„Dass manche mehr „uns“ sind und manche weniger „uns“ (sein dürfen)“ José Oliver, Schriftsteller_ Hausach/D 13.3.2021

Lieber José, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Meine Tage und Nächte haben sich seit der Ausgangssperre in Baden-Württemberg strukturell noch einmal stark verändert. Die rigorose Einschränkung durch die Vorgaben zu den sozialen Kontakten sind ja schon unerträglich genug und dann auch das noch: Ab 20 Uhr wurde uns hier im Südwesten ja quasi bis zum 11.Februar 2021 ein „Hausarrest“ verordnet. Der frei verfügbare Tag wurde deshalb zu einem gefährlich engen, schier erstickenden geistigen und körperlichen Korsett. Mal sehen, wie es weitergeht … Ich empfinde das als sehr große Belastung, der ich psychisch nicht immer gewachsen bin. Also lasse ich die Tage und Nächte manchmal auch zu einem guten Teil auf mich zukommen, kümmere mich um meine Mutter – ein Halt! –  und plane, in motivierten Phasen, hoffentlich corona-intelligent genug, die 24. Ausgabe des Hausacher LeseLenzes 2021.

Ich denke viel nach, lese, schreibe, collagiere, organisiere (weiter) und bitte mich selbst darum, alles einigermaßen unversehrt zu überstehen. Wenn meine Emotionen und meine Gedanken zu sehr miteinander kämpfen, gehe ich den Wald – wider die Einsamkeit. Dann treffe ich Entscheidungen und „informiere“ mich diesbezüglich: allerdings erst einen Tag später. So wie das im Augenblick zwischen den Executiven und den Parlamenten ja die äußerst fragwürdige politische Praxis geworden ist.

José Oliver, Schriftsteller

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Spannend dieses „uns“.  Die Frage beschäftigt mich seit längerem. Wer ist dieses „uns“? Ich habe den Eindruck, dass manche in unseren Gesellschaften mehr „uns“ sind und manche weniger „uns“ (sein dürfen). Kultur in all ihren Facetten ist seit geraumer Zeit wohl mit einem wie auch immer gearteten „uns“ nicht gemeint. Insofern: Wach bleiben, um noch wacher zu „w:erden“.  

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Die der Freiheit. Die Freiheit, die Kunst der Freiheit zu verteidigen, indem sie in all ihren Ausdrucksformen präsent „b:leibt“.  Wie sagte Calderón de la Barca so treffend: „Ich war ein Narr und was ich gesehen habe, hat mich zu zwei Narren gemacht.“

Was liest Du derzeit?

Ich bin ein Vielleser, um nicht zu sagen ein Lesesüchtiger. Ich hänge quasi an der (Bücher)nadel! Im Augenblick versorgen mich: # BLACK LIVES MATTER von Patrisse Khan-Cullors; SEIN REICH von Martin Schäuble und DISCOVERY PASSAGES von Garry Thomas Morse und immer wieder deutschsprachige Lyrik (u.a. Lütfiye Güzel, Dagmara Kraus, Marie T. Martin und Jan Kuhlbrodt).  

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Ich weiß nicht, bist du der Durst oder das Wasser auf meinem Weg“ (Antonio Machado)

Vielen Dank für das Interview lieber José, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

José Oliver_Lyriker, Essayist, Übersetzer, Festivalleiter des Hausacher LeseLenzes.

José F. A. Oliver (oliverjose.com)

Foto_Privatarchiv Oliver

11.2.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Ein Theaterbesuch ist nicht zu ersetzen“ Valerie Anna Gruber, Schauspielerin _Wien 13.3.2021

Liebe Valerie Anna, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich hatte das große Glück, von Anfang Jänner des Jahres bis Anfang März proben zu können. Das hat sehr gutgetan, die letzte Produktion liegt doch schon ein paar Monate zurück, die war vor dem Lockdown im November 2020. Und nach einer langen Zeit des intensiven physical distancing war es einfach wunderschön, wieder mit anderen Menschen im selben Raum arbeiten zu können. Da richtet sich der Tagesablauf dann meist nach den Proben, und alles andere wird rundherum eingeteilt.

Valerie Anna Gruber_Schauspielerin

Ich schlafe gern viel und lange, und die reduzierten und unregelmäßigen Termine haben es möglich gemacht, dass ich auch manchmal am Vormittag noch im Bett liege… trotzdem muss man darauf achten, ein bisschen Routine beizubehalten, und so ist das tägliche bewusste an die frische Luft gehen ein fixer Bestandteil meines Tagesablaufs geworden.

Dann stehen auch noch andere Dinge auf dem Plan, wie etwa Bewerbungen schreiben, Gesangsstunden, an zukünftigen Projekten arbeiten – ich finde mir eigentlich recht leicht eine Beschäftigung. Abends wird dann meistens gekocht und entweder ferngesehen (was ich vor der Pandemie nur noch selten tat), einfach geplaudert oder auch mal ein Brettspiel gespielt.

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Wachsam und achtsam zu bleiben. Ich erwische mich selbst oft dabei, wie ich einfach in den Tag hineinlebe und ihn an mir vorbeiziehen lasse, weil die Tage oft so eintönig und gleich wirken – und am Ende so, als ob sie gar nicht wirklich stattgefunden hätten. Das ist schade, denn es gibt viele Dinge, die auch jetzt schön sind und über die man sich freuen kann, wenn man nur hinschaut.

