„Es gibt eine altbackene Rezeptionshaltung“ Tex Rubinowitz, Bachmannpreisträger 2014 _ Gespräch_Wien Stadtpark 16.6.2021

Ich bin in Lüneburg in Norddeutschland aufgewachsen. Mit sechzehn Jahren verließ ich die Schule und habe dann in Fabriken gearbeitet. Denen war es egal ob du in Mathe eine Fünf hattest. Ich war da in einer Joghurt Fabrik, habe Joghurts verpackt. Das Geld war natürlich angenehm, weil es über das Taschengeld hinausging. Meine Mutter ahnte jedoch, dass ich da nicht glücklich werde.

Tex Rubinowitz_Schriftsteller, Bildender Künstler _ Bachmannpreisträger 2014,

Ich hatte einen Freund aus Lüneburg, dieser studierte Kunst, bei Maria Lassnig, in Wien. Ihn besuchte ich 1983. Und er sagte, „mach das“.  Ich fand das ganz toll, diese ersten Einblicke, die Gerüche, die fleckigen Fußböden in der Kunstuniversität, auch den Boheme Stil des Freundes. Das fand ich damals cool. Heute würde ich das lächerlich finden aber in meiner Verlorenheit damals fand ich das gut.

Er erklärte mir wie man sich an der Kunstuniversität bewirbt und dass ich eine Kunst-Mappe im Oktober abzugeben hätte. Ich war damals bei der Bundeswehr auf Sylt und habe Bremsschirme gepackt für Flugzeuge, abends habe ich dann Papier und zwei Flaschen Bier besorgt beim Spar und habe so vor mich hingemalt. Diese Bilder, die in Sylt entstanden sind, reichte ich dann ein. Ich kannte all diese Namen der Professor*innen nicht. Mein Freund riet mir zu Prof. Oswald Oberhuber. Seine Assistenten sagten, die Mappe sei am Dienstag abzugeben und am Freitag gibt es dann eine Rückmeldung.

Es war ein sehr milder Herbst im Oktober 1984, in dem ich da in Wien war und die Stadt kennenlernte. Herbstlaub, die Architektur Wiens, auch die Vielfältigkeit, ich wohnte in Ottakring. Ich fuhr dann am Freitag mit der Straßenbahn zur Universität. Da waren die eingereichten Mappen mit Zettel drauf. Angenommen oder nicht. Bei meiner Mappe war ein Angenommen.

Ich erinnere mich als ich dann aus der Universität ging, dass ich einen warmen Mantel anhatte, das ärgerte mich, es war ja ein sehr milder Oktober. Gegenüber von der Angewandten war ein Würstelstand. Ich kannte diesen weichen Wiener Pferdeleberkäs nicht. Dazu trank ich süßen Sturm, das kannte ich auch nicht. Diese Kombination passte zu diesem euphorischen Gefühl. Und Sturm trinkt sich sehr gut. Bin dann vom Würstelstand zum Cafè Prückel, das war auch wunderschön. Ich habe alles so genossen, diese Momente. Dann forderte der Sturm seinen Preis und ich rannte aufs Klo. Glück hat ja seinen Preis. Diesen Preis zahlte ich gerne.

Ich habe dann gemerkt, diese Boheme Attitude der Kunststudenten will ich nicht darstellen. Das wollte und konnte ich nicht. Ich schickte dann eine Zeichnung zum Falter, der Wiener Wochenzeitung, und diese wurde genommen. Es war schlecht bezahlt aber die Veröffentlichung war dann mein zweiter Triumph nach der Aufnahme an der Kunstuniversität. Ich hatte ein Feld gefunden wo ich reüssieren konnte. Zeichnerisch, künstlerisch.

Aus der Tätigkeit als Cartoonist für die Zeitung entstand dann auch die Möglichkeit zu schreiben, kleinere Sachen, Musikrezensionen, Kunst, das wurde dann immer länger. Ich wurde eingeladen so eine halbe Seite über Wien zu schreiben, so kleine Vignetten, Dinge, die man so im Alltag nicht am ersten Blick sieht, das hat mir sehr viel Spaß gemacht und da bin ich dann ins Schreiben reingekommen. Dann schrieb ich für den Standard und so entstand dann mein vielfältiger Weg zum Schreiben.

Christian Ankowitsch, der langjährige Moderator des Bachmannpreises, brachte mich 1985 zum Falter, er war da Redakteur und nahm meine erste Zeichnung an. Ankowitsch ging dann zum Standard und nahm mich da auch mit. Er hatte auch ein Forum im Internet gegründet und fragte mich ob ich ein Unterforum gründen wollte. Mein Forum war dann „höfliche Paparazzi“, über zufällige Begegnungen. Ich hatte das Forum 1999 eröffnet, es ist dann explodiert und da waren auch die Schriftsteller*innen Wolfgang Herrndorf, Kathrin Passig. In diesem Forum entstand auch die Leidenschaft für den Bachmannpreis, Klagenfurt. Ich bin „Anko“ für den Falter, den Standard und für das Forum dankbar. Ohne ihn?

