„…wenn im Dunkeln der Rest der Welt etwas zurücktritt“ Judith Ralser, Schriftstellerin _Salzburg, 25.12.2020

Liebe Judith, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Mein Tagesablauf hat sich wenig verändert. Ich arbeite mehr vom eigenen Schreibtisch aus und weniger stark aus Bibliotheken, mehr über Onlinemeetings statt bei Treffen im Café. Grundsätzlich hat sich mein Alltag nach hinten hin verschoben, ich arbeite inzwischen oft bis spät in die Nacht hinein und komme erst dann zu mehr oder weniger produktiven Beschäftigungen mit Texten und Literatur, wenn im Dunkeln der Rest der Welt etwas zurücktritt.

Judith Ralser, Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

So Vieles, das dazu schon gesagt wurde. Uns nicht gegenseitig aus den Augen verlieren; empathisch bleiben, demokratisch bleiben.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Ob der Neubeginn so neu sein wird?

Anstöße geben und Missstände aufzeigen, das bleibt nach wie vor eine wichtige Rolle der Kunst. Möglichkeiten eröffnen, wie die Welt sein könnte. Sich auch und gerade für sich selbst einsetzen, für den Wert der Kunst und die Anerkennung der Arbeit als Künstlerin, Autorin, Musikerin.

Was liest Du derzeit?

„Obras do Diabinho da Mao Furada“ (portugiesisch, in etwa „Das Teufelchen mit der durchbohrten Hand“, wird António José da Silva zugeschrieben; bisher meines Wissens nicht ins Deutsche übersetzt)

„Böhmen ist der Ozean“ (Rhea Krčmářová)

„Der Präsident“ (Clemens Berger)

„Dodos auf der Flucht“ (Mikael Vogel)

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Ein Gedicht aus Ilma Rakusas Band „Geliehene Landschaften“ (2016):

Vorschriften zum Gebrauch des Gemüts

Nur weil die Dinge sich änderten, ein gelbes Blatt seinen
Platz verliess, lässt ihre Überzeugungskraft nicht nach.
Nur weil die Blätter in glatten Spiralen auftreiben,

hat diese Landschaft noch keine Rückseite. Übe
Genügsamkeit. Hüt dich vor Überdruss. Es ist die Stunde
nachmittagsstiller Birken, bevor alle Dinge

kippen. Es ist die Stunde schmelzender Polkappen,
tauender Taiga. Jeder gefilzte Felsen im
Dekorationsgeschäft möchte ein guter Verlierer sein.

Vielen Dank für das Interview liebe Judith, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

Ich danke!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Judith Ralser, Schriftstellerin

Foto_privat.

23.12.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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