„Täglich, Lyrik! Poesie ist für mich auch eine Lebenshaltung“ Brigitta Huemer, Schriftstellerin_Bad Leonfelden_24.12.2020

Liebe Brigitta, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Der frühe Vormittag gehört meist der Poesie, der lyrischen Inspiration und schriftstellerischen Arbeit.

Nachmittags, bin ich als Leiterin einer Ganztagsschule, ungleich mehr gefordert als im ersten Lockdown. Die Auswirkungen der gegebenen Beschränkungen, auf Kinder aus sozial schwachen Familien, werden zunehmend schlagend. Lernschwäche und Verhaltensauffälligkeiten steigen tendenziell an. Immer mehr Schülerinnen und Schüler benötigen Unterstützung, um den Anschluss nicht zu verpassen.

Die Abende sind mit ausgedehnten Wald – & Bergläufen ausgefüllt, mit Mondspaziergängen und einer Lese – Obsession, die sich konstant ins Uferlose weitet.

Der Rest ist stilles Sehnen. Ein Verzehren nach der weit verstreuten Familie, den noch weiter abgerückten Enkelkindern; Ist das quälende Bedürfnis nach kulturellen Optionen und unbefangener Nähe. Ist das Fehlen vieler kleiner Selbstverständlichkeiten, die im Alltag hilfreich sind, um ein anforderndes, dicht-gestaltetes Leben im Lot zu halten.

Die Nächte, bisweilen ein Wachen und Gedankenkreisen…

Brigitta Huemer, Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ein aufrechter Geist, Besonnenheit, Innenschau, Weitsicht,  mitverantwortliches, welt – ganzes Denken und Handeln, die Bereitschaft für Verzicht und Selbstbegrenzung, eine lernende, mitfühlende Haltung…

Und um es mit Heidegger zu sagen: „ Gelassenheit zu den Dingen und Offenheit für das Geheimnis.“

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Im Wort ‚Aufbruch‘ sind Antwort und Lösung bereits im Ansatz enthalten.

Ein Neubeginn wird – kollektiv und individuell – nur gelingen, wenn jeder Einzelne bereit ist, sprichwörtlich aufzubrechen. Bereit, diese Zäsur als Lerngeschenk anzunehmen. Als Aufforderung zu radikaler Umkehr. Als Chance für bewusstes An – und Innehalten. Als ein Weltereignis, das nachhaltig Erkenntnis werden sollte. Nichts weniger schulden wir den nachkommenden Generationen.

Kunst im Allgemeinen und Literatur im Speziellen, hat die Aufgabe, den Finger in Wunden zu legen. Ohne jedes Zugeständnis an das Gefällige.   

Was liest Du derzeit?

Täglich, Lyrik! Poesie ist für mich auch eine Lebenshaltung. Sie ist mir Nahrung, Mantel, Atem, Anklang, Halt, bergendes Haus…

Die Liste bevorzugter AutorInnen ist lang: 

Ingrid Bachmann, Paul Celan, Hans Magnus Enzensberger, Günther Slesak, Elfriede Gerstl, Friederike Mayröcker, Günter Eich, Ilse Aichinger, Paula Ludwig, Hilde Domin, Rosa Ausländer, Mascha Kaléko, Gertrud Kolmar, Anna Achmatowa, Wisława Szymborska, Marina Tsvetayeva, Vladimir Mayakovsky, Arseni Tarkowski, Nichita Stanescu, Octavio Paz, Federico Garcia Lorca, Pablo Neruda, Alfonsina Storni, Alejandra Pizarnik, Gabriela Mistral, Gonzalo Márquez Cristo, Jan Gelmann Sylvia Plath, Anne Sexton, Yannis Ritsos,, Charles Bukowski, Paul Eluard, Tristan Tzara, Andre Breton, Jorge Luis Borges, Francesco Petrarca, Emily Dickinson, William Butler Yeats, Dylon Thomas, Ossip Mandelstam, Francois Villon, Charles Baudelaire,  Trakl, Hölderlin, RILKE u.v.a.

Aktuell lese ich– stimmungsabhängig – parallel, mehrere Romane:

Nino Haratischwili: ‚Das achte Leben‘

Ilija Trojanow: ‚ Der Weltensammler‘

Peter Handke: ‚ Die Obstdiebin‘

Karl Ove Knausgård: ‚ Aus der Welt‘

Angela Lehner: ‚Vater unser‘

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

FREIE WAHL

Erheben

oder sein

was wir wurden

Geblendete

im Tumult der Zeit

Eingeschlossen

im Schacht

der Vergänglichkeit

Verfangene

in der Kadenz

des Eigenen

SternenWanderer

ohne Bleiberecht

Nein

Ich flehe nicht

ich weine nicht

Alles fliegt dahin

wie Frühlingswinde

in jäh erblühten Gärten

Nur der Liebende bricht nie

Aus:Brigitta Huemer: ‚GEDANKEN AN ROT‘, ISBN 978-3-903190-03-0 / Verlag am Rande

– – –

„…es ist Zeit, daß man weiß!
Es ist Zeit, daß der Stein sich zu blühen bequemt,
daß der Unrast ein Herz schlägt.
Es ist Zeit, daß es Zeit wird.

Es ist Zeit.“

Paul Celan, Auszug aus dem Gedicht ‚Corona‘

Vielen Dank für das Interview liebe Brigitta, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Brigitta Huemer, Schriftstellerin

Foto_Wolfgang Stadler, Bad Ischl

14.12.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s