„Das Gefühl, nicht allein zu sein“ Magda Woitzuck _ Schriftstellerin_ Niederösterreich 16.6.2021

Liebe Magda, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich arbeite von zu Hause aus, daher hat sich mein Tagesablauf durch Covid-19 nicht verändert. Meistens sitze ich gegen 9 am Schreibtisch, wenn eine Deadline ansteht, auch am Wochenende. Früher bin ich oft gefragt worden, wie ich das schaffe: den ganzen Tag zu Hause sein und trotzdem arbeiten. An diese Frage musste ich während des ersten Lockdowns oft denken, als sich der Alltag der Menschen in meinem Umfeld so stark verändert hat. Ich habe ja daheim einen Arbeitsplatz und einen gewohnten Ablauf. So etwas von einen Tag auf den anderen plötzlich organisieren zu müssen und sich darin einzurichten, dann noch mit Familie – das muss eine Herausforderung sein. So gesehen hatte ich großes Glück.

Magda Woitzuck, Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Das mag jetzt paradox klingen, aber ich glaube wir brauchen alle ein bisschen Ruhe. Ich kann zwar nur für mich sprechen, aber in den letzten Jahren ging es medial ja ziemlich hoch her. Klimawandel, Brexit, Trump, dann Covid-19. Zuerst die Verunsicherung wegen der Krankheit, dann die Folgewirkungen der Lockdowns, also finanzielles Auskommen und so weiter, jetzt die Impfung und die teils heftigen Debatten darüber. Das prasselt alles auf uns ein. Und dann sitzen wir auch noch seit einem Jahr daheim, können uns weniger in direkten Gesprächen darüber austauschen. Da kommt also schon einiges an Emotionen zusammen. Ich glaube, das ist an keinem spurlos vorüber gegangen. Wir brauchen Ruhe, damit wir überhaupt wieder zu uns finden, uns sammeln und das alles verarbeiten können.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Ich denke, es ist zu früh zu sagen, was wesentlich sein wird. Wir stecken ja noch mittendrin. Wahrscheinlich wird das wichtig sein, was immer schon wichtig gewesen ist: das Gefühl, nicht allein zu sein. Damit einher geht auch die Rolle von Literatur und Kunst. Sie wird – wie schon so oft in der Geschichte der Menschheit – trösten, verbinden, dabei helfen, zu verarbeiten und uns neue Perspektiven bieten. In der Geschichte Europas der letzten 1000 Jahre gab es immer wieder Episoden, wo es nach einer Katastrophe zu völliger Ausschweifung kam, zu einer Veränderung in der Kunst und im Denken. Nach der Pest von 1347 soll es zu Gelagen und Orgien gekommen sein, wer überlebt hatte, feierte das Leben. Vieles änderte sich, von der Mode bis zu den Werkzeugen. Und schließlich mündete das Mittelalter in der Renaissance. Das Wort „Wiedergeburt“ sagt schon alles. Der 30jährige Krieg entvölkerte ganze Landstriche, danach kam der Barock. Der erste Weltkrieg und die Spanische Grippe fanden zeitgleich statt, beides kostete Abermillionen Leben. Heute stehen die darauf folgenden Goldenen Zwanziger für eine Phase des Exzesses. Es ist zwar eine Sache, diese Dinge aus historischer Distanz zu betrachten und eine andere, mittendrin zu stecken, aber ich bin neugierig, was die nächsten Jahre bringen werden.

Was liest Du derzeit?

„Die Schlange im Wolfspelz: Das Geheimnis großer Literatur“ von Michael Maar. Ein wunderbar kluges, witziges und obendrein sehr liebevolles Buch über literarischen Stil und AutorInnen. Ich lache und lerne sehr viel. Parallel dazu lese ich gerade richtige U-Literatur, einen Krimi von Robert Galbraith aka J.K. Rowling.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Zitate mitgeben finde ich schwierig, aber vielleicht: „Menschen stolpern nicht über Berge, sondern über Maulwurfshügel.“ Das stammt angeblich von Konfuzius. Aus persönlicher Erfahrung kann ich sagen: der Satz ist universell anwendbar, wurscht ob man gerade spazieren geht oder schreibt.

Magda Woitzuck, Schriftstellerin

Vielen Dank für das Interview liebe Magda, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Magda Woitzuck _ Schriftstellerin

aktuelles und lesetermine – magdawoitzucks Webseite!

Alle Fotos_Walter Pobaschnig _ Hotel Royal_Wien 6_21.

9.6.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Also lag nichts näher als die Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt“ Nava Ebrahimi, Schriftstellerin_ Bachmannpreisteilnehmerin 2021 _Graz 16.6.2021

Liebe Nava, herzliche Gratulation zur Teilnahme am Bachmannpreis!

Wo lebst Du und wie war Dein Weg zum Schreiben und als Schriftstellerin bisher?

Ich lebe in Graz, bin aber in Köln aufgewachsen, im Westerwald und in Bad Ems zur Schule gegangen, in Teheran geboren. Als Kind schon wollte ich Kinderbuchautorin werden. Ich habe mir Romanfiguren ausgedacht, die aber lange nur Variationen von Pippi Langstrumpf blieben. Weil wir oft umgezogen sind, habe ich meinen Schulfreundinnen außerdem viele Briefe geschrieben, manche habe ich nie abgeschickt, sondern sie nur geschrieben, um Dinge zu verarbeiten. Schreibend konnte ich mich schon immer am besten ausdrücken. Hinzu kommt, dass ich mich beinahe zwanghaft in andere Menschen hineinversetze. Und ich spiele gerne das Spiel „Was wäre passiert, wenn…“, ausgehend von einer realen Situation. All das hat mich zur Schriftstellerin gemacht. 

Nava Ebrahimi_Schriftstellerin_Bachmannpreisteilnehmerin 2021

Wie kam es zu Deiner Teilnahme am Bachmannpreis 2021 und wie gehst Du jetzt innerlich darauf zu?

Im vergangenen Winter, im tiefsten Lockdown-Tal, nach langen Monaten mit Kindern zu Hause, habe ich mich danach gesehnt, als Autorin wieder sichtbar zu werden. Außerdem sehnte ich mich nach Menschen und Gesprächen, also lag nichts näher als die Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt. Ich habe mich hingesetzt, zwei Texte geschrieben und den zweiten für besser befunden. Das war eine gute Erfahrung: Mir war überhaupt nicht danach, zu schreiben, und ich hätte nie gedacht, dass ich in dieser Stimmung etwas Neues schaffen könnte. Aber tief in mir warten offenbar immer Texte darauf, an die Oberfläche zu gelangen. 

