„Der Untergang des österreichischen Imperiums oder die gereizte Republik“ Ed.Hauswirth und Ensemble. Umjubelte Uraufführung TAG Theater Wien. 17.11.2018.

DSC_0709 (2)

„Der Untergang des österreichischen Imperiums oder die gereizte Republik“ Ed.Hauswirth und Ensemble. Umjubelte Uraufführung TAG Theater Wien. 17.11.2018.

Jetzt wird getanzt. Hemmungslos. Die Urhorde findet sich gleichsam wieder im Hotel am Semmering. Das Totem, das sind sie jetzt selbst. Ihre Ängste, die Geist und Körper wieder zerreißen und wild toben lassen. Das Unbehagen der Kultur im Anspruch von Humanität und Bildung zerreibt sich in der Ambivalenz prekärer Arbeitsverhältnisse, die dazu verführen Ideale für Lohnzettel zu tauschen. In Zeitungsredaktionen und überall. Ein Angestelltenverhältnis oder was? Niemand entgeht diesen Fragen jetzt. Unten am Fuß des Berges. In den Städten und überall. Daher bleibt jetzt nur noch die Macht des Körpers. Nackt, expressiv, schonungslos… Doch es ist noch nicht so weit. Der letzte Tanz bleibt zunächst eine Dystopie. Eine dunkle Vision vom Untergang der Kultur im Naturtriumph von Instinkt und Macht.

DSC_0295

Noch treffen sie sich wie immer hier am Berg. Die Journalistin und Autorin, der Publizist, der junge Chefredakteur, die Philosophin und weitere. Es gibt Rituale. Gespräche und Tun. Wandern, kochen. Wort und Natur. Lachen und Nachdenken. Doch so war es einmal. Jetzt spitzt sich alles zu. Dunkle Wolken der kränkenden aktuellen Berufserfahrungen, persönliche Enttäuschungen im Lebensweg und die gesellschaftspolitischen Veränderungen ziehen schwer übers Land und hüllen jetzt auch den Berg ein. Überall Verlust und wenig Hoffnung. Es donnert und blitzt. Schwer. Im Tal und jetzt zwischen den Anwesenden. Und es ist nur eine Frage der Zeit bis die narzisstische Magie des Imperiums im letzten Röhren der Hirsche alles verschlingt. Ein dunkler Reigen, dessen Sog hier am Berg kränkt, demütigt und eine scheinbar verlorene Welt endgültig sprengt…

DSC_0036 (3)

 

Das TAG Theater Wien setzt sich mit der umjubelten Uraufführung „Der Untergang des österreichischen Imperiums oder die gereizte Republik“ von Ed.Hauswirth und dem Ensemble fulminant an das Jubiläumsbankett des Landes. Es ist ein komödiantisch wie intellektuell kritisch mitreißender Blick auf die moderne Gesellschaftsgeschichte in allen Herausforderungen und Enttäuschungen. Die Inszenierung in der grandiosen Darstellung und Sichtbarmachung individueller Lebenswege öffnet die großen Einsamkeiten und stillen Tragödien unserer Zeit, in denen Fragen und Klagen persönlich bleiben (müssen) und so innerlich erstarren lassen. Das Ensemble interagiert im großen Thema individueller und gesellschaftspolitischer Lebensspannung von Ideal und Realitätanspruch in hervorragender persönlicher Aufmerksamkeit und schafft es die Brüche zwischen sozialer Rollenfassade und unterdrücktem persönlichen Angstschrei in Gänsehaut offenzulegen. Präsenz, Expressivität, Überraschungsmoment und Tragik reißen das Publikum mit.

Ein Bühnenereignis, das unterhält wie nachdenklich macht und zeigt welch Kraft, Aufmerksamkeit und Spielfreude modernes Theater auszeichnen kann.“

DSC_0695

 

 

Regie: Ed. Hauswirth

Text: Ed. Hauswirth und Ensemble

Es spielen: Beatrix Brunschko, Jens Claßen, Juliette Eröd, Lorenz Kabas, Monika Klengel, Raphael Nicholas, Georg Schubert, Lisa Schrammel

Bühne: Johanna Hierzegger

Kostüm: Christina Romirer

Dramaturgie: Tina Clausen, Isabelle Uhl

Regieassistenz: Renate Vavera

Kamera: Gregor Graschitz

Regiehospitanz: Alexander Schlögl

 

Uraufführung: Sa 17. November 2018, 20.00

Weitere Vorstellungen

Di 20., Mi 21., Fr 23., Sa 24., Di 27. und Mi 28.* November 2018, 20.00

Di 18., Mi 19. und Do 20. Dezember 2018, 20.00

 

*Im Anschluss an die Vorstellung findet ein Publikumsgespräch statt.

