„Denn, was wir heute entscheiden, bleibt auch in den nächsten Jahren“ Guy Helminger _Köln 25.2.2021

Lieber Guy, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Mein Tagesablauf hat sich auch während der Pandemie auf den ersten Blick nicht geändert, da ich als Schriftsteller sozusagen seit 40 Jahren in Quarantäne sitze. Der zweite Blick hingegen offenbart, dass meine Reisen wegfielen, die author-in-residence-Aufenthalte, die Möglichkeit auf interkulturelle Begegnungen, die immer Teil meines Schreibens waren. Meine Reisejournale aus dem Jemen und dem Iran zeugen davon. Im Herbst soll ein weiteres über meinen Brasilien-Aufenthalt 2019 erscheinen. Bedenkt man, dass auch Lesungen und die Moderationen im Literarischen Salon, den ich seit 2006 zusammen mit Navid Kermani veranstalte, weggefallen sind, hat der Tagesablauf doch eine Veränderung erfahren; er hat sich Richtung Einseitigkeit verlängert.

Guy Helminger, Schriftsteller

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Sachlichkeit. Die war schon immer gefährdet und ist während der Corona-Krise bei vielen Menschen völlig abhandengekommen. Dabei ist sie die Basis des demokratischen Diskurses, ermöglicht sie doch die Gegenposition hinzunehmen, auszuhalten, über sie nachzudenken und differenziert zu argumentieren. Was ich aber im Alltag und in „sozialen“ Netzwerken erlebe, ist genau das Gegenteil: eine schwarz-weiß-Zeichnung, die den Andersdenkenden als Feind skizziert. Diese Negierung der Diskussionskultur hat mittlerweile auf verbaler Ebene kriegsähnliche Züge angenommen und untergräbt die Fähigkeit zur Demokratie. Gesteigerte Emotionalität ist nun mal kein guter Ratgeber. Der Wunsch nach schnellen, einfachen und klaren Lösungen, der dahintersteckt, ist zwar verständlich, geht aber meist an der Realität vorbei und trägt einen totalitären Kern in sich, der die Abweichung zum Hassobjekt macht. Dabei ist es gerade sie, die uns im Laufe der Geschichte weitergebracht hat. Unser Leben ist ein Chor und nicht eine einzige Stimme. Sachlichkeit hilft auch dabei, weiterzuschauen, als das Virus groß ist. Es geht nicht nur um den Moment, es geht immer auch um Zukunft. Denn, was wir heute entscheiden, bleibt auch in den nächsten Jahren. Wer heute aus Angst zu Denunziationen aufruft oder selbst denunziert, tut das auch noch, wenn die Pandemie vorbei sein wird. Politische Entscheidungen von heute haben Folgen für ein Zusammenleben von morgen. Wer heute aus Angst nach einer Tracing-App ruft, ist womöglich morgen der Verfolgung ausgesetzt, die diese App ermöglicht. Wollen wir das in unserer Gesellschaft? Sachlichkeit bietet die Möglichkeit dies abzuwägen.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Ich glaube nicht daran, dass wir einen Neubeginn erleben werden, zumindest nicht im Sinne der Erneuerung. Die Menschen werden versuchen, genau dort weiterzumachen, wo das normale Leben für sie einst eingeschränkt wurde. Der Aufbruch wird eine Rückkehr zum Alten sein. Und vielleicht zeigt sich gerade hier eine Möglichkeit für die Kunst: zu belegen, dass der Fortschritt nicht immer bedeutet, dass man weiterkommt.

Was liest Du derzeit?

Helon Habila: Reisen. (Roman)

Matthias Schmelzer: Freiheit für Wechselkurse und Kapital. Die Ursprünge neoliberaler Währungspolitik. (Sachbuch)

Maria Stepanova: Der Körper kehrt wieder. (Gedichte)

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Ich habe kein gutes Verhältnis zu Zitaten. Zum einen sind sie meist Ausdruck der Eitelkeit des Zitierenden, zum anderen reduzieren sie den Zitierten auf eine Aussage, die seinem Werk nicht gerecht wird.

Vielen Dank für das Interview lieber Guy, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Guy Helminger, Schriftsteller

Home | Guy Helminger (wixsite.com)

Foto_privat

1.2.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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