Was war Dir bei Deiner aufgezeichneten Lesung wichtig und wie bereitest Du Dich jetzt auf die digitalen Literaturtage vor?

Mir war wichtig, dass auch das Publikum, das den Text noch nicht kennt, gut folgen kann. Der Ort der Lesung sollte zu mir und zum Text passen, aber auch nicht zu sehr vom Text ablenken. Für die Tage, die jetzt anstehen, habe ich kaum Termine vereinbart, und die Kinderbetreuung so organisiert, dass ich mich auf die Lesungen und Jurydiskussionen konzentrieren kann.

Wie gehst du mit Anspannung um?

Sehr unoriginell: Ich mache Yoga. Und ich habe mich mit Freundinnen für Samstagabend verabredet. Damit sie mich entweder wieder aufbauen oder zurück auf den Boden holen können.

Ich bitte Dich noch um ein Bachmannpreis -Achrostikon:

B=Bald…

A=…anfangen, bitte

C=Celan oder Corona

H=Heuer wieder digital

M=Malina

A=Armageddon

N=Nava tritt für Österreich an

N=Neu & ungewohnt

P=Publikum, keins

R=Reise, keine

E=Einsam

I=Ich ohne andere Autor:innen

S=Stadtschreiberin wäre auch fein.

Nava Ebrahimi_Schriftstellerin_Bachmannpreisteilnehmerin 2021

Herzlichen Dank für das Gespräch, liebe Nava, alles Gute und viel Freude und Erfolg für den Bachmannpreis!

Bachmannpreis 2021_teilnehmende Schriftsteller*innen im Gespräch:

Nava Ebrahimi_ Schriftstellerin_Graz

Nava Ebrahimi (A) – Bachmannpreis (orf.at)

Alle Fotos_Clara Wildberger

Interview_online_Walter Pobaschnig _ 6_2021.

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Infos Bachmannpreis 2021_ Bachmannpreis (orf.at)

„Es gibt eine altbackene Rezeptionshaltung“ Tex Rubinowitz, Bachmannpreisträger 2014 _ Gespräch_Wien Stadtpark 16.6.2021

Ich bin in Lüneburg in Norddeutschland aufgewachsen. Mit sechzehn Jahren verließ ich die Schule und habe dann in Fabriken gearbeitet. Denen war es egal ob du in Mathe eine Fünf hattest. Ich war da in einer Joghurt Fabrik, habe Joghurts verpackt. Das Geld war natürlich angenehm, weil es über das Taschengeld hinausging. Meine Mutter ahnte jedoch, dass ich da nicht glücklich werde.

Tex Rubinowitz_Schriftsteller, Bildender Künstler _ Bachmannpreisträger 2014,

Ich hatte einen Freund aus Lüneburg, dieser studierte Kunst, bei Maria Lassnig, in Wien. Ihn besuchte ich 1983. Und er sagte, „mach das“.  Ich fand das ganz toll, diese ersten Einblicke, die Gerüche, die fleckigen Fußböden in der Kunstuniversität, auch den Boheme Stil des Freundes. Das fand ich damals cool. Heute würde ich das lächerlich finden aber in meiner Verlorenheit damals fand ich das gut.

Er erklärte mir wie man sich an der Kunstuniversität bewirbt und dass ich eine Kunst-Mappe im Oktober abzugeben hätte. Ich war damals bei der Bundeswehr auf Sylt und habe Bremsschirme gepackt für Flugzeuge, abends habe ich dann Papier und zwei Flaschen Bier besorgt beim Spar und habe so vor mich hingemalt. Diese Bilder, die in Sylt entstanden sind, reichte ich dann ein. Ich kannte all diese Namen der Professor*innen nicht. Mein Freund riet mir zu Prof. Oswald Oberhuber. Seine Assistenten sagten, die Mappe sei am Dienstag abzugeben und am Freitag gibt es dann eine Rückmeldung.

Es war ein sehr milder Herbst im Oktober 1984, in dem ich da in Wien war und die Stadt kennenlernte. Herbstlaub, die Architektur Wiens, auch die Vielfältigkeit, ich wohnte in Ottakring. Ich fuhr dann am Freitag mit der Straßenbahn zur Universität. Da waren die eingereichten Mappen mit Zettel drauf. Angenommen oder nicht. Bei meiner Mappe war ein Angenommen.

Ich erinnere mich als ich dann aus der Universität ging, dass ich einen warmen Mantel anhatte, das ärgerte mich, es war ja ein sehr milder Oktober. Gegenüber von der Angewandten war ein Würstelstand. Ich kannte diesen weichen Wiener Pferdeleberkäs nicht. Dazu trank ich süßen Sturm, das kannte ich auch nicht. Diese Kombination passte zu diesem euphorischen Gefühl. Und Sturm trinkt sich sehr gut. Bin dann vom Würstelstand zum Cafè Prückel, das war auch wunderschön. Ich habe alles so genossen, diese Momente. Dann forderte der Sturm seinen Preis und ich rannte aufs Klo. Glück hat ja seinen Preis. Diesen Preis zahlte ich gerne.

Ich habe dann gemerkt, diese Boheme Attitude der Kunststudenten will ich nicht darstellen. Das wollte und konnte ich nicht. Ich schickte dann eine Zeichnung zum Falter, der Wiener Wochenzeitung, und diese wurde genommen. Es war schlecht bezahlt aber die Veröffentlichung war dann mein zweiter Triumph nach der Aufnahme an der Kunstuniversität. Ich hatte ein Feld gefunden wo ich reüssieren konnte. Zeichnerisch, künstlerisch.

Aus der Tätigkeit als Cartoonist für die Zeitung entstand dann auch die Möglichkeit zu schreiben, kleinere Sachen, Musikrezensionen, Kunst, das wurde dann immer länger. Ich wurde eingeladen so eine halbe Seite über Wien zu schreiben, so kleine Vignetten, Dinge, die man so im Alltag nicht am ersten Blick sieht, das hat mir sehr viel Spaß gemacht und da bin ich dann ins Schreiben reingekommen. Dann schrieb ich für den Standard und so entstand dann mein vielfältiger Weg zum Schreiben.

Christian Ankowitsch, der langjährige Moderator des Bachmannpreises, brachte mich 1985 zum Falter, er war da Redakteur und nahm meine erste Zeichnung an. Ankowitsch ging dann zum Standard und nahm mich da auch mit. Er hatte auch ein Forum im Internet gegründet und fragte mich ob ich ein Unterforum gründen wollte. Mein Forum war dann „höfliche Paparazzi“, über zufällige Begegnungen. Ich hatte das Forum 1999 eröffnet, es ist dann explodiert und da waren auch die Schriftsteller*innen Wolfgang Herrndorf, Kathrin Passig. In diesem Forum entstand auch die Leidenschaft für den Bachmannpreis, Klagenfurt. Ich bin „Anko“ für den Falter, den Standard und für das Forum dankbar. Ohne ihn?

