„Variationen der Nähe zu erlernen“ Deniz Utlu, Schriftsteller _ Berlin, 24.12.2020

Lieber Deniz, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Aufwachen. Lesen. Schreiben. Frühstücken. Telefonieren. Spazieren. Essen. Schreiben. Lesen. Schlafen.

Deniz Utlu_Schriftsteller

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Variationen der Nähe zu erlernen.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Einen Tag vor dem erneuten Lockdown hatte ich noch eine Lesung, zusammen mit Max Czollek in Bremen. Es war mir wichtig, daran zu erinnern, dass Literatur uns verbinden kann – ich meine das ganz technisch: Literatur ist eine Form intimster Kommunikation, die Raum und Zeit transzendiert. Ich kann James Baldwin, Nazim Hikmet, José F. A. Oliver oder Ingeborg Bachmann lesen – und muss nie alleine sein. Es kommt einem Wunder nahe. Mehr: Es ist ein Wunder, dass Literatur immer genau den Leser oder die Leserin meint, der oder die das Buch in der Hand hält und sich auf den Text – letztlich auf das Bewusstsein eines anderen – einlässt, obwohl der Autor, die Autorin vielleicht schon lange vor der Geburt der Lesenden gestorben ist, und sie unmöglich kennen kann. Jemand schreibt einen Text vor 500 Jahren und meint damit genau mich? Wie geht das? Womöglich durchs Erzählen, durch Poesie, durch das Erfahrbar machen existentieller Nöte und Freuden, von denen wir vielleicht dachten, wir sind alleine damit.

Was liest Du derzeit?

Z.B. Serhij Zhadan. Friedericke Mayröcker. Karosh Taha. Lea Schneider.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„früher oder später werden wir alle eine kugel in den kopf kriegen, sagt h. das ist uanbwendbar, und darum müssen wir sicherstellen, dass wir sie von unseren gegnern kriegen, und nicht von uns selbst.“

Lea Schneider, Made in China

„und sie erzählte, nicht um zu überleben, sie erzählte, um sich zu verzeihen.“

Karosh Taha, Im Bauch der Königin

„ach Herolde der Tränen wie wir sie anhimmeln, möchte Ornithologe werden,“

Friederike Mayröcker, da ich morgens und moosgrün. Ans Fenster trete

„Erinnere dich an mich, zorniges Vogelauge“

Serhij Zhadan, Antenne

Vielen Dank für das Interview lieber Deniz, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Deniz Utlu, Schriftsteller

Ich | Deniz Utlu

Aktueller Roman: „Gegen Morgen“, Suhrkamp Verlag 2019

Foto_Suhrkamp Verlag.

8.12.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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