„Abara da Kabar“ Die Rückreise. Emil Bobi.Roman. Verlag Anton Pustet

Winter. Das Weiß. Der Junge blickte zum Himmel. Da war dieses Schwarz in Bewegung. Der Rabenflug. 21 waren es und ihr Ton im Flug war zu hören. Zog Aufmerksamkeit auf sich. Der Klang blieb in den Ohren und ließ fragen nach Form und Inhalt, der in der Luft ziehenden Laute…dieser Sprache…

Die Faszination und die Neugierde begleiten den Jungen – wie wären diese Rabenrufe wohl in Wörter zu übersetzen? Wie kann dies gleichsam in Sprache destilliert werden? Die Frage und die Lust dazu bleiben…

Und Jahre später nun sitzt er in der Redaktion. Es ist Wahlkampf. Die Sprache ist das Thema. Wie sprechen? Wie eine Form für Leben, Mensch und Gesellschaft finden? Ist das überhaupt möglich? So viele Menschen, so viele Gedanken, Gründe und Wege…

Doch jetzt beginnt eine Reise. Ein Flug. In das Innere von Mensch und Sinn. Der Sprache hinterher…wo immer sie ist…wo immer sie verloren ist…vielleicht zu finden ist…

Der Wiener Schriftsteller und langjährige Chefreporter des österreichischen Nachrichtenmagazins profil, Emil Bobi, legt mit „Abara da Kabar“ einen mitreißenden wie hintergründigen Roman vor, der sowohl in Spannung wie kritischen Gesellschaftsimpuls überzeugt. Ausgehend von der gesellschaftlichen wie persönlichen Aufgabe und dem Anspruch von Sprache und Zeit thematisiert der Roman Auswirkungen von Kommunikation in Dynamik und Erschütterung von Welt und Gegenwart. Der Autor geht der Frage was Sprache ist was sie sein kann nach und thematisiert auch welche Möglichkeiten von Mitteilung es an sich gibt.

„Ein literarisches Wagnis und mutiger philosophischer Wurf, die beeinruckend gelingen!“

Walter Pobaschnig 2_21

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„Die kunst wird weiterhin ihre angestammte schoßhundrolle spielen: sie darf (aber nur zur richtigen zeit) lieb knurren“ Max Höfler, Schriftsteller_Graz 26.2.2021

Lieber Max, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

ausziehn anziehn

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(aus: helmut schranz – suada)

Max Höfler, Schriftsteller

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

die autos, die seilbahnen, die förderungen, die umsatzeinbrüche, die rettung der wintersaison, das nervenbewahren, unser österreich, der einzelhandel, der ausfallsbonus, der fixkostenzuschuss i-ii, dein steuerberater, die systemrelevanz, die maske, die zahlen, die varianten, der österreicher, der wirtschaftsstandort, die unmöglichkeit des einkaufsbummls, das weihnachtsgeschäft, das nachweihnachtsgeschäft, das bedrohte ostergeschäft, dass alles wieder so wie vorher wird und der paketdienst deine wohnung findet

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

ich bezweifle, dass wir vor einem gesellschaftlichen aufbruch stehen. es werden größte kraftanstrengungen gemacht werden, damit alles wieder so wird, wie es war: eine dufte multiple riesenkrise (ökologisch, ökonomisch, sozial und politisch). die konservativen und neoliberalen werden sich als letztes heldenhaftes bollwerk gegen die faschisten inszenieren, als vermeintlich einzige bastion, die noch zwischen chaos und ordnung stünde und gleichzeitig den globus in ein einziges sparefrohes griechenland verwandeln. die reste ehemaliger progressiver strömungen werden sich wie gehabt mit symbolpolitik begnügen. die eigentums- und produktionsmittelfrage wird nicht gestellt werden.

und die kunst, die wird weiterhin ihre angestammte schoßhundrolle spielen: sie darf (aber nur zur richtigen zeit) lieb knurren, aber niemals beißen, es sei denn, es handle sich um hausfremde personen. die rabiaten straßenköter überwintern im besten fall in nischen oder fallen dem straßenverkehr zum opfer.

