„Es ist im Theater nicht genug, darauf zu warten, dass wir wieder alles wie vorher machen können“ Martin Vischer, Schauspieler _ Wien 10.3.2021

Lieber Martin, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Bis vor kurzem war der Tag noch durch Proben an der Josefstadt strukturiert. Rechnitz (der Würgeengel). Mit ungewissem Premierendatum, also Phantomproben quasi. Ich bin sehr gespannt auf die Begegnung der Josefstadt mit Elfriede Jelinek. Die Auseinandersetzung mit diesem Stoff war äußerst spannend. Ich bin fasziniert davon, wie Frau Jelinek mit ihrem Text gräbt und gräbt, mit ihrer Sprache die Wunde offenhält, und im Grunde klarmacht, dass es keine Antworten gibt auf diese Fragen, die zu stellen aber der einzig mögliche Umgang mit diesen Greueln ist. Die Fragen immer wieder zu stellen.Jetzt ist es eher der familiäre Alltag, der meinen Tagesplan definiert. Dasgenieße ich. Mir ist bewusst, dass es ein unglaubliches Privileg ist, in dieserSituation finanziell abgesichert zu sein. Die Zeit, die mir nun zur Verfügung steht, nutze ich nun unter anderem fürs Lieder schreiben. Das ist viel zu lange viel zu kurz gekommen.

Martin Vischer, Schauspieler

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Dass wir die richtigen Schlüsse ziehen aus dieser Katastrophe. Was bringt die Pandemie ans Tageslicht? Dass unser Wachstumsdenken zu kurz greift. Sowohl sozial, als auch global. Wir werden die drängenden Probleme unserer Zeit nicht lösen, indem wir uns immer mehr einkapseln. Solidarität muss neu definiert werden. Wenn wir nur uns selber retten, geht der Rest vor die Hunde und dann im Umkehrschluss auch wieder wir selbst. Das betrifft alle großen Fragen unserer Zeit, allen voran natürlich den Klimawandel.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei Dem Theater/ Schauspiel, der Kunst an sich zu?

Mich erstaunt es, dass das Theater, dass sich selbst so gern als Spiegel der Gesellschaft bezeichnet, so sehr in der Schockstarre ist. Warum sind große Theater nicht Gastgeber für kleine Theater, die mit fünfzig Zuschauern ausverkauft wären und in einem größeren Raum überleben könnten? Warum spielen die großen Theater nicht im Fußballstadion mit zweitausend anstatt zwanzigstausend Zuschauern? Wegen der Miete? Wer sagt, dass es diese Art der Solidarität nicht geben kann? Und allgemeiner: Was ist Theater? Was muss es können? Ab wann ist es unmöglich? Ich habe auf diese Fragen keine Antworten, aber ich möchte, dass sie gestellt werden. Es ist nicht genug, darauf zu warten, dass wir wieder alles wie vorher machen können. Dass die Theater betonen, dass sie wichtig sind ist schon ok. Ich denke aber,man sollte die Wichtigkeit definieren. Weil für eine barbarische, rein gewinnorientierte Gesellschaft sind sie überhaupt nicht wichtig. Dort stören sie eher. Weil sie ja Geld kosten. Und da sind wir ganz schnell bei ganz anderen Fragen: Was ist ein gutes Leben? Was für eine Gesellschaft wollen wir sein?

Was liest Du derzeit?

„Dicht“ von Stefanie Sargnagel, erschienen bei Rowohlt. „Der mitteleuropäische Reinigungskult“ von Bernhard Moshammer, erschienen beim Milena Verlag- Und den Falter, die Wochenzeitung aus Wien

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Eine Zeile aus einem fast fertigen Song, den ich gerade schreibe: und was uns bleibt, ist die Luft nach oben.

Vielen Dank für das Interview lieber Martin, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Schauspielprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Martin Vischer, Schauspieler

Fotos_Florian Mooshammer

3.3.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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