„Da hilft nur kalter Entzug“ Barbara Neu, Klarinettistin_ Wien_ Romanjubiläum Malina_15.6.2021

50 Jahre Malina _ Roman _ Ingeborg Bachmann _ im Gespräch:

Barbara Neu_ Klarinettistin, Musikerin, Performancekünstlerin _Wien.

Ich bin am Land aufgewachsen. Mit fünf oder sechs Jahren hörte ich zum ersten Mal eine Musikkapelle und war sofort begeistert. Besonders die Klarinetten fielen mir da auf. Ich fand ihren Klang und auch die optische Form, die Farbe dieser Instrumente wunderschön. Auch den Klang ihrer Spielläufe. In meiner Erinnerung saß ich dann den ganzen Nachmittag am Gehsteigrand und hörte dieser Musikkapelle fasziniert zu.

Die Anforderung meiner Eltern an mich und meine Geschwister war, zumindest ein Instrument ein Jahr lang kennenzulernen. Bei war es die Klarinette. Dann führte mein Weg in die klassische Musik und über das Schauspiel zur performativen Kunst. In meiner Kunst verbinde ich Musikstile verschiedenster Richtungen und Epochen. Dieser Weg führt mich ständig weiter.

Ich habe das Konzertfach Klarinette bei Gerald Pachinger studiert. Das war eine große Freude. Ein toller Klarinettist, Lehrer, Mensch. Es war und ist mir wichtig, meinen musikalischen Weg mit Darstellung, Performance zu verbinden. Ich studiere an der Hochschule in Wien Klarinette und Performance.

Ich bin in Wien verliebt, bin aus tiefstem Herzen Wienerin. Fühle mich sehr wohl hier. Als ich in der Schulzeit den Roman „Alte Meister“ von Thomas Bernhard las, bin ich mit einer Freundin ins Kunsthistorische Museum nach Wien, dem Romanschauplatz, gefahren und wir standen dann vor diesen Gemälden. Einen ganzen Tag lang. Ich habe dafür die Schule geschwänzt (lacht).

Wien ist auch ein besonderer Ort, um sich zu verlieben. Das kommt ja auch im Roman Malina zu tragen. Es ist sehr viel Flair und Traum in dieser Stadt. Verse, Töne sind da an jeder Straßenecke. Darin kann man sich sehr schön verlieren. Besonders im Verliebtsein. In der Liebe ist ja immer viel Projektion.

Wien, wie auch Paris, sind Städte der Liebe. Es ist in Wien einzigartig, dass auch eine Frau im Alter als begehrenswert gilt. Bei Männern ist man ja diese Attraktivität im Alter, diese Präsentation, etwa bei George Clooney, gewohnt. Bei Frauen trifft dies ja in Film, Kunst, Gesellschaft meist nicht so zu. Wien ist da anders. Zum Altwerden als Frau würde ich mir Wien aussuchen (lacht).

Wien hat einen Charme. Es ist ein Charme der Liebe. Und dieser ist einem Roman sehr nahe.

Liebe ist immer ein Kontrollverlust. Es kommt darauf an, dies zulassen zu wollen. Das kommt auf die Persönlichkeit an. Es ist eine Entscheidung. 

Liebe ist in Stadt und Land dieselbe. Am Land kannst Du schneller sehr viel alleine sein.

Liebe kann etwas Ungesundes, Toxisches haben. Das ist das Abhängige, das Jemand-Retten-Wollen, das Verliebtsein in das Unverfügbare.

Das Verlieren ist immer ein Teil der Liebe. Und es ist keine weibliche Eigenschaft. Das Positive ist, dass man gestärkt daraus hervorgehen kann. Das Arbeiten an eigenen Schwächen. Warum gerade diese Person? Diese Erfahrungen lassen Menschen, das Leben besser verstehen. Es kann auch eine künstlerische Quelle sein.

Musik hilft im Liebeskummer. Beethoven kann da etwa gut trösten (lacht). In der Ungargasse, dem Romanschauplatz, war ja auch einer der Wohnsitze Beethovens. Musik begeistert natürlich auch im Liebesglück. Ist Inspiration.