Was liest Du derzeit?

bedienungsanleitungen

kapital und ideologie (piketty)

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Jedes Ungleichheitsregime, jede Ungleichheitsideologie beruht auf einer Theorie der Grenze und einer Theorie des Eigentums.

(piketty)

It will even make full level white noise sound louder!

(bedienungsanleitung: oxford inflator)

Vielen Dank für das Interview lieber Max, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Max Höfler, Schriftsteller

Foto_nicole lutnik-höfler

26.1.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Kunst muss gelebt werden und im Moment passieren“ Paul Graf, Schauspieler_ Wien 25.2.2021

Lieber Paul, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Um 7:00 Uhr, also früher als gewohnt, aufstehen, duschen, frühstücken. Danach verläuft der Tag unterschiedlich. Mal sitze ich am Klavier, plaudere mit Kollegen über Gott und die Welt (obwohl, aktuell eher über die Welt), gehe spazieren oder verbringe viel zu viel Zeit am Smartphone. Später wird, wenn es denn notwendig ist, eingekauft und im Anschluss gekocht.

Oder ich mache nichts.

Paul Graf, Schauspieler

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Frische Luft, klare Gedanken, Optimismus, Routine, Hoffnung, kleine Freuden und Glücksmomente und Geduld. Vertrauen ist wohl gerade besonders gut. Darauf, dass es besser werden wird, dass wieder Veränderung entsteht, Gewohntes in neuer Gestalt zu uns findet.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?

Nähe und Unbeschwertheit. Wir werden aktuell mit so vielen bedrückenden Themen konfrontiert, Themen die Sorgen machen, Dinge über die man sehr und fast schon zu viel nachdenkt. Natürlich sind diese auch wichtig, aber wie sehr wir uns den Kopf darüber zerbrechen, das können und müssen wir selbst entscheiden.

Kunst kann neue Denkansätze und Perspektiven eröffnen, uns kritisch, sentimental und kindisch sein lassen. Sie muss gelebt werden und im Moment passieren – am stärksten spürbar wenn sie „live“ ist, man im selben Raum mit ihr ist. Aber vor allem kann sie, und für mich ist das insbesondere Theater und Darstellende Kunst, berühren. Und das ist das großartige an ihr. Das ist die große Rolle, die die Kunst auch wunderbar erfüllen wird, wenn sie wieder voll gelebt werden kann.

Was liest Du derzeit?

Die Tagebücher meines Großvaters ab 1943, den ich nie kennen gelernt habe, der beschreibt wie er, wegen herrschendem Fliegeralarm, nicht raus gehen darf und sich deswegen ärgert und Joachim Meyerhoffs Bücher.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Sich selbst wieder als Ganzes spüren,

Hände an die Füße führen,

wer trägt mich und wer gibt mir Kraft?

Wer unterstützt und tut und schafft?

Das bin ich! Mein eigen Freund,

der realistisch ist und träumt,

der überbleibt wenn ich allein

und mich bestärkt in meinem Sein.

Der mich mahnt und kritisiert,

der liebt, umarmt und motiviert.

Paul Graf, Schauspieler

Vielen Dank für das Interview lieber Paul, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Schauspielprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Paul Graf, Schauspieler

Paul Graf (grafpaul.com)

Fotos_ 1 Nina Siutz, 2 privat, 3/4 Petra Sittig

1.2.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Denn, was wir heute entscheiden, bleibt auch in den nächsten Jahren“ Guy Helminger _Köln 25.2.2021