Bachmannpreis 2014_Klagenfurt Lendhafen _ Rahmenprogramm

2000 fuhr ich das erste Mal nach Klagenfurt und habe gesehen welche mannigfaltigen Formen der Literatur es gibt, ja wie Buchstaben. Freunde von mir haben dreimal gelesen und auch Preise gewonnen. Kathrin Passig, die ja auch nicht vom literarischen Schreiben kam, sondern eher vom Sachbuch und die das mal ausprobieren wollte. Drei Jahre vorher hat ja Wolfgang Herrndorf gelesen, der sich später erschoss. Durch diese Freundschaften, Begegnungen ist das Interesse für das Schreiben entstanden ob man das kann. Das war ein Ehrgeiz. Das war auch bei Kathrin so.

Ich fand das Format auch gut und wollte es versuchen. Ich hatte auch nichts dagegen mich der Jury zu stellen. Viele sagen ja, sie haben ein Problem damit. Sind ängstlich, weil da ist eine Jury. Aber sie müssen sich da ja nicht ausstellen. Es ist ja anders als bei diesen TV Talente/Fashionshows – das sind ja Kinder, die einem Trugbild aufsitzen, das ausgebreitet wird. Schreibende Leute sind alt genug zu wissen was da passiert, das gibt es ja schon seit vielen Jahren also kann man sich nicht beschweren. Es ist ja nicht anders als ein Buch zu verfassen und es rezensieren zu lassen. Warum soll es dies auch nicht in der Öffentlichkeit geben? Ich hatte da überhaupt kein Problem damit.

„Evergreens of Psychoterror“ Rare Singles spontan aufgelegt von Tex Rubinowitz und DJane Commander Venus _ Bachmannpreis 2014_Fr.4.7. Klagenfurt Lendhafen _ Rahmenprogramm (ORF Bachmannpreis 2014)

Daniela Strigl, Literaturwissenschaftlerin, Jurorin 2014,  kannte Texte von mir und lud mich ein, einen Text für Klagenfurt zu schreiben. Dann kam von ihr eine SMS „Wir fahren nach Klagenfurt“. Ich sagte zunächst, ja, ich fahre jedes Jahr nach Klagenfurt, lege da Platten auf, machte ein Quiz und alles Mögliche im Lendhafen. Dann sagte sie, wir fahren gemeinsam und da fiel mir ein, dass sie meinen Text gut findet.

Tex Rubinowitz _ Lesung _Diskussion_Bachmannpreis _ Sa 5.7.2014

Das Format ist spannend und ich, wie meine Mutter, verfolgen das schon sehr lange. Es hängt natürlich auch stark von den Juroren ab. Es gibt charismatische und farblose Juroren. Juroren etwa, die nur laut sind, selbstdarstellerisch. Wenn ein Juror fundiert ist, wenn es Klasse hat, ist das ok. Wenn es aber nur auf Provokation aus ist, dann ist das sehr unangenehm, so eine Rebellenattitüde.

Wolfgang Herrndorf schrieb im Forum über den Bachmannpreis. Ich sagte zu Wolfgang, schicke doch selbst was hin, er sagte, glaubst Du ich kann das? Ich sagte- ja, schreib mal einen Text. Er schickte dann einen Text hin. Klaus Nüchtern lud ihn dann ein. Mit Wolfgang Herrndorf bin ich 2004 in der Fangruppe zum Bachmannpreis mitgefahren. Das war ein erster Anreiz auch selbst zu lesen. Ende der 90er sah ich es das erste Mal im Fernsehen. Angeschaut, kommentiert aus der Ferne. Wolfgang Herrndorf gewann den Publikumspreis in Klagenfurt.

Bachmannpreis 2014 _ ORF Klagenfurt

Im Folgejahr war auch jemand aus dem Forum dabei und im Folgejahr dann Kathrin Passig, 2006. Im Feuilleton stand, als sie den Hauptpreis bekam, warum schon wieder jemand aus dieser Forum Gruppe gewinnt. Da kamen so Gerüchte auf, dass wir die Texte in der Gruppe kollektiv geschrieben haben könnten, was natürlich Schwachsinn ist. Niemand würde das machen. Aber es war so eine Mischung aus Neid und Misstrauen. Was ist das für eine merkwürdige Gruppe? Wo kommt die her? Zwei, drei Jahre später las Alex Scholz, der gewann auch einen Preis. Das ist unsere Klagenfurt Geschichte.

Der ganze Bachmannwettbewerb, dass es im Sommer ist, der See, das Rundherum, es ist eine Sommerstadt. Und während wir da immer hingefahren sind, sind auch andere Leute aus Berlin, Hamburg angereist. Und haben gemerkt wie angenehm die Atmosphäre wie lebenswert die Stadt ist. Wir haben dann den Lendhafen entdeckt und gefragt ob man da Platten auflegen, das Quiz machen könnte. Wir haben dann auch einen Schwimmwettbewerb organisiert.

Für meine Teilnahme 2014 war es gut, dass ich durch die Aktivitäten im Rahmenprogramm abgelenkt war, und damit nicht nur mit Lesen beschäftigt und den Fragen – wie wirkt man? Liest man? Was macht die Konkurrenz? Das hat dann die Nervosität genommen.  Ich weiß aber, dass Autor*innen unfassbar nervös waren, weil sie es vor Ort ja gar nicht kannten. Ich fühlte mich wohl, wusste wie es funktioniert. Es war fast ein „homecoming“.

Bei meiner Lesung war ich wahnsinnig verkatert. Ich las am Samstag und war am Freitag noch Plattenauflegen und dann im Theatercafe. Bin dann auch zu spät gekommen. War eher entspannt.

Ich habe nicht damit gerechnet einen Preis zu bekommen. Zu lesen war ja schon Ehre genug. Es ist eine tolle Sache. Es ist eine große Aufmerksamkeit. Viele Leute schauen zu, meine Mutter schaut zu. Und dann war ich da auf der shortlist. Und dann der Hauptpreis.

Tex Rubinowitz_Bachmpreisträger 2014

In der Berichterstattung wurde dann der Jahrgang heruntergemacht. Ein schwacher Jahrgang und der Sieger war noch der Annehmbarste, wurde gesagt. Mir gefiel mein Text gut, ich fand ihn ok. Aber das ist ein Reflex von Journalisten, die irgendwelche hehren Literaturansprüche haben und gleichzeitig dem misstrauen, dass ein Quereinsteiger wie ich da reinrutscht – das kann nicht gut sein, das ist ein Experiment, der macht witzige Zeichnungen, Musik, was immer, das ist jetzt sein viertes Bein, der will das eigentlich gar nicht, das kann nicht gut sein. Das kann nichts Seröses sein.

