„Eher ein Rutschen zurück in die Nische, in der jeder existiert hat, hoffnungsvoll“ Stefan Petermann, Schriftsteller_Weimar 23.2.2021

Lieber Stefan, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Die Tage verlaufen sehr ähnlich und das seit Monaten. Schreiben ist die Ausnahme. Vielmehr geht es darum, den Alltag, den Stillstand, die ständigen Verschiebungen, die Verluste, die unruhigen Newsticker und penetranten Pushnachrichten, die geschlossenen Kindergärten, die fehlenden Kontakte, die Sorgen, die Ent- und Beschleunigung geregelt unter einen Hut zu bekommen.

Seit Februar 2020 führe ich ein öffentliches Tagebuch, bei dem die Pandemie im Zentrum steht. Das Schreiben daran ist eine Art Notwehr gegen den Zustand. Ich habe schnell gemerkt, dass mir diese Stunde am Abend beim Ordnen der Eindrücke von innen und außen hilft. Die Arbeit daran schafft ein Gefühl von Kontrolle, lässt mich glauben, dass das, was geschieht, sich in ein Datum tippen ließe, fein säuberlich durch Tage getrennt.

Außerdem schreibe ich seit einiger Zeit zusammen mit der Autorin Nancy Hünger »Mindestnähe«, eine Art Corona-Glossar, das begleitet wird von den Illustrationen der Künstlerin Dana Berg. Beides – Tagebuch und Mindestnähe – sind Anker.

Stefan Petermann, Schriftsteller

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Natürlich werde ich schreiben: für einander da sein, Mut bewahren, für die Realisierung der Utopien, die am Anfang der Pandemie als Hoffnung zirkulierten, kämpfen, solidarisch sein etc. Aber ich glaube, zu diesem Zeitpunkt geht es auch darum, durchzuhalten, irgendwie durchzukommen, und das mit so wenig Schaden wie möglich.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Ich weiß nicht, ob es einen Aufbruch oder einen Neubeginn geben wird. Vielleicht ein Gleiten, eher Rutschen zurück in die Nische, in der jeder existiert hat, hoffnungsvoll, dass diese Nische dann noch halbwegs intakt sein wird.

Wenn man Musik, Literatur, Kunst macht, versucht man sich seit Monaten mehr oder minder verzweifelt eine Systemrelevanz einzureden. Und dann kam man zur Supermarktverkäuferin, die sich zwanzig Mal am Tag anbrüllen lassen musste, weil sie nur eine Packung Toilettenpapier pro Kunde verkaufen durfte, oder hörte von der Cousine, dass sie als Ärztin Ostern komplett durcharbeiten musste und im Übrigen die Desinfektionsmittel von der Station geklaut wurden. Dem musste und muss ich dann das eigene Wort oder die eigene Melodie dagegensetzen. Das sind lapidare Probleme, aber weil es die eigenen sind, riesengroße. Und zugleich ist klar, dass man sich von diesen Fragen lösen, und dafür Blicke finden muss, die helfen können, diese Zeit besser zu durchdringen.

Was liest Du derzeit?

Das Jahr 1990 freilegen

Anna Wiener – Code kaputt

Liv Strömquist – Der Ursprung der Welt

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

»Als ich aufwachte, dachte ich: Ich bin nicht zu Hause. Ich bin hier.«

Susanna Clarke, Piranesi

»how strange it is to be anything at all« Jeff Mangum / Neutral Milk Hotel

Vielen Dank für das Interview lieber Stefan, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Stefan Petermann, Schriftsteller

Stefan Petermann

Foto_privat.

1.2.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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