„Ich frage mich: Was ist das, „Normalität“?“ Andrea Behnke, Schriftstellerin _ Bochum 12.3.2021

Liebe Andrea, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Der Lockdown heißt für mich: Meine Arbeit findet nur noch am Schreibtisch statt. Ich schreibe. Lesungen und Workshops gibt es derzeit nicht, sie fehlen. Gerade ist mein neuer Kinderroman erschienen, „Die Verknöpften“ (Ariella Verlag) – Veranstaltungen dazu müssen warten. Somit kommt den „Sozialen Medien“ noch mehr Bedeutung zu.

Momentan schreibe ich eine Geschichte für den Hörfunk. Da ich ohnehin am besten daheim an meinem eigenen Schreibtisch arbeiten kann, hat sich beim Schreiben nichts geändert für mich. Äußerlich zumindest. Innerlich war das letzte Jahr ein Auf und Ab – und nicht immer konnte ich kreativ sein.

Was mir fehlt, ist ein Ausgleich: Treffen mit Freund/innen oder Kolleg/innen, Musik machen mit anderen, ein Konzert- oder Theaterbesuch.

Jeden Tag raus zu gehen und zu laufen – unabhängig vom Wetter – ist für mich eine Routine, die mir den Kopf frei bläst.

Andrea Behnke, Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich finde es wichtig, nicht nur sich selbst im Blick zu haben, sondern auch die anderen, die Gesellschaft. Ich habe das Gefühl, dass die Menschen jetzt sehr auf sich zurückgeworfen sind und es oft nicht gelingt, über den eigenen kleinen Tellerrand zu schauen. Ich habe das Gefühl, dass sich Fronten verhärten.

Abends höre ich in den „Tagesthemen“ den abschließenden Satz „Bleiben Sie zuversichtlich“. Das ist ein guter Wunsch, doch es gibt Tage, an denen muss ich arg daran arbeiten, zuversichtlich zu bleiben – nicht nur wegen der Pandemie, sondern auch wegen einiger Strömungen in der Gesellschaft.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Viele sprechen von der „Normalität“, zu der wir zurückkehren wollen, sollen. Ich frage mich: Was ist das, „Normalität“? Gibt es so etwas überhaupt? Wie wollen wir in Zukunft leben?

Kunst – und gerade auch Literatur – kann Impulse geben. Erweitert den Horizont, lässt uns in andere Welten eintauchen, die Welt mit anderen Augen sehen. Theater, Musik, Literatur, bildende Kunst – sie regen Diskussionen, Debatten an. Auch politische. Und das ist gerade in dieser Zeit wichtig. Sie sorgen für Begegnungen – hoffentlich bald wieder im öffentlichen und nicht nur im digitalen Raum.

Was liest Du derzeit?

Thomas Hettche: „Herzfaden – Roman der Augsburger Puppenkiste“
Ilka Piepgras (Hrsg.): „Schreibtisch mit Aussicht“
… und ziemlich viele Sachtexte für eine neue Projektidee

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

In dem Buch „Schreibtisch mit Aussicht“ (Verlag Kein & Aber) sagt Anne Tyler (S. 29): „Während die Außenwelt immer unzuverlässiger wird, baue ich meine Innenwelt immer weiter aus …“ – das passt zu diesen Zeiten.

Vielen Dank für das Interview liebe Andrea, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Andrea Behnke, Schriftstellerin

Ich schreibe Geschichten. | ANDREA BEHNKE

Foto_privat.

13.2.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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