„Es stünde eine Veränderung unserer Lebensweise an“ Jan Kuhlbrodt, Schriftsteller_ Leipzig 24.3.2021

Lieber Jan, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Gerade ist es bei mir von außen betrachtet ziemlich eintönig. Nicht nur wegen Corona, sondern auch weil unsere erwachsenen Kinder ausgezogen sind und ich derzeit keinen Lehrauftrag oder dergleichen habe. Zuletzt, also letzten Sommer habe ich noch einmal die Woche über Skype am DLL unterrichtet. Da hat mir natürlich der unmittelbare Kontakt sehr gefehlt. Die Zeit vor und nach dem Seminar, vor dem Gebäude. Und auch die Gesten, Blicke, all das Nonverbale, Körperliche. Jetzt stehe ich auf, lese, schau in die Mails, versuche das eine oder andere aufzuschreiben. Rede hin und wieder mit meiner Frau. Ich lese sehr sehr viel gerade. Für mich ist das eine Art Rettung. Allerdings kam das schon vor Corona. Da ich Multiple Sklerose habe, ist lesen meine Art spazieren zu gehen. Das kommt mir jetzt natürlich zu Gute.

Jan Kuhlbrodt, Schriftsteller

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Das was immer wichtig ist, wir sollten kommunikationsbereit sein. Und vor allem einander hin und wieder fragen, wie wir klar kommen.Und alle Kanäle nutzen. Telefon, Chats. Was geht halt und das ist ja nicht wenig.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Ich fürchte, wir werden die Pandemie schnell vergessen haben und in alte Spielformen zurückfallen. Dabei stünde eine Veränderung unserer Lebensweise an, dass wir den Planeten für uns nicht unlebbar machen. Wir sollten die Pandemie in dieser Hinsicht als Training betrachten.

Was liest Du derzeit?

Mary Shelleys „Der letzte Mensch“ unter anderem. Das ist ein Scencefiction, der vom Ende der Menschheit berichtet. Am Ende des 21. Jahrhunderts und das Verblüffende ist, dass Shelley noch nix vom Siegeszug des Verbrennungsmotors wusste, als sie das schrieb.  Ich bin ein Fan ihrer Literatur und schon in „Frankenstein“ hat sie sich als geradezu prophetische Autorin erwiesen und die Frage formuliert, wie wir uns dem von uns Geschaffenen gegenüber verhalten sollten.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Das ist sehr schwierig, weil ich Allgemeinem misstraue. Aber es gibt eine Kürzestgeschichte des Guatemalteken Augusto Monerroso. Sie heißt „Der Dinosaurier“ und geht so: „Als ich erwachte, war der Dinosaurier noch da.“ So wird es sein. Wir werden uns nach der Öffnung als die wiederfinden, die wir waren.

Vielen Dank für das Interview lieber Jan, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

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Jan Kuhlbrodt, Schriftsteller

Jan Kuhlbrodt | Zur Person | Poetenladen

Foto_Nelly Tragousti

9.3.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Über Menschen“ Juli Zeh. Roman. Luchterhand Verlag.

„Weitermachen. Nicht nachdenken“. Dora und die schwere Erde vor, unter ihr. Den Spaten in ihrer Hand. Und das Ziel, eine Vision im Kopf. Raus aus der Großstadt. Das war ihr Plan. Doch jetzt ist die Herausforderung groß. Jeden Tag. „Hier draußen auf dem Land herrscht eine Anarchie der Dinge. Dora ist umgeben von Sachen, die tun, was sie wollen…“.