Lieber Guy, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Mein Tagesablauf hat sich auch während der Pandemie auf den ersten Blick nicht geändert, da ich als Schriftsteller sozusagen seit 40 Jahren in Quarantäne sitze. Der zweite Blick hingegen offenbart, dass meine Reisen wegfielen, die author-in-residence-Aufenthalte, die Möglichkeit auf interkulturelle Begegnungen, die immer Teil meines Schreibens waren. Meine Reisejournale aus dem Jemen und dem Iran zeugen davon. Im Herbst soll ein weiteres über meinen Brasilien-Aufenthalt 2019 erscheinen. Bedenkt man, dass auch Lesungen und die Moderationen im Literarischen Salon, den ich seit 2006 zusammen mit Navid Kermani veranstalte, weggefallen sind, hat der Tagesablauf doch eine Veränderung erfahren; er hat sich Richtung Einseitigkeit verlängert.

Guy Helminger, Schriftsteller

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Sachlichkeit. Die war schon immer gefährdet und ist während der Corona-Krise bei vielen Menschen völlig abhandengekommen. Dabei ist sie die Basis des demokratischen Diskurses, ermöglicht sie doch die Gegenposition hinzunehmen, auszuhalten, über sie nachzudenken und differenziert zu argumentieren. Was ich aber im Alltag und in „sozialen“ Netzwerken erlebe, ist genau das Gegenteil: eine schwarz-weiß-Zeichnung, die den Andersdenkenden als Feind skizziert. Diese Negierung der Diskussionskultur hat mittlerweile auf verbaler Ebene kriegsähnliche Züge angenommen und untergräbt die Fähigkeit zur Demokratie. Gesteigerte Emotionalität ist nun mal kein guter Ratgeber. Der Wunsch nach schnellen, einfachen und klaren Lösungen, der dahintersteckt, ist zwar verständlich, geht aber meist an der Realität vorbei und trägt einen totalitären Kern in sich, der die Abweichung zum Hassobjekt macht. Dabei ist es gerade sie, die uns im Laufe der Geschichte weitergebracht hat. Unser Leben ist ein Chor und nicht eine einzige Stimme. Sachlichkeit hilft auch dabei, weiterzuschauen, als das Virus groß ist. Es geht nicht nur um den Moment, es geht immer auch um Zukunft. Denn, was wir heute entscheiden, bleibt auch in den nächsten Jahren. Wer heute aus Angst zu Denunziationen aufruft oder selbst denunziert, tut das auch noch, wenn die Pandemie vorbei sein wird. Politische Entscheidungen von heute haben Folgen für ein Zusammenleben von morgen. Wer heute aus Angst nach einer Tracing-App ruft, ist womöglich morgen der Verfolgung ausgesetzt, die diese App ermöglicht. Wollen wir das in unserer Gesellschaft? Sachlichkeit bietet die Möglichkeit dies abzuwägen.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Ich glaube nicht daran, dass wir einen Neubeginn erleben werden, zumindest nicht im Sinne der Erneuerung. Die Menschen werden versuchen, genau dort weiterzumachen, wo das normale Leben für sie einst eingeschränkt wurde. Der Aufbruch wird eine Rückkehr zum Alten sein. Und vielleicht zeigt sich gerade hier eine Möglichkeit für die Kunst: zu belegen, dass der Fortschritt nicht immer bedeutet, dass man weiterkommt.

Was liest Du derzeit?

Helon Habila: Reisen. (Roman)

Matthias Schmelzer: Freiheit für Wechselkurse und Kapital. Die Ursprünge neoliberaler Währungspolitik. (Sachbuch)

Maria Stepanova: Der Körper kehrt wieder. (Gedichte)

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Ich habe kein gutes Verhältnis zu Zitaten. Zum einen sind sie meist Ausdruck der Eitelkeit des Zitierenden, zum anderen reduzieren sie den Zitierten auf eine Aussage, die seinem Werk nicht gerecht wird.

Vielen Dank für das Interview lieber Guy, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Guy Helminger, Schriftsteller

Home | Guy Helminger (wixsite.com)

Foto_privat

1.2.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Die Baronin im Tresor“ Franziska Streun. Romanbiografie. Zytglogge Verlag.