Auch wachsam zu bleiben gegenüber all den negativen Gefühlen, die da auftauchen – die Situation ist für uns alle sehr fordernd, und hin und wieder muss man einfach auch zulassen, dass man sich wütend oder niedergeschlagen fühlt. Es gilt auch wachsam und kritisch zu bleiben, was die immer neuen Maßnahmen und Regeln betrifft, die bestimmt gesundheitspolitisch wichtig sind, aber deren Auswirkungen auf die Demokratie, die Freiheit und die Psyche viel zu wenig beachtet werden. Außerdem ist es wichtig, achtsam zu bleiben gegenüber den Mitmenschen, obwohl sich der Kontakt stark verändert hat. Und am Allerwichtigsten ist es, nicht den Humor zu verlieren!

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?

Wir sollten uns überlegen, wie wir weitermachen wollen. Ist es wirklich erstrebenswert, dass „alles wieder wird wie vorher“? Was bedeutet das? Noch mehr, noch schneller, noch unmenschlicher? Ich mag die Entschleunigung, die die Pandemie in der Gesellschaft bewirkt hat. Im Alltag davor hatte ich von Zeit zu Zeit das Gefühl, nicht mehr mithalten zu können. Das hat Corona ziemlich unsanft unterbrochen. Auch den Konsumwahn – es war selbstverständlich, dass alles immer verfügbar ist. Und ich habe bemerkt, wie viel ich davon eigentlich gar nicht brauche.


Dafür habe ich die spärlichen Treffen mit nahestehenden Menschen wirklich zu schätzen gelernt. Ich finde erschreckend, wie schnell wir uns daran gewöhnt haben, niemanden zu umarmen und niemandem die Hand zu geben, zu allen Menschen auf Abstand zu gehen und sie mitunter auch als potentielle Bedrohung wahrzunehmen. Mit dieser Konditionierung werden wir in Zukunft als Gesellschaft umgehen müssen, und ich hoffe sehr, dass wir Nähe bald wieder als etwas Schönes wahrnehmen können.


Die Pandemie hat auch gezeigt, welche Berufe im Ernstfall wirklich wichtig sind. Ich würde mir wünschen, dass diese in Zukunft nicht nur mehr Anerkennung, sondern auch eine gerechtere Bezahlung bekommen.


Es ist mir aber auch sehr wichtig, dass anerkannt wird, welchen Beitrag Kunst und Kultur für die seelische Gesundheit leistet und, dass man darauf nicht so einfach verzichten kann.

Für das Theater wünsche ich mir, dass man sich so bald wie möglich rückbesinnt auf die Bedeutung einer Live-Performance. Theater ins Internet zu verlegen macht vielleicht notgedrungen Sinn, aber ein Stream oder eine Zoom-Lesung können einfach einen Theaterbesuch nicht ersetzen. Wenn Schauspieler mit einem Publikum im selben Raum sind entsteht eine Energie, die man nur in diesem Rahmen erleben kann.

Was liest Du derzeit?

Zu seinem 10. Todestag habe ich begonnen, die Biografie von Peter Alexander zu lesen, einem großartigen Künstler, der mich schon immer inspiriert hat.
Durch meine aktuelle Theaterproduktion, „Die Schamlosen“ in der TheaterArche, lese ich derzeit auch privat gerne Daniil Charms. Seine Texte sind so absurd, dass sie fast an die Absurdität unserer aktuellen Realität herankommen…

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Eine Krise besteht darin, dass das Alte stirbt und das Neue nicht geboren werden kann. – Antonio Gramsci

Vielen Dank für das Interview liebe Valerie Anna, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

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Valerie Anna Gruber, Schauspielerin

Home – Valerie Anna Gruber – Schauspielerin

Fotos_Mode_Styling: Valerie Anna Gruber.

Alle Fotos_Walter Pobaschnig: Cafè Prückel_Wien_3_21

28.2.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Irritiert bis erschüttert, dass man nicht die Grundlagen für eine Pandemie wie diese hinterfragt“ Angelika Reitzer, Schriftstellerin_ Wien 13.3.2021

Liebe Angelika, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Äußerlich hat sich nicht so viel geändert, Schreiben, Lesen, Laufen. Zwar kann ich jetzt länger schlafen, weil der Teenager nicht mehr oder kaum in die Schule darf oder muss, je nachdem (schon verwunderlich, was man sich auf einmal zu wünschen beginnt…). Nur dass Schreiben, Lesen, Laufen jetzt Inseln sind inmitten von … allem oder eben nichts. Es fehlen Begegnungen, absichtliche, zufällige, Inspirationen, Auseinandersetzungen (… mit Menschen, mit der Kunst anderer, mit Kultur), Widersprüche, aber auch Unterwegssein, das Bewirten und Bewirtet-Werden.

Angelika Reitzer, Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Die Frage verstehe ich nicht oder kann sie zumindest nicht beantworten, weil ich nicht weiß, wer dieses wir/alle sind.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Ob wir wirklich vor einem Aufbruch stehen, weiß ich nicht, befürchte doch eher, wir sind ein- oder ausgesperrt, teils depressiv, armutsgefährdet, allein, irritiert bis erschüttert darüber, dass man nicht die Grundlagen für eine Pandemie wie diese (neoliberaler Globalisierungsparforceritt) hinterfragt, sondern nur wieder das alte Fast-Normal zurückhaben will.

