„…wenn im Dunkeln der Rest der Welt etwas zurücktritt“ Judith Ralser, Schriftstellerin _Salzburg, 25.12.2020

Liebe Judith, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Mein Tagesablauf hat sich wenig verändert. Ich arbeite mehr vom eigenen Schreibtisch aus und weniger stark aus Bibliotheken, mehr über Onlinemeetings statt bei Treffen im Café. Grundsätzlich hat sich mein Alltag nach hinten hin verschoben, ich arbeite inzwischen oft bis spät in die Nacht hinein und komme erst dann zu mehr oder weniger produktiven Beschäftigungen mit Texten und Literatur, wenn im Dunkeln der Rest der Welt etwas zurücktritt.

Judith Ralser, Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

So Vieles, das dazu schon gesagt wurde. Uns nicht gegenseitig aus den Augen verlieren; empathisch bleiben, demokratisch bleiben.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Ob der Neubeginn so neu sein wird?

Anstöße geben und Missstände aufzeigen, das bleibt nach wie vor eine wichtige Rolle der Kunst. Möglichkeiten eröffnen, wie die Welt sein könnte. Sich auch und gerade für sich selbst einsetzen, für den Wert der Kunst und die Anerkennung der Arbeit als Künstlerin, Autorin, Musikerin.

Was liest Du derzeit?

„Obras do Diabinho da Mao Furada“ (portugiesisch, in etwa „Das Teufelchen mit der durchbohrten Hand“, wird António José da Silva zugeschrieben; bisher meines Wissens nicht ins Deutsche übersetzt)

„Böhmen ist der Ozean“ (Rhea Krčmářová)

„Der Präsident“ (Clemens Berger)

„Dodos auf der Flucht“ (Mikael Vogel)

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Ein Gedicht aus Ilma Rakusas Band „Geliehene Landschaften“ (2016):

Vorschriften zum Gebrauch des Gemüts

Nur weil die Dinge sich änderten, ein gelbes Blatt seinen
Platz verliess, lässt ihre Überzeugungskraft nicht nach.
Nur weil die Blätter in glatten Spiralen auftreiben,

hat diese Landschaft noch keine Rückseite. Übe
Genügsamkeit. Hüt dich vor Überdruss. Es ist die Stunde
nachmittagsstiller Birken, bevor alle Dinge

kippen. Es ist die Stunde schmelzender Polkappen,
tauender Taiga. Jeder gefilzte Felsen im
Dekorationsgeschäft möchte ein guter Verlierer sein.

Vielen Dank für das Interview liebe Judith, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

Ich danke!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Judith Ralser, Schriftstellerin

Foto_privat.

23.12.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Täglich, Lyrik! Poesie ist für mich auch eine Lebenshaltung“ Brigitta Huemer, Schriftstellerin_Bad Leonfelden_24.12.2020

Liebe Brigitta, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Der frühe Vormittag gehört meist der Poesie, der lyrischen Inspiration und schriftstellerischen Arbeit.

Nachmittags, bin ich als Leiterin einer Ganztagsschule, ungleich mehr gefordert als im ersten Lockdown. Die Auswirkungen der gegebenen Beschränkungen, auf Kinder aus sozial schwachen Familien, werden zunehmend schlagend. Lernschwäche und Verhaltensauffälligkeiten steigen tendenziell an. Immer mehr Schülerinnen und Schüler benötigen Unterstützung, um den Anschluss nicht zu verpassen.

Die Abende sind mit ausgedehnten Wald – & Bergläufen ausgefüllt, mit Mondspaziergängen und einer Lese – Obsession, die sich konstant ins Uferlose weitet.

Der Rest ist stilles Sehnen. Ein Verzehren nach der weit verstreuten Familie, den noch weiter abgerückten Enkelkindern; Ist das quälende Bedürfnis nach kulturellen Optionen und unbefangener Nähe. Ist das Fehlen vieler kleiner Selbstverständlichkeiten, die im Alltag hilfreich sind, um ein anforderndes, dicht-gestaltetes Leben im Lot zu halten.

Die Nächte, bisweilen ein Wachen und Gedankenkreisen…

Brigitta Huemer, Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ein aufrechter Geist, Besonnenheit, Innenschau, Weitsicht,  mitverantwortliches, welt – ganzes Denken und Handeln, die Bereitschaft für Verzicht und Selbstbegrenzung, eine lernende, mitfühlende Haltung…

Und um es mit Heidegger zu sagen: „ Gelassenheit zu den Dingen und Offenheit für das Geheimnis.“

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Im Wort ‚Aufbruch‘ sind Antwort und Lösung bereits im Ansatz enthalten.

