„Wir müssen dieses Jahr in lebendiger Erinnerung behalten“ Dmitrij Gawrisch, Schriftsteller _ Berlin 21.12.2020.

Lieber Dmitrij, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich habe deine Frage beantwortet, lieber Walter, und meinen Alltag beschrieben, das „Doppelleben“, das ich führe, die Wochen mit Kind und die Wochen ohne, die produktiven Stunden vormittags, in denen ich das Internet kappe, und die kommunikative, manchmal sogar gesellige Zeit danach, sowohl die müden, frühen als auch die ideenfunkelnden, späten Abende, an denen sich der Schlaf verspätet. Und dann den ganzen Text wieder gelöscht. Ich mag eigentlich Alltagsschilderungen, sehr sogar, und gehe auch offen mit meinen Produktionsprozessen um, da gibt es weder etwas zu verheimlichen, noch zu beschönigen oder zu mystifizieren. Aber beim (Be-)Schreiben und vor allem, als der Text da stand, stellte sich das ungute Gefühl ein, Platz wegzunehmen, all den Menschen, deren Alltag durch die Pandemie wirklich zerbrochen ist, die um Angehörige bangen oder verloren haben, die verzweifeln, weil sie die Januarmiete nicht aufbringen können oder gerade noch, aber danach kaum noch Geld für Lebensmittel oder Medikamente haben, die auf der Straße leben, die auf der Flucht sind, in Lagern zusammengepfercht und deren Zukunft noch unsicherer ist als jemals zuvor. Mein Tagesablauf suggeriert, dass alles nicht so schlimm ist. Ich habe ihn gelöscht, um nichts zu beschönigen, um nicht von den Tatsachen abzulenken.

Dmitrij Garwisch, Schriftsteller

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Wir müssen dieses Jahr in lebendiger Erinnerung behalten. Selbst wenn die meisten von uns in diesem Erdteil vergleichsweise glimpflich, bloß mit einem oder zwei blauen Augen davonkommen sollten, nicht bloß als eine Warnung, sondern als Katastrophe, die sich nicht wiederholen darf. Ich hoffe, dass dieses Jahr unsere individuelle wie gesamtgesellschaftliche Transformationskompetenz (als die Fähigkeit, sich an verändernde Umstände und Gegebenheiten anzupassen) gestärkt haben wird – wenn man Klima- und Gerechtigkeitsforscher:innen glaubt, brauchen wir diese mehr denn je. So paradox es klingen mag, wird das Jahr 2020 uns vielleicht ins Gedächtnis zurückgerufen haben, dass weder wir machtlos sind noch business as usual alternativlos. Und dass Geld nicht die Lösung ist, sondern oft genug das Problem.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Ich habe Angst vor dem Kompensations- und Nachholexzess. Dass wir dereinst im kollektiven Freudentaumel über das Ende der Pandemie sämtliche guten Vorsätze über Bord werfen, wieder um die Welt jetten und cruisen, als gäbe es kein Morgen, das Wiedersehensglück mit einer endlosen Party und Gin Tonics feiern, umarmungstrunken und selbstvergessen. Wird sich die Literatur trauen, eine Spaßbremse zu sein? Geschichten zu erzählen, die über die Erinnerung wachen, sie wachhalten, ausweiten, neu und anders denken und deuten und weiterspinnen, die Ursachen auf den Grund gehen, Zusammenhänge knüpfen, an Gewissheiten rütteln? Literatur als kollektives Gedächtnis und Gewissen? Eigentlich so wie immer. Und das auch noch unterhaltsam.

Was liest Du derzeit?

Eine kurze, persönliche, scheinbar eindeutige Frage, und trotzdem zögere ich zu antworten. Dienen in literarischen Texten die Bücher, die die Protagonist:innen mit ins Bett nehmen oder auf Couchen herumliegen lassen, nicht immer auch deren Charakterisierung – du bist, was du liest? Und entsprechend, wenn ich es schon selbst in der Hand habe: Wie möchte ich gelesen, wahrgenommen werden, welche Titel sollte ich weglassen, um garantiert nichts falsch zu machen, und welche könnte ich hinzufügen, wenn ich Lust hätte, wohldosiert anzuecken oder kalkuliert zu provozieren? Überlässt mir deine Frage, lieber Walter, eine Plattform, gibt Möglichkeit und Verantwortung, Bücher, die ich wichtig finde, einer interessierten Öffentlichkeit zu empfehlen? Und zugleich lässt sich die Frage natürlich auch naiv ehrlich (ehrlich naiv?) verstehen. Als schlichte (zufällige?) Auflistung der Bücher und Texte, die derzeit auf meiner Leseablage liegen: Leben mit Exil, Franziska Linkerhand, Selbstportrait, Aus der Zuckerfabrik, Fast ein neues Leben, Die Zukunft ist Geschichte, Reportagen #56, Das ist keine Propaganda, Versuch über den Pilznarren, Lichtungen 163, Der leere Raum, Geschichte der Globalisierung, KlimaIx.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Er traf mich schmerzhaft mit Erfahrungen, die meinen Erfahrungen glichen, auch solchen aus einem Bezirk, in dem ich mich allein, unerkannt und unverwechselbar gefühlt hatte…“ Aus: Brigitte Reimann, „Franziska Linkerhand“, S. 219 meiner Aufbau-Taschenbuchausgabe.

Vielen Dank!

Vielen Dank für das Interview lieber Dmitrij, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

Ich danke dir, lieber Walter, für deine Fragen! Alles Gute für dich.

5 Fragen an KünstlerInnen:

Dmitrij Gawrisch, Schriftsteller

https://www.verlagderautoren.de/theater-verlag/theaterautorinnen/detail/autor/dmitrij-gawrisch/

Foto_Silviu Guiman

11.12.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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