Es ist immer so, dass Schriftsteller, die nebenbei malen, oder malende Musiker, was oft grauenvoll ist, das würde niemand kritisieren, aber ein Zeichner, noch dazu ein Witzezeichner, der Literatur schreibt, das kann nicht sein, das muss kritisiert werden. Die Zeichnung wird nicht kritisiert aber das ich schreibe. Das ist eine altbackene Rezeptionshaltung, die sich, ich weiß jetzt nicht, aus einer Voreingenommenheit speist, vermutlich Voreingenommenheit, das kann nur albern sein was der Mann macht.

Bachmannpreis _ 2014 _ Preisträger*innen_von lnks: Michael Fehr (Kelag Preis), Getraud Klemm (BKS-Publikumspreis), Tex Rubinowitz (Bachmannpreis), Senthuran Varatharajah (3sat Preis), Katharina Gericke (Mr.Heyn`s Ernst Willner Preis)

Es ist die Zweigleisigkeit, die immer belächelt, nicht verstanden wird. Das ist wie bei Woody Allen, wenn er Klarinette spielt. Die Leute erwarten dann etwas Lustiges aber will sich nur der Schönheit der Klarinette, dieses Instrumentes hingeben. Einfach ein Teil der Musikgruppe sein und nicht der Witzbold. Die Leute können das nicht trennen.

Das Gute beim Bachmannpreis ist, dass es sieben Juror*innen sind. Sieben Meinungen und sieben verschiedene Zugänge zur Literatur. Das ist das Angenehme. Natürlich kann auch Eitelkeit in der Jury eine Rolle spielen, dass  man sein „Pferdchen“ durchbringen will, weil es das „Gspür“ für den Text hervorhebt.

Literatur ist im deutschsprachigen Raum enorm privilegiert, es gibt Literaturhäuser, Preise. Das ist weltweit einzigartig, unvergleichlich. Aber dem Buchmarkt ging es schon mal besser.

Als ich den Bachmannpreis 2014 gewann, bekam ich ca.40 Einladungen in Literaturhäuser in Österreich, Deutschland und der Schweiz. Ich war andauernd auf Achse. Das ist natürlich eine wesentliche Einnahmequelle für Autor*innen. Deswegen ist/war die Corona Zeit auch so schlimm für Autor*innen, weil sie nicht touren können. Wie ja Musiker auch, die trifft es noch schlimmer.

Tex Rubinowitz_Schriftsteller, Bachmannpreisträger 2014, Bildender Künstler

Herzlichen Dank für das Gespräch, lieber Tex, alles Gute und viel Freude und Erfolg für Deine Literatur- und vielseitigen Kunstprojekte!

Tex Rubinowitz_Schriftsteller, Bachmannpreisträger 2014, Bildender Künstler

Tex Rubinowitz – Wikipedia

Interview _Stadtpark Wien _Lockdown 4_21_und alle Fotos_Walter Pobaschnig _4_21 _ 7_14.

Walter Pobaschnig 6_21

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„Der Liebesbegriff bei Augustin“, „Rahel Varnhagen“ _ Hannah Arendt, Neuedition _ Piper Verlag

Es sind die radikalen Fragen nach Welt und Selbst, die bei dem Theologen „Kirchvater“ Augustin (354 – 430) begegnen. Wer bin ich? Wer war ich? Wer kann ich sein? Diese Grundfragen werden vor dem je persönlichem Hintergrund der Biografie gestellt. Welche Veränderung brauche ich, will ich, kann ich leisten? Und welche Rolle spielt dabei die Liebe als zentraler theologischer wie anthropologischer Ductus.

Die junge Philosophin und Theologin Hannah Arendt (1906 – 1975) nimmt 1929 diese theologische Thematik bei Augustin als Ausgangspunkt ihrer Dissertation bei Karl Jaspers auf. Es ist ein Thema, das auch die Zeit in ihren Herausforderungen und gesellschaftspolitischen Fragestellungen bewegt. Der Prozess des Verfassens wird auch zu einem kritischen Dialog mit Ansätzen der Philosophie und formt die spätere so einfussreiche Schriftstellerin und Philosophin. Ich und Welt, Gesellschaft und Miteinander, Politik und Kritik werden zu Mittelpunkten ihres Schreibens. Augustin ist dabei ein Ausgangspunkt….

„Rahel Varnhagen. Lebensgeschichte einer deutschen Jüdin in der Romantik“ Hannah Arendt_ Neuedition _ Piper Verlag

Es ist das Zeitalter der Aufklärung, in das Rahel Varnhagen 1771 in Berlin geboren wird. Und es sind die Reflexionen und Inspirationen der Zeit, denen sich die aus einer jüdischen Familie stammende junge Frau zu stellen und die sie aufnimmt und je an ihrem Lebensort zu entwickeln und zu thematisieren sucht. Ein Weg zwischen Anspruch und Gesellschaft, Herausforderung und Widerstand tut sich auf und sie geht diesen Weg dennoch mit Konsquenz. Ein mutiges Frauenleben zwischen Gegenwart und Identität…

Hannah Arendt  widmet Rahel Varnhagen eine umfassende Studie, die zwischen 1931 und 1933 in Berlin entstand, also in einer Zeit größter politischer Veränderung und Radikalisierung. Eine Studie, die wegweisend ist.

„Hannah Arendt ist eine der wesentlichsten philosophischen, gesellschaftspolitischen Stimmen ihrer Zeit wie der Gegenwart“

Walter Pobaschnig 6_21

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„Wir haben Corona bekämpft und nun machen wir weiter wie zuvor“ Julia Weber, Schriftstellerin_ Zürich 21.6.2021

Liebe Julia, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Oft erwache ich, weil mein kleines Kind an mein Bett kommt und meine Nase in den Mund nimmt. Oder aber ich höre es rufen, dann hebe ich es aus seinem Bett. Dann Kaffee, dann dem grösseren Kind sagen, es soll Zähne putzen, dann dem grösseren Kind nochmals sagen, es soll Zähne putzen, dann zuhören wie der Heinz (der Vater des Kinder) dem Kind sagt, es soll Zähneputzen, dann das Kind aus der Wohnung begleiten, dem Nachbarskind hallo sagen, dann vom Balkon winken, dann nochmals einen Kaffee trinken mit heinz und dem auf dem Teppich herumrollenden kleineren Kind, dann das kleinere Kind in die Kita bringen, dann zum See fahren, dort ins Atelier sitzen und schreiben. Dann schwimmen im See. Dann wieder Kaffee. Schreiben. Schreiben. Dann nachhause fahren, dann Abendessen mit Kindern und Erzählungen der Tage und Rufen und manchmal Tanzen, dann Kinder ins Bett und dann Wein trinken mit Heinz und über das Geschriebene oder die Kinder oder die Welt oder die Bewegungen reden.

