„Dass wir uns als Gesellschaft neu definieren“ Larissa Schwarz, Schriftstellerin _ Dinslaken/D 14.6.2021

Liebe Larissa, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Mein Tag beginnt zwischen fünf und sechs indem ich die Nachrichten und Zeitung lese und gemeinsam mit meinem Mann frühstücke. Er muss nach wie vor ins Büro, ich habe das Arbeitszimmer für mich. Na ja, die Katze leistet mir Gesellschaft, aber das war auch vor der Pandemie schon so. Glücklicherweise kann ich mir meine Zeit weitestgehend frei einteilen und so beginne ich oft mit etwas Arbeit an einem Schreddergeldbild oder schreibe. Im Laufe des Vormittags wechsele ich dann zu den notwendigen organisatorischen Dingen, gehe dann nach dem Mittag wieder kreativen Tätigkeiten nach.

Vor der Pandemie habe ich oft und gern auswärts geschrieben; im Café, im Park, im Co-Working-Office. Das fehlt mir momentan sehr, ich merke, dass ich [fremde] Menschen als Inspiration benötige. Wie sie sich bewegen, was und wie sie es sagen, wie sie gekleidet sind … Das Internet ist kein geeigneter Ort, um realistische Bilder von Menschen zu bekommen. Natürlich eignet es sich für Recherche und bestimmte Schilderungen. Aber es verzerrt, da die Selbstdarstellung dort eine andere, überhöhte ist.

Insofern habe ich das letzte Jahr überwiegend den Schreddergeldbildern gewidmet – und es nicht bereut. Trotzdem freue ich mich darauf, wieder mehr persönliche Begegnungen zu erleben und sie dann zu verarbeiten.

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Meines Erachtens lohnt es sich, den Fokus auf die schönen und zum-Lächeln-bringenden Dinge zu legen. Jeder hat Entbehrungen erlebt bzw. erlebt sie derzeit. Das macht mürbe und gepaart mit der Isolation und Sorgen verleitet es den ein oder anderen dazu, nur noch die Nachteile und das Schlechte zu sehen. Das mag den Kern der zurückliegenden Zeit treffen, umso wichtiger finde ich, dass wir uns als Gesellschaft neu definieren, betrachten und aus den Lehren der Pandemie die richtigen Schlüsse ziehen. Und eben in der jetzigen Übergangsphase uns an den Dingen orientieren, die uns Kraft geben.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

In meinem Umfeld habe ich erlebt, dass sowohl das Lesen als auch die Kunst an sich einen anderen, weitestgehend höheren Stellenwert erhalten haben. Man hat irgendwann einen Großteil der aufregenden, interessanten Serien und Filme geschaut, ist bildschirmmüde und sehnt sich nach der Haptik eines Buches, seinem Geruch und der Stimmung, in die es einen versetzt.

Auch während der Pandemie haben Künstler Kunst geschaffen, sind dafür teilweise auch neue Wege gegangen, haben neue Möglichkeiten ausprobiert, sich und ihre Werke zu präsentieren. Alles in allem haben wir damit Chancen ausgelotet und können breiter aufgestellt weitermachen.

Leider trifft das nicht auf alle Künstler/Arten von Kunst zu. Ich habe viele vor allem Bühnenkünstler gesprochen, denen traurigerweise die wirtschaftliche Existenz ruiniert wurde. Jedoch war kein einziger dabei, der nicht darauf brennt, sein Können und seine Leidenschaft lieber heute als morgen wieder in die Welt zu tragen.

Wir werden aber das Erlebte nicht abschütteln können und auch weiterhin einen anderen Umgang miteinander haben. Kunst wird, wie seit jeher, eine Vermittlerin sein. Mich würde nicht wundern, wenn wir neben dem Aufbruch auch einen Umbruch erleben.

Was liest Du derzeit?

Ein Re-Read: Markt ohne Moral – Das Versagen der internationalen Finanzelite, von Susanne Schmidt. Ich habe es 2011 als Wichtelgeschenk [gewünscht] von einem sehr lieben Kollegen erhalten. Ich arbeite zwar seit einiger Zeit nicht mehr als Bankerin, aber die von Susanne Schmidt aufgezeigten Mechanismen sind hochinteressant. Nicht das einzige und umfassendste Werk zum Thema, aber durchaus lohnenswert. Zumal sich daraus generelle Strukturprobleme in der Finanzwelt ableiten lassen, die auch in anderen Bereichen gültig sind.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Es gibt erschreckend wenig Sicherheit, aber auch ebenso viele Chancen.

Vielen Dank für das Interview liebe Larissa, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Larissa Schwarz _ Schriftstellerin

https://www.larissaschwarz.de/

Foto_Kai Dauvermann

17.5.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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