Ein Neubeginn wird – kollektiv und individuell – nur gelingen, wenn jeder Einzelne bereit ist, sprichwörtlich aufzubrechen. Bereit, diese Zäsur als Lerngeschenk anzunehmen. Als Aufforderung zu radikaler Umkehr. Als Chance für bewusstes An – und Innehalten. Als ein Weltereignis, das nachhaltig Erkenntnis werden sollte. Nichts weniger schulden wir den nachkommenden Generationen.

Kunst im Allgemeinen und Literatur im Speziellen, hat die Aufgabe, den Finger in Wunden zu legen. Ohne jedes Zugeständnis an das Gefällige.   

Was liest Du derzeit?

Täglich, Lyrik! Poesie ist für mich auch eine Lebenshaltung. Sie ist mir Nahrung, Mantel, Atem, Anklang, Halt, bergendes Haus…

Die Liste bevorzugter AutorInnen ist lang: 

Ingrid Bachmann, Paul Celan, Hans Magnus Enzensberger, Günther Slesak, Elfriede Gerstl, Friederike Mayröcker, Günter Eich, Ilse Aichinger, Paula Ludwig, Hilde Domin, Rosa Ausländer, Mascha Kaléko, Gertrud Kolmar, Anna Achmatowa, Wisława Szymborska, Marina Tsvetayeva, Vladimir Mayakovsky, Arseni Tarkowski, Nichita Stanescu, Octavio Paz, Federico Garcia Lorca, Pablo Neruda, Alfonsina Storni, Alejandra Pizarnik, Gabriela Mistral, Gonzalo Márquez Cristo, Jan Gelmann Sylvia Plath, Anne Sexton, Yannis Ritsos,, Charles Bukowski, Paul Eluard, Tristan Tzara, Andre Breton, Jorge Luis Borges, Francesco Petrarca, Emily Dickinson, William Butler Yeats, Dylon Thomas, Ossip Mandelstam, Francois Villon, Charles Baudelaire,  Trakl, Hölderlin, RILKE u.v.a.

Aktuell lese ich– stimmungsabhängig – parallel, mehrere Romane:

Nino Haratischwili: ‚Das achte Leben‘

Ilija Trojanow: ‚ Der Weltensammler‘

Peter Handke: ‚ Die Obstdiebin‘

Karl Ove Knausgård: ‚ Aus der Welt‘

Angela Lehner: ‚Vater unser‘

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

FREIE WAHL

Erheben

oder sein

was wir wurden

Geblendete

im Tumult der Zeit

Eingeschlossen

im Schacht

der Vergänglichkeit

Verfangene

in der Kadenz

des Eigenen

SternenWanderer

ohne Bleiberecht

Nein

Ich flehe nicht

ich weine nicht

Alles fliegt dahin

wie Frühlingswinde

in jäh erblühten Gärten

Nur der Liebende bricht nie

Aus:Brigitta Huemer: ‚GEDANKEN AN ROT‘, ISBN 978-3-903190-03-0 / Verlag am Rande

– – –

„…es ist Zeit, daß man weiß!
Es ist Zeit, daß der Stein sich zu blühen bequemt,
daß der Unrast ein Herz schlägt.
Es ist Zeit, daß es Zeit wird.

Es ist Zeit.“

Paul Celan, Auszug aus dem Gedicht ‚Corona‘

Vielen Dank für das Interview liebe Brigitta, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Brigitta Huemer, Schriftstellerin

Foto_Wolfgang Stadler, Bad Ischl

14.12.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Variationen der Nähe zu erlernen“ Deniz Utlu, Schriftsteller _ Berlin, 24.12.2020

Lieber Deniz, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Aufwachen. Lesen. Schreiben. Frühstücken. Telefonieren. Spazieren. Essen. Schreiben. Lesen. Schlafen.

Deniz Utlu_Schriftsteller

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Variationen der Nähe zu erlernen.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Einen Tag vor dem erneuten Lockdown hatte ich noch eine Lesung, zusammen mit Max Czollek in Bremen. Es war mir wichtig, daran zu erinnern, dass Literatur uns verbinden kann – ich meine das ganz technisch: Literatur ist eine Form intimster Kommunikation, die Raum und Zeit transzendiert. Ich kann James Baldwin, Nazim Hikmet, José F. A. Oliver oder Ingeborg Bachmann lesen – und muss nie alleine sein. Es kommt einem Wunder nahe. Mehr: Es ist ein Wunder, dass Literatur immer genau den Leser oder die Leserin meint, der oder die das Buch in der Hand hält und sich auf den Text – letztlich auf das Bewusstsein eines anderen – einlässt, obwohl der Autor, die Autorin vielleicht schon lange vor der Geburt der Lesenden gestorben ist, und sie unmöglich kennen kann. Jemand schreibt einen Text vor 500 Jahren und meint damit genau mich? Wie geht das? Womöglich durchs Erzählen, durch Poesie, durch das Erfahrbar machen existentieller Nöte und Freuden, von denen wir vielleicht dachten, wir sind alleine damit.

