„Die Zukunft ist weder gewonnen, noch gesichert, noch wird sie besser sein“ Ramona de Jesús _ Schriftstellerin_ Berlin 24.2.2021

Liebe Ramona, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich glaube nicht, dass mein Tagesablauf von Interesse sein könnte. Er ist nicht einmal für mich selbst interessant, wie also für einen Leser?

Ich kann aber sagen, und zwar nicht, weil es sich im vergangenen Jahr geändert hat, sondern gerade weil es gleichgeblieben ist, dass ich meine Zeit mit dem Versuch zu überleben verbringe, vor allem mit dem Versuch, mich selbst zu überleben.

Eine Sache, die sich dabei aber doch geändert hat, ist die Art, wie ich Kaffee koche. Vor ein paar Monaten musste ich meine italienische Kaffeekocher gegen eine French Press austauschen, und das änderte die Reihenfolge, in der ich das Getränk zubereite, und diese neue Reihenfolge veränderte seinen Geschmack. Außerdem ist es natürlich so, dass früher der Kaffee mit dem italienischen Kaffeekocher ein Espresso war und jetzt, mit der French Press der Wassergehalt höher und der Kaffee eher wie ein amerikanischer ist. Außerdem gieße ich jetzt zuerst die Milch in die Tasse, während ich warte, während ich vorher, mit dem italienischen Kocher, den Kaffee zuerst eingegossen und ihn mit Milch nur gefärbt habe. Auch trinke ich ihn jetzt, vielleicht weil der Kaffee schwächer und fader ist, meist mit Zucker. Vorher hatte ich mit dem italienischen Kocher nur genug für eine Tasse Kaffee, bevor ich eine neuen machen musste. Die French Press ist nun größer und reicht für zwei oder zweieinhalb Tassen Kaffee. Das bedeutet: Wenn ich die zweite Tasse trinke, ist der Kaffee bereits kalt und ich muss mich entscheiden, ob ich ihn so trinke oder in einer Kanne wieder aufwärme. Manchmal mache ich das eine, manchmal das andere. Es kommt auf die Stimmung an. Alles kommt auf die Stimmung an, sagt Fernando González.

Ramona de Jesús  _ Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich kann nicht sagen, was für alle „jetzt“ wichtig ist, tatsächlich erzeugt die Formulierung eines „jetzt“ bei mir mehr Zweifel als Hinweise auf die Zukunft, aber ich denke, es ist immer wichtig, Musik zu hören. Ich habe mich in den vergangenen Monaten auch mehrmals dabei ertappt, wie ich über die Notwendigkeit und Dringlichkeit von Wut gesprochen habe. Wann haben wir das letzte Mal gesehen, dass jemand auf der Bühne eine Gitarre zertrümmert hat? Vielleicht kamen wir dieser Geste der Nonkonformität und Hilflosigkeit am nächsten, als Kanye West den Auftritt von Taylor Swift bei den VMA Awards 2013 unterbrach, um öffentlich anzuprangern, dass die Arbeit einer schwarzen Frau, sogar von Beyoncé, unterbewertet wird. Dieses Ereignis ist interessant, weil hier nicht nur die Tragödie im Spiel ist, sondern auch ihr Gegenpart die Komödie. Und so frage ich mich auch, was aus Banksy geworden ist, warum man nicht John Cooper Clarke und Cervantes wieder liest.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Mir fällt in diesem Moment auf, dass meine beiden ersten Antworten mit einer Negation begannen, was ich symptomatisch finde und beibehalten möchte: Ich glaube nicht, dass wir vor einem „Aufbruch“ oder „Neubeginn“ stehen. Diese Begriffe implizieren ein Ende des Zyklus und das Kommen einer Regeneration. Es ist zu früh, um die Zeichen zu entschlüsseln, um sie zu lesen. Meiner Meinung nach befinden wir uns in einem unbestimmten und undefinierten Stillstand. Eine Zeit der absoluten Negation, in der die Zukunft, verstanden unter christlichen Heilsvorstellungen, aufgehoben ist. Die Zukunft ist weder gewonnen, noch gesichert, noch wird sie besser sein, noch ein Schlaraffenland, wie Estanislao Zuleta in seinem Essay Das Lob der Schwierigkeit sagen würde. Ich denke, dass eine interessante Reflexion darüber, was der Diebstahl von Zukunft und Hoffnung für das Subjekt bedeuten kann, von Afro-Pessimisten wie Frank Wilderson und Christina Sharpe gemacht wird. Erinnert sei auch an die Figur des Heiligen Sebastian, der zum Schutzpatron der Opfer der Beulenpest erklärt wurde, an einen Baum gelehnt, die Brust von Pfeilen durchbohrt und mit dem Vers: keine Hoffnung, keine Angst.

Was liest Du derzeit?

Ich empfehle immer, Ariana Harwicz zu lesen, natürlich ihre Werke, aber auch ihren Twitter-Account. Mich interessiert vor allem ihre Kritik an dem zeitgenössischen Interesse an einer revisionistischen Vision von Kunst und Literatur; daran, politisch korrekte Literatur zu schreiben und lesen zu wollen.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

In dieser Zeit, in der ich so viel Zeit damit verbringe, aus dem Fenster zu schauen, finde ich, dass der beste Textimpuls darin besteht, den Schreibtisch an eine Wand zu stellen.

Vielen Dank für das Interview liebe Ramona,viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Ramona de Jesús  _ Schriftstellerin

Foto_Bernhard Gruber

22.2.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

Übersetzung_Timo Berger

https://literaturoutdoors.com

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