Sinn und Existenzgrundlage von Kunst liegt immer nur in ihr selbst, sogar wenn sie politisch ist oder agitiert. Dennoch können wir Forderungen stellen, die nicht mit dem Faktor der Wirtschaftlichkeit argumentieren, sondern nach einer Grundsicherung aller, die Künstler*innen könnten hier vorangehen.

Was liest Du derzeit?

„Das vorläufig Beibende“ von Elfriede Gerstl, Gedichte von Thomas Kling und „Triceratops“ von Stephan Roiss, das fetzt alles sehr!

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Gerstls Gedicht „einem vorwurf vorauseilend // ich habe keine ahnung / wie gut es mir geht / jetzt habe ich eine ahnung / dass ich keine ahnung habe / wie – bitte – geht es mir“

Vielen Dank für das Interview liebe Angelika, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Angelika Reitzer, Schriftstellerin

Kulturserver Graz » Virtuelle Visitenkarte » Angelika Reitzer

Foto_privat.

13.2.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Die Farbe muss sich erst wieder in das Bild zurückkämpfen“ Christopher Ray Colley, Künstler_Ulm/D 12.3.2021

Lieber Christopher, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Mein Tag beginnt um 7 Uhr, ich mache einen Telefonspaziergang mit einer Freundin, wir sprechen über Neuigkeiten, was uns motiviert und über dies und das ! 

Danach gibt es  Porridge und Kaffee, dazu schaue ich die Tagesschau vom Vorabend!

Ich gehe an meinen Schreibtisch und beginne mich mit der Ästhetik, der Kunstgeschichte und Kinderzeichnungen zu beschäftigen und zu studieren.

Über eine Videokonferenz, analysiere ich mit Kommilitonen kunstwerke und wir diskutieren. Von Picasso, Kandinsky über den Kontrapost bis zu der ägyptischen Kunst.

Danach koche ich und es gibt meinen zweiten Kaffee.

Freitags geht es in die Kunsthochschule und ich arbeite weiter an meiner Tusche- und Kohlezeichnungen zu dem Thema /LOCKDOWN/. Dies ist mein Highlight.

Bevor die Sonne untergeht, jogge ich noch eine Runde an der Dreisam oder im Schwarzwald.

Zwischendurch organisiere ich Ausstellungen, Treffen mit Zeitungen und halte meine social community auf dem Laufenden.

Am Abend koche ich noch mit meinen Mitbewohnern, reden über den Tag und lassen den Tag gemütlich ausklingen.

Christopher Ray Colley, Künstler

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Zusammenhalt, Kreativität, Inspiration, Motivation, Ziele, Gesundheit, Freunde und Familie

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Kunst an sich zu?

Ich bin der festen Überzeugung, Kunst trotzt Corona!

Kunst ist in dieser Zeit so wichtig wie noch nie!

Meine Kunst, meine Kreativität und meine großen Ziele sind meine Waffe, ich möchte Menschen inspirieren und motivieren!

Ich merke, dass die Menschen Lust haben über Kunst zu reden, Ausstellungen zu besuchen und Kultur erleben möchten!

#ohnekunstwirdsstill

Die Kunst wird sich verändern, genauso wie die Kunstszene!

Meine Bilder haben sich verändert. Die Farbe muss sich erst wieder in das Bild zurückkämpfen und ein Licht am Ende des Tunnels wird hoffentlich bald wieder zu sehen sein!

Jetzt ist es wichtig die Geduld nicht zu verlieren, es ist wichtig zu kämpfen und durchzuhalten!

Denn die Kunst wird wiederkommen!

So farbenfroh und motivierend wie noch nie zuvor!

Was liest Du derzeit?

Aufgrund der Tatsache, dass ich gerade in der Prüfungsphase in meinem Kunst– und Mathestudium bin, fehlt mir die Zeit ein Buch zu lesen.

Jedoch habe ich die Empfehlung meines Kunstdozenten das Buch:

/30 000 Jahre Kunst/ zu lesen.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

/JEDER VON UNS IST KUNST, GEZEICHNET VOM LEBEN/ Casper _ Unzerbrechlich

Vielen Dank für das Interview lieber Christopher Ray, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Christopher Ray Colley, Künstler

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Fotos_Christopher Ray Colley

14.2.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Von innen heraus auf die äußeren Um- und Zustände einzuschreiben versuchen“ Maximilian Christian Baron Scheffold, Schriftsteller _ Wien 12.3.2021

Lieber Maximilian, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Zunächst mal recht früh aufstehn, dann meine Freundin nochmal gescheit zudecken, je nachdem, die schläft dann noch zwei Stunden, die Schlafmütze, und mir einen Kaffee holen gehn. Das aber so oder so. Kein Tag ohne Kaffee. Und wieder mit dem Rauchen begonnen, also eher versuchen wieder damit aufzuhören, bei meiner ersten Tschick zum Kaffee. Klo gehn, mich dort derweil über tagespolitische Sachen auf Facebook und Konsorten aufregen, mich über die Regierung aufregen, und über Internetnutzer*innen im Allgemeinen. Aber bloß kurz nur. Erst danach beginnt so richtig mein Tag.

