„Was benötigen wir wirklich? Wer wollen wir sein?“ Eva Pereira, Schriftstellerin_ Freiburg/Breisgau 15.6.2021

Liebe Eva, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Der Tag startet für gewöhnlich mit einem Kaffee mit meinem Mann. Die Kinder sind jetzt 17 und 14 und wechselweise noch im Homeschooling. Gegen 8 Uhr fahre ich in mein Büro an der Freiburger Uni oder bleibe zuhause im Homeoffice. Nachmittags beginnt die Arbeit an eigenen Projekten, das sind z.B. Übersetzungs- oder Lektoratsaufträge. Außerdem arbeite ich jeden Tag einige Stunden an meiner Lyrik. Vor Corona bin ich begeistert zum Tangotanzen gegangen, seit Beginn der Pandemie schreibe ich stattdessen mehr. Ansonsten kümmere ich mich um den Haushalt, bin für die Familie da, lese, gehe biken, übe Geige oder treffe Freund*innen zum Spazierengehen. Der Austausch – auch über soziale Medien – mit anderen ist wichtiger denn je; das Gefühl, trotz Corona-Einsamkeit irgendwie mit der Welt verbunden zu sein.

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Vielleicht ist jetzt ein guter Zeitpunkt, ausgediente Muster zu überdenken. Was benötigen wir wirklich? Wer wollen wir sein? Ich denke, wir brauchen in diesen unsicheren Zeiten mehr Liebe und Verständnis füreinander sowie generell einen zärtlicheren Umgang mit Menschen, Tieren und der Natur. Es ist wichtig, sich selbst und anderen täglich Schönes ans Herz zu legen, in welcher Form auch immer: ein Lächeln, eine nette Geste, mitfühlende Worte. Proaktiv und empathisch auf andere zugehen. Da äußere Ablenkung und Unterhaltung seit einem Jahr nur eingeschränkt zur Verfügung stehen, kann es hilfreich sein, den persönlichen Fokus neu auszurichten: Vielleicht lassen sich im kleineren Radius neue, bisher unbekannte Kraft- und Inspirationsquellen finden, um so vom Außen unabhängiger zu sein und insgesamt gelassener durch die Krise zu kommen.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Vielen von uns ist spätestens mit Beginn der Pandemie bewusst geworden, wie elementar wichtig Kunst – und zwar in jeder Form – für unsere Gesellschaft ist. Kunst kann erden, verstören, trösten. Sie kann helfen, im Chaos eine Ordnung zu erkennen und Hoffnung geben. Als Konsequenz der äußeren Beschränkungen hat sich die Kunst im vergangenen Jahr neue Wege gebahnt. Die Literaturszene hat z.B. im Internet neue digitale Formate und Vernetzungsmöglichkeiten entstehen lassen, eine Art virtuelle Salons. Auf Instagram gibt es einen spannenden Austausch unter Lyrikschaffenden. Literatur lässt sich nicht in Schranken weisen, schon gar nicht in Zeiten existenzieller Krisen. Viele Schriftsteller*innen haben im vergangenen Jahr mehr Zeit und Muße gehabt, um zu schreiben, anderen haben Inspiration und Impulse von außen gefehlt. Ich wünsche uns allen gutes Durchhalten und hoffe, dass wir einander bald wieder bei echten Kulturveranstaltungen begegnen und rauschende Feste feiern können.

Was liest Du derzeit?

„Eine Frau“ von Annie Ernaux und „Feuer bin ich in der Ferne“ von Gioconda Belli.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„You have to go the way your blood beats. If you don’t live the only life you have, you won’t live some other life, you won’t live any life at all.“

(James Baldwin)

„I’m terrified of passive aquiescence. I live in intensity.“

(Virginia Woolf)

Vielen Dank für das Interview liebe Eva, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an Künstler*innen:

Eva Pereira, Schriftstellerin

Foto_privat.

18.5.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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