„Von innen heraus auf die äußeren Um- und Zustände einzuschreiben versuchen“ Maximilian Christian Baron Scheffold, Schriftsteller _ Wien 12.3.2021

Lieber Maximilian, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Zunächst mal recht früh aufstehn, dann meine Freundin nochmal gescheit zudecken, je nachdem, die schläft dann noch zwei Stunden, die Schlafmütze, und mir einen Kaffee holen gehn. Das aber so oder so. Kein Tag ohne Kaffee. Und wieder mit dem Rauchen begonnen, also eher versuchen wieder damit aufzuhören, bei meiner ersten Tschick zum Kaffee. Klo gehn, mich dort derweil über tagespolitische Sachen auf Facebook und Konsorten aufregen, mich über die Regierung aufregen, und über Internetnutzer*innen im Allgemeinen. Aber bloß kurz nur. Erst danach beginnt so richtig mein Tag.

Setz mich an den Schreibtisch, mach Sachen für die Uni, schieb sie doch auf, mach sie dann trotzdem, meistens, oder so. Und schreiben, ganz viel schreiben. Gegen die inneren Zustände anschreiben, von innen heraus auf die äußeren Um- und Zustände einzuschreiben versuchen, so viel wie geht, das aber trotzdem eigentlich im Stillen in meinem Zimmer, und hoffen dass die Hoffnung mal aufgeht, naja.

Spazieren geh ich auch recht viel, zu unterschiedlichen Zeiten am Tag, Corona hat ja Struktur so ziemlich im Privaten wie im Öffentlichen weitgehend aufgelöst, also zuverlässige, dementsprechend der ständige Versuch, Struktur einzuführen in mein Leben, von Tag zu Tag. Aber halt Spazierengehen. Und die Unruhe. Die Unruhe an der Unruhe, und das kratzen daran. Ein wenig Werther spielen und sich leidenschaftlich auf die Nerven dabei gehn, die Strukturentleerung durch Corona und die Rigidität der monotonen Gleichförmigkeit jeden Tages ohne Möglichkeit zum wirklich mal was machen (kann man ja jetzt ENDLICH wieder ins Museum gehn, yay) lässt mich halt mich in meine eigenen Dramen mehr reinsteigern, beziehungsweise Dramen zu erzeugen, wo bloß vielleicht Mücken, eigentlich. Und dann das wieder erschreiben.

Und dann doch wieder ein klein wenig Exzess, ein zwei Bier am Abend, egal welcher, die Wochentage haben für Studierende und Schreibende ja herzlich wenig Bedeutung, also jetzt nicht jeden Tag und nicht die ganze Zeit, ach, ich meinte halt auch hin und wieder unter der Woche. Und dann wieder das Reflektieren des Exzesses und eventuell die nächste Wertheraktion. Hab mir meine Haare abrasiert, hab mir zwei Piercings gestochen, hätte gerne eine Tätowiermaschine zuhause. So wird mir eigentlich eh nie wirklich fad. Zumindest aber nicht meinen Mitbewohner*innen und meiner Freundin. Ein wenig Inszenierung halt und ein wenig Spaß. Also nix mit fad die meiste Zeit über, außer manchmal dann beim Schreiben und Studieren wiederum. Ach ja, lesen ganz viel, ein wenig Ruhe um die Unruhe aushalten zu können. So schauts mal aus, derweil.

Maximilian Christian Baron Scheffold, Schriftsteller

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich glaube, Transparenz. Transparenz in allen Regierungsentscheidungen, Klarheit in ihren Forderungen, ihren Aktionen etc. Bitte nicht falsch verstehen, ich bin kein Querdenker, Corona ist real, der Staat muss intervenieren, Maßnahmen sind notwendig, eindeutig. Bloß in der Kommunikation zu den Bürger*innen würde ich mir doch etwas mehr Transparenz und Klarheit wünschen und in den Regierungsentscheidungen, und nicht ständig dieses Hin und Her, dieses Wischiwaschi, machen wir mal auf und dann wieder zu und dann wieder auf, obwohl rundherum, also zumindest in Deutschland, der Lockdown einfach mal durchgezogen wird. Österreich ist und bleibt – ich hoffe jedoch, nicht für immer, bitte nicht – eine Weißspritz-Nation, zumindest im politischen Feld: man ist weder ganz Wein, noch ganz Soda, mach ma mal die Hälfte, trink ma mal halt was, und dann schaun ma weiter, vielleicht nachm nächsten Glaserl Halb-Halb, a bisserl bsuffn samma ja schon, ist ja lustig. Oder anders: Österreich, wie mir mal ein Freund gesagt hat, ist halt ein Operettenland ohne Wiener Schluss, es gibt viel Drama, dann wirds wieder lustig, ein wenig traurig, spannend auch, doch versöhnlich wirds leider nie; die Operette Österreich kommt nie wirklich aus dem Lustigdramatischen raus, was mehr als bloß tragisch für die Bevölkerung ist, eigentlich zum Kotzen dieser ganze geheuchelte Kitsch, der mehr Verdrängung als Glänzen.

