„Dass manche mehr „uns“ sind und manche weniger „uns“ (sein dürfen)“ José Oliver, Schriftsteller_ Hausach/D 13.3.2021

Lieber José, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Meine Tage und Nächte haben sich seit der Ausgangssperre in Baden-Württemberg strukturell noch einmal stark verändert. Die rigorose Einschränkung durch die Vorgaben zu den sozialen Kontakten sind ja schon unerträglich genug und dann auch das noch: Ab 20 Uhr wurde uns hier im Südwesten ja quasi bis zum 11.Februar 2021 ein „Hausarrest“ verordnet. Der frei verfügbare Tag wurde deshalb zu einem gefährlich engen, schier erstickenden geistigen und körperlichen Korsett. Mal sehen, wie es weitergeht … Ich empfinde das als sehr große Belastung, der ich psychisch nicht immer gewachsen bin. Also lasse ich die Tage und Nächte manchmal auch zu einem guten Teil auf mich zukommen, kümmere mich um meine Mutter – ein Halt! –  und plane, in motivierten Phasen, hoffentlich corona-intelligent genug, die 24. Ausgabe des Hausacher LeseLenzes 2021.

Ich denke viel nach, lese, schreibe, collagiere, organisiere (weiter) und bitte mich selbst darum, alles einigermaßen unversehrt zu überstehen. Wenn meine Emotionen und meine Gedanken zu sehr miteinander kämpfen, gehe ich den Wald – wider die Einsamkeit. Dann treffe ich Entscheidungen und „informiere“ mich diesbezüglich: allerdings erst einen Tag später. So wie das im Augenblick zwischen den Executiven und den Parlamenten ja die äußerst fragwürdige politische Praxis geworden ist.

José Oliver, Schriftsteller

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Spannend dieses „uns“.  Die Frage beschäftigt mich seit längerem. Wer ist dieses „uns“? Ich habe den Eindruck, dass manche in unseren Gesellschaften mehr „uns“ sind und manche weniger „uns“ (sein dürfen). Kultur in all ihren Facetten ist seit geraumer Zeit wohl mit einem wie auch immer gearteten „uns“ nicht gemeint. Insofern: Wach bleiben, um noch wacher zu „w:erden“.  

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Die der Freiheit. Die Freiheit, die Kunst der Freiheit zu verteidigen, indem sie in all ihren Ausdrucksformen präsent „b:leibt“.  Wie sagte Calderón de la Barca so treffend: „Ich war ein Narr und was ich gesehen habe, hat mich zu zwei Narren gemacht.“

Was liest Du derzeit?

Ich bin ein Vielleser, um nicht zu sagen ein Lesesüchtiger. Ich hänge quasi an der (Bücher)nadel! Im Augenblick versorgen mich: # BLACK LIVES MATTER von Patrisse Khan-Cullors; SEIN REICH von Martin Schäuble und DISCOVERY PASSAGES von Garry Thomas Morse und immer wieder deutschsprachige Lyrik (u.a. Lütfiye Güzel, Dagmara Kraus, Marie T. Martin und Jan Kuhlbrodt).  

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Ich weiß nicht, bist du der Durst oder das Wasser auf meinem Weg“ (Antonio Machado)

Vielen Dank für das Interview lieber José, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

José Oliver_Lyriker, Essayist, Übersetzer, Festivalleiter des Hausacher LeseLenzes.

José F. A. Oliver (oliverjose.com)

Foto_Privatarchiv Oliver

11.2.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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