Was liest Du derzeit?

Z.B. Serhij Zhadan. Friedericke Mayröcker. Karosh Taha. Lea Schneider.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„früher oder später werden wir alle eine kugel in den kopf kriegen, sagt h. das ist uanbwendbar, und darum müssen wir sicherstellen, dass wir sie von unseren gegnern kriegen, und nicht von uns selbst.“

Lea Schneider, Made in China

„und sie erzählte, nicht um zu überleben, sie erzählte, um sich zu verzeihen.“

Karosh Taha, Im Bauch der Königin

„ach Herolde der Tränen wie wir sie anhimmeln, möchte Ornithologe werden,“

Friederike Mayröcker, da ich morgens und moosgrün. Ans Fenster trete

„Erinnere dich an mich, zorniges Vogelauge“

Serhij Zhadan, Antenne

Vielen Dank für das Interview lieber Deniz, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Deniz Utlu, Schriftsteller

Ich | Deniz Utlu

Aktueller Roman: „Gegen Morgen“, Suhrkamp Verlag 2019

Foto_Suhrkamp Verlag.

8.12.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Herzensweite“ Kathrin Schadt, Schriftstellerin_Berlin 24.12.2020

Liebe Kathrin, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich stehe um 5 Uhr morgens auf und setze mich mit Kaffee an den Schreibtisch. Heute Morgen war die Milch aus. Auf dem Schreibtisch: Manuskript POEDU, Beiträge für ein paar Anthologien und Magazine, neues Kinderbuch, POEDU – Poesiewerkstatt für Kinder, neues Sachbuch und meine Broterwerbe. Dann mache ich Frühstück für alle, bringe das Kind in die Schule, gehe eine kleine Runde joggen, setze mich wieder an den Schreibtisch. Nachmittags/abends gebe ich Deutschunterricht. Danach räume ich auf, wasche Wäsche, bringe das Kind ins Bett und falle dann selbst um. Seit heute sind Ferien, dh. ich versuche all das und die Weihnachtsvorbereitungen und das Kind zuhause unter einen Hut bringen. Seit März ist irgendwie alles pausenlos atemlos.

Kathrin Schadt, Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Herzensweite

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Mir fällt dazu ein Satz ein, den ich während der Quarantäne im Netz, zum Thema „Systemrelevanz“ gelesen habe: „If you think artists are useless try to spend your quarantine without music, books, poems, movies, paintings and porn.“

Was liest Du derzeit?

Johanna Hansen „Zugluft der Stille“ (edition offenes feld), Elke Engelhardt „Sansibar oder andere gebrochene Versprechen“ (ELIF VERLAG), Alfonsina Storni „Liebesgedichte“ (Limmat) und Tobias Elsäßer „Play“ (Hanser)

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

“Nobody realizes that some people expend tremendous energy merely to be normal.” ― Albert Camus

Vielen Dank für das Interview liebe Kathrin, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Kathrin Schadt, Schriftstellerin

Foto_Alex Rademakers

23.12.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Uns daran zu erinnern, warum wir KünstlerInnen geworden sind“ Corinna Pohlmann, Schauspielerin/Sängerin_Berlin 23.12.2020

Liebe Corinna, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich habe irgendwie das Gefühl, dass ich mehr zu tun habe als vor der Krise, aber noch weniger bis überhaupt gar nichts dabei verdiene. Alles ist in Bewegung, ich verbringe wahnsinnig viel Zeit damit, neue Projekte an den Start zu bringen, die meinem Künstlerkollektiv und mir im neuen Jahr über die Runden helfen sollen. So wie das Crowdfunding für mein Debutalbum gerade. Das bedeutet ganz ganz viel Akquise, aber auch Gedanken- und Ideenaustausch und Kreativsein.

Corinna Pohlmann, Schauspielerin, Sängerin, songwriter

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Es ist für uns alle jetzt besonders wichtig, uns nicht unterkriegen zu lassen. Uns daran zu erinnern, warum wir KünstlerInnen geworden sind. Aus Leidenschaft, aus der Lust heraus, Geschichten zu erzählen. Wir sind nicht so abhängig von den staatlichen Verordnungen, wie wir glauben. KünstlerInnen haben – wenn man die Historie betrachtet – unter den schlimmsten Bedingungen Wege und Nischen gefunden, um gehört zu werden.