Es ist ein typisches ostdeutsches Straßendorf, in dem sie jetzt ein neues Leben baut. Ein Haus und 4000Quadratmeter Grund. Sie hat es gegoogelt. Und landete dann hier…

Und dann diese Pandemie. Corona. Die Begriffe und Worte schwirren im Kopf. Die Nachrichten, Gespräche. Die Ängste der Menschen. Auch hier. Beim Spazieren. Alles verändert sich…

Jetzt geht Dora hier ihren eigenen Weg. Es gibt Herausforderungen, Gedanken und Begegnungen. Die Welt ist im Fluß. Im Großen und hier im Kleinen. Jeder Tag ist eine Überraschung…

Die vielfach ausgezeichnete deutsche Schriftstellerin Juli Zeh legt mit Ihrem neuesten Roman „Über Menschen“ eine spannende Geschichte von Selbst- und Weltreflexion in der Gegenwart vor. In spannender Erzählung folgen Leserin und Leser einer Lebensgeschichte und –entwicklung im Kontext von Entscheidungen und Begegnungen. Die Autorin bezieht dabei auch das unmittelbare Zeitgeschehen in all den Herausforderungen mitein. Es ist ein Roman, in dem es um Welt- und Menschenbilder geht, und das in einer wunderbaren Erzählweise.

„Juli Zeh ist eine Meisterin des Erzählens und des mit ganz feiner Sprachklinge Fragenstellens nach Mensch und Welt“

Walter Pobaschnig 3_21

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„Um mia mein Teppich unta d‘Fiaß/so ausn Nix weg zu ziagn“ Mella Fleck, Sängerin_Lichtenwörth/A 24.3.2021

Liebe Mella, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Corona hat die Menschen einander näher gebracht, zumindest mich und meine Familie. Nicht nur emotional, sondern vor allem örtlich. Juhuu. Wir picken aufeinander und teilen viel Zeit.

An den Vormittagen war früher, neben den banalen Tätigkeiten rund um Familie und Haushalt, Zeit für mich, fürs Schreiben und um zu komponieren. Jetzt ist diese Allein-Sein-Zeit (weil Freizeit war es nie) weg und ich bin zu einem großen Teil mit Homeschooling beschäftigt. Ein Traum.

Nachmittags unterrichte ich und abends wäre ich früher zu Proben oder Auftritten gefahren. Jetzt verbringe ich meine Abende mit einem Achterl und Netflix-Berieselung zum Entspannen, wenig spektakulär, aber gemütlich und entschleunigt. Ich mags.

Mella Fleck_Sängerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Toleranz. Corona triggert die Menschen ganz unterschiedlich, packt die Menschen bei ihren tiefsten Ängsten. Die Angst vor dem Tod, die Angst vor gesellschaftlichem Abstieg, die Angst vor finanziellem Ruin, die Angst der Freiheit beraubt zu werden, die Angst vor Manipulation, etc.

Mit diesem schweren Gepäck beginnen sogar Freundinnen zu streiten, Familien entzweien sich und heiß ersehnte Lass-mal-die-Seele-baumeln-Treffen verkommen zu Diskussionsrunden mit nur noch einem Thema.

In Gesprächen die Brücke zum andern zu schlagen, ihm zuzuhören und versuchen zu verstehen, warum er oder sie so vehement für oder gegen eine Maßnahme sind, ist mir wichtig. Nehmen wir das Tempo raus, lassen mal die Schwere weg und vertrauen, dass wir da schon wieder raus kommen werden. Nicht unverändert, aber hoffentlich unbeschadet.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Musik, der Kunst an sich zu.

Meine Lebensziele haben sich im Groben nicht verändert. Aber die Wertigkeiten schon. Mein Radius hat sich eingeschränkt und mein Augenmerk liegt viel mehr darauf, dass es mir gut geht. Punkt. Ich denke es ist wenig sinnvoll, sich an Dinge oder Pläne zu krallen und vielleicht daran zu zerbrechen, weil sie nicht mehr durchführbar sind. Biegsam und „flecksibel“ sein und ehrlich seine Bedürfnisse erkennen, ist für mich essentiell.

Musik kann ein Sprachrohr sein für z.B. Protest, sie kann Menschen mobilisieren, Musik kann beruhigen, einlullen und ablenken. Musik kann ein Ventil sein für Frust oder Angst, sie kann aber auch Hoffnung vermitteln und Verständnis schaffen. Musik ist Liebe in Tönen, also ganz nah an der mächtigsten Sache der Welt. Sie verbindet immer. Dieses feature haben wir noch nie so dringend gebraucht wie jetzt.

