„Großzügig mit Liebeserklärungen sein. Sch… auf Coolness“ Raquel Erdtmann, Schriftstellerin_ Frankfurt/Main 22.12.2020

Liebe Raquel, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Der Tag beginnt wie vor Corona mit Kaffee, Zigaretten und der Lektüre diverser Zeitungen. Jetzt etwas ausgiebiger, da ich nicht, wie in den letzten Jahren, danach mehrmals die Woche gegen neun ins Gericht radele, sondern gleich an den Schreibtisch gehe. Ich arbeite, bis es Zeit wird das Abendessen zu kochen, unterbrochen von einem Plausch mit dem Kind, wenn es aus der Schule kommt und in Schul-Lockdown-Zeiten, wenn es Hilfe bei den Schulaufgaben braucht. Nach dem Abendessen geht die Arbeit meistens weiter bis gegen zehn, manchmal länger. Nebenbei »das bisschen Haushalt« und chatten mit Freunden. Mir fehlt die Flucht in die Kneipe, wenn es mir zu Hause zu viel wird, das Arbeiten im Caféhaus.

Raquel Erdtmann, Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Autoren und bildenden Künstler sind das einsam vor sich hinarbeiten ja gewöhnt, die tägliche Selbstdisziplin. Dazu gehört auch, dass man sich nur weil einen keiner sieht, nicht gehen lässt. Nein, keine Jogginghose, aufstehen, anziehen, als hätte man einem Termin. Lippenstift!

Bei den Freunden nachfragen, wie es ihnen geht. Möglichst wenig die anderen volljammern, auch wenn man gerade mal möchte, stattdessen versuchen, etwas Heiterkeit zu servieren.

Über sich selber lachen.

Genau zuhören und hingucken. Die eigenen vier Wände sind für viele die Hölle – in Lockdown-Zeiten ohne kleine Fluchten erst recht (hier spricht die Gerichtsreporterin).

Großzügig mit Liebeserklärungen sein. Die erst ins Grab hinterherzurufen, scheint mir doch töricht. Scheiß auf Coolness.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Peter Iden, der große Kunst- und Theaterkritiker, leitete damals die Schauspielabteilung, an der ich studierte. Im Sinne von Perikles sollten wir unseren Beruf ausüben forderte er: die Bühne als den Ort, wo den Herrschenden widersprochen wird.

Und, weil das in Zeiten von »Querdenkern« vielleicht missverstanden wird: Rumpöbeln und das innere Schwein freizulassen ist damit nicht gemeint. Die Kunst stellt immer die großen Fragen nach unserem Sein und Wesen, zeitlos.

Der moderne Mensch hat sich im 17.Jahrhundert befreit von den Ideologien der großen Kirchen, Künstler fingen an, Fragen zu stellen, die Jahrhunderte sich keiner zu stellen wagte. Hundert Jahre später + später begann die Aufklärung. Europa darf die Idee der Aufklärung nicht verraten. Künstler müssen der Stachel im Fleisch bleiben.

Hoffentlich, nebenbei, bleiben wir verschont von einer Flut kleinbürgerlicher Corona-Tagebücher und -Romane, die sich nur in Selbstbespiegelung ergehen.

Was liest Du derzeit?

Hauptsächlich historische Dokumente derzeit, Recherchen für ein Herzensprojekt und für eine Auftragsarbeit.

Noch einmal die Romanfolge »Fortune de France« von Robert Merle vor dem Einschlafen.

Heine, immer wieder Heine.

David Grossmanns Roman »Was Nina wusste« und Elif Shafaks »Schau mich an« warten noch auf dem Nachttisch.

Immer mal wieder zwischendurch ein Gedicht von Marcus Roloff.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Wo die Angst ist, da geht’s lang.

»Wann Krieg beginnt, das kann man wissen. Aber wann beginnt der Vorkrieg. Falls es da Regeln gäbe, müsste man sie weitersagen. In Ton, in Stein eingegraben, überliefern. Da stünde, unter andern Sätzen: Lasst euch nicht von den Eigenen täuschen.« (Christa Wolf in »Kassandra«

»Freiheit ist auch immer die Freiheit des Andersdenkenden.« Rosa Luxemburg

Vielen Dank für das Interview liebe Raquel, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Textprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Raquel Erdtmann, Schriftstellerin, Schauspielerin

Foto_ 1_Jens Ihnken 2_privat.

14.12.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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