Corinna Pohlmann_Band_Berlin 2020

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Musik, der Kunst an sich zu?

Das, was hier um uns herum passiert, ist Material für uns. Wir können es nutzen, um uns künstlerisch weiter zu entwickeln. Besonders Musik ist in diesen Zeiten tröstend und kann Menschen, die entmutigt und enttäuscht worden sind, eine Stimme geben.

Corinna Pohlmann_Band_Berlin 2020

Was liest Du derzeit?

Ich lese gerade eine Biografie von Beethoven. Die Unbeirrbarkeit vieler klassischer Komponisten gibt mir echt Kraft.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Wer groß denkt, wird Großes erreichen. Ich weiß gerade nicht, wer das mal zum Besten gegeben hat, aber ich spüre gerade deutlichst, dass es stimmt. A propos: Bitte helft mir und meinem Team bei unserem Projekt und seht euch hier die Kampagne an, sie geht nur noch bis zum 26.12.: http://kck.st/3q1M35T

Vielen Dank für das Interview liebe Corinna, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Musik-, Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

Corinna Pohlmann_Sängerin, songwriter

5 Fragen an KünstlerInnen:

Corinna Pohlmann_Schauspielerin, Sängerin, songwriter

Fotos_Sandra Schuck

23.12.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„step by step and double-check“ Sieglind Demus, Schriftstellerin, Villach_23.12.2020

Liebe Sieglind, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Einen Tag vor dem 2. Lock-Down hat der Hermagoras Verlag mein Buch »Begegnungen können dein Leben verändern … oder auch nicht« aufgelegt. Daran habe ich dieses Jahr gearbeitet und setze diese Arbeit für den Folgeband »Und die Liebe?«, der im nächsten Herbst erscheint, fort. Parallel dazu recherchiere und schreibe ich für zwei weitere Publikationen. Für Autorinnen und Autoren ist es nicht ungewöhnlich, sich für einige Zeit zurückzuziehen und sich in Schreibprojekten zu verlieren. Aber ich freue mich und bereite mich auf die Zeit vor, in der Lesungen vor Publikum wieder möglich sind.

Sieglind Demus_Schriftstellerin

Manchmal wünschte ich mir, dass ich, um einen genauen Ablauf zu rekonstruieren, strukturierter arbeite. Inzwischen akzeptiere ich, dass das nicht meine Herangehensweise ist. So gibt es sehr intensive Schreibphasen und Zeiten, in denen »Fußreisen« Fernreisen ersetzen und mich ebenfalls inspirieren. Auf diesen Reisen in meine Umgebung entdecke ich Erstaunliches – z.B. aufgehende, blassviolette Lotosblüten im naturwarmen Wasser, gerahmt von Schnee.

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Es ist der gleiche wertschätzende Umgang und die Wahrnehmung von den Nöten der Menschen und der Umwelt geboten wie immer. Und diesbezüglich laufe ich buchstäblich im Kreis, weil wir in Europa nicht in der Lage sind, geflüchteten Menschen ihrer würdig zu helfen, sie mit Wärme willkommen zu heißen. Ich bin entsetzt, dass Menschen Menschen klassifizieren, hinnehmen dass z.B. »Ärzte ohne Grenzen« bei Kindern Bisswunden von Ratten versorgen müssen – und mit gleichem Atem belehrend das Unrecht anderswo aufzeigen. Was für ein Bild zeichnen wir für unsere Kinder und Enkelkinder? Wir werden uns verantworten müssen – und sei es für unser Schweigen und Hinnehmen. Dass wir nichts gewusst hätten können wir in keine Waagschale werfen.

Was liest Du derzeit?

Kreuz und quer lese ich zur Zeit in vier Anthologien, die alle in diesem Herbst erschienen sind:

»B(r)uchzeilen«, ein Projekt von »unserem« poe:Tisch,

»Feinheiten 3« mit starken Texten, herausgegeben vom Verband der Kärntner SchriftstellerInnen,

»Regen, sich regen, erregen«, eine Sammlung mit der Gernot Ragger – der Wolf Verlag – Autorinnen und Autoren die Gelegenheit gibt, sich mit längeren Texten zu Wort zu melden und

»Schlosslektüre«, eine Initiative des Villacher Kulturamtes.