Julia Weber, Schriftstellerin _ Bachmannpreisteilnehmerin 2021

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Gerade fällt es mir schwer zu sagen, was wichtig ist, weil gestern hier, in der Schweiz etwas Wichtiges gewesen wäre.

Und es ist ja beinahe so, als wäre die Pandemie vorüber. Aber das ist sie nicht. Es hätte Chancen gegeben auf ein Umdenken, eine neue Umsicht, eine neue Betrachtung von Notwendigkeiten, von Vorsicht mit Menschen und Welt. Aber wir haben Corona bekämpft und nun machen wir weiter wie zuvor. Die Flugzeuge werden wieder fliegen, die Menschen wieder ihre Burnouts produzieren und das Geld wird fließen, Fleisch wir produziert, als hätte es nichts mit Lebewesen zu tun, die ein Anrecht auf ein gutes Leben haben.

Wir haben in der Schweiz gestern über ein Gesetz abgestimmt, dass den Co 2 Ausstoß reduzieren soll und das Volk hat dieses Gesetz abgelehnt. Ich weiß nicht, was los ist, was die Menschen denken, wo wir stehen, warum mehr als die Hälfte der stimmberechtigten Menschen in diesem Land nicht begreift, dass der Klimawandel da ist. Vielleicht kann ich darum die Frage gerade nicht beantworten, was wichtig wäre. Was besonders wichtig gewesen wäre, wurde gestern abgelehnt.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Die Kunst hat für mich immer, in allen Zeiten, nach und vor und bei allen Aufbrüchen, aber vor allem in Zeiten des Schlafes, in die wir nun langsam wieder zurückkehren, die Aufgabe des Wachhaltens oder Wachrüttelns oder neu Erfindens, beweglich Bleibens.

Was liest Du derzeit?

Gerade habe ich drei Kameradinnen von Shida Bazyar fertig gelesen.

Und nun das alles hier, jetzt von Anna Stern angefangen

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Es gibt so viele wichtige Impulse und wunderbare Zitate, die mir natürlich jetzt nicht einfallen, ach ich bin leider auch nicht besonders belesen. Ich glaube, ich will euch einfach diese zwei Bücher empfehlen, auch wenn ich das eine erst gerade angefangen habe. Sie stehen sehr gut neben nacheinander, das eine, drei Kameradinnen ist ein lautes Buch und es hat mich umhergeschleudert, ich musste in mich hineinhören, ehrlich sein, im eigenen Dunkel bewegen, still sein. Und das alles hier, jetzt ist leise und weich und bis jetzt auch eine reise in einen heilen Teil meiner eigenen Kindheit und in eine Trauer hinein.

Vielen Dank für das Interview liebe Julia, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an Künstler*innen:

Julia Weber, Schriftstellerin _ Bachmannpreisteilnehmerin 2021

Julia Weber (CH) – Bachmannpreis (orf.at)

Foto_Ayse Yavas

15.6.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Sehr schade, dass ich weder die anderen Kandidat*innen noch die Jury persönlich treffen werde“ Katharina J.Ferner, Schriftstellerin _ Bachmannpreisteilnehmerin 2021_Salzburg 15.6.2021

Liebe Katharina, herzliche Gratulation zur Teilnahme am Bachmannpreis!

Wo lebst Du und wie war Dein Weg zum Schreiben und als Schriftstellerin bisher?

Ich lebe mittlerweile wieder in Salzburg. Mein Weg zum Schreiben hat bereits in der Schulzeit begonnen, die Entscheidung, diesen Weg endgültig einzuschlagen fiel mit dem Erscheinen des ersten Romans „Wie Anatolij Petrowitsch Moskau den Rücken kehrte und beinahe eine Revolution auslöste“ 2015 zusammen. In den Folgejahren hat mich einerseits das immer breitere Netzwerk in Wien gut unterstützt, insbesondere das Team vom Anno Literatursonntag und Anno Dialektdonnerstag, befreundete Kolleg*innen. Der nächste größere Schritt kam dann für mich mit zwei Stipendienaufenthalten, einmal in Hausach und einmal in Stuttgart. Da hatte ich schon das Gefühl, im eigenen Schreiben dazuzugewinnen. 

Katharina J.Ferner_Schriftstellerin_Bachmannpreisteilnehmerin 2021

Wie kam es zu Deiner Teilnahme am Bachmannpreis 2021 und wie gehst Du jetzt innerlich darauf zu?

Das Einreichprozedere ist ja bekannt. Sehr schade finde ich, dass ich weder die anderen Kandidat*innen noch die Jury persönlich treffen werde. Aber ich bin immer noch euphorisch, wenn ich an den Anruf von Brigitte Schwens-Harrant denke.

Ich dachte allerdings, dass ich gerade an etwas arbeite, das sich für den Wettbewerb eigen könnte. Wenn man mitten in einem Romanprojekt steckt oder einem Poesieband, bleibt oft für andere Texte nicht die Zeit.

Innerlich bin ich vor allem gespannt. Es darf jetzt einfach losgehen!

Was war Dir bei Deiner aufgezeichnetem Lesung wichtig und wie bereitest Du Dich jetzt auf die digitalen Literaturtage vor?

Mir war wichtig, dass es trotzdem eine Art von Bühne gibt bzw. einen Raum, der dementsprechend einen Rahmen bietet und der nicht das eigene Wohnzimmer ist. Aufgezeichnet oder live – es ist immer noch eine Wettbewerbslesung. 

Heute habe ich das Stativ und die Kamera schon aufgebaut, ansonsten gehe ich es entspannt an. 

Wie gehst du mit Anspannung um?

Verschieden. Momentan draußen sein, Sport machen und manchmal das Telefon zuhause lassen.

Ich bitte Dich noch um ein Bachmannpreis -Achrostikon:

Bereisen

Anfänge

Charme

Herzensdichterin

Malina

Anrufung

Nostalgie

Neugierde

Puzzleteil

Runden

Eisschlecken

Interaktion

Sommer

Herzlichen Dank für das Gespräch, liebe Katharina, alles Gute und viel Freude und Erfolg für den Bachmannpreis!

Bachmannpreis 2021_teilnehmende Schriftsteller*innen im Gespräch:

Katharina J.Ferner_ Schriftstellerin_Salzburg.