Was liest du derzeit?

Ich hab vor kurzem Omama von Lisa Eckhart verschlungen und muss mir jetzt was Neues suchen. Freue mich über Empfehlungen.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest du uns mitgeben?

Einen kleinen Auszug aus meinem nächsten Song „Teppich“. Ich musste vor einiger Zeit mit einer furchtbaren Veränderung umgehen, die mir anfangs den Teppich unter den Füßen wegriss. Musikvideo dazu erscheint im April, zwinker-zwinker.

„Kaunst du bitte nochschaun

ob du auf mein Teppich stehst,

weu irgendwer hod man wegzogn!

I möcht‘ di ned verdächtign,

oba DU muasstas g‘wesn sei,

i siach sunst kan,

der so vü Kroft hod!

Um mia mein Teppich unta d‘Fiaß

so ausn Nix weg zu ziagn,

chapeau mei Freind,

du bist im Training!

I täd jo liaba lochn,

wauns ned so traurig wär,

jetzt lieg i do,

vui daschrockn!

Teppich unter die Fiaß‘ wegzogn…“ (Teppich, Mella Fleck)

Mella Fleck_Sängerin

Vielen Dank für das Interview liebe Mella, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Musikprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

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Mella Fleck, Sängerin

MELLA fleck

Fotos_1_Patrick Haberler 2_Michael Pinzolits

24.2.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Eine absolute Kraft und Macht der Hingabe steckt im Roman“ Sandra Pascal, Schauspielerin_Station bei Bachmann Wien_ 23.3.2021

Ingeborg Bachmann zu spielen – Sandra Pascal in „Ein Geschäft mit Träumen“ _ Uraufführung_Theater auf der Heunburg_Kärnten 2018 – ist wie eine Unterwelt zu betreten. Ein Spiel mit Träumen und Sehnsucht. Wie ein Portal. Ich habe diese Welt geliebt. Es hat was von Schamanismus. Ist eine Energie, in die man eintaucht. Das ganz Besondere sind dann die Momente, wenn etwas aus einem heraustritt, das intellektuell nicht herstellbar ist. Schönheit und Erschütterung. Das ist das Theater und das ist Bachmann

Sandra Pascal, Schauspielerin

Die Erzählerin in Malina ist stark im Moment, kann eintauchen in Atmosphäre, das ist pure Achtsamkeit, das ist wunderschön. Das ist ein Liebesbekenntnis an das Leben trotz aller Zerstörung, trotz allem Wahn.

Ingeborg Bachmann ist eine beeindruckende Persönlichkeit voller Widersprüche. Einerseits ist da Faszination anderseits auch Erschütterung, Distanz.

Gerade auch im Lesen von „Malina“ wird dies deutlich. Diese Verlorenheit, diese Abhängigkeit, diese unglaubliche Sehnsucht, Neugier, Angst, die sich im Roman vermittelt – es ist schwer Worte dafür zu finden.

Es ist düster. Ziemlich düster und dunkel. Ist das Liebe oder eine einzige Verzweiflung?

Eine absolute Kraft und Macht der Hingabe steckt im Roman. Wer traut sich so etwas schon?

Es ist eine ganz feine Art zu sehen, zu beschreiben in ihren Texten.

Malina sieht sie nicht wirklich. Deshalb sucht sie, Ivan sieht sie zumindest mehr als Malina.

Auch wenn Malina ein Spiegel-Ich ist, ist das Gesehen-Werden von außen und innen in der Sehnsucht nach Liebe zentral. Also das „Erkennen“, das ja im Jüdischen das Wort für Liebe ist.

Sie sehnt sich danach, nach diesem „im Licht sein“ und sie zerbricht daran.

Die Männer stehen auf dem Podest, Ivan wie Malina, sind unerreichbar, und sie selbst genügt nicht, ist nicht, nie gut genug. Muss sich verstecken, ist voller Angst, auch Wut, muss wieder in ihr Nest flüchten.