In allen Anthologien sind Textbeiträge von mir selbst, die ich als erstes lese, wenn ich eine neue Publikation in Händen halte, denn das gedruckte Wort im Buch unterscheidet sich in der Intensität in beinahe magischer Weise von dem am Bildschirm. Und dann bin ich unfassbar neugierig auf die Themen der Kolleginnen und Kollegen, freue mich über gelungene Beiträge.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Künstlerinnen und Künstler stehen immer in einer gesellschaftlichen Verantwortung. Viele nehmen diese wahr, melden sich zu Wort, zeigen auf und werden nicht müde unbequeme Fragen zu stellen, unpopuläre Themen aufzubereiten.

Der Verzicht auf Vernissagen, Theater, Konzerte, Lesungen, Kinobesuche ist schmerzlich und wird in der Öffentlichkeit als Verlust wahrgenommen. Das nährt die Hoffnung, dass dadurch nicht nur die Sehnsucht nach Unterhaltung, sondern auch das Ansehen der Künstlerinnen und Künstler, das Interesse an ihren Anliegen und Werken gestiegen ist.

Ich jedenfalls freue mich darauf, wieder Sozialkritisches auf den Bühnen des Stadttheaters und der Neuen Bühne Villach zu verfolgen, Bilder von nahem zu betrachten, vor Publikum zu lesen und mit Publikum zu diskutieren – Bücher zu signieren natürlich auch.

Welches Zitat, Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Zugegebenermaßen klingt das nicht literarisch oder gar philosophisch, dessen ungeachtet hat sich für mich eine Vorgangsweise bewährt. Ich wende sie bei schwierigen oder unbekannten Aufgaben, auf Reisen, bei Recherchen, beim Schreiben und erst recht beim Überarbeiten an:

»step by step

and

double-check«

Vielen Dank für das Interview liebe Sieglind, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

Sieglind Demus, Schriftstellerin

5 Fragen an KünstlerInnen:

Sieglind Demus, Schriftstellerin

Mohorjeva – Hermagoras | Verlag | Autor: Sieglind Demus

Fotos_privat.

22.12.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Ich schreibe jetzt nicht: „durchzuhalten“. Das klingt so preußisch“ Ilinca Florian, Schriftstellerin_ Berlin _ 23.12.2020

Liebe Ilinca, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich habe keine freie Minute, um mich zu langweilen oder deprimiert zu sein – obwohl ich die aktuelle Situation unglaublich deprimierend finde – weil ich angefangen habe, Psychologie zu studieren. Es ist so viel Stoff und so viel neuer Input, der mich bis in meine Träume verfolgt. Das menschliche Gehirn, all unsere Fähigkeiten zu denken, zu handeln und zu fühlen sind ein spannendes und auch geheimnisvolles Feld, das die Forschung noch lange, lange Zeit vor viele Rätsel stellen wird. Ich freue mich schon darauf, über Weihnachten ein paar Tage nichts zu tun.

Ilinca Florian, Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich schreibe jetzt nicht: „durchzuhalten“. Das klingt so preußisch. Wichtig ist, nicht zu vergessen, dass es eine Zeit vor Corona gegeben hat. Es wird (mit ziemlicher Sicherheit) auch eine Zeit nach Corona geben.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle… was wird dabei wesentlich sein…

Die Rolle der Kunst wird die gleiche sein, die sie auch vor der Pandemie war: Dinge zu ergründen und zu hinterfragen, Menschen zu unterhalten und aufzurütteln, der Welt und der Zeit, in der die Kunst Kunst sein darf, den Spiegel vorzuhalten.

Was liest du derzeit?

„Biopsychologie“ von Pinel, 10. Auflage. Und von Sofia Lundberg den Roman „Das rote Adressbuch“

Textimpuls

Ich bin keine Freundin von Kalendersprüchen und Zitaten. Aber ich habe kürzlich diesen tollen Song von Bob Dylan entdeckt. Der einen noch tolleren Titel hat:  „I Contain Multitudes“. Drei Worte, die sich gut und leicht mit der aktuellen Situation assoziieren lassen.

Vielen Dank für das Interview liebe Ilinca, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Ilinca Florian, Schriftstellerin

Ilinca Florian | Karl Rauch Verlag (karl-rauch-verlag.de)

Foto_privat.