Katharina J. Ferner (A) – Bachmannpreis (orf.at)

Foto_Mark Daniel Prohaska

Interview_online_Walter Pobaschnig _ 6_2021.

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Infos Bachmannpreis 2021_ Bachmannpreis (orf.at)

„Was benötigen wir wirklich? Wer wollen wir sein?“ Eva Pereira, Schriftstellerin_ Freiburg/Breisgau 15.6.2021

Liebe Eva, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Der Tag startet für gewöhnlich mit einem Kaffee mit meinem Mann. Die Kinder sind jetzt 17 und 14 und wechselweise noch im Homeschooling. Gegen 8 Uhr fahre ich in mein Büro an der Freiburger Uni oder bleibe zuhause im Homeoffice. Nachmittags beginnt die Arbeit an eigenen Projekten, das sind z.B. Übersetzungs- oder Lektoratsaufträge. Außerdem arbeite ich jeden Tag einige Stunden an meiner Lyrik. Vor Corona bin ich begeistert zum Tangotanzen gegangen, seit Beginn der Pandemie schreibe ich stattdessen mehr. Ansonsten kümmere ich mich um den Haushalt, bin für die Familie da, lese, gehe biken, übe Geige oder treffe Freund*innen zum Spazierengehen. Der Austausch – auch über soziale Medien – mit anderen ist wichtiger denn je; das Gefühl, trotz Corona-Einsamkeit irgendwie mit der Welt verbunden zu sein.

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Vielleicht ist jetzt ein guter Zeitpunkt, ausgediente Muster zu überdenken. Was benötigen wir wirklich? Wer wollen wir sein? Ich denke, wir brauchen in diesen unsicheren Zeiten mehr Liebe und Verständnis füreinander sowie generell einen zärtlicheren Umgang mit Menschen, Tieren und der Natur. Es ist wichtig, sich selbst und anderen täglich Schönes ans Herz zu legen, in welcher Form auch immer: ein Lächeln, eine nette Geste, mitfühlende Worte. Proaktiv und empathisch auf andere zugehen. Da äußere Ablenkung und Unterhaltung seit einem Jahr nur eingeschränkt zur Verfügung stehen, kann es hilfreich sein, den persönlichen Fokus neu auszurichten: Vielleicht lassen sich im kleineren Radius neue, bisher unbekannte Kraft- und Inspirationsquellen finden, um so vom Außen unabhängiger zu sein und insgesamt gelassener durch die Krise zu kommen.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Vielen von uns ist spätestens mit Beginn der Pandemie bewusst geworden, wie elementar wichtig Kunst – und zwar in jeder Form – für unsere Gesellschaft ist. Kunst kann erden, verstören, trösten. Sie kann helfen, im Chaos eine Ordnung zu erkennen und Hoffnung geben. Als Konsequenz der äußeren Beschränkungen hat sich die Kunst im vergangenen Jahr neue Wege gebahnt. Die Literaturszene hat z.B. im Internet neue digitale Formate und Vernetzungsmöglichkeiten entstehen lassen, eine Art virtuelle Salons. Auf Instagram gibt es einen spannenden Austausch unter Lyrikschaffenden. Literatur lässt sich nicht in Schranken weisen, schon gar nicht in Zeiten existenzieller Krisen. Viele Schriftsteller*innen haben im vergangenen Jahr mehr Zeit und Muße gehabt, um zu schreiben, anderen haben Inspiration und Impulse von außen gefehlt. Ich wünsche uns allen gutes Durchhalten und hoffe, dass wir einander bald wieder bei echten Kulturveranstaltungen begegnen und rauschende Feste feiern können.

Was liest Du derzeit?

„Eine Frau“ von Annie Ernaux und „Feuer bin ich in der Ferne“ von Gioconda Belli.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„You have to go the way your blood beats. If you don’t live the only life you have, you won’t live some other life, you won’t live any life at all.“

(James Baldwin)

„I’m terrified of passive aquiescence. I live in intensity.“

(Virginia Woolf)

Vielen Dank für das Interview liebe Eva, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an Künstler*innen:

Eva Pereira, Schriftstellerin

Foto_privat.

18.5.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Da hilft nur kalter Entzug“ Barbara Neu, Klarinettistin_ Wien_ Romanjubiläum Malina_15.6.2021

50 Jahre Malina _ Roman _ Ingeborg Bachmann _ im Gespräch:

Barbara Neu_ Klarinettistin, Musikerin, Performancekünstlerin _Wien.

Ich bin am Land aufgewachsen. Mit fünf oder sechs Jahren hörte ich zum ersten Mal eine Musikkapelle und war sofort begeistert. Besonders die Klarinetten fielen mir da auf. Ich fand ihren Klang und auch die optische Form, die Farbe dieser Instrumente wunderschön. Auch den Klang ihrer Spielläufe. In meiner Erinnerung saß ich dann den ganzen Nachmittag am Gehsteigrand und hörte dieser Musikkapelle fasziniert zu.

Die Anforderung meiner Eltern an mich und meine Geschwister war, zumindest ein Instrument ein Jahr lang kennenzulernen. Bei war es die Klarinette. Dann führte mein Weg in die klassische Musik und über das Schauspiel zur performativen Kunst. In meiner Kunst verbinde ich Musikstile verschiedenster Richtungen und Epochen. Dieser Weg führt mich ständig weiter.

Ich habe das Konzertfach Klarinette bei Gerald Pachinger studiert. Das war eine große Freude. Ein toller Klarinettist, Lehrer, Mensch. Es war und ist mir wichtig, meinen musikalischen Weg mit Darstellung, Performance zu verbinden. Ich studiere an der Hochschule in Wien Klarinette und Performance.

Ich bin in Wien verliebt, bin aus tiefstem Herzen Wienerin. Fühle mich sehr wohl hier. Als ich in der Schulzeit den Roman „Alte Meister“ von Thomas Bernhard las, bin ich mit einer Freundin ins Kunsthistorische Museum nach Wien, dem Romanschauplatz, gefahren und wir standen dann vor diesen Gemälden. Einen ganzen Tag lang. Ich habe dafür die Schule geschwänzt (lacht).

Wien ist auch ein besonderer Ort, um sich zu verlieben. Das kommt ja auch im Roman Malina zu tragen. Es ist sehr viel Flair und Traum in dieser Stadt. Verse, Töne sind da an jeder Straßenecke. Darin kann man sich sehr schön verlieren. Besonders im Verliebtsein. In der Liebe ist ja immer viel Projektion.

Wien, wie auch Paris, sind Städte der Liebe. Es ist in Wien einzigartig, dass auch eine Frau im Alter als begehrenswert gilt. Bei Männern ist man ja diese Attraktivität im Alter, diese Präsentation, etwa bei George Clooney, gewohnt. Bei Frauen trifft dies ja in Film, Kunst, Gesellschaft meist nicht so zu. Wien ist da anders. Zum Altwerden als Frau würde ich mir Wien aussuchen (lacht).