Dieses Warten, dieses Knien vor dem Telefon, Dieses stundenlange Warten, dieses Nicht-Atmen-Können bis er anruft. Und dann nur lieblose Halbsätze, weil sie sich nicht traut Dinge auszusprechen.

Hauptsache er spricht. Hauptsache, er wendet sich an sie. Diese unglaubliche Abhängigkeit. Das ist spannend als Schauspielerin zu spielen, aber als Mensch, Frau, ist das furchtbar anstrengend  – ich will so eine Liebe nicht!

Malina ist ein Ruhepol, sie braucht auch das. Er ist ein Fels. Aber auch kalt wie ein Fels.

Ivan hat auch eine Leichtigkeit. Das ist viel.

Unglück ist zeitlos. Es gibt auch heute Frauen und Männer, die darum kreisen.

Man braucht Kraft, um diesen Roman zu lesen.

Ingeborg Bachmann schreibt, weil sie schreiben muss.

Mich interessiert das Schöne, die Hoffnung, die Neugier. Ich will sinnstiftende Geschichten spielen.

Liebe muss eine aufrechte Begegnung sein. Den Anderen wirklich sehen, nicht nur sein Bild. Wirklich sehen, so wie er ist. Sich mit sehr viel Respekt und Liebe begegnen.

In absoluter Freiheit lieben. Das können nur ganz wenige.

Die meisten Menschen sind zu ängstlich für die Liebe.

50 Jahre Malina _ Roman _ Ingeborg Bachmann _ im Gespräch:

Sandra Pascal, Schauspielerin _Station bei Ingeborg Bachmann.

Sandra Pascal

Alle Fotos/Interview_Walter Pobaschnig _ Hotel Regina_Wien_24.2.2021

„Ein Geschäft mit Träumen – Ingeborg Bachmann“ Begeisternde österreichische Erstaufführung am Heunburgtheater_Kärnten 28.7.2018 | Literatur outdoors – Worte sind Wege

Sandra Pascal in „Ein Geschäft mit Träumen“_ Heunburg_Kärnten 2018

Walter Pobaschnig _ 3_2021

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„Worum geht es in der Gesellschaft, worin besteht unser Glück?“ Tania Golden, Schauspielerin_ Wien 23.3.2021

Liebe Tania, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Mein Tagesablauf richtet sich einerseits nach meiner Familie, vor allem nach meinem Kind, mit Homeschooling, Distance-learning oder Präsenzunterricht, weiter nach meinen Arbeitszeiten, die unterschiedlich sind, je nach Projekt und Möglichkeit und andererseits fällt jetzt einiges weg, was im Tagesablauf fehlt, zum Beispiel Training, Wellness und alles, was gerade nicht geht…

Tania Golden_Schauspielerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Für uns alle ist Geduld, Ausdauer, Vertrauen auf die richtigen Informationen (das kann sehr herausfordernd sein, im Zweifelsfall die innere Stimme der Vernunft), Freundlichkeit. (ist immer nützlich), Achtsamkeit, Empathie und das Allerwichtigste: nie den Humor zu verlieren, wichtig.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?

Ich empfinde Aufbrüche und Neuanfänge immer wieder im Leben. Für mich ist jeder Frühling ein Neubeginn z.B. oder ein neues Projekt. Auf die nächste Zeit bezogen, quasi „nach“ der Pandemie, denke ich, dass es wesentlich ist, sich auf das zu konzentrieren, was wir gelernt haben. Worum geht es in der Gesellschaft, worin besteht unser Glück, was können wir verbessern, zurücklassen, aufgeben…die Rolle des Theaters/Schauspiels könnte genau die sein, diese Fragen zu artikulieren, zu stellen, und vielleicht Inspiration oder wenigstens Bestandsaufnahmen zu geben…

Was liest Du derzeit?

„GRM Brainfuck“ von Sybille Berg

Und „Am Hang“ von Markus Werner (ich lese öfters „paralell“)

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Ich bitte um die Gelassenheit,
Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann,
den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann,
und die Weisheit, das Eine vom Anderen zu unterscheiden.