Verliebtsein, da ist dieses Gefühl der Überwältigung. Wenn man das Gefühl hat, alle leeren Töpfe in einem sind gefüllt. Dieser Mann ist es jetzt. Mein Leben hat sich jetzt verbessert. Das sind Anzeichen einer ungesunden Beziehung. Dieser Topf mit falschen Erwartungen ist ja sehr schnell leer und füllt sich dann mit Abhängigkeit.

Dieses heiß und kalt. Dieses Süchtig-Machende in der Liebe. Das ist genderneutral.

Wie kommt man da raus? – nur mit kaltem Entzug. Von heute auf morgen kein Kontakt mehr. Telefonnummer löschen. Bilder verbrennen. Im schlimmsten Fall geht es nur mit Polizeischutz. Zu sagen, man soll sich das vorher überlegen, das geht nicht.

50 Jahre nach Malina sind Frauen freier in Liebe, Beruf, Alltag. Patriarchale Männer, Strukturen gibt es noch immer, in Stadt und Land.

Auch in der Kunst gibt es patriarchale Strukturen. Es ist am Weg der Besserung, jedoch noch lange keine Gleichberechtigung.

Wie man das Bild des „mächtigen Mannes“ gesellschaftlich nachhaltig verändern kann, weiß ich nicht. Ich bin froh, da nicht Politikerin zu sein.

Der „mächtige, dominierende Mann“ kommt so oft vor. Etwa in Gesellschaft an einem Tisch. Ein Mann und vier Frauen. Und der Mann spricht und die Frauen schweigen, hören zu. Vielleicht kommt es daher, dass manche Männer glauben, sie dürfen alles, dürfen Frauen beherrschen.

Ich spiele auch in einem Frauenensemble Es kommt immer wieder vor, dass alte gruselige Männer auf uns als Gruppe zukommen oder auch zu uns einzeln – und ja dann:  „wollt`s was trinken?“ und „wo wohnt`s ihr, das liegt eh am Weg, ich kann euch nachhause bringen“. Das ist sehr unangenehm und zeigt dieses Ungleichgewicht. Wenn ich mir das umkehrt vorstelle, das ist doch komplett absurd. Da fängt es an. Auch wenn es keine kriminelle Absicht sein muss. Ich bin da immer bestimmt wie höflich, das müssen die Männer einfach lernen.

Männer, meist ältere aber nicht nur, erzählen von großartigen Konzertmöglichkeiten, künstlerischen Kontakten und blablabla. Wollen ein Karterl haben. In Wirklichkeit ist da nichts dahinter. Sie wollen uns nur einfach noch dahaben, „fesseln“ im Gespräch. Ich tausche mich über dieses Thema auch mit Frauen, Kolleginnen aus, über Reaktionen, Umgang. 

Männer versuchen ihre Position auszunutzen, fahren dann alle Geschütze auf, wenn sie da zurechtgewiesen werden. Sind „angfressn“ und beleidigen dann.

Es ist eine Utopie, dass ein Mann am künstlerischen Weg protegieren kann. Aber es fallen noch immer viele Frauen darauf rein. Eine Frau muss ihren Weg selbst gehen. Die Lebensläufe von Frauen zeigen das.

Frauensolidarität ist eine große Stärke. Etwa das Mitfreuen, die Kollektivfreude. Dass es nicht dieser Kampf ist, auch zwischen Frauen, da ist es eh schon gesellschaftlich schwierig genug. Schulbildung ist da auch sehr wichtig.

50 Jahre Malina _ Roman _ Ingeborg Bachmann _ im Gespräch:

Barbara Neu_ Klarinettistin, Musikerin, Performancekünstlerin _Wien.

Barbara Maria Neu

Station bei Ingeborg Bachmann- alle Fotos/Interview_Walter Pobaschnig _Hotel Regina_Wien_5_2021

Walter Pobaschnig _ 6_2021

https://literaturoutdoors.com

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