14.12.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Der Mangel an Visionen und Menschlichkeit – die Kauflaune bleibt das politische Maß aller Dinge“ Bettina Gärtner, Schriftstellerin_Wien 22.12.2020

Liebe Bettina, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Im Grunde wie immer: Ich setze mich morgens mit einem Viertelliter Espresso und der Hoffnung an den Schreibtisch, dass etwas weitergeht. Mit dem Unterschied, dass meist nicht allzu viel geht und das Verfolgen der Entwicklungen im Land und in der Welt seit Monaten viel zu viel Raum und Zeit einnimmt. Trotzdem stehe ich auch jetzt nach Möglichkeit erst wieder am frühen Nachmittag vom Schreibtisch auf, esse etwas und trinke den nächsten Espresso, um mich anschließend ans Private und Soziale, Administrative und Lebenstechnische zu machen – es ist ja immer etwas los oder zu klären, zu erledigen oder kaputt, im Moment zum Beispiel die Therme.

Bettina Gärtner, Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich würde ‚durchhalten‘ oder ‚nicht verstummen‘ zu den kleinsten gemeinsamen Nennern zählen.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Für so gut wie alle Schieflagen, Missstände und Katastrophen der Gegenwart scheinen mir Jahrhunderte kapitalistischer Gier und paternalistischer White Supremacy ursächlich zu sein. Das einzuräumen und in großem Stil umzudenken wäre politisch und gesellschaftlich wesentlich. ‚Weiter wie bisher‘ ist in kaum einem Lebensbereich mehr eine Option, beinahe alles, was sich längst hätte verbessern sollen, muss sich nun schleunigst ändern. Die C-Krise wirkt wie ein Brennglas, der Mangel an Visionen und Menschlichkeit tritt derzeit wieder besonders krass zutage: Die Kauflaune bleibt das politische Maß aller Dinge, außer ‚Konsum ankurbeln‘ ist wenig zu vernehmen, Shame on Europe! Dass auf den Stillstand ein wirklicher Aufbruch folgt, steht aber zu hoffen und wird sich nicht zuletzt in der Kunst zeigen. Was die Literatur betrifft, habe ich mir immer die Frage gestellt, inwieweit etwas heute in Angriff Genommenes am Ende noch zur Welt passt, jetzt beschäftigt mich vor allem, wie und was überhaupt noch geschrieben werden könnte und sollte. Furchtlosigkeit ist und bleibt entscheidend, denke ich, auf allen Kanälen.

Was liest Du derzeit?

Terézia Mora. Die Relektüre ihrer Frankfurter Poetikvorlesung ‚Nicht sterben‘ plus die Erstlektüre ihrer Salzburger Poetikvorlesung ‚Der geheime Text‘ haben mich endlich auch zu ihrem Erzählband ‚Die Liebe unter Aliens‘ und ihrem Debütroman ‚Alle Tage‘ geführt, ich lese beides abwechselnd. Danach kommen mit ‚Das Ungeheuer‘ und ‚Auf dem Seil‘ Teil zwei und drei ihrer Romantrilogie an die Reihe, den ersten Teil ‚Der einzige Mann auf dem Kontinent‘ habe ich vor Jahren schon gelesen.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Eine Meinung ist das Gegenteil von Literatur. Um zu schreiben, muss man sich dem Markt entziehen, den Schlagworten, den Formaten, der Verfügbarkeit, dem Funktionieren.“, zu der Erkenntnis kommt die Schriftstellerin Laura Freudenthaler in ihrem Essay ‚Schreiben. Bis wir verbrennen.‘ im Theatermagazin ‚Bühne‘ (Nr. 4/Dez. 2020).

Vielen Dank für das Interview liebe Bettina, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

Ich habe zu danken.

5 Fragen an KünstlerInnen:

Bettina Gärtner, Schriftstellerin

Bettina Gärtner – Autorin (xn--bettinagrtner-ifb.at)

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22.12.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Großzügig mit Liebeserklärungen sein. Sch… auf Coolness“ Raquel Erdtmann, Schriftstellerin_ Frankfurt/Main 22.12.2020

Liebe Raquel, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Der Tag beginnt wie vor Corona mit Kaffee, Zigaretten und der Lektüre diverser Zeitungen. Jetzt etwas ausgiebiger, da ich nicht, wie in den letzten Jahren, danach mehrmals die Woche gegen neun ins Gericht radele, sondern gleich an den Schreibtisch gehe. Ich arbeite, bis es Zeit wird das Abendessen zu kochen, unterbrochen von einem Plausch mit dem Kind, wenn es aus der Schule kommt und in Schul-Lockdown-Zeiten, wenn es Hilfe bei den Schulaufgaben braucht. Nach dem Abendessen geht die Arbeit meistens weiter bis gegen zehn, manchmal länger. Nebenbei »das bisschen Haushalt« und chatten mit Freunden. Mir fehlt die Flucht in die Kneipe, wenn es mir zu Hause zu viel wird, das Arbeiten im Caféhaus.