Gib mir die Gelassenheit,
einen Tag nach dem anderen zu leben,
einen Moment nach dem anderen zu genießen.

Gib mir die Gelassenheit,
Entbehrung als einen Weg zum Frieden zu akzeptieren.

Bitte, gib mir die Gelassenheit,
anzunehmen, dass:
Diese widersprüchliche Welt ist, wie sie ist
und nicht, wie ich sie gerne hätte.

(eine Variation des Gelassenheitsgebet von Karl Paul Reinhold Niebuhr)

Vielen Dank für das Interview liebe Tania, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Schauspiel-, Musik-, Kunstprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

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Tania Golden, Schauspielerin

Tania Golden – Schauspiel, Gesang und Coaching

Foto_privat

21.2.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Die Hauptaufgabe von Kunst ist es, Menschen zu berühren, zu bewegen“ Alke Stachler, Schriftstellerin_ Augsburg 23.3.2021

Liebe Alke, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich habe halbtags einen Bürojob in einer Arztpraxis, von dem ich am frühen Nachmittag nach Hause komme. Nach einer kurzen Pause setze ich mich an den Schreibtisch und arbeite dann an Schreibprojekten oder Lektoratsaufträgen; je nachdem, was ich gerade vorliegen habe. Irgendwann gegen Abend mache ich so gut wie immer noch einen Spaziergang, um mich nochmal zu bewegen und meine Gedanken zu ordnen. Und den Himmel zu sehen. Mir fällt momentan überall die Decke auf den Kopf. Später abends lese ich oder schaue Filme. Alles nicht sehr spektakulär!

Alke Stachler, Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich glaube, auf sich selbst und andere aufzupassen. Und Geduld und Nachsicht und Verständnis zu haben. Ich sehe, wie die Menschen um mich herum und auch ich selbst immer mehr die Nerven verlieren, zwar im eher kleinen Rahmen, aber es ist ja dennoch real und ernstzunehmend. Da werfen einen plötzlich die kleinsten Dinge aus der Bahn und man heult einen halben Tag lang oder schreit jemanden an. Mit dieser Anstrengung, diesem Kraftakt, der das Leben momentan ist, geht jeder*r anders um. Dafür Verständnis zu haben und ein bisschen zu sehen, dass wir alle gerade am Limit sind, finde ich momentan sehr wichtig.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Ich finde, die Hauptaufgabe von Kunst ist es, Menschen zu berühren, zu bewegen. Das muss nicht immer auf eine angenehme Weise sein! Aber auf eine Weise, dass sich etwas in einem verändert, wenn man es rezipiert. Das würde ich jetzt auch im aktuellen Kontext nicht anders sehen.

Was für einen gesellschaftlichen Neubeginn wesentlich sein wird, kann ich leider nicht beantworten, denn das ist nicht mein Fachgebiet. Vielleicht, wie vorhin gesagt, das Achten aufeinander, und den Blick für die soziale, die interpersonelle Komponente nicht zu verlieren.

Was liest Du derzeit?

„Daring Greatly“ von Brené Brown. Aber ich habe auch immer mehrere Gedichtbände neben dem Bett liegen, momentan zum Beispiel „Mush“ von Sonja vom Brocke.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

People will forget what you said, people will forget what you did, but people will never forget how you made them feel. (Maya Angelou)

Vielen Dank für das Interview liebe Alke, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

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Alke Stachler, Schriftstellerin

Foto_privat.

21.2.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Der eigene Text kann ein sicherer Ort sein“ Luca Manuel Kieser _ Schriftsteller, Wien 22.3.2021

Lieber Luca Manuel, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Nach dem Aufstehen so schnell wie möglich an den Schreibtisch. Weil ich kalten Kaffee mag, koche ich den schon am Abend davor. Scheuklappen auf und tippen. Frühstückspause mit Nachrichten. Nochmal bisschen Schreiben. Vor dem Mittagessen Bürokram. Nach dem Mittagessen kurz auf die Couch, dann lesen und nochmal an den Schreibtisch. Manchmal ist dann auch noch ein Workshop zu geben oder an einem Seminar teilzunehmen. Kleine Projekte. Ich versuche so jeden zweiten Tag zu joggen. Am Wochenende gilt es sich gepflegt zu betrinken. Samstag ist Waschtag.