Es ist Herbst. 1960. Der Sommer ist vergangen wie ein letztes Leben. Erinnerungen, Träume, Leichtigkeit. Jetzt ist die Schwere der Jahre zurück. Im Blick zum See spiegelt sich die nackte Seele und ihre Angst – „Fremde Stimmen dringen aus der Ferne zu ihr herein. Sie hört Scharniere, die quietschen…“. Es ist der Schrank, der Stahltresor, der über Jahre Besitz und Überleben vor Raub und Vernichtung schützte. Geld, Wertsachen und auch Menschen, wenn sich Freunde vor der Polizei verstecken mussten…

Doch jetzt will sie noch alles ordnen. Den Verkauf ihres „Gwatt“, des Sommersitzes am See, in Thun. Sie denkt an ihre Familiengeschichte. Die Rothschild-Dynastie und ihren Weg durch Zeiten in Licht und Dunkel, Freude und Abgrund. Die Gesellschaftsgeschichte. Kunst und Leben. Und die Zeit der Verfolgung, der Angst, der Schrecken. Das Haus erzählt davon. Manchmal still. Manchmal laut. Jetzt ganz leise… – Der Blick zurück – 1894. Brüssel. Die Spielsachen der jungen Betty – „Bald ist es so weit, nur noch ein paar mal schlafen, dann sind wir bei ihren Cousinen in Paris“, sagt Rahel, ihre Gouvernante. Die Welt öffnet sich. Ein Leben beginnt und so viel gibt es davon zu erzählen…jetzt…im Herbst der Jahre….

Die Autorin und Journalistin Franziska Streun legt mit ihrer Romanbiografie „Die Baronin im Tresor“ eine beeindruckende Lebensgeschichte wie ein Panoptikum der Zeit in allen Schattierungen vor, welches in Spannung und mitreißender Erzählweise begeistert. Das Leben der Betty Esther Charlotte Laure Lambert  von Goldschmidt-Rothschild/von Bonstetten (1894 – 1902) lässt Glanz, Verfolgung, Mut und Erinnerung von Mensch, Gesellschaft und Zeit anschaulich werden und ist so auch ein Buch zeitübergreifender Verantwortung und Achtsamkeit. Es ist äußerst bemerkenswert wie die Autorin umfangreiches biografisch/historisches Detailwissen mit einem Erzählfluß verbindet, der bis zur letzten Seite gleichsam mitleben lässt.

„Ein Leben und viel mehr als das – eindrucksvoll erzählt und erinnert!“

Walter Pobaschnig 2/21

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„Strukturen und Räume der Kunst müssen aufrecht erhalten werden, nötigenfalls wiedergefunden“ Julia Dathe, Schriftstellerin_ Leipzig 24.2.2021

Liebe Julia, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Es hat sich wenig am üblichen Tagesablauf verändert. Ich arbeite in einem systemrelevanten Brotberuf und habe eine Familie.  Allerdings fehlen die Besonderheiten. Der Cafébesuch mit einer Freundin, das Wochenende bei den Schwiegereltern, kleine Spontanitäten und größere Pläne. Aber dieses Fehlen ändert nichts am Aufstehen und am Zähneputzen. Höchstens an der Häufigkeit des Haarewaschens und der Nutzung von Make-Up.

Julia Dathe, Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich kann nicht für alle antworten, auch will ich allen nichts anempfehlen. Für mich ist aktuell wichtig, dass bald Frühling wird und ich damit wieder mehr Raum draußen haben werde. Die 2,55m Deckenhöhe sind manchmal schwer zu ertragen. Ferner, dass es Take-away-Essen gibt, dass die Oma geimpft ist, dass ich meine Familie habe. Manchmal ist auch wichtig, dass der Tag nur 24 Stunden hat und einfach herumgeht.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Die Frage klingt, als wären Literatur, Kunst an sich eigenständig, aber sie werden durch ihre Schaffenden ermöglicht und von denen, die ihnen Strukturen und Raum geben. Diese  Menschen, wir, müssen dabei als erstes ihre, unsere Rollen behalten. Ferner müssen dazu Strukturen und der Raum aufrecht erhalten werden, nötigenfalls wiedergefunden. Dann können wir uns über die Rollenvergabe an Kunst und Literatur im Aufbruch unterhalten. Bis dahin ist er vielleicht auch da.