Raquel Erdtmann, Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Autoren und bildenden Künstler sind das einsam vor sich hinarbeiten ja gewöhnt, die tägliche Selbstdisziplin. Dazu gehört auch, dass man sich nur weil einen keiner sieht, nicht gehen lässt. Nein, keine Jogginghose, aufstehen, anziehen, als hätte man einem Termin. Lippenstift!

Bei den Freunden nachfragen, wie es ihnen geht. Möglichst wenig die anderen volljammern, auch wenn man gerade mal möchte, stattdessen versuchen, etwas Heiterkeit zu servieren.

Über sich selber lachen.

Genau zuhören und hingucken. Die eigenen vier Wände sind für viele die Hölle – in Lockdown-Zeiten ohne kleine Fluchten erst recht (hier spricht die Gerichtsreporterin).

Großzügig mit Liebeserklärungen sein. Die erst ins Grab hinterherzurufen, scheint mir doch töricht. Scheiß auf Coolness.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Peter Iden, der große Kunst- und Theaterkritiker, leitete damals die Schauspielabteilung, an der ich studierte. Im Sinne von Perikles sollten wir unseren Beruf ausüben forderte er: die Bühne als den Ort, wo den Herrschenden widersprochen wird.

Und, weil das in Zeiten von »Querdenkern« vielleicht missverstanden wird: Rumpöbeln und das innere Schwein freizulassen ist damit nicht gemeint. Die Kunst stellt immer die großen Fragen nach unserem Sein und Wesen, zeitlos.

Der moderne Mensch hat sich im 17.Jahrhundert befreit von den Ideologien der großen Kirchen, Künstler fingen an, Fragen zu stellen, die Jahrhunderte sich keiner zu stellen wagte. Hundert Jahre später + später begann die Aufklärung. Europa darf die Idee der Aufklärung nicht verraten. Künstler müssen der Stachel im Fleisch bleiben.

Hoffentlich, nebenbei, bleiben wir verschont von einer Flut kleinbürgerlicher Corona-Tagebücher und -Romane, die sich nur in Selbstbespiegelung ergehen.

Was liest Du derzeit?

Hauptsächlich historische Dokumente derzeit, Recherchen für ein Herzensprojekt und für eine Auftragsarbeit.

Noch einmal die Romanfolge »Fortune de France« von Robert Merle vor dem Einschlafen.

Heine, immer wieder Heine.

David Grossmanns Roman »Was Nina wusste« und Elif Shafaks »Schau mich an« warten noch auf dem Nachttisch.

Immer mal wieder zwischendurch ein Gedicht von Marcus Roloff.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Wo die Angst ist, da geht’s lang.

»Wann Krieg beginnt, das kann man wissen. Aber wann beginnt der Vorkrieg. Falls es da Regeln gäbe, müsste man sie weitersagen. In Ton, in Stein eingegraben, überliefern. Da stünde, unter andern Sätzen: Lasst euch nicht von den Eigenen täuschen.« (Christa Wolf in »Kassandra«

»Freiheit ist auch immer die Freiheit des Andersdenkenden.« Rosa Luxemburg

Vielen Dank für das Interview liebe Raquel, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Textprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Raquel Erdtmann, Schriftstellerin, Schauspielerin

Foto_ 1_Jens Ihnken 2_privat.

14.12.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Wir müssen dieses Jahr in lebendiger Erinnerung behalten“ Dmitrij Gawrisch, Schriftsteller _ Berlin 21.12.2020.

Lieber Dmitrij, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich habe deine Frage beantwortet, lieber Walter, und meinen Alltag beschrieben, das „Doppelleben“, das ich führe, die Wochen mit Kind und die Wochen ohne, die produktiven Stunden vormittags, in denen ich das Internet kappe, und die kommunikative, manchmal sogar gesellige Zeit danach, sowohl die müden, frühen als auch die ideenfunkelnden, späten Abende, an denen sich der Schlaf verspätet. Und dann den ganzen Text wieder gelöscht. Ich mag eigentlich Alltagsschilderungen, sehr sogar, und gehe auch offen mit meinen Produktionsprozessen um, da gibt es weder etwas zu verheimlichen, noch zu beschönigen oder zu mystifizieren. Aber beim (Be-)Schreiben und vor allem, als der Text da stand, stellte sich das ungute Gefühl ein, Platz wegzunehmen, all den Menschen, deren Alltag durch die Pandemie wirklich zerbrochen ist, die um Angehörige bangen oder verloren haben, die verzweifeln, weil sie die Januarmiete nicht aufbringen können oder gerade noch, aber danach kaum noch Geld für Lebensmittel oder Medikamente haben, die auf der Straße leben, die auf der Flucht sind, in Lagern zusammengepfercht und deren Zukunft noch unsicherer ist als jemals zuvor. Mein Tagesablauf suggeriert, dass alles nicht so schlimm ist. Ich habe ihn gelöscht, um nichts zu beschönigen, um nicht von den Tatsachen abzulenken.