Luca Manuel Kieser, Schriftsteller

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Bei aller Verschiedenheit: Was uns gerade verbindet, ist womöglich sich auflösende Resilienz. Ich persönlich habe seit vielen Jahren mit depressiven Momenten zu kämpfen. Im vergangenen November war es übel. Der eigene Text kann ein sicherer Ort sein. Und Therapie ist natürlich entscheidend. Sonst kann ich nur empfehlen: Den Wecker mit Liegestütze einschüchtern; so lösen sich Angst-bedingte Verspannungen aus der Nacht.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Ich glaube, dass sich funktional nichts groß ändert. Darüber hinaus wird alles narzisstischer. Ich denke, auch Text. Die Folgen hiervon kann ich mir nicht vorstellen.

Was liest Du derzeit?

„Was würden Tiere sagen, würden wir die richtigen Fragen stellen“ von Vinciane Despret.

„Etüden im Schnee“ von Yoko Tawada.

Und, na klar, „Eurotrash“.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Sollen wir auseinander gehen? Es wäre vielleicht besser.

Morgen hängen wir uns auf.

Pause.

Es sei denn, daß Godot käme.

Und wenn er kommt?

Sind wir gerettet.

Vielen Dank für das Interview lieber Luca Manuel, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Luca Manuel Kieser_ Schriftsteller

Luca Manuel Kieser | Literaturhaus Graz (literaturhaus-graz.at)

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16.3.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Die Rolle der Kunst und der Literatur könnte sein, diese Zeit zu „konservieren““ Manuela Bibrach _ Schriftstellerin _ Oberlausitz/D_ 22.3.2021

Liebe Manuela, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Mein Tagesablauf hat sich nicht verändert, da ich schon seit mehreren Jahren im Home-Office am PC arbeite. Was weggefallen ist, sind die Ausflüge in die Stadt, zum Treffen mit anderen AutorInnen und FreundInnen, mit der Familie oder zum Bummeln. Das passiert jetzt alles online oder telefonisch und (leider) gewöhnt man sich auch daran sehr schnell.

Manuela Bibrach, Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Geduld. Ich bin selbst ein eher ungeduldiger Mensch aber ich habe in den letzten Jahren Geduld lernen müssen, mit mir und meiner gesundheitlichen und beruflichen Situation. Ich denke, dass weder die Suche nach geheimnisvollen Hintergründen der Pandemie noch offener Ärger etwas an der Situation ändern. Für mich ist das ein rein biologischer Vorfall, mit so etwas mussten Menschen schon immer leben. Wir sind es nicht unbedingt gewöhnt, uns einzuschränken, vielleicht haben viele von uns auch ein bisschen in einer Allmachtsphantasie gelebt (nichts kann mir passieren und das Leben dauert mindestens 85 Jahre). Ich denke allerdings, dass für viele Menschen diese „Unverwundbarkeit“ nie existiert hat oder sie ihnen schon eher genommen wurde, aufgrund von Krankheiten oder Schicksalsschlägen bzw. einfach, weil sie nicht privilegiert geboren wurden. Damit möchte ich die Situation nicht verharmlosen oder die vielen Menschen, deren Existenz durch Corona bedroht ist, zu mehr Gleichmut aufrufen. Jeder ist von dieser Katastrophe anders betroffen und ich denke, wir alle müssen jetzt solidarisch sein und gemeinsam durchhalten.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Ehrlich gesagt glaube ich persönlich nicht an einen Aufbruch oder Neubeginn, zumindest nicht im Alltag. Ich denke, dass wir sehr schnell in alte Gewohnheiten zurückfallen werden, sobald die Situation sich wieder entspannt hat. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier, er scheut Veränderungen. Die Rolle der Kunst und der Literatur könnte sein, diese Zeit zu „konservieren“, so dass sie nicht allzu schnell in Vergessenheit gerät. Auf uns warten ja noch andere drängende Probleme – der Klimawandel zum Beispiel bedroht uns nach wie vor, nur steht er gerade nicht im Mittelpunkt des Interesses. Ich würde mir wünschen, dass wir als Lehre aus dieser Zeit unter anderem mehr Wertschätzung für den Pflege- und Krankenhausbereich zurückbehalten. Die Menschen, die dort arbeiten, leisten gerade Großes und das sollte nicht direkt wieder in Vergessenheit geraten, sobald die Pandemie vorbei ist. Vielleicht wird es aber auch nie wieder eine Zeit ohne die Bedrohung durch Viren geben, weil wir das Gleichgewicht unseres Planeten nachhaltig aus dem Gleichgewicht gebracht haben? Aber diese Dinge sind sehr komplex und ich wage nicht, sie zu beurteilen. Was die Medizin betrifft, hat sie sicher profitiert von der Turboforschung zu Virus und Impfstoff. Ich las, dass man vergleichbare Verfahren zum Beispiel auch für die Krebstherapie nutzen könnte. Das lässt hoffen, auch wenn der Preis für diesen wissenschaftlichen Fortschritt hoch ist.

