„Ein Theaterbesuch ist nicht zu ersetzen“ Valerie Anna Gruber, Schauspielerin _Wien 13.3.2021

Liebe Valerie Anna, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich hatte das große Glück, von Anfang Jänner des Jahres bis Anfang März proben zu können. Das hat sehr gutgetan, die letzte Produktion liegt doch schon ein paar Monate zurück, die war vor dem Lockdown im November 2020. Und nach einer langen Zeit des intensiven physical distancing war es einfach wunderschön, wieder mit anderen Menschen im selben Raum arbeiten zu können. Da richtet sich der Tagesablauf dann meist nach den Proben, und alles andere wird rundherum eingeteilt.

Valerie Anna Gruber_Schauspielerin

Ich schlafe gern viel und lange, und die reduzierten und unregelmäßigen Termine haben es möglich gemacht, dass ich auch manchmal am Vormittag noch im Bett liege… trotzdem muss man darauf achten, ein bisschen Routine beizubehalten, und so ist das tägliche bewusste an die frische Luft gehen ein fixer Bestandteil meines Tagesablaufs geworden.

Dann stehen auch noch andere Dinge auf dem Plan, wie etwa Bewerbungen schreiben, Gesangsstunden, an zukünftigen Projekten arbeiten – ich finde mir eigentlich recht leicht eine Beschäftigung. Abends wird dann meistens gekocht und entweder ferngesehen (was ich vor der Pandemie nur noch selten tat), einfach geplaudert oder auch mal ein Brettspiel gespielt.

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Wachsam und achtsam zu bleiben. Ich erwische mich selbst oft dabei, wie ich einfach in den Tag hineinlebe und ihn an mir vorbeiziehen lasse, weil die Tage oft so eintönig und gleich wirken – und am Ende so, als ob sie gar nicht wirklich stattgefunden hätten. Das ist schade, denn es gibt viele Dinge, die auch jetzt schön sind und über die man sich freuen kann, wenn man nur hinschaut.

Auch wachsam zu bleiben gegenüber all den negativen Gefühlen, die da auftauchen – die Situation ist für uns alle sehr fordernd, und hin und wieder muss man einfach auch zulassen, dass man sich wütend oder niedergeschlagen fühlt. Es gilt auch wachsam und kritisch zu bleiben, was die immer neuen Maßnahmen und Regeln betrifft, die bestimmt gesundheitspolitisch wichtig sind, aber deren Auswirkungen auf die Demokratie, die Freiheit und die Psyche viel zu wenig beachtet werden. Außerdem ist es wichtig, achtsam zu bleiben gegenüber den Mitmenschen, obwohl sich der Kontakt stark verändert hat. Und am Allerwichtigsten ist es, nicht den Humor zu verlieren!

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?

Wir sollten uns überlegen, wie wir weitermachen wollen. Ist es wirklich erstrebenswert, dass „alles wieder wird wie vorher“? Was bedeutet das? Noch mehr, noch schneller, noch unmenschlicher? Ich mag die Entschleunigung, die die Pandemie in der Gesellschaft bewirkt hat. Im Alltag davor hatte ich von Zeit zu Zeit das Gefühl, nicht mehr mithalten zu können. Das hat Corona ziemlich unsanft unterbrochen. Auch den Konsumwahn – es war selbstverständlich, dass alles immer verfügbar ist. Und ich habe bemerkt, wie viel ich davon eigentlich gar nicht brauche.


Dafür habe ich die spärlichen Treffen mit nahestehenden Menschen wirklich zu schätzen gelernt. Ich finde erschreckend, wie schnell wir uns daran gewöhnt haben, niemanden zu umarmen und niemandem die Hand zu geben, zu allen Menschen auf Abstand zu gehen und sie mitunter auch als potentielle Bedrohung wahrzunehmen. Mit dieser Konditionierung werden wir in Zukunft als Gesellschaft umgehen müssen, und ich hoffe sehr, dass wir Nähe bald wieder als etwas Schönes wahrnehmen können.


Die Pandemie hat auch gezeigt, welche Berufe im Ernstfall wirklich wichtig sind. Ich würde mir wünschen, dass diese in Zukunft nicht nur mehr Anerkennung, sondern auch eine gerechtere Bezahlung bekommen.


Es ist mir aber auch sehr wichtig, dass anerkannt wird, welchen Beitrag Kunst und Kultur für die seelische Gesundheit leistet und, dass man darauf nicht so einfach verzichten kann.

Für das Theater wünsche ich mir, dass man sich so bald wie möglich rückbesinnt auf die Bedeutung einer Live-Performance. Theater ins Internet zu verlegen macht vielleicht notgedrungen Sinn, aber ein Stream oder eine Zoom-Lesung können einfach einen Theaterbesuch nicht ersetzen. Wenn Schauspieler mit einem Publikum im selben Raum sind entsteht eine Energie, die man nur in diesem Rahmen erleben kann.

Was liest Du derzeit?

Zu seinem 10. Todestag habe ich begonnen, die Biografie von Peter Alexander zu lesen, einem großartigen Künstler, der mich schon immer inspiriert hat.
Durch meine aktuelle Theaterproduktion, „Die Schamlosen“ in der TheaterArche, lese ich derzeit auch privat gerne Daniil Charms. Seine Texte sind so absurd, dass sie fast an die Absurdität unserer aktuellen Realität herankommen…

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Eine Krise besteht darin, dass das Alte stirbt und das Neue nicht geboren werden kann. – Antonio Gramsci

Vielen Dank für das Interview liebe Valerie Anna, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Valerie Anna Gruber, Schauspielerin

Home – Valerie Anna Gruber – Schauspielerin

Fotos_Mode_Styling: Valerie Anna Gruber.

Alle Fotos_Walter Pobaschnig: Cafè Prückel_Wien_3_21

28.2.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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