 

 

Walter Pobaschnig, Wien 11_2018

https://literaturoutdoors.com

Fotos_Walter Pobaschnig

„Napoleon – Ein Leben“ Biographie. Adam Zamoyski. Neuerscheinung Beck Verlag.

 

„Napoleon – Ein Leben“ Biographie. Adam Zamoyski. Neuerscheinung Beck Verlag.

„Eine Biographie als einzigartiges Lesereignis“

  1. Korsika. Es ist ein heißer Sommer als am fünfzehnten des Monats August, am hohen Marienfeiertag, Carlo und Letizia der zweite Sohn, Napoleon, geboren wird. Letizia erzieht ihre Kinder in Frömmigkeit und Disziplin. Im Spiel auf der Straße kann der junge Napoleon mit seinen folgenden zahlreichen Geschwistern und Cousins fröhlich und ungezwungen sein. Sein Anspruch ein Spiel vorzugeben und zu dirigieren, stellt sich hier bald heraus. Als die Entscheidung zu den weiteren beruflichen Lebenswegen der Geschwister anstand, war für den Vater Carlo die weitere Lebenslinie für Joseph und Napoleon klar. Der älteste Sohn Joseph sollte das Priesterseminar besuchen und Napoleon die Militärakademie. Doch die Finanzierung dieser höheren militärischen Ausbildung ist teuer und daher offen. Der Vater bemüht sich um ein königliches Stipendium. Es gelingt und Napoleon bricht schließlich am 21.April 1779 zu seiner militärischen Ausbildung nach Brienne auf. Der erste große Schritt ist für den willensstarken Korsen gemacht. Und es werden schnell weitere folgen, die im Zuge des revolutionären Geschehens in Frankreich dem jungen Offizier die Tür zur Welt öffnen. Es ist ein Weg, der Europa nachhaltig verändern wird. Der Schrecken und die Grausamkeit des Kriegsgeschehens bringt auch eine grundlegende Veränderung des feudalen Staatswesens mit sich. Gesellschaftliche Gleichberechtigung, etwa in Fragen der Religion, werden nun erstmals zum Gesetz. Doch es ist eine ständige Dämmerung des Unterganges, welche Napoleon in der Auseinandersetzung mit den Königshäusern Europas begleitet…

Adam Zamoyski legt mit „Napoleon – Ein Leben“  eine umfassende facettenreiche Biographie einer der prägendsten Persönlichkeiten europäischer Geschichte vor, die in ihrem Detailreichtum wie der Zusammenschau von Voraussetzungen, Ereignissen und Entwicklungen von historischen Prozessen beeindruckt. Der Autor versteht es die umfassenden geschichtlichen und biographischen Fakten in einen mitreißenden Erzählstil zu bringen, der bis zur letzten Seite fesselt.

 

Walter Pobaschnig, Wien 10_2018

https://literaturoutdoors.wordpress.com

„Das Buch der Flucht“ Die Bibel in 40 Stationen. Johann Hinrich Claussen. Neuerscheinung Beck Verlag.

 

 

„Das Buch der Flucht“ Die Bibel in 40 Stationen. Johann Hinrich Claussen. Neuerscheinung Beck Verlag.

„Ein Buch, das still und kompetent einlädt, ein großes Thema der Zeit biblisch mit- und nachzudenken“.