Was liest Du derzeit?

Ich lese gerade mehrere Bücher über Stoizismus, weil ich glaube, dass mehr Gelassenheit sehr hilfreich sein kann in allen Bereichen des Lebens. Außerdem lese ich fast täglich ein paar Gedichte zeitgenössischer Autoren. Aktuell habe ich auch noch ein Buch über Focusing auf dem Tisch liegen aber das will nicht nur gelesen sondern auch umgesetzt werden und da fehlt mir gerade – die Geduld.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Da fallen mir natürlich viele Dinge ein aber ich entscheide mich für ein Gedicht von Hilde Domin, welches mir gerade jetzt passend erscheint:

Nicht müde werden
sondern dem Wunder
leise
wie einem Vogel
die Hand hinhalten.

Vielen Dank für das Interview liebe Manuela, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

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Manuela Bibrach, Schriftstellerin

Manuela Bibrach – Freie Autorin – manuela-bibrach-autorins Webseite! (jimdofree.com)

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20.2.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Der Philosoph des Herzens“ Das rastlose Leben des Sören Kierkegaard. Clare Carlisle. Klett-Cotta Verlag.


Kopenhagen. Erste Hälfte des 19.Jahrhunderts. Der Philosoph und Dichter ist
tagsüber auf Spaziergängen zu sehen. Nachts brennt Licht in seinem Zimmer.
Mythen ranken sich um ihn. Sein Leben, seine Liebe, sein Denken. Ein Denken,
das Zeit und Leben verändert…


Sein Name: Sören Kierkegaard.

Das Denken des Philosophen des Existentialismus bringt eine Wende in den
Modellen von Erkenntnis und Weltzugängen der Zeit. Den großen
Denkgebäuden des philosophischen Idealismus stellt Kierkegaard die
unmittelbare Erfahrung und die Entscheidung in Moment und Situation
gegenüber. Jetzt, in der unmittelbaren Gegenwart, ist das Leben am
Entscheidungspunkt und es gilt Position zu beziehen. Zu Welt, Gott und
Zukunft…

Die britische Philosophin und Theologin Clare Carlisle, vielfach ausgezeichnete
Wissenschafterin und Autorin, legt mit „Der Philosoph des Herzens“ einen
biographischen wie philosophischen Zugang zu Leben, Denken und Zeit Sören
Kierkegaards vor, der im spannenden Erzählstil wie der anschaulichen
Erläuterung von Denkmodellen beeindruckt und überzeugt. Die Autorin
etabliert einen ganz neuen spannenden Weg Philosophie Leserinnen und
Lesern näherzubringen und auch einen Impuls für eigenes Nachdenken zu
vermitteln. Zudem ergänzen die Abbildungen im Text wunderbar die Lebensund Denkstationen des sehr bemerkenswerten Philosophen.
„Eine begeisternde Biografie, die vom Philosophen selbst geschrieben sein
könnte – direkt und treffsicher wie ein Pfeil“