Was liest Du derzeit?

Das ist die Stelle, an der man eigentlich Bücher nennt, die man ausgelesen hat, damit man weiß, ob man sie empfehlen kann.  Also. Ganz ehrlich. Ich lese gerade nichts. Zumindest nichts zu Ende.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Max Frisch, Fragebogen VI

15 Fürchten Sie sich vor den Armen?

16 Warum nicht?

Vielen Dank für das Interview liebe Julia, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

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Julia Dathe, Schriftstellerin

Foto_privat.

1.2.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Die Zukunft ist weder gewonnen, noch gesichert, noch wird sie besser sein“ Ramona de Jesús _ Schriftstellerin_ Berlin 24.2.2021

Liebe Ramona, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich glaube nicht, dass mein Tagesablauf von Interesse sein könnte. Er ist nicht einmal für mich selbst interessant, wie also für einen Leser?

Ich kann aber sagen, und zwar nicht, weil es sich im vergangenen Jahr geändert hat, sondern gerade weil es gleichgeblieben ist, dass ich meine Zeit mit dem Versuch zu überleben verbringe, vor allem mit dem Versuch, mich selbst zu überleben.

Eine Sache, die sich dabei aber doch geändert hat, ist die Art, wie ich Kaffee koche. Vor ein paar Monaten musste ich meine italienische Kaffeekocher gegen eine French Press austauschen, und das änderte die Reihenfolge, in der ich das Getränk zubereite, und diese neue Reihenfolge veränderte seinen Geschmack. Außerdem ist es natürlich so, dass früher der Kaffee mit dem italienischen Kaffeekocher ein Espresso war und jetzt, mit der French Press der Wassergehalt höher und der Kaffee eher wie ein amerikanischer ist. Außerdem gieße ich jetzt zuerst die Milch in die Tasse, während ich warte, während ich vorher, mit dem italienischen Kocher, den Kaffee zuerst eingegossen und ihn mit Milch nur gefärbt habe. Auch trinke ich ihn jetzt, vielleicht weil der Kaffee schwächer und fader ist, meist mit Zucker. Vorher hatte ich mit dem italienischen Kocher nur genug für eine Tasse Kaffee, bevor ich eine neuen machen musste. Die French Press ist nun größer und reicht für zwei oder zweieinhalb Tassen Kaffee. Das bedeutet: Wenn ich die zweite Tasse trinke, ist der Kaffee bereits kalt und ich muss mich entscheiden, ob ich ihn so trinke oder in einer Kanne wieder aufwärme. Manchmal mache ich das eine, manchmal das andere. Es kommt auf die Stimmung an. Alles kommt auf die Stimmung an, sagt Fernando González.