Es sind persönliche Erinnerungen, mit denen der Autor beginnt. Ein ehemaliges Verwaltungsgebäude in Hamburg wird für die Versorgung von Flüchtlingen wieder in Gebrauch gesetzt, um eine Übernachtungsmöglichkeit zu bieten. Der Autor ist im Hilfsteam mit dabei. Heiße Suppe, Tee, Bananen werden verteilt und dankbar angenommen. Wenn weniger zu tun ist, reisen die Gedanken zurück als dieses Gebäude noch für theologische Prüfungen genutzt wurde. Es war der Eingang in die berufliche Welt kirchlicher Tätigkeit. Auch ein Ankommen. Und wohl auch mit vielen offenen Fragen zu Ort und Zeit des folgenden beruflichen und persönlichen Werdeganges verbunden. Eine Station des Lebens. Eine wichtige. Für den Autor und für die Menschen, die jetzt hier kurz anhalten dürfen auf einem unbestimmten Weg.

Zurück am Arbeitsplatz lassen den Autor die Erfahrungen und Erlebnisse des Tages in der Flüchtlingsunterkunft nicht los. Die Gedanken kreisen im Kopf und er sieht in die Bibel. Der Prophet Jesaja wird zum ersten biblischen Angelpunkt. Krieg, Vertreibung, Flucht – der Prophet findet sich vor über 1500 Jahren in einer Welt der Gefahr und des Aufbrechens wieder. Er benennt den Schmerz und die Notwendigkeiten der Zeit. Er tut dies aus seiner Glaubensmitte heraus. Ein persönlicher Angelpunkt für ihn, der ihn stärkt, wenn alles herum aus den Angeln gehoben ist und es aufzubrechen gilt….Und der Prophet Jesaja ist in der Bibel nicht der einzige. Mose, Jakob, Sara, Ruth und schließlich auch Jesus. Es sind Stationen der Flucht, welche die Lebensläufe vieler Persönlichkeiten der Bibel kennzeichnen. Es ist auch Sprache und Ansprache in das Heute in allen An- und Herausforderungen…

Johann Hinrich Claussen, Kulturbeauftragter der Evangelischen Kirche Deutschland, legt mit dem „Buch der Flucht“ Die Bibel in 40 Stationen einen beeindruckenden Brückenschlag biblischer Lebenswelt zur Gegenwart vor. Es sind Informationen, Gedanken und Reflexionen zu einem großen Thema der Zeit, die das Buch zu einem gesellschaftlichen wie ganz persönlichen Alltagsbegleiter machen, der still (mit hervorragenden historischen Fotos – Flüchtlinge am Weg) und kompetent einlädt, biblisch nach- und mitzudenken.

 

Walter Pobaschnig, Wien 10_2018

https://literaturoutdoors.wordpress.com

J.R.R.Tolkien, Der Fall von Gondolin. Herausgegeben von Christopher Tolkien. Neuerscheinung Klett-Cotta Verlag.

 

„Ein ganz besonderes Geschenk für alle Tolkienfans wie Leserinnen und Leser, die eine gute story mit Phantasie und Spannung schätzen“.

 

J.R.R.Tolkien, Der Fall von Gondolin. Herausgegeben von Christopher Tolkien. Neuerscheinung Klett-Cotta Verlag.

Es war ein Leben in und zwischen den großen Kriegskatastrophen des 20.Jahrhunderts, welches der Schriftsteller und Universitätsprofessor J.R.R.Tolkien führen musste. Die Phantasie, das Schreiben, das Erzählen war ihm darin und dabei eine wichtige kreative Kraft- und Trostquelle, um mit den Kriegserlebnissen und –folgen, auch dem persönlichen Verlust von Freunden, umgehen und diese wohl auch bewältigen zu können. Die Kunst war in jedem Fall ein wichtiger Lebensbegleiter eines so reichen und aktiven schriftstellerischen Schaffens. Als Tolkien 1973 starb hinterließ er eine Fülle von Skripten und be- und überarbeiteten Entwürfen zum Hauptwerk „Der Herr der Ringe“ und dessen textlichem Umfeld, die von seinem jüngsten Sohn Christopher Tolkien betreut und in den Folgejahren kontinuierlich ediert wurden. Jetzt in seinem vierundneunzigsten Lebensjahr legt Christopher Tolkien erneut eine beeindruckende Edition vor.