Setz mich an den Schreibtisch, mach Sachen für die Uni, schieb sie doch auf, mach sie dann trotzdem, meistens, oder so. Und schreiben, ganz viel schreiben. Gegen die inneren Zustände anschreiben, von innen heraus auf die äußeren Um- und Zustände einzuschreiben versuchen, so viel wie geht, das aber trotzdem eigentlich im Stillen in meinem Zimmer, und hoffen dass die Hoffnung mal aufgeht, naja.

Spazieren geh ich auch recht viel, zu unterschiedlichen Zeiten am Tag, Corona hat ja Struktur so ziemlich im Privaten wie im Öffentlichen weitgehend aufgelöst, also zuverlässige, dementsprechend der ständige Versuch, Struktur einzuführen in mein Leben, von Tag zu Tag. Aber halt Spazierengehen. Und die Unruhe. Die Unruhe an der Unruhe, und das kratzen daran. Ein wenig Werther spielen und sich leidenschaftlich auf die Nerven dabei gehn, die Strukturentleerung durch Corona und die Rigidität der monotonen Gleichförmigkeit jeden Tages ohne Möglichkeit zum wirklich mal was machen (kann man ja jetzt ENDLICH wieder ins Museum gehn, yay) lässt mich halt mich in meine eigenen Dramen mehr reinsteigern, beziehungsweise Dramen zu erzeugen, wo bloß vielleicht Mücken, eigentlich. Und dann das wieder erschreiben.

Und dann doch wieder ein klein wenig Exzess, ein zwei Bier am Abend, egal welcher, die Wochentage haben für Studierende und Schreibende ja herzlich wenig Bedeutung, also jetzt nicht jeden Tag und nicht die ganze Zeit, ach, ich meinte halt auch hin und wieder unter der Woche. Und dann wieder das Reflektieren des Exzesses und eventuell die nächste Wertheraktion. Hab mir meine Haare abrasiert, hab mir zwei Piercings gestochen, hätte gerne eine Tätowiermaschine zuhause. So wird mir eigentlich eh nie wirklich fad. Zumindest aber nicht meinen Mitbewohner*innen und meiner Freundin. Ein wenig Inszenierung halt und ein wenig Spaß. Also nix mit fad die meiste Zeit über, außer manchmal dann beim Schreiben und Studieren wiederum. Ach ja, lesen ganz viel, ein wenig Ruhe um die Unruhe aushalten zu können. So schauts mal aus, derweil.

Maximilian Christian Baron Scheffold, Schriftsteller

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich glaube, Transparenz. Transparenz in allen Regierungsentscheidungen, Klarheit in ihren Forderungen, ihren Aktionen etc. Bitte nicht falsch verstehen, ich bin kein Querdenker, Corona ist real, der Staat muss intervenieren, Maßnahmen sind notwendig, eindeutig. Bloß in der Kommunikation zu den Bürger*innen würde ich mir doch etwas mehr Transparenz und Klarheit wünschen und in den Regierungsentscheidungen, und nicht ständig dieses Hin und Her, dieses Wischiwaschi, machen wir mal auf und dann wieder zu und dann wieder auf, obwohl rundherum, also zumindest in Deutschland, der Lockdown einfach mal durchgezogen wird. Österreich ist und bleibt – ich hoffe jedoch, nicht für immer, bitte nicht – eine Weißspritz-Nation, zumindest im politischen Feld: man ist weder ganz Wein, noch ganz Soda, mach ma mal die Hälfte, trink ma mal halt was, und dann schaun ma weiter, vielleicht nachm nächsten Glaserl Halb-Halb, a bisserl bsuffn samma ja schon, ist ja lustig. Oder anders: Österreich, wie mir mal ein Freund gesagt hat, ist halt ein Operettenland ohne Wiener Schluss, es gibt viel Drama, dann wirds wieder lustig, ein wenig traurig, spannend auch, doch versöhnlich wirds leider nie; die Operette Österreich kommt nie wirklich aus dem Lustigdramatischen raus, was mehr als bloß tragisch für die Bevölkerung ist, eigentlich zum Kotzen dieser ganze geheuchelte Kitsch, der mehr Verdrängung als Glänzen.