Ramona de Jesús  _ Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich kann nicht sagen, was für alle „jetzt“ wichtig ist, tatsächlich erzeugt die Formulierung eines „jetzt“ bei mir mehr Zweifel als Hinweise auf die Zukunft, aber ich denke, es ist immer wichtig, Musik zu hören. Ich habe mich in den vergangenen Monaten auch mehrmals dabei ertappt, wie ich über die Notwendigkeit und Dringlichkeit von Wut gesprochen habe. Wann haben wir das letzte Mal gesehen, dass jemand auf der Bühne eine Gitarre zertrümmert hat? Vielleicht kamen wir dieser Geste der Nonkonformität und Hilflosigkeit am nächsten, als Kanye West den Auftritt von Taylor Swift bei den VMA Awards 2013 unterbrach, um öffentlich anzuprangern, dass die Arbeit einer schwarzen Frau, sogar von Beyoncé, unterbewertet wird. Dieses Ereignis ist interessant, weil hier nicht nur die Tragödie im Spiel ist, sondern auch ihr Gegenpart die Komödie. Und so frage ich mich auch, was aus Banksy geworden ist, warum man nicht John Cooper Clarke und Cervantes wieder liest.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Mir fällt in diesem Moment auf, dass meine beiden ersten Antworten mit einer Negation begannen, was ich symptomatisch finde und beibehalten möchte: Ich glaube nicht, dass wir vor einem „Aufbruch“ oder „Neubeginn“ stehen. Diese Begriffe implizieren ein Ende des Zyklus und das Kommen einer Regeneration. Es ist zu früh, um die Zeichen zu entschlüsseln, um sie zu lesen. Meiner Meinung nach befinden wir uns in einem unbestimmten und undefinierten Stillstand. Eine Zeit der absoluten Negation, in der die Zukunft, verstanden unter christlichen Heilsvorstellungen, aufgehoben ist. Die Zukunft ist weder gewonnen, noch gesichert, noch wird sie besser sein, noch ein Schlaraffenland, wie Estanislao Zuleta in seinem Essay Das Lob der Schwierigkeit sagen würde. Ich denke, dass eine interessante Reflexion darüber, was der Diebstahl von Zukunft und Hoffnung für das Subjekt bedeuten kann, von Afro-Pessimisten wie Frank Wilderson und Christina Sharpe gemacht wird. Erinnert sei auch an die Figur des Heiligen Sebastian, der zum Schutzpatron der Opfer der Beulenpest erklärt wurde, an einen Baum gelehnt, die Brust von Pfeilen durchbohrt und mit dem Vers: keine Hoffnung, keine Angst.

Was liest Du derzeit?

Ich empfehle immer, Ariana Harwicz zu lesen, natürlich ihre Werke, aber auch ihren Twitter-Account. Mich interessiert vor allem ihre Kritik an dem zeitgenössischen Interesse an einer revisionistischen Vision von Kunst und Literatur; daran, politisch korrekte Literatur zu schreiben und lesen zu wollen.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

In dieser Zeit, in der ich so viel Zeit damit verbringe, aus dem Fenster zu schauen, finde ich, dass der beste Textimpuls darin besteht, den Schreibtisch an eine Wand zu stellen.

Vielen Dank für das Interview liebe Ramona,viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Ramona de Jesús  _ Schriftstellerin

Foto_Bernhard Gruber

22.2.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

Übersetzung_Timo Berger

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„Kunst soll sich kein Blatt vor den Mund halten, auch anecken“ Markus Keimel, Schriftsteller_Wien 24.2.2021

Lieber Markus, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Momentan sitze ich bereits früh morgens am Schreibtisch und schreibe. Ich bin dann entweder mit journalistischen Arbeiten beschäftigt oder schreibe an meinem neuen Roman. Eine feinsinnige Tragikomödie die mir literarisch und emotional vieles abverlangt. Gerade in Zeiten wie diesen steigt aber das Maß an Verlockung noch mehr, sich in seinem eigenen künstlerischen Schaffen zu verlieren. In der fiktiven Welt eines Romans Asyl zu finden, in der man Handlung und Ende selbst bestimmt.

Markus Keimel_Schriftsteller, Musiker, Sänger und Komponist.

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich denke all das, was auch zuvor schon wichtig war. Woran man hoffentlich wieder vermehrt zu denken beginnt. Menschliche Werte. Besinnung. Menschenverstand. Entschleunigung. Solidarität. Demut. Gelassenheit. Eine gesunde Form von Skepsis. Aber auch eine gesunde Form von Vertrauen. Was wir als Gesellschaft nicht verlieren dürfen, ist die Toleranz gegenüber anderer Meinungen.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Musik, der Kunst an sich zu?