Wien hat einen Charme. Es ist ein Charme der Liebe. Und dieser ist einem Roman sehr nahe.

Liebe ist immer ein Kontrollverlust. Es kommt darauf an, dies zulassen zu wollen. Das kommt auf die Persönlichkeit an. Es ist eine Entscheidung. 

Liebe ist in Stadt und Land dieselbe. Am Land kannst Du schneller sehr viel alleine sein.

Liebe kann etwas Ungesundes, Toxisches haben. Das ist das Abhängige, das Jemand-Retten-Wollen, das Verliebtsein in das Unverfügbare.

Das Verlieren ist immer ein Teil der Liebe. Und es ist keine weibliche Eigenschaft. Das Positive ist, dass man gestärkt daraus hervorgehen kann. Das Arbeiten an eigenen Schwächen. Warum gerade diese Person? Diese Erfahrungen lassen Menschen, das Leben besser verstehen. Es kann auch eine künstlerische Quelle sein.

Musik hilft im Liebeskummer. Beethoven kann da etwa gut trösten (lacht). In der Ungargasse, dem Romanschauplatz, war ja auch einer der Wohnsitze Beethovens. Musik begeistert natürlich auch im Liebesglück. Ist Inspiration.

Verliebtsein, da ist dieses Gefühl der Überwältigung. Wenn man das Gefühl hat, alle leeren Töpfe in einem sind gefüllt. Dieser Mann ist es jetzt. Mein Leben hat sich jetzt verbessert. Das sind Anzeichen einer ungesunden Beziehung. Dieser Topf mit falschen Erwartungen ist ja sehr schnell leer und füllt sich dann mit Abhängigkeit.

Dieses heiß und kalt. Dieses Süchtig-Machende in der Liebe. Das ist genderneutral.

Wie kommt man da raus? – nur mit kaltem Entzug. Von heute auf morgen kein Kontakt mehr. Telefonnummer löschen. Bilder verbrennen. Im schlimmsten Fall geht es nur mit Polizeischutz. Zu sagen, man soll sich das vorher überlegen, das geht nicht.

50 Jahre nach Malina sind Frauen freier in Liebe, Beruf, Alltag. Patriarchale Männer, Strukturen gibt es noch immer, in Stadt und Land.

Auch in der Kunst gibt es patriarchale Strukturen. Es ist am Weg der Besserung, jedoch noch lange keine Gleichberechtigung.

Wie man das Bild des „mächtigen Mannes“ gesellschaftlich nachhaltig verändern kann, weiß ich nicht. Ich bin froh, da nicht Politikerin zu sein.

Der „mächtige, dominierende Mann“ kommt so oft vor. Etwa in Gesellschaft an einem Tisch. Ein Mann und vier Frauen. Und der Mann spricht und die Frauen schweigen, hören zu. Vielleicht kommt es daher, dass manche Männer glauben, sie dürfen alles, dürfen Frauen beherrschen.

Ich spiele auch in einem Frauenensemble Es kommt immer wieder vor, dass alte gruselige Männer auf uns als Gruppe zukommen oder auch zu uns einzeln – und ja dann:  „wollt`s was trinken?“ und „wo wohnt`s ihr, das liegt eh am Weg, ich kann euch nachhause bringen“. Das ist sehr unangenehm und zeigt dieses Ungleichgewicht. Wenn ich mir das umkehrt vorstelle, das ist doch komplett absurd. Da fängt es an. Auch wenn es keine kriminelle Absicht sein muss. Ich bin da immer bestimmt wie höflich, das müssen die Männer einfach lernen.

Männer, meist ältere aber nicht nur, erzählen von großartigen Konzertmöglichkeiten, künstlerischen Kontakten und blablabla. Wollen ein Karterl haben. In Wirklichkeit ist da nichts dahinter. Sie wollen uns nur einfach noch dahaben, „fesseln“ im Gespräch. Ich tausche mich über dieses Thema auch mit Frauen, Kolleginnen aus, über Reaktionen, Umgang. 

Männer versuchen ihre Position auszunutzen, fahren dann alle Geschütze auf, wenn sie da zurechtgewiesen werden. Sind „angfressn“ und beleidigen dann.

Es ist eine Utopie, dass ein Mann am künstlerischen Weg protegieren kann. Aber es fallen noch immer viele Frauen darauf rein. Eine Frau muss ihren Weg selbst gehen. Die Lebensläufe von Frauen zeigen das.

Frauensolidarität ist eine große Stärke. Etwa das Mitfreuen, die Kollektivfreude. Dass es nicht dieser Kampf ist, auch zwischen Frauen, da ist es eh schon gesellschaftlich schwierig genug. Schulbildung ist da auch sehr wichtig.

50 Jahre Malina _ Roman _ Ingeborg Bachmann _ im Gespräch:

Barbara Neu_ Klarinettistin, Musikerin, Performancekünstlerin _Wien.

Barbara Maria Neu

Station bei Ingeborg Bachmann- alle Fotos/Interview_Walter Pobaschnig _Hotel Regina_Wien_5_2021

Walter Pobaschnig _ 6_2021

https://literaturoutdoors.com

„„Ach, die andern! Was wissen die denn!“ denken/die andern“ Matthias Kröner, Schriftsteller_Lübeck 15.6.2021

Lieber Matthias, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Die Inseln für konzentriertes Arbeiten waren teilweise extrem dünn gesät, da die Kinder gefühlt ein komplettes Schuljahr zu Hause waren …

Das Home Office wiederum kenne ich schon seit 15 Jahren. Vor der Pandemie waren es vor allem die Reisebuch- und die PR-Arbeit, die meine Einnahmen gesichert haben. Mit der Pandemie habe ich umgesattelt und dem Schriftsteller in mir endlich den Raum gegeben, den er schon lange wollte. Vor Corona hatte ich Angst, dass dann meine Existenz gefährdet sei. Wenn sie ohnehin gefährdet ist, wird man mutig: mit der Folge, dass 2022 mein erstes Kinderbuch bei Beltz & Gelberg erscheinen wird – ein Roman über Populismus und wie man da wieder herauskommt.

Allerdings: Auf die nächste echte Lesung (nicht nur online!) und die nächste richtige Recherchetour freue ich mich total!