Aber naja, Transparenz, das ist es, was wir, glaub ich, besonders brauchen würden bzw. was wichtig wär. Was sonst? Bücher, vielleicht, auch ein paar Bier und Kaffee. Und vermutlich ein kleines bisschen weniger Rechtspopulismus, wenn ich bitten dürfte. Und die Grünen wieder grün. Ach ja, und eine Käseglocke auf Tirol.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Hm, die Rolle der Literatur. Ich leih mir da mal kurz ein paar Worte: Reinhard Priessnitz meinte einmal in einem Interview, dass Literatur nicht „die verantwortung oder sogar die fähigkeit hat, dinge in der empirischen welt zu verändern.“ Wenn man also etwas schreibe oder anderweitig mache, meint Priessnitz, so sei das immer schon „ein ausdruck von freiheit und damit auch von opposition zum status quo.“ Ich stehe dieser Aussage seitens Priessnitz ja recht ambivalent gegenüber, so sehr ich ihn auch schätze. Zum einen verdammt er den literarischen Ausdruck zum bloßen Ausdruck bereits strukturell präsenter Möglichkeiten, also zum Ausdruck von durch die Struktur bereitgestellten und damit auch erlaubten Oppositionsmöglichkeiten zum Status Quo. Sprich, die Möglichkeit der Literatur wäre damit bloß die Möglichkeit des Status Quo, ganz hart gestrafft jetzt, natürlich. Und davor grauts mir massiv. Zum anderen aber baut er trotzdem auf das revolutionäre Potential von Literatur, es unterliegt halt gewissen Beschränkungen. So sehr ich mich dagegen auch aussprechen möchte, sehe ich das leider dennoch als zutreffend, beide Seiten nun, für die Zukunft, oder besser gesagt, Gegenwart von Kunst und Literatur, ich möchte ja nur sehr ungern diese beiden Begriffe getrennt voneinander benutzen, impliziert das doch, dass Literatur keine Kunst wäre, das aber nur mal so im Dranvorbeigehen, – also Literatur (ich beschränke mich nun auf diesen Begriff einfach mal), zumindest in Österreich, hat leider nicht uneingeschränktes Potential zum gesellschaftlichen Eingriff. Seit Corona noch viel weniger denn je, leider, aber auch schon davor noch unter SchwarzBlau, ähm, TürkisBlau, also unter der blauen EinserPasch-Regierung, und so wahrscheinlich auch noch weiterhin, wenn die Regierung, selbst unter „Mitwirkung“ der Grünen, weiterhin nichts mehr als bürokratisierte Freunderlwirtschaft und Hintertür verbleiben sollte, und Türkis die Kulturlandschaft noch weiter zum Ergrauen verdammt. Alle Schreibenden und Kunstschaffenden (upps, schon wieder diese Trennung), müssen, meiner Meinung nach, gegen dieses Verhaftetsein im Status Quo, gegen dieses Verhaftetsein des künstlerisch-revolutionären (großes Wort, aber mein Gott..) Potentials in eben diesem Status Quo, bereitgestellt vom Staat – Kunst also zu kurz kommend –, anschreiben. Immer weiter, mehr. Aber es ist schon verständlich, dass die Kritik- und Interventionsfähigkeit der Literatur, vor allem im Lyrik-Bereich, natürlich stark leidet und eingeschränkt bleibt und wird, wenn Schriftsteller*innen hauptsächlich von Förderungen, Preisen, Stipendien, etc. etc. – kauft ja niemand so Zeugs, schade – abhängig sind, also von vom Staat bereitgestellten Strukturen, nicht nur um Kritik überhaupt üben zu können, sondern um bloß schon einfach nur zu überleben. Daher glaube ich leider nicht so wirklich an die Fähigkeit von Literatur, ins gesellschaftliche Leben hart und tief eingreifen zu können, momentan zumindest, doch aber glaube ich dafür um so mehr an ihre Verantwortung diesbezüglich, so paradox das auch klingt wahrscheinlich. Also schließe ich mich cum grano salis Priessnitz an, halt umgemünzt auf die heutige und voraussichtlich auch momentan mal anhaltende Situation. Aber noch kurz nochmal zurück zur eigentlichen Frage: was wird wesentlich sein? Ich glaube Kritik, sofern möglich halt, denk ich mir. Den Kurz beim Schopfe packen, also, selbst ohne Aussicht auf großartigen noch kleinen Erfolg, naja. Ein ewiges „und aber“ halt, vermutlich mit Hunger.

Was liest Du derzeit?

Viel und wenig, eigentlich. Recht unsystematisch relativ viel Lyrik, hie und da stöber ich im Thomas Kling umher, haben seine Gedichte ja wieder teilweise mehr Relevanz denn je (Stichwort „tiroler hai“, „lamentiertes tirol“ etc.). Und natürlich immer wieder mal im Stefan Schmitzer herumgewühlt, herrlich lustig und politisch und einfach nur wahr, oder zumindest scharf treffend, aber lustig. Sehr gut auf jeden Fall. Dann hab ich grad das neueste Buch von meiner guten Freundin Raphi Edelbauer gelesen, „Dave“, sehr gutes Ding, Empfehlung an alle, jetzt, kaufen, sofort. Hab grad mit „Auwald“ von Jana Volkmann begonnen, da bin ich auch sehr gespannt. Ansonsten halt wie immer hie und da in „Dessen Sprache du nicht verstehst“ von Marianne Fritz reingestöbert, hoffe ja noch immer, das irgendwann mal auch komplett durchzuhaben, 3300 Seiten sind ja ein wenig eine Zumutung, aber meines Erachtens nach eines der wichtigsten Werke österreichischer Literatur (proletarischer Gegenmythos zum bürgerlichen Narrativ vom 1. Weltkrieg und Österreich im Allgemeinen, was will man mehr? Also stark verkürzend jetzt dargestellt, versteht sich ja von selbst..). Und auch mal wieder „Geometrischer Heimatroman“ von Gert Jonke vor kurzem gelesen, lohnt sich das Ding, echt, Anti-Heimatsachen sind schon was Schönes, Herzwärmendes, vielleicht auch mehr Werner Schwab lesen daher, naja, ist jetzt eine Empfehlung mal. Dementsprechend möchte ich mir auch gern mal wieder bald Klaus Hoffers „Bei den Bieresch“ zugute führen. Ansonsten les ich grad Juri Lotman, geniale Raumsemiotische Theorie, auch wiederum gut auf Österreich anwendbar, sein Spätwerk zumindest, jedenfalls auf den komischen Lokalpatriotismus, den unsere kleine aber feine (aber oho!) Staatsoperette so vehement übt. Aber ja, noch eine Empfehlung noch?: Mehr Lyrik lesen, jetzt! Wär schon cool, find ich.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„[…]

sprachs adam vor dem sündenfall lachten sie irr / und flogen das blaue vom himmel – versus – / „‚die wenigen die was davon erkannt‘ / – wovon eigentlich?“ so etwa wird es enden.

