„„Ach, die andern! Was wissen die denn!“ denken/die andern“ Matthias Kröner, Schriftsteller_Lübeck 15.6.2021

Lieber Matthias, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Die Inseln für konzentriertes Arbeiten waren teilweise extrem dünn gesät, da die Kinder gefühlt ein komplettes Schuljahr zu Hause waren …

Das Home Office wiederum kenne ich schon seit 15 Jahren. Vor der Pandemie waren es vor allem die Reisebuch- und die PR-Arbeit, die meine Einnahmen gesichert haben. Mit der Pandemie habe ich umgesattelt und dem Schriftsteller in mir endlich den Raum gegeben, den er schon lange wollte. Vor Corona hatte ich Angst, dass dann meine Existenz gefährdet sei. Wenn sie ohnehin gefährdet ist, wird man mutig: mit der Folge, dass 2022 mein erstes Kinderbuch bei Beltz & Gelberg erscheinen wird – ein Roman über Populismus und wie man da wieder herauskommt.

Allerdings: Auf die nächste echte Lesung (nicht nur online!) und die nächste richtige Recherchetour freue ich mich total!

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Sich auszutauschen trotz Social Distancing. Miteinander zu sprechen. Aufeinander zuzugehen. Den blödsinnigen Verschwörungsquark nicht zu glauben. Die Quellen zu hinterfragen, die einem durch Social Media, Messager-Dienste oder den Internet-Algorithmus via Google und Co. zugespielt werden.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Eine wesentlich wesentlichere als ich vor Corona gedacht hätte! Ein Beispiel: Ich hatte vom 1. Februar bis 11. Mai ein Projekt am Start, das sich „Lyrische Post“ nennt. Dabei habe ich 100 Tage lang hintereinander ein Gedicht per Newsletter veröffentlicht, siehe: https://www.fairgefischt.de/lyrische-post.html.

Die Aufnahme war überwältigend. Mit Stand heute bekam ich mehr als 1.200 Antworten auf die Gedichte. Wenn schon eine Außenseiter-Gattung wie die Lyrik solches vermag, ist es mehr als eine berechtigte Hoffnung, dass Kunst und Kultur halt doch systemrelevant sind, egal was Politiker und Politikerinnen sagen …

Was liest Du derzeit?

Ich lese eigentlich immer – Gedichte. Oft nur eines oder zwei am Tag. Denn Gedichte wirken nach, wenn sie gut gebaut sind. Gerade habe ich mit einem Mundartband von Anton G. Leitner Freude: „Wadlbeissn. Zupackende Verse“. Außerdem hat mir meine einstige Deutschlehrerin zwei Reclam-Bände mit Kurzgeschichten aus dem vergangenen Jahrhundert zugeschickt. Besonders gepackt hat mich wieder die Prosa von Peter Bichsel, aber auch Rainer Brambach blieb nachhaltig hängen.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Ein Gedicht, das während der Pandemie entstanden ist. Es ist ganz kurz und heißt:

Übereinkunft

„Ach, die andern!

Was wissen die denn!“

denken

die andern.

Matthias Kröner, Schriftsteller

Vielen Dank für das Interview lieber Matthias, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Matthias Kröner, Schriftsteller

Home – fairgefischt.de

Fotos_ 1 Berit Kröner; 2,3,4, Matthias Kröner; 5 Alex Lipp.

18.5.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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