„step by step and double-check“ Sieglind Demus, Schriftstellerin, Villach_23.12.2020

Liebe Sieglind, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Einen Tag vor dem 2. Lock-Down hat der Hermagoras Verlag mein Buch »Begegnungen können dein Leben verändern … oder auch nicht« aufgelegt. Daran habe ich dieses Jahr gearbeitet und setze diese Arbeit für den Folgeband »Und die Liebe?«, der im nächsten Herbst erscheint, fort. Parallel dazu recherchiere und schreibe ich für zwei weitere Publikationen. Für Autorinnen und Autoren ist es nicht ungewöhnlich, sich für einige Zeit zurückzuziehen und sich in Schreibprojekten zu verlieren. Aber ich freue mich und bereite mich auf die Zeit vor, in der Lesungen vor Publikum wieder möglich sind.

Sieglind Demus_Schriftstellerin

Manchmal wünschte ich mir, dass ich, um einen genauen Ablauf zu rekonstruieren, strukturierter arbeite. Inzwischen akzeptiere ich, dass das nicht meine Herangehensweise ist. So gibt es sehr intensive Schreibphasen und Zeiten, in denen »Fußreisen« Fernreisen ersetzen und mich ebenfalls inspirieren. Auf diesen Reisen in meine Umgebung entdecke ich Erstaunliches – z.B. aufgehende, blassviolette Lotosblüten im naturwarmen Wasser, gerahmt von Schnee.

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Es ist der gleiche wertschätzende Umgang und die Wahrnehmung von den Nöten der Menschen und der Umwelt geboten wie immer. Und diesbezüglich laufe ich buchstäblich im Kreis, weil wir in Europa nicht in der Lage sind, geflüchteten Menschen ihrer würdig zu helfen, sie mit Wärme willkommen zu heißen. Ich bin entsetzt, dass Menschen Menschen klassifizieren, hinnehmen dass z.B. »Ärzte ohne Grenzen« bei Kindern Bisswunden von Ratten versorgen müssen – und mit gleichem Atem belehrend das Unrecht anderswo aufzeigen. Was für ein Bild zeichnen wir für unsere Kinder und Enkelkinder? Wir werden uns verantworten müssen – und sei es für unser Schweigen und Hinnehmen. Dass wir nichts gewusst hätten können wir in keine Waagschale werfen.

Was liest Du derzeit?

Kreuz und quer lese ich zur Zeit in vier Anthologien, die alle in diesem Herbst erschienen sind:

»B(r)uchzeilen«, ein Projekt von »unserem« poe:Tisch,

»Feinheiten 3« mit starken Texten, herausgegeben vom Verband der Kärntner SchriftstellerInnen,

»Regen, sich regen, erregen«, eine Sammlung mit der Gernot Ragger – der Wolf Verlag – Autorinnen und Autoren die Gelegenheit gibt, sich mit längeren Texten zu Wort zu melden und

»Schlosslektüre«, eine Initiative des Villacher Kulturamtes.

In allen Anthologien sind Textbeiträge von mir selbst, die ich als erstes lese, wenn ich eine neue Publikation in Händen halte, denn das gedruckte Wort im Buch unterscheidet sich in der Intensität in beinahe magischer Weise von dem am Bildschirm. Und dann bin ich unfassbar neugierig auf die Themen der Kolleginnen und Kollegen, freue mich über gelungene Beiträge.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Künstlerinnen und Künstler stehen immer in einer gesellschaftlichen Verantwortung. Viele nehmen diese wahr, melden sich zu Wort, zeigen auf und werden nicht müde unbequeme Fragen zu stellen, unpopuläre Themen aufzubereiten.

Der Verzicht auf Vernissagen, Theater, Konzerte, Lesungen, Kinobesuche ist schmerzlich und wird in der Öffentlichkeit als Verlust wahrgenommen. Das nährt die Hoffnung, dass dadurch nicht nur die Sehnsucht nach Unterhaltung, sondern auch das Ansehen der Künstlerinnen und Künstler, das Interesse an ihren Anliegen und Werken gestiegen ist.

Ich jedenfalls freue mich darauf, wieder Sozialkritisches auf den Bühnen des Stadttheaters und der Neuen Bühne Villach zu verfolgen, Bilder von nahem zu betrachten, vor Publikum zu lesen und mit Publikum zu diskutieren – Bücher zu signieren natürlich auch.

Welches Zitat, Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Zugegebenermaßen klingt das nicht literarisch oder gar philosophisch, dessen ungeachtet hat sich für mich eine Vorgangsweise bewährt. Ich wende sie bei schwierigen oder unbekannten Aufgaben, auf Reisen, bei Recherchen, beim Schreiben und erst recht beim Überarbeiten an:

»step by step

and

double-check«

Vielen Dank für das Interview liebe Sieglind, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

Sieglind Demus, Schriftstellerin

5 Fragen an KünstlerInnen:

Sieglind Demus, Schriftstellerin

Mohorjeva – Hermagoras | Verlag | Autor: Sieglind Demus

Fotos_privat.

22.12.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s