Aber naja, Transparenz, das ist es, was wir, glaub ich, besonders brauchen würden bzw. was wichtig wär. Was sonst? Bücher, vielleicht, auch ein paar Bier und Kaffee. Und vermutlich ein kleines bisschen weniger Rechtspopulismus, wenn ich bitten dürfte. Und die Grünen wieder grün. Ach ja, und eine Käseglocke auf Tirol.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Hm, die Rolle der Literatur. Ich leih mir da mal kurz ein paar Worte: Reinhard Priessnitz meinte einmal in einem Interview, dass Literatur nicht „die verantwortung oder sogar die fähigkeit hat, dinge in der empirischen welt zu verändern.“ Wenn man also etwas schreibe oder anderweitig mache, meint Priessnitz, so sei das immer schon „ein ausdruck von freiheit und damit auch von opposition zum status quo.“ Ich stehe dieser Aussage seitens Priessnitz ja recht ambivalent gegenüber, so sehr ich ihn auch schätze. Zum einen verdammt er den literarischen Ausdruck zum bloßen Ausdruck bereits strukturell präsenter Möglichkeiten, also zum Ausdruck von durch die Struktur bereitgestellten und damit auch erlaubten Oppositionsmöglichkeiten zum Status Quo. Sprich, die Möglichkeit der Literatur wäre damit bloß die Möglichkeit des Status Quo, ganz hart gestrafft jetzt, natürlich. Und davor grauts mir massiv. Zum anderen aber baut er trotzdem auf das revolutionäre Potential von Literatur, es unterliegt halt gewissen Beschränkungen. So sehr ich mich dagegen auch aussprechen möchte, sehe ich das leider dennoch als zutreffend, beide Seiten nun, für die Zukunft, oder besser gesagt, Gegenwart von Kunst und Literatur, ich möchte ja nur sehr ungern diese beiden Begriffe getrennt voneinander benutzen, impliziert das doch, dass Literatur keine Kunst wäre, das aber nur mal so im Dranvorbeigehen, – also Literatur (ich beschränke mich nun auf diesen Begriff einfach mal), zumindest in Österreich, hat leider nicht uneingeschränktes Potential zum gesellschaftlichen Eingriff. Seit Corona noch viel weniger denn je, leider, aber auch schon davor noch unter SchwarzBlau, ähm, TürkisBlau, also unter der blauen EinserPasch-Regierung, und so wahrscheinlich auch noch weiterhin, wenn die Regierung, selbst unter „Mitwirkung“ der Grünen, weiterhin nichts mehr als bürokratisierte Freunderlwirtschaft und Hintertür verbleiben sollte, und Türkis die Kulturlandschaft noch weiter zum Ergrauen verdammt. Alle Schreibenden und Kunstschaffenden (upps, schon wieder diese Trennung), müssen, meiner Meinung nach, gegen dieses Verhaftetsein im Status Quo, gegen dieses Verhaftetsein des künstlerisch-revolutionären (großes Wort, aber mein Gott..) Potentials in eben diesem Status Quo, bereitgestellt vom Staat – Kunst also zu kurz kommend –, anschreiben. Immer weiter, mehr. Aber es ist schon verständlich, dass die Kritik- und Interventionsfähigkeit der Literatur, vor allem im Lyrik-Bereich, natürlich stark leidet und eingeschränkt bleibt und wird, wenn Schriftsteller*innen hauptsächlich von Förderungen, Preisen, Stipendien, etc. etc. – kauft ja niemand so Zeugs, schade – abhängig sind, also von vom Staat bereitgestellten Strukturen, nicht nur um Kritik überhaupt üben zu können, sondern um bloß schon einfach nur zu überleben. Daher glaube ich leider nicht so wirklich an die Fähigkeit von Literatur, ins gesellschaftliche Leben hart und tief eingreifen zu können, momentan zumindest, doch aber glaube ich dafür um so mehr an ihre Verantwortung diesbezüglich, so paradox das auch klingt wahrscheinlich. Also schließe ich mich cum grano salis Priessnitz an, halt umgemünzt auf die heutige und voraussichtlich auch momentan mal anhaltende Situation. Aber noch kurz nochmal zurück zur eigentlichen Frage: was wird wesentlich sein? Ich glaube Kritik, sofern möglich halt, denk ich mir. Den Kurz beim Schopfe packen, also, selbst ohne Aussicht auf großartigen noch kleinen Erfolg, naja. Ein ewiges „und aber“ halt, vermutlich mit Hunger.