Der „Fall von Gondolin“, eine der zentralen Erzählungen des Zyklus des Mittelerde Zeitalters, wird von Christopher Tolkien zu einer geschlossenen Romanfolge, welche die unterschiedlichen Textentwürfe und Editionen beeindruckend überblickt, zusammenfasst und so ganz neu vorstellt. Es ist ein großer Gewinn für Tolkien Fans und Leserin/Leser einen neuen oder ersten Zugang zu einer „spannenden story“ zu gewinnen, welche dann weitere Vertiefungen in den komplexen Kosmos der Mythologie zulässt. Beeindruckend sind auch die Illustrationen von Alan Lee, der es versteht im persönlichen Stil sich einer Phantasiewelt und deren Charakteren und Topographien faszinierend zu nähern. Ein umfangreicher Anhang mit Namensverzeichnis, Worterklärungen, Stammbaum und einer Landkarte rundet diese Edition sehr gelungen ab.

 

Walter Pobaschnig, Wien 10_2018

https://literaturoutdoors.com

„Poetiken des Traumas“ Annette Vieth. Neuerscheinung Königshausen&Neumann Verlag.

 

„Poetiken des Traumas“ Annette Vieth. Neuerscheinung Königshausen&Neumann Verlag.

Trauma. Es ist ein Zerstörtsein. Eine Überforderung von Sinn und Sinnen. Es zieht einem den Boden unter den Füßen weg. Ein Erdbeben, dessen Trümmer in den folgenden Lebensschritten schwer auf der Seele lasten. In allem. Doch wie damit umgehen? Wie sich befreien? Ist es möglich? Das Sprechen, Erzählen ist ein Weg. Das Dunkle, Schwere ist aus dem Schatten getreten. Ins Wort. Es ist da. Es ist benannt. Es ist geteilt…

Annette Vieth, Literaturwissenschaftlerin und assoziiertes Mitglied der Arbeitsstelle Interkulturelle Literatur- und Medienwissenschaft, Hamburg, legt eine umfassende Studie zu literarischen Zugängen und Prozessen des individuellen wie kollektiven Traumas/der Traumata vor. Die umfassende beeindruckende Analyse gliedert sich in sieben Schwerpunktkapitel, die einführend Begriff und Methode klären (Definition des Traumas, Traumtheorie, literarische Entwürfe) und anschließend literarische Grundlagenwerke erläutern und befragen

Die Schwerpunkte liegen dabei auf der Analyse der Romane „Malina“ von Ingeborg Bachmann – die Autorin sucht darin kontextuell die Nähe zur Psychoanalyse und entwirft eine Erzählstruktur, die in bahnbrechender Weise Ambivalenzen von Bewusstsein und Unbewussten biographisch thematisiert – sowie „Stille Zeile Sechs“ von Monika Marion und „Alle Tage“ von Terezia Mora, in denen es um historische Traumata (DDR) und deren existentielle Bezüge und Abgründe geht. Begegnungen und Bilder im Kopf werden dabei zu beklemmenden Schlüsselszenen historischer Ereignisse.

Vieth gelingt es in bestechender interdisziplinärer Fachkenntnis den Anspruch und die Kraft von Literatur in Auseinandersetzung mit dem geschichtlich wie biographisch Unsagbaren herauszuarbeiten und damit auch einzuladen, sich dieser Literatur zu „stellen“, um Ort und Weg eines Landes und eines Lebens besser verstehen zu können.

Annette Vieth, Poetiken des Traumas. Mit Analysen zu Ingeborg Bachmanns Malina, Monika Marons Stille Zeile Sechs und Terezia Morars Alle Tage. Königshausen&Neumann Verlag.

Walter Pobaschnig, Wien 10_2018

https://literaturoutdoors.wordpress.com https://literaturoutdoors.wordpress.com/Rezensionen

„Schlafende Männer“ Martin Crimp. Begeisternde österreichische Erstaufführung am Schauspielhaus Wien. 9.11.2018.

 

Die ZuschauerInnen betreten über die Bühne den Theaterraum. Eine Frau und ein Mann sitzen sich da in einem großzügigen Atelier gegenüber. Julia, Kunsthistorikerin, und Paul, Musikproduzent. Ihre räumliche Distanz jetzt entspricht der ihrer Alltagswirklichkeitswirklichkeit. Leben, Arbeiten – aber ihre Liebe? Im Hintergrund sind Filmsequenzen zu sehen – „Wer hat Angst vor Virginia Wolf?“ (1966, Mike Nichols). Ein Filmklassiker, der die psychologischen Abgründe der Beziehungsrealitäten eines Ehepaares fulminant