[…]“

aus Ulf Stolterfoht, „Fachsprachen I-IX“

und (wieder ein Österreich-Bezug):

„Es war das Land, in dem belohnt wurde die Willkür. Und bestraft, der nicht vergessen konnte.“

aus Marianne Fritz, „Dessen Sprache du nicht verstehst“

und zum Abschluss noch was lustiges, tröstliches, vielleicht (aber auch nicht):

„[…]

scheiß kunst. scheiß sozialer frieden. scheiß bedürfnisstruktur, noch einmal scheiß kunst. […]

scheiß voraussetzungen für die scheiß voraussetzungslosigkeit. sag neuer mensch, sag es anders, sag am besten gar nichts mehr.

scheiß einfamilienhaus-cluster, scheiß alter, scheiß kunst, scheiß wiederholungszwang, scheiß zwang.

scheiß sozialer frieden.“

aus Stefan Schmitzer, „scheiß sozialer frieden“

jetzt und aber schluss.

Vielen Dank für das Interview lieber Maximilian, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

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Maximilian Christian Baron Scheffold, Schriftsteller

Foto_privat

11.2.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Ich frage mich: Was ist das, „Normalität“?“ Andrea Behnke, Schriftstellerin _ Bochum 12.3.2021

Liebe Andrea, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Der Lockdown heißt für mich: Meine Arbeit findet nur noch am Schreibtisch statt. Ich schreibe. Lesungen und Workshops gibt es derzeit nicht, sie fehlen. Gerade ist mein neuer Kinderroman erschienen, „Die Verknöpften“ (Ariella Verlag) – Veranstaltungen dazu müssen warten. Somit kommt den „Sozialen Medien“ noch mehr Bedeutung zu.

Momentan schreibe ich eine Geschichte für den Hörfunk. Da ich ohnehin am besten daheim an meinem eigenen Schreibtisch arbeiten kann, hat sich beim Schreiben nichts geändert für mich. Äußerlich zumindest. Innerlich war das letzte Jahr ein Auf und Ab – und nicht immer konnte ich kreativ sein.

Was mir fehlt, ist ein Ausgleich: Treffen mit Freund/innen oder Kolleg/innen, Musik machen mit anderen, ein Konzert- oder Theaterbesuch.

Jeden Tag raus zu gehen und zu laufen – unabhängig vom Wetter – ist für mich eine Routine, die mir den Kopf frei bläst.

Andrea Behnke, Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich finde es wichtig, nicht nur sich selbst im Blick zu haben, sondern auch die anderen, die Gesellschaft. Ich habe das Gefühl, dass die Menschen jetzt sehr auf sich zurückgeworfen sind und es oft nicht gelingt, über den eigenen kleinen Tellerrand zu schauen. Ich habe das Gefühl, dass sich Fronten verhärten.

Abends höre ich in den „Tagesthemen“ den abschließenden Satz „Bleiben Sie zuversichtlich“. Das ist ein guter Wunsch, doch es gibt Tage, an denen muss ich arg daran arbeiten, zuversichtlich zu bleiben – nicht nur wegen der Pandemie, sondern auch wegen einiger Strömungen in der Gesellschaft.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Viele sprechen von der „Normalität“, zu der wir zurückkehren wollen, sollen. Ich frage mich: Was ist das, „Normalität“? Gibt es so etwas überhaupt? Wie wollen wir in Zukunft leben?

Kunst – und gerade auch Literatur – kann Impulse geben. Erweitert den Horizont, lässt uns in andere Welten eintauchen, die Welt mit anderen Augen sehen. Theater, Musik, Literatur, bildende Kunst – sie regen Diskussionen, Debatten an. Auch politische. Und das ist gerade in dieser Zeit wichtig. Sie sorgen für Begegnungen – hoffentlich bald wieder im öffentlichen und nicht nur im digitalen Raum.

Was liest Du derzeit?

Thomas Hettche: „Herzfaden – Roman der Augsburger Puppenkiste“
Ilka Piepgras (Hrsg.): „Schreibtisch mit Aussicht“
… und ziemlich viele Sachtexte für eine neue Projektidee

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

In dem Buch „Schreibtisch mit Aussicht“ (Verlag Kein & Aber) sagt Anne Tyler (S. 29): „Während die Außenwelt immer unzuverlässiger wird, baue ich meine Innenwelt immer weiter aus …“ – das passt zu diesen Zeiten.

Vielen Dank für das Interview liebe Andrea, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Andrea Behnke, Schriftstellerin

Ich schreibe Geschichten. | ANDREA BEHNKE

Foto_privat.

