der Fantasie, der nicht beschränkt ist. Natürlich spielen Rahmenbedingungen, formale Voraussetzungen eine Rolle.
Vom Geistigen her gesehen, ist Kunst ein unendlicher Raum der Fantasie, aus dem man schöpfen kann.
Man hat in der Kunst nicht diese Grenzen unserer Gesellschaft. Und genau das interessiert mich. Darin steckt das Potential der Kunst.
Ich war nie eine Person, die sagte, dies will ich machen und nichts anderes. Ich habe viele Interessen und öffne diese so weit es möglich ist.
Die visuelle Kunst ist derzeit mein Schwerpunkt.
Du trägst mehrere Ringe. Gibt es da besondere Bezüge, über die Du sprechen möchtest?
Ich habe die beiden Silberringe in einer Goldschmiedewerkstatt hergestellt, habe mich intensiv damit beschäftigt.
Ein weiterer Ring ist von einem Roadtrip durch die USA. An einer Tankstelle im Nirgendwo verkaufte eine Frau Silberringe, die sie aus Löffelchen herstellte. Ich habe da zwei gekauft. Einen habe ich leider am Flughafen verloren.
Den einen Ring mag ich besonders, weil er nicht so perfekt gemacht hat aber so viel Schönheit hat.
Ich mag die unterschiedlichen Formen meiner Ringe, sie spiegeln meine Persönlichkeit (lacht).
Und ich fühle mich mit meinen Ringen immer gut angezogen (lacht).
Ein Schmuck stärkt auch.
Kunst, Stadt und Natur haben eine große Bedeutung für Dich. Haben da auch die Jahreszeiten eine besondere Akzentuierung, Schwerpunktsetzung?
Der Herbst und Winter sind Zeiten der inneren Einkehr und der Ruhe für mich. Auch der Reflexion, Analyse und der Regeneration.
Ich finde es auch schön, wenn es jetzt früher dunkel wird. Dieser besondere Rhythmus, das darf alles sein.
Der Winter hat einen ganz eigenen Geistesprozess, den ich sehr schätze.
Diese ruhigen Jahreszeiten sind auch ganz wesentlich für künstlerische Projektprozesse. Da ist viel stille Konfrontation und damit auch innere Produktivität.
Die Jahreszeiten spiegeln unser Leben in Emotion, Denken, Liebe und Stille.
Ein neues Jahr steht bevor. Welche Pläne, Ziele, Wünsche hast Du?
Beruflich ist es jetzt die Fertigstellung meines Films. Und ich bin neugierig auf neue Projekte.
Ich hoffe das Neue Jahr ermöglicht auch kontinuierliche Projektprozesse. Derzeit ist ja leider vieles immer on hold.
Es gibt im Leben schwierige Phasen, Krisen, doch dann kommt wieder der Frühling und damit neue Kraft und Stärke. Ich freue mich auf das Neue Jahr und neue Möglichkeiten und wünsche dies uns allen!
Liebe Ulrike, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Kommt darauf an, was zu tun ist, zum Glück sind in meinem Beruf die Tage immer unterschiedlich. Am Tag erledige ich meistens Büroarbeiten, schreibe oder ich produziere Kolumnen für das Radio. Am Abend sind dann Lesungen oder Auftritte oder nichts von alldem findet statt, dann ist meistens was anderes.
Ulrike Haidacher _ Schriftstellerin/Kabarettistin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Wir könnten uns weniger an der Empörung über die jeweils anderen erfreuen.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Ich glaube nicht, dass die Literatur oder die Kunst eine einzige bestimmte Aufgabe hat. Aber eine könnte sein, das was passiert, zu begleiten und zu benennen, von möglichst vielen unterschiedlichen Menschen aus möglichst vielen unterschiedlichen Blickwinkeln.
Was liest Du derzeit?
„Es muss schreien, es muss brennen“ von Leslie Jamison.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Noch immer gut: „Wir sind in die Welt gevögelt und können nicht fliegen“ vom Werner Schwab
Ulrike Haidacher _ Schriftstellerin/Kabarettistin
Vielen Dank für das Interview liebe Ulrike, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literatur-, Kabarettprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Leben braucht Gedächtnis. Und Gedächtnisorte. Friedhöfe sind solche sehr persönlichen wie auch über Jahrzehnte, Jahrhunderte kulturgeschichtlich gewordene Denkmäler als stilles wie waches Erinnern an Lebensraum, Lebenswege und Lebensträume, in leichter wie schwerer Erde.
Der Kärntner Historiker Ferdinand Kühnel legt mit „Ruhe in Frieden?“ eine fundierte wissenschaftliche Bestandsaufnahme kulturgeschichtlichen Erinnerns mit Schwerpunkt Friedhofskultur in Kärnten vor. Thematisch stehen dabei slowenische Grabsteine wie Erinnerungsspuren im regionalen röm.kath. Kirchenbereich im Mittelpunkt.
Es ist eine beeindruckende Studie in Wort und Bild, die in ihrer Bandbreite und dem dazugehörigen Forschungsaufwand größten Respekt zollen lässt. Da verbindet sich Forschungsanliegen mit einem großen Herz an Verbundenheit zu Land und Kultur.
Das Buch bietet in seiner chronologischen Anordnung mehrere spannende Zugänge. Einerseits als wissenschaftliche Aufarbeitung und Fragestellung, anderseits auch als besonderer Reiseführer zu Kultur und steinernem Gedächtnis eines Landes.
„Ein beeindruckendes Werk zu Tod, Gedächtnis und stillem Herz eines Landes“
Berlin. Grunewald. Da ist das Wasser und der Weg in den Wald zum Friedhof, Grunewald Forst. Dann das Grab „Nico 1938 – 1988“. Begraben gemeinsam mit ihrer Mutter. Es ist still hier und die Wege im Wald verlieren sich leicht. Die Wege zu Nico, dem Model Superstar, der Sängerin, der Poetin verlieren sich ebens leicht…Wer war sie?
Ibiza 1988. Da sind die Gespräche an der Bar. Träume und Visionen der Sängerin. Ein Musikprojekt mit David Bowie. Ein Buch. Er sitzt ihr Gegenüber, schreibt alles auf. Die Kindheit im Krieg, der Weg als Model nach Paris, dann nach Rom und schließlich der neue Weg in New York, Andy Warhol, die Kunst, und die Musik, Velvet Underground…
Da sind Begegnungen, etwa mit Jim Morrison, Gespräche und jetzt all die Erinnerungen. Alle Orte und Gesichter kommen wieder…ein Leben in Bildern, schnell, ohne Kompromisse…
Alles erzählen, wie es war… – „Die Sängerin der Nacht“….
Die Berliner Journalistin und Übersetzerin Mari Roth legt mit „Nico – Die Sängerin der Nacht“ ihren Debütroman vor, der in Spannung und Sprachkraft ein kompromissloses Künstlerinleben und –sein mitreißend erzählt. Beeindruckend ist dabei einerseits das Detailwissen über Biographie und Musik-, Kunstgeschichte der Zeit wie anderseits die sprachliche Komposition, die in Ansprache und Rhythmik, Geheimnis und Dramatik, an ein Konzert der Sängerin selbst erinnert.
„Ein mitreißender Roman über ein kompromissloses wie charismatisches Künstlerinleben – ein Ereignis!“