Dmitrij Garwisch, Schriftsteller

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Wir müssen dieses Jahr in lebendiger Erinnerung behalten. Selbst wenn die meisten von uns in diesem Erdteil vergleichsweise glimpflich, bloß mit einem oder zwei blauen Augen davonkommen sollten, nicht bloß als eine Warnung, sondern als Katastrophe, die sich nicht wiederholen darf. Ich hoffe, dass dieses Jahr unsere individuelle wie gesamtgesellschaftliche Transformationskompetenz (als die Fähigkeit, sich an verändernde Umstände und Gegebenheiten anzupassen) gestärkt haben wird – wenn man Klima- und Gerechtigkeitsforscher:innen glaubt, brauchen wir diese mehr denn je. So paradox es klingen mag, wird das Jahr 2020 uns vielleicht ins Gedächtnis zurückgerufen haben, dass weder wir machtlos sind noch business as usual alternativlos. Und dass Geld nicht die Lösung ist, sondern oft genug das Problem.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Ich habe Angst vor dem Kompensations- und Nachholexzess. Dass wir dereinst im kollektiven Freudentaumel über das Ende der Pandemie sämtliche guten Vorsätze über Bord werfen, wieder um die Welt jetten und cruisen, als gäbe es kein Morgen, das Wiedersehensglück mit einer endlosen Party und Gin Tonics feiern, umarmungstrunken und selbstvergessen. Wird sich die Literatur trauen, eine Spaßbremse zu sein? Geschichten zu erzählen, die über die Erinnerung wachen, sie wachhalten, ausweiten, neu und anders denken und deuten und weiterspinnen, die Ursachen auf den Grund gehen, Zusammenhänge knüpfen, an Gewissheiten rütteln? Literatur als kollektives Gedächtnis und Gewissen? Eigentlich so wie immer. Und das auch noch unterhaltsam.

Was liest Du derzeit?

Eine kurze, persönliche, scheinbar eindeutige Frage, und trotzdem zögere ich zu antworten. Dienen in literarischen Texten die Bücher, die die Protagonist:innen mit ins Bett nehmen oder auf Couchen herumliegen lassen, nicht immer auch deren Charakterisierung – du bist, was du liest? Und entsprechend, wenn ich es schon selbst in der Hand habe: Wie möchte ich gelesen, wahrgenommen werden, welche Titel sollte ich weglassen, um garantiert nichts falsch zu machen, und welche könnte ich hinzufügen, wenn ich Lust hätte, wohldosiert anzuecken oder kalkuliert zu provozieren? Überlässt mir deine Frage, lieber Walter, eine Plattform, gibt Möglichkeit und Verantwortung, Bücher, die ich wichtig finde, einer interessierten Öffentlichkeit zu empfehlen? Und zugleich lässt sich die Frage natürlich auch naiv ehrlich (ehrlich naiv?) verstehen. Als schlichte (zufällige?) Auflistung der Bücher und Texte, die derzeit auf meiner Leseablage liegen: Leben mit Exil, Franziska Linkerhand, Selbstportrait, Aus der Zuckerfabrik, Fast ein neues Leben, Die Zukunft ist Geschichte, Reportagen #56, Das ist keine Propaganda, Versuch über den Pilznarren, Lichtungen 163, Der leere Raum, Geschichte der Globalisierung, KlimaIx.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Er traf mich schmerzhaft mit Erfahrungen, die meinen Erfahrungen glichen, auch solchen aus einem Bezirk, in dem ich mich allein, unerkannt und unverwechselbar gefühlt hatte…“ Aus: Brigitte Reimann, „Franziska Linkerhand“, S. 219 meiner Aufbau-Taschenbuchausgabe.

Vielen Dank!

Vielen Dank für das Interview lieber Dmitrij, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

Ich danke dir, lieber Walter, für deine Fragen! Alles Gute für dich.

5 Fragen an KünstlerInnen:

Dmitrij Gawrisch, Schriftsteller

https://www.verlagderautoren.de/theater-verlag/theaterautorinnen/detail/autor/dmitrij-gawrisch/

Foto_Silviu Guiman

11.12.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com