Was liest Du derzeit?

Viel und wenig, eigentlich. Recht unsystematisch relativ viel Lyrik, hie und da stöber ich im Thomas Kling umher, haben seine Gedichte ja wieder teilweise mehr Relevanz denn je (Stichwort „tiroler hai“, „lamentiertes tirol“ etc.). Und natürlich immer wieder mal im Stefan Schmitzer herumgewühlt, herrlich lustig und politisch und einfach nur wahr, oder zumindest scharf treffend, aber lustig. Sehr gut auf jeden Fall. Dann hab ich grad das neueste Buch von meiner guten Freundin Raphi Edelbauer gelesen, „Dave“, sehr gutes Ding, Empfehlung an alle, jetzt, kaufen, sofort. Hab grad mit „Auwald“ von Jana Volkmann begonnen, da bin ich auch sehr gespannt. Ansonsten halt wie immer hie und da in „Dessen Sprache du nicht verstehst“ von Marianne Fritz reingestöbert, hoffe ja noch immer, das irgendwann mal auch komplett durchzuhaben, 3300 Seiten sind ja ein wenig eine Zumutung, aber meines Erachtens nach eines der wichtigsten Werke österreichischer Literatur (proletarischer Gegenmythos zum bürgerlichen Narrativ vom 1. Weltkrieg und Österreich im Allgemeinen, was will man mehr? Also stark verkürzend jetzt dargestellt, versteht sich ja von selbst..). Und auch mal wieder „Geometrischer Heimatroman“ von Gert Jonke vor kurzem gelesen, lohnt sich das Ding, echt, Anti-Heimatsachen sind schon was Schönes, Herzwärmendes, vielleicht auch mehr Werner Schwab lesen daher, naja, ist jetzt eine Empfehlung mal. Dementsprechend möchte ich mir auch gern mal wieder bald Klaus Hoffers „Bei den Bieresch“ zugute führen. Ansonsten les ich grad Juri Lotman, geniale Raumsemiotische Theorie, auch wiederum gut auf Österreich anwendbar, sein Spätwerk zumindest, jedenfalls auf den komischen Lokalpatriotismus, den unsere kleine aber feine (aber oho!) Staatsoperette so vehement übt. Aber ja, noch eine Empfehlung noch?: Mehr Lyrik lesen, jetzt! Wär schon cool, find ich.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„[…]

sprachs adam vor dem sündenfall lachten sie irr / und flogen das blaue vom himmel – versus – / „‚die wenigen die was davon erkannt‘ / – wovon eigentlich?“ so etwa wird es enden.

[…]“

aus Ulf Stolterfoht, „Fachsprachen I-IX“

und (wieder ein Österreich-Bezug):

„Es war das Land, in dem belohnt wurde die Willkür. Und bestraft, der nicht vergessen konnte.“

aus Marianne Fritz, „Dessen Sprache du nicht verstehst“

und zum Abschluss noch was lustiges, tröstliches, vielleicht (aber auch nicht):

„[…]

scheiß kunst. scheiß sozialer frieden. scheiß bedürfnisstruktur, noch einmal scheiß kunst. […]

scheiß voraussetzungen für die scheiß voraussetzungslosigkeit. sag neuer mensch, sag es anders, sag am besten gar nichts mehr.

scheiß einfamilienhaus-cluster, scheiß alter, scheiß kunst, scheiß wiederholungszwang, scheiß zwang.

scheiß sozialer frieden.“

aus Stefan Schmitzer, „scheiß sozialer frieden“

jetzt und aber schluss.

Vielen Dank für das Interview lieber Maximilian, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Maximilian Christian Baron Scheffold, Schriftsteller

Foto_privat

11.2.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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