Bachmannpreis 2014_Klagenfurt Lendhafen _ Rahmenprogramm

2000 fuhr ich das erste Mal nach Klagenfurt und habe gesehen welche mannigfaltigen Formen der Literatur es gibt, ja wie Buchstaben. Freunde von mir haben dreimal gelesen und auch Preise gewonnen. Kathrin Passig, die ja auch nicht vom literarischen Schreiben kam, sondern eher vom Sachbuch und die das mal ausprobieren wollte. Drei Jahre vorher hat ja Wolfgang Herrndorf gelesen, der sich später erschoss. Durch diese Freundschaften, Begegnungen ist das Interesse für das Schreiben entstanden ob man das kann. Das war ein Ehrgeiz. Das war auch bei Kathrin so.

Ich fand das Format auch gut und wollte es versuchen. Ich hatte auch nichts dagegen mich der Jury zu stellen. Viele sagen ja, sie haben ein Problem damit. Sind ängstlich, weil da ist eine Jury. Aber sie müssen sich da ja nicht ausstellen. Es ist ja anders als bei diesen TV Talente/Fashionshows – das sind ja Kinder, die einem Trugbild aufsitzen, das ausgebreitet wird. Schreibende Leute sind alt genug zu wissen was da passiert, das gibt es ja schon seit vielen Jahren also kann man sich nicht beschweren. Es ist ja nicht anders als ein Buch zu verfassen und es rezensieren zu lassen. Warum soll es dies auch nicht in der Öffentlichkeit geben? Ich hatte da überhaupt kein Problem damit.

„Evergreens of Psychoterror“ Rare Singles spontan aufgelegt von Tex Rubinowitz und DJane Commander Venus _ Bachmannpreis 2014_Fr.4.7. Klagenfurt Lendhafen _ Rahmenprogramm (ORF Bachmannpreis 2014)

Daniela Strigl, Literaturwissenschaftlerin, Jurorin 2014,  kannte Texte von mir und lud mich ein, einen Text für Klagenfurt zu schreiben. Dann kam von ihr eine SMS „Wir fahren nach Klagenfurt“. Ich sagte zunächst, ja, ich fahre jedes Jahr nach Klagenfurt, lege da Platten auf, machte ein Quiz und alles Mögliche im Lendhafen. Dann sagte sie, wir fahren gemeinsam und da fiel mir ein, dass sie meinen Text gut findet.

Dann war am Mittwoch die Lesungs-Auslosung. Ich kam an einem guten Slot am Samstag zu lesen. Kathrin hat ja auch Samstag gelesen. Es ist immer ganz gut spät zu lesen, weil, die Juroren ja vielleicht leichter vergessen was am Donnerstag war, vielleicht, man stellt sich das so vor.

Tex Rubinowitz _ Lesung _Diskussion_Bachmannpreis _ Sa 5.7.2014

Das Format ist spannend und ich, wie meine Mutter, verfolgen das schon sehr lange. Es hängt natürlich auch stark von den Juroren ab. Es gibt charismatische und farblose Juroren. Juroren etwa, die nur laut sind, selbstdarstellerisch. Wenn ein Juror fundiert ist, wenn es Klasse hat, ist das ok. Wenn es aber nur auf Provokation aus ist, dann ist das sehr unangenehm, so eine Rebellenattitüde.

Wolfgang Herrndorf schrieb im Forum über den Bachmannpreis. Ich sagte zu Wolfgang, schicke doch selbst was hin, er sagte, glaubst Du ich kann das? Ich sagte- ja, schreib mal einen Text. Er schickte dann einen Text hin. Klaus Nüchtern lud ihn dann ein. Mit Wolfgang Herrndorf bin ich 2004 in der Fangruppe zum Bachmannpreis mitgefahren. Das war ein erster Anreiz auch selbst zu lesen. Ende der 90er sah ich es das erste Mal im Fernsehen. Angeschaut, kommentiert aus der Ferne. Wolfgang Herrndorf gewann den Publikumspreis in Klagenfurt.

Bachmannpreis 2014 _ ORF Klagenfurt

Im Folgejahr war auch jemand aus dem Forum dabei und im Folgejahr dann Kathrin Passig, 2006. Im Feuilleton stand, als sie den Hauptpreis bekam, warum schon wieder jemand aus dieser Forum Gruppe gewinnt. Da kamen so Gerüchte auf, dass wir die Texte in der Gruppe kollektiv geschrieben haben könnten, was natürlich Schwachsinn ist. Niemand würde das machen. Aber es war so eine Mischung aus Neid und Misstrauen. Was ist das für eine merkwürdige Gruppe? Wo kommt die her? Zwei, drei Jahre später las Alex Scholz, der gewann auch einen Preis. Das ist unsere Klagenfurt Geschichte.

Der ganze Bachmannwettbewerb, dass es im Sommer ist, der See, das Rundherum, es ist eine Sommerstadt. Und während wir da immer hingefahren sind, sind auch andere Leute aus Berlin, Hamburg angereist. Und haben gemerkt wie angenehm die Atmosphäre wie lebenswert die Stadt ist. Wir haben dann den Lendhafen entdeckt und gefragt ob man da Platten auflegen, das Quiz machen könnte. Wir haben dann auch einen Schwimmwettbewerb organisiert.