13.2.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Wir müssen an uns selber glauben“ Klaus Ditz, Schauspieler_Wien 11.3.2021

Lieber Klaus, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Eigentlich bin ich ein Frühaufsteher , was sich seit dem Lockdown etwas geändert hat. Als
erstes gibt es Kaffee und den Saft einer halben Grapefruit. Während ich die Nachrichten auf Ö1 höre, mache ich nebenher meine Turnübungen. Sie sind nur ein Ersatz zu dem Training im Fitnessstudio. Ich versuche mir einen Tagesplan zu machen. Es gibt Arbeiten am Schreibtisch und die Wohnung möchte auch nicht vernachlässigt werden. Ich brauche unbedingt ein Mittagessen also versuche ich immer etwas ohne großen Aufwand zu zaubern. Das gelingt mir ganz gut.

Am frühen Abend spaziere ich dann in die Innenstadt. Meist belohne ich mich mit einer Extrawurstsemmel (sehr österreichisch) oder einer Mehlspeise. An das Essen im Freien haben wir uns ja mittlerweile schon gewöhnt. Danach genieße ich den Spaziergang im 1. Bezirk. Immer wieder entdeckt man was Neues und Schönes. Ich empfinde es als großes Geschenk, in einer Stadt wie Wien leben zu dürfen.

Klaus Ditz_Schauspieler

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Wir müssen an uns selber glauben.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?

Der Zusammenhalt der Gesellschaft wäre sehr wichtig. Ich hoffe sehr, dass uns das gelingt. Die Politik vergisst im Moment gerne auf Kunst und Kultur- das dürfen wir nicht zulassen. Wir müssen gemeinsam an schönen Projekten arbeiten. Wenn der Spuck (hoffentlich bald) vorbei ist, werden wir Kulturveranstaltungen noch intensiver aufnehmen.

Was liest Du derzeit?

Im Moment lese ich fast nur Nachrichten. Beim Einschlafen gerne mal Gedichte. Ein
Gedichtband von Rainer Maria Rilke ist immer griffbereit.

Welches Zitat, Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Pessimismus ist der Feind vom Optimismus

Vielen Dank für das Interview lieber Klaus, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Klaus Ditz, Schauspieler

Foto_Ulrik Hölzel

9.2.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Der Aufbruch muss oder müsste auf Basis einer wohlinformierten Gesellschaft beruhen“ Katharina Pressl, Schriftstellerin_ Wien 11.3.2021

Liebe Katharina, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Nicht ausschließlich von der Pandemie bedingt, arbeite ich zur Zeit Teilzeit in einem Kindergarten. Das heißt ich steh um halb 7 auf, fahr eine Stunde in die Arbeit, betreue und arbeite dort mit 20 Kindern und fahr nach 5 bis 8 Stunden wieder eine Stunde zurück. Danach bin ich K. O., geh spazieren, leg mich in die Badewanne oder spiel mit meinem Freund nicht unpeinlicherweise ein kooperatives Harry-Potter-Brettspiel. In seltenen Fällen komm ich zur Zeit zum Schreiben. Sad but true.

Katharina Pressl, Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Überlegen, was nötig wäre, damit sich langfristig und realistischerweise unser Leben in allen Aspekten verändert und verbessert. Und dann zusehen, dass es umgesetzt wird.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Der Aufbruch muss oder müsste auf Basis einer wohlinformierten Gesellschaft beruhen, in der progressive Ideen vorherrschen und in der klar ist, was tatsächlich wichtig ist und was bloß seit Ewigkeiten als wichtig dargestellt wird. Die Literatur müsste in diesem Fall die Realität so spiegeln, dass sie auf progressivere Ideen schließen lässt oder selber Formen des Aufbruchs versuchen durchzuspielen. Es gibt und wird nie die eine Rolle der Literatur geben. Sie deckt so viele verschiedene Funktionen ab, dass Bestimmungen immer nur bestimmte Facetten betreffen können.

Was liest Du derzeit?

Abgesehen von den 1 – 4 Bilderbüchern pro Tag, nochmal von Maggie Nelson Die Argonauten. 

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Glücklichsein ist kein Schutz, und es ist ganz bestimmt keine Verantwortung. Die Freiheit, glücklich zu sein, schränkt die menschliche Freiheit ein, wenn man nicht frei ist, nicht glücklich zu sein. Aus beiden Freiheiten können Gewohnheiten werden, und nur man selbst weiß, für welche man sich entschieden hat. (Maggie Nelson, Sara Ahmed zitierend (kursiv))

Vielen Dank für das Interview liebe Katharina, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Katharina Pressl, Schriftstellerin

Katharina Pressl (residenzverlag.com)

Foto_Aleksandra Pawlof

13.2.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Es ist im Theater nicht genug, darauf zu warten, dass wir wieder alles wie vorher machen können“ Martin Vischer, Schauspieler _ Wien 10.3.2021

Lieber Martin, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Bis vor kurzem war der Tag noch durch Proben an der Josefstadt strukturiert. Rechnitz (der Würgeengel). Mit ungewissem Premierendatum, also Phantomproben quasi. Ich bin sehr gespannt auf die Begegnung der Josefstadt mit Elfriede Jelinek. Die Auseinandersetzung mit diesem Stoff war äußerst spannend. Ich bin fasziniert davon, wie Frau Jelinek mit ihrem Text gräbt und gräbt, mit ihrer Sprache die Wunde offenhält, und im Grunde klarmacht, dass es keine Antworten gibt auf diese Fragen, die zu stellen aber der einzig mögliche Umgang mit diesen Greueln ist. Die Fragen immer wieder zu stellen.Jetzt ist es eher der familiäre Alltag, der meinen Tagesplan definiert. Dasgenieße ich. Mir ist bewusst, dass es ein unglaubliches Privileg ist, in dieserSituation finanziell abgesichert zu sein. Die Zeit, die mir nun zur Verfügung steht, nutze ich nun unter anderem fürs Lieder schreiben. Das ist viel zu lange viel zu kurz gekommen.