Aufbruchstimmung wird uns sicher weiter bringen als Endzeitatmosphäre, wobei ich Worte wie Neubeginn in diesem Kontext für mich noch nicht zuordnen kann. Ich befürchte eher, dass sich das Rad in derselben Geschwindigkeit und Achse weiterdrehen wird wie zuvor. Es ändern sich bloß die Gegebenheiten aber nicht das System.

Der Kunst an sich wird meiner Ansicht nach eine viel zu große Bedeutung und Verantwortung angedichtet, als sie überhaupt tragen und halten kann. Sie soll sich kein Blatt vor den Mund halten, auch anecken. Aber vor allem soll sie Bühne sein für jene, denen es nicht an außergewöhnlichen Fähigkeiten mangelt. Kunst soll virtuos sein und nicht ein derbes Schlachtfeld politischer Aktivisten.

Was liest Du derzeit?

Ich lese aktuell sehr wenig, da es mir meine zeitlichen Ressourcen nicht wirklich ermöglichen. Aber ich habe mir tatsächlich vor wenigen Tagen ein paar Bücher des Schweizer Alien-Theoretikers Erich van Däniken bestellt, die mir in den kommenden Wochen so manche Zugfahrt versüßen werden. Ich finde seine Thesen sehr originell und spannend. Sie regen meine Fantasie an.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Das Schicksal malt uns Bilder, die wir in unserer Wahrnehmung bewerten. Das satteste Blau bedeutet gleich wenig Glück wie ein herbes Schwarz-Weiß. Alles Glück, das wir uns wünschen, liegt in einer absurden Betrachtung. Das Leben ist eine Interpretation. Wir müssen bloß lernen, richtig zu interpretieren. Die einzig entscheidende Komponente, die einem Sonnenaufgang seine wundervolle Wirkung schenkt, bist du. Nur du. (Markus Keimel)

Markus Keimel_Schriftsteller, Musiker, Sänger und Komponist.

Vielen Dank für das Interview lieber Markus, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Musik-, Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Markus Keimel_Schriftsteller, Musiker, Sänger und Komponist.

Markus Keimel – markuskeimels Webseite! (jimdofree.com)

Fotos_Maria Kornschober

22.2.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Es gibt zwei Wege, welche die Kunst gehen kann“ Anna Grau, Künstlerin_Berlin 24.2.2021

Liebe Anna, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich arbeite so wie immer möglichst viel in meinem Atelier.

Anna Grau, Künstlerin
Anna Grau _ Meister 2, 2015, 250/150, Öl auf Leinwand.

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich möchte nicht für andere sprechen, jeder muss für sich selbst entscheiden.
Mir persönlich ist jedoch wichtig, mich von den für mich wesentlichen Dingen
nicht ablenken zu lassen.

Anna Grau _ Shadows 7, 2020, 120/170 cm, Öl auf Leinwand

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und
persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt
dabei der Kunst an sich zu?

Meinem Empfinden nach gibt es thematisch zwei Wege, die die Kunst eingehen kann. Der erste reflektiert den Zeitgeist, der zweite konzentriert sich auf die großen, ewigen Themen wie Liebe und Tod. Für den ersten Weg bietet die aktuelle Situation sicherlich viele Impulse, auch der zweite kann von ihr profitieren, wird davon jedoch weit weniger beeinflusst.
In meiner Kunst konzentriere ich mich hauptsächlich auf den zweiten Weg.

Anna Grau _ Shadows 2, 2018, 120/170 cm, Öl auf Leinwand


Was liest Du derzeit?

Zur Zeit lese ich Frankls „Man’s Search For Meaning“, außerdem viel von Yukio
Mishima.