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Sich auszutauschen trotz Social Distancing. Miteinander zu sprechen. Aufeinander zuzugehen. Den blödsinnigen Verschwörungsquark nicht zu glauben. Die Quellen zu hinterfragen, die einem durch Social Media, Messager-Dienste oder den Internet-Algorithmus via Google und Co. zugespielt werden.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Eine wesentlich wesentlichere als ich vor Corona gedacht hätte! Ein Beispiel: Ich hatte vom 1. Februar bis 11. Mai ein Projekt am Start, das sich „Lyrische Post“ nennt. Dabei habe ich 100 Tage lang hintereinander ein Gedicht per Newsletter veröffentlicht, siehe: https://www.fairgefischt.de/lyrische-post.html.

Die Aufnahme war überwältigend. Mit Stand heute bekam ich mehr als 1.200 Antworten auf die Gedichte. Wenn schon eine Außenseiter-Gattung wie die Lyrik solches vermag, ist es mehr als eine berechtigte Hoffnung, dass Kunst und Kultur halt doch systemrelevant sind, egal was Politiker und Politikerinnen sagen …

Was liest Du derzeit?

Ich lese eigentlich immer – Gedichte. Oft nur eines oder zwei am Tag. Denn Gedichte wirken nach, wenn sie gut gebaut sind. Gerade habe ich mit einem Mundartband von Anton G. Leitner Freude: „Wadlbeissn. Zupackende Verse“. Außerdem hat mir meine einstige Deutschlehrerin zwei Reclam-Bände mit Kurzgeschichten aus dem vergangenen Jahrhundert zugeschickt. Besonders gepackt hat mich wieder die Prosa von Peter Bichsel, aber auch Rainer Brambach blieb nachhaltig hängen.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Ein Gedicht, das während der Pandemie entstanden ist. Es ist ganz kurz und heißt:

Übereinkunft

„Ach, die andern!

Was wissen die denn!“

denken

die andern.

Matthias Kröner, Schriftsteller

Vielen Dank für das Interview lieber Matthias, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Matthias Kröner, Schriftsteller

Home – fairgefischt.de

Fotos_ 1 Berit Kröner; 2,3,4, Matthias Kröner; 5 Alex Lipp.

18.5.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

„Dass wir uns als Gesellschaft neu definieren“ Larissa Schwarz, Schriftstellerin _ Dinslaken/D 14.6.2021

Liebe Larissa, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Mein Tag beginnt zwischen fünf und sechs indem ich die Nachrichten und Zeitung lese und gemeinsam mit meinem Mann frühstücke. Er muss nach wie vor ins Büro, ich habe das Arbeitszimmer für mich. Na ja, die Katze leistet mir Gesellschaft, aber das war auch vor der Pandemie schon so. Glücklicherweise kann ich mir meine Zeit weitestgehend frei einteilen und so beginne ich oft mit etwas Arbeit an einem Schreddergeldbild oder schreibe. Im Laufe des Vormittags wechsele ich dann zu den notwendigen organisatorischen Dingen, gehe dann nach dem Mittag wieder kreativen Tätigkeiten nach.

Vor der Pandemie habe ich oft und gern auswärts geschrieben; im Café, im Park, im Co-Working-Office. Das fehlt mir momentan sehr, ich merke, dass ich [fremde] Menschen als Inspiration benötige. Wie sie sich bewegen, was und wie sie es sagen, wie sie gekleidet sind … Das Internet ist kein geeigneter Ort, um realistische Bilder von Menschen zu bekommen. Natürlich eignet es sich für Recherche und bestimmte Schilderungen. Aber es verzerrt, da die Selbstdarstellung dort eine andere, überhöhte ist.

Insofern habe ich das letzte Jahr überwiegend den Schreddergeldbildern gewidmet – und es nicht bereut. Trotzdem freue ich mich darauf, wieder mehr persönliche Begegnungen zu erleben und sie dann zu verarbeiten.

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Meines Erachtens lohnt es sich, den Fokus auf die schönen und zum-Lächeln-bringenden Dinge zu legen. Jeder hat Entbehrungen erlebt bzw. erlebt sie derzeit. Das macht mürbe und gepaart mit der Isolation und Sorgen verleitet es den ein oder anderen dazu, nur noch die Nachteile und das Schlechte zu sehen. Das mag den Kern der zurückliegenden Zeit treffen, umso wichtiger finde ich, dass wir uns als Gesellschaft neu definieren, betrachten und aus den Lehren der Pandemie die richtigen Schlüsse ziehen. Und eben in der jetzigen Übergangsphase uns an den Dingen orientieren, die uns Kraft geben.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

In meinem Umfeld habe ich erlebt, dass sowohl das Lesen als auch die Kunst an sich einen anderen, weitestgehend höheren Stellenwert erhalten haben. Man hat irgendwann einen Großteil der aufregenden, interessanten Serien und Filme geschaut, ist bildschirmmüde und sehnt sich nach der Haptik eines Buches, seinem Geruch und der Stimmung, in die es einen versetzt.

Auch während der Pandemie haben Künstler Kunst geschaffen, sind dafür teilweise auch neue Wege gegangen, haben neue Möglichkeiten ausprobiert, sich und ihre Werke zu präsentieren. Alles in allem haben wir damit Chancen ausgelotet und können breiter aufgestellt weitermachen.

Leider trifft das nicht auf alle Künstler/Arten von Kunst zu. Ich habe viele vor allem Bühnenkünstler gesprochen, denen traurigerweise die wirtschaftliche Existenz ruiniert wurde. Jedoch war kein einziger dabei, der nicht darauf brennt, sein Können und seine Leidenschaft lieber heute als morgen wieder in die Welt zu tragen.

Wir werden aber das Erlebte nicht abschütteln können und auch weiterhin einen anderen Umgang miteinander haben. Kunst wird, wie seit jeher, eine Vermittlerin sein. Mich würde nicht wundern, wenn wir neben dem Aufbruch auch einen Umbruch erleben.

Was liest Du derzeit?

Ein Re-Read: Markt ohne Moral – Das Versagen der internationalen Finanzelite, von Susanne Schmidt. Ich habe es 2011 als Wichtelgeschenk [gewünscht] von einem sehr lieben Kollegen erhalten. Ich arbeite zwar seit einiger Zeit nicht mehr als Bankerin, aber die von Susanne Schmidt aufgezeigten Mechanismen sind hochinteressant. Nicht das einzige und umfassendste Werk zum Thema, aber durchaus lohnenswert. Zumal sich daraus generelle Strukturprobleme in der Finanzwelt ableiten lassen, die auch in anderen Bereichen gültig sind.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Es gibt erschreckend wenig Sicherheit, aber auch ebenso viele Chancen.

Vielen Dank für das Interview liebe Larissa, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Larissa Schwarz _ Schriftstellerin

https://www.larissaschwarz.de/

Foto_Kai Dauvermann

17.5.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com