Martin Vischer, Schauspieler

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Dass wir die richtigen Schlüsse ziehen aus dieser Katastrophe. Was bringt die Pandemie ans Tageslicht? Dass unser Wachstumsdenken zu kurz greift. Sowohl sozial, als auch global. Wir werden die drängenden Probleme unserer Zeit nicht lösen, indem wir uns immer mehr einkapseln. Solidarität muss neu definiert werden. Wenn wir nur uns selber retten, geht der Rest vor die Hunde und dann im Umkehrschluss auch wieder wir selbst. Das betrifft alle großen Fragen unserer Zeit, allen voran natürlich den Klimawandel.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei Dem Theater/ Schauspiel, der Kunst an sich zu?

Mich erstaunt es, dass das Theater, dass sich selbst so gern als Spiegel der Gesellschaft bezeichnet, so sehr in der Schockstarre ist. Warum sind große Theater nicht Gastgeber für kleine Theater, die mit fünfzig Zuschauern ausverkauft wären und in einem größeren Raum überleben könnten? Warum spielen die großen Theater nicht im Fußballstadion mit zweitausend anstatt zwanzigstausend Zuschauern? Wegen der Miete? Wer sagt, dass es diese Art der Solidarität nicht geben kann? Und allgemeiner: Was ist Theater? Was muss es können? Ab wann ist es unmöglich? Ich habe auf diese Fragen keine Antworten, aber ich möchte, dass sie gestellt werden. Es ist nicht genug, darauf zu warten, dass wir wieder alles wie vorher machen können. Dass die Theater betonen, dass sie wichtig sind ist schon ok. Ich denke aber,man sollte die Wichtigkeit definieren. Weil für eine barbarische, rein gewinnorientierte Gesellschaft sind sie überhaupt nicht wichtig. Dort stören sie eher. Weil sie ja Geld kosten. Und da sind wir ganz schnell bei ganz anderen Fragen: Was ist ein gutes Leben? Was für eine Gesellschaft wollen wir sein?

Was liest Du derzeit?

„Dicht“ von Stefanie Sargnagel, erschienen bei Rowohlt. „Der mitteleuropäische Reinigungskult“ von Bernhard Moshammer, erschienen beim Milena Verlag- Und den Falter, die Wochenzeitung aus Wien

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Eine Zeile aus einem fast fertigen Song, den ich gerade schreibe: und was uns bleibt, ist die Luft nach oben.

Vielen Dank für das Interview lieber Martin, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Schauspielprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Martin Vischer, Schauspieler

Fotos_Florian Mooshammer

3.3.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Dass es auch wieder Zeiten geben wird, in denen die Kunst aufblüht“ Stepan Sobanov, Komponist, Wien 10.3.2021

Lieber Stepan, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich bin bemüht mich an die aktuellen Umstände anzupassen und meinen kreativen Output etwas umzulenken: statt Kompositionen für große Ensembles schreibe ich für kleine Besetzungen, kombiniere diese evtl. mit Samples oder produziere gleich direkt meine Ideen am PC. Abgesehen davon haben wir mit meiner Verlobten seit diesem Jahr einen jungen Hund zuhause, die viel Aufmerksamkeit braucht – ich bin also diesen Winter glücklicherweise mehr an der frischen Luft als in den Jahren zuvor.

Stepan Sobanov_Komponist

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Für uns KünstlerInnen ist es jetzt wichtiger mental und körperlich gesund zu bleiben als die ganz großen Leistungen zu erbringen und von sich selbst zu erwarten, dass man sich wieder einmal zum Vorjahr steigern kann. Lieber mal eine Stunde früher Feierabend machen und dem Burnout coronagerecht von Weitem zu winken. Aber trotzdem nicht vergessen, dass es auch wieder Zeiten geben wird, in der die Kunst wieder aufblüht und uneingeschränkt dargestellt werden kann. Diejenigen, die heute an ihrem Kunsthandwerk auch im Stillen arbeiten, werden morgen vermutlich besonders gefragt sein.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen.
Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Musik, der
Kunst an sich zu?

Ich bezweifle, dass es wirklich einen Aufbruch geben wird – und hoffe
gleichzeitig, dass ich unrecht habe.

Was liest Du derzeit?

Die Autobiographie des Komponisten Philipp Glass, „Words Without Music“

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

In other words, there could be many correct solutions to a musical problem.
Those many correct solutions came under the rubric of technique. However,
the particular way a composer solved the problem, or (to put it another way)
his or her predilection for one solution over several others, became the audible
style of the composer. Almost like a fingerprint.

Vielen Dank für das Interview lieber Stepan, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Musikprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Stepan Sobanov, Komponist

Stepan Sobanov

10.2.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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