Anna Grau – Lilith 10, 2018, 160/100 cm, Öl auf Leinwand


Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Ich möchte ein Dostojewski-Zitat aus Frankls Buch anführen: „There is only one
thing that I dread: not to be worthy of my sufferings.“

Vielen Dank für das Interview liebe Anna, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Kunstprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

Anna Grau – Lilith 8, 2017, 120/120 cm, Öl auf Leinwand

5 Fragen an KünstlerInnen:

Anna Grau, Künstlerin

www.annagrau.de

Alle Fotos_Werke _ Anna Grau.

1.2.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Eher ein Rutschen zurück in die Nische, in der jeder existiert hat, hoffnungsvoll“ Stefan Petermann, Schriftsteller_Weimar 23.2.2021

Lieber Stefan, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Die Tage verlaufen sehr ähnlich und das seit Monaten. Schreiben ist die Ausnahme. Vielmehr geht es darum, den Alltag, den Stillstand, die ständigen Verschiebungen, die Verluste, die unruhigen Newsticker und penetranten Pushnachrichten, die geschlossenen Kindergärten, die fehlenden Kontakte, die Sorgen, die Ent- und Beschleunigung geregelt unter einen Hut zu bekommen.

Seit Februar 2020 führe ich ein öffentliches Tagebuch, bei dem die Pandemie im Zentrum steht. Das Schreiben daran ist eine Art Notwehr gegen den Zustand. Ich habe schnell gemerkt, dass mir diese Stunde am Abend beim Ordnen der Eindrücke von innen und außen hilft. Die Arbeit daran schafft ein Gefühl von Kontrolle, lässt mich glauben, dass das, was geschieht, sich in ein Datum tippen ließe, fein säuberlich durch Tage getrennt.

Außerdem schreibe ich seit einiger Zeit zusammen mit der Autorin Nancy Hünger »Mindestnähe«, eine Art Corona-Glossar, das begleitet wird von den Illustrationen der Künstlerin Dana Berg. Beides – Tagebuch und Mindestnähe – sind Anker.

Stefan Petermann, Schriftsteller

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Natürlich werde ich schreiben: für einander da sein, Mut bewahren, für die Realisierung der Utopien, die am Anfang der Pandemie als Hoffnung zirkulierten, kämpfen, solidarisch sein etc. Aber ich glaube, zu diesem Zeitpunkt geht es auch darum, durchzuhalten, irgendwie durchzukommen, und das mit so wenig Schaden wie möglich.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Ich weiß nicht, ob es einen Aufbruch oder einen Neubeginn geben wird. Vielleicht ein Gleiten, eher Rutschen zurück in die Nische, in der jeder existiert hat, hoffnungsvoll, dass diese Nische dann noch halbwegs intakt sein wird.

Wenn man Musik, Literatur, Kunst macht, versucht man sich seit Monaten mehr oder minder verzweifelt eine Systemrelevanz einzureden. Und dann kam man zur Supermarktverkäuferin, die sich zwanzig Mal am Tag anbrüllen lassen musste, weil sie nur eine Packung Toilettenpapier pro Kunde verkaufen durfte, oder hörte von der Cousine, dass sie als Ärztin Ostern komplett durcharbeiten musste und im Übrigen die Desinfektionsmittel von der Station geklaut wurden. Dem musste und muss ich dann das eigene Wort oder die eigene Melodie dagegensetzen. Das sind lapidare Probleme, aber weil es die eigenen sind, riesengroße. Und zugleich ist klar, dass man sich von diesen Fragen lösen, und dafür Blicke finden muss, die helfen können, diese Zeit besser zu durchdringen.

Was liest Du derzeit?

Das Jahr 1990 freilegen

Anna Wiener – Code kaputt

Liv Strömquist – Der Ursprung der Welt

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

»Als ich aufwachte, dachte ich: Ich bin nicht zu Hause. Ich bin hier.«

Susanna Clarke, Piranesi

»how strange it is to be anything at all« Jeff Mangum / Neutral Milk Hotel

Vielen Dank für das Interview lieber Stefan, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Stefan Petermann, Schriftsteller

Stefan Petermann

Foto_privat.

1.2.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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