Walter Pobaschnig 3_21
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„Die Kunst ist etwas, das uns umgibt und dadurch nährt. So wie Atemluft“ Daniela Krammer, Musikerin_Wien 21.3.2021

Liebe Daniela, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich habe keinen fixen Tagesablauf – den hatte ich als Musikerin sowieso noch nie, da haben einfach meine Auftritte meine Zeit strukturiert. Auch damals war immer schon die Versorgung meiner Familie (2 Söhne) ein Anker, der immer gleich blieb, während der Berufsalltag sich immer geändert hat. Jetzt ist es wieder die Familie, die mir Halt gibt und wo ich mich im Moment ein bisschen mehr als Köchin austoben kann als normalerweise. Aber Auftitte gibt es ja keine, stattdessen stelle ich mir selbst immer wieder Aufgaben. Im Dezember habe ich einen musikalischen Adventkalender für meine Social-Media-Fans gemacht. Nach einem sehr ruhigen Jänner habe ich dann angefangen, in Parks mit meinem neuen Digital-Saxofon Lieder aufzunehmen und teile die in meinem Youtube-channel.

Daniela Krammer – YouTube

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Bei sich bleiben. Oder eher: zu sich kommen. Es tobt ein Sturm an Meinungen und Halbwissen über uns hinweg. Wenn man da nicht etwas hat, an dem man festhalten kann, wenn man sich nicht einen Funken Hoffnung im Herzen bewahren kann, wird man wegespült und ehe man sich versieht, ist man als Corona-Leugner auf der Straße und rennt seltsamen Führerfiguren hinterher.

Deshalb: bei sich bleiben. Zeiten finden, in denen man den Kopf frei bekommt. Beim Wandern, beim Laufen, beim Musikhören. Dann kann man wieder schauen: Was kann ich beeinflussen und was liegt außerhalb meiner Reichweite und muss ich so akzeptieren.

Daniela Krammer, Musikerin

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Musik, der Kunst an sich zu?

Ob der Musik oder der Kunst eine große sichtbare bzw. hörbare Rolle zukommt, wage ich zu bezweifeln. Die Kunst ist etwas, das uns umgibt und dadurch nährt. So wie Atemluft. Jetzt gerade ist die Atemluft der Kunst gerade sehr dünn, aber durch die verschiedenen Kanäle wie Netflix, Spotify und Youtube merken das die Menschen noch nicht. Noch haben die meisten das Empfinden, dass es uns Musikerinnen und Künstlerinnen nicht so dringend bräuchte. Und vordergründig stimmt das ja. In der Bedürfnispyramide des Überlebens sind wir nicht essentiell wichtig.

Vielleicht werden wir ja als Gesellschaft irgendwann in nächster Zeit die innere Ruhe finden, um zu spüren, worum es im Leben wirklich geht. Jetzt gerade sind alle im Überlebensmodus. Wenn dann die Zeit gekommen ist, werden wir Künstlerinnen wieder da sein und unseren Job tun. Im Moment geht das nur in sehr geringem Ausmaß. Aber ich gebe die Hoffnung nicht auf! Irgendwie geht es immer weiter.

Was liest Du derzeit?

Terry Pratchett, Good Omen.

Ich liebe seine skurilen Geschichten und seinen speziellen Blick auf die Welt.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Vergeude keine Zeit an Dinge, die du nicht beeinflussen kannst. Es gibt so vieles, dass gerade auf DICH wartet.

Vielen Dank für das Interview liebe Daniela, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Musikprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Daniela Krammer, Musikerin

Saxolady – saxophone affairs (saxophone-affairs.at)

Foto_privat

11.3.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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