„Das Gefühl, nicht allein zu sein“ Magda Woitzuck _ Schriftstellerin_ Niederösterreich 16.6.2021

Liebe Magda, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich arbeite von zu Hause aus, daher hat sich mein Tagesablauf durch Covid-19 nicht verändert. Meistens sitze ich gegen 9 am Schreibtisch, wenn eine Deadline ansteht, auch am Wochenende. Früher bin ich oft gefragt worden, wie ich das schaffe: den ganzen Tag zu Hause sein und trotzdem arbeiten. An diese Frage musste ich während des ersten Lockdowns oft denken, als sich der Alltag der Menschen in meinem Umfeld so stark verändert hat. Ich habe ja daheim einen Arbeitsplatz und einen gewohnten Ablauf. So etwas von einen Tag auf den anderen plötzlich organisieren zu müssen und sich darin einzurichten, dann noch mit Familie – das muss eine Herausforderung sein. So gesehen hatte ich großes Glück.

Magda Woitzuck, Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Das mag jetzt paradox klingen, aber ich glaube wir brauchen alle ein bisschen Ruhe. Ich kann zwar nur für mich sprechen, aber in den letzten Jahren ging es medial ja ziemlich hoch her. Klimawandel, Brexit, Trump, dann Covid-19. Zuerst die Verunsicherung wegen der Krankheit, dann die Folgewirkungen der Lockdowns, also finanzielles Auskommen und so weiter, jetzt die Impfung und die teils heftigen Debatten darüber. Das prasselt alles auf uns ein. Und dann sitzen wir auch noch seit einem Jahr daheim, können uns weniger in direkten Gesprächen darüber austauschen. Da kommt also schon einiges an Emotionen zusammen. Ich glaube, das ist an keinem spurlos vorüber gegangen. Wir brauchen Ruhe, damit wir überhaupt wieder zu uns finden, uns sammeln und das alles verarbeiten können.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Ich denke, es ist zu früh zu sagen, was wesentlich sein wird. Wir stecken ja noch mittendrin. Wahrscheinlich wird das wichtig sein, was immer schon wichtig gewesen ist: das Gefühl, nicht allein zu sein. Damit einher geht auch die Rolle von Literatur und Kunst. Sie wird – wie schon so oft in der Geschichte der Menschheit – trösten, verbinden, dabei helfen, zu verarbeiten und uns neue Perspektiven bieten. In der Geschichte Europas der letzten 1000 Jahre gab es immer wieder Episoden, wo es nach einer Katastrophe zu völliger Ausschweifung kam, zu einer Veränderung in der Kunst und im Denken. Nach der Pest von 1347 soll es zu Gelagen und Orgien gekommen sein, wer überlebt hatte, feierte das Leben. Vieles änderte sich, von der Mode bis zu den Werkzeugen. Und schließlich mündete das Mittelalter in der Renaissance. Das Wort „Wiedergeburt“ sagt schon alles. Der 30jährige Krieg entvölkerte ganze Landstriche, danach kam der Barock. Der erste Weltkrieg und die Spanische Grippe fanden zeitgleich statt, beides kostete Abermillionen Leben. Heute stehen die darauf folgenden Goldenen Zwanziger für eine Phase des Exzesses. Es ist zwar eine Sache, diese Dinge aus historischer Distanz zu betrachten und eine andere, mittendrin zu stecken, aber ich bin neugierig, was die nächsten Jahre bringen werden.

Was liest Du derzeit?

„Die Schlange im Wolfspelz: Das Geheimnis großer Literatur“ von Michael Maar. Ein wunderbar kluges, witziges und obendrein sehr liebevolles Buch über literarischen Stil und AutorInnen. Ich lache und lerne sehr viel. Parallel dazu lese ich gerade richtige U-Literatur, einen Krimi von Robert Galbraith aka J.K. Rowling.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Zitate mitgeben finde ich schwierig, aber vielleicht: „Menschen stolpern nicht über Berge, sondern über Maulwurfshügel.“ Das stammt angeblich von Konfuzius. Aus persönlicher Erfahrung kann ich sagen: der Satz ist universell anwendbar, wurscht ob man gerade spazieren geht oder schreibt.

Magda Woitzuck, Schriftstellerin

Vielen Dank für das Interview liebe Magda, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Magda Woitzuck _ Schriftstellerin

aktuelles und lesetermine – magdawoitzucks Webseite!

Alle Fotos_Walter Pobaschnig _ Hotel Royal_Wien 6_21.

9.6.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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