Für meine Teilnahme 2014 war es gut, dass ich durch die Aktivitäten im Rahmenprogramm abgelenkt war, und damit nicht nur mit Lesen beschäftigt und den Fragen – wie wirkt man? Liest man? Was macht die Konkurrenz? Das hat dann die Nervosität genommen.  Ich weiß aber, dass Autor*innen unfassbar nervös waren, weil sie es vor Ort ja gar nicht kannten. Ich fühlte mich wohl, wusste wie es funktioniert. Es war fast ein „homecoming“.

Bei meiner Lesung war ich wahnsinnig verkatert. Ich las am Samstag und war am Freitag noch Plattenauflegen und dann im Theatercafe. Bin dann auch zu spät gekommen. War eher entspannt.

Ich habe nicht damit gerechnet einen Preis zu bekommen. Zu lesen war ja schon Ehre genug. Es ist eine tolle Sache. Es ist eine große Aufmerksamkeit. Viele Leute schauen zu, meine Mutter schaut zu. Und dann war ich da auf der shortlist. Und dann der Hauptpreis.

Tex Rubinowitz_Bachmpreisträger 2014

In der Berichterstattung wurde dann der Jahrgang heruntergemacht. Ein schwacher Jahrgang und der Sieger war noch der Annehmbarste, wurde gesagt. Mir gefiel mein Text gut, ich fand ihn ok. Aber das ist ein Reflex von Journalisten, die irgendwelche hehren Literaturansprüche haben und gleichzeitig dem misstrauen, dass ein Quereinsteiger wie ich da reinrutscht – das kann nicht gut sein, das ist ein Experiment, der macht witzige Zeichnungen, Musik, was immer, das ist jetzt sein viertes Bein, der will das eigentlich gar nicht, das kann nicht gut sein. Das kann nichts Seröses sein.

Es ist immer so, dass Schriftsteller, die nebenbei malen, oder malende Musiker, was oft grauenvoll ist, das würde niemand kritisieren, aber ein Zeichner, noch dazu ein Witzezeichner, der Literatur schreibt, das kann nicht sein, das muss kritisiert werden. Die Zeichnung wird nicht kritisiert aber das ich schreibe. Das ist eine altbackene Rezeptionshaltung, die sich, ich weiß jetzt nicht, aus einer Voreingenommenheit speist, vermutlich Voreingenommenheit, das kann nur albern sein was der Mann macht.

Bachmannpreis _ 2014 _ Preisträger*innen_von lnks: Michael Fehr (Kelag Preis), Getraud Klemm (BKS-Publikumspreis), Tex Rubinowitz (Bachmannpreis), Senthuran Varatharajah (3sat Preis), Katharina Gericke (Mr.Heyn`s Ernst Willner Preis)

Es ist die Zweigleisigkeit, die immer belächelt, nicht verstanden wird. Das ist wie bei Woody Allen, wenn er Klarinette spielt. Die Leute erwarten dann etwas Lustiges aber will sich nur der Schönheit der Klarinette, dieses Instrumentes hingeben. Einfach ein Teil der Musikgruppe sein und nicht der Witzbold. Die Leute können das nicht trennen.

Das Gute beim Bachmannpreis ist, dass es sieben Juror*innen sind. Sieben Meinungen und sieben verschiedene Zugänge zur Literatur. Das ist das Angenehme. Natürlich kann auch Eitelkeit in der Jury eine Rolle spielen, dass  man sein „Pferdchen“ durchbringen will, weil es das „Gspür“ für den Text hervorhebt.

Literatur ist im deutschsprachigen Raum enorm privilegiert, es gibt Literaturhäuser, Preise. Das ist weltweit einzigartig, unvergleichlich. Aber dem Buchmarkt ging es schon mal besser.

Als ich den Bachmannpreis 2014 gewann, bekam ich ca.40 Einladungen in Literaturhäuser in Österreich, Deutschland und der Schweiz. Ich war andauernd auf Achse. Das ist natürlich eine wesentliche Einnahmequelle für Autor*innen. Deswegen ist/war die Corona Zeit auch so schlimm für Autor*innen, weil sie nicht touren können. Wie ja Musiker auch, die trifft es noch schlimmer.

Tex Rubinowitz_Schriftsteller, Bachmannpreisträger 2014, Bildender Künstler

Herzlichen Dank für das Gespräch, lieber Tex, alles Gute und viel Freude und Erfolg für Deine Literatur- und vielseitigen Kunstprojekte!

Tex Rubinowitz_Schriftsteller, Bachmannpreisträger 2014, Bildender Künstler

Tex Rubinowitz – Wikipedia

Interview _Stadtpark Wien _Lockdown 4_21_und alle Fotos_Walter Pobaschnig _4_21 _ 7_14.

Walter Pobaschnig 6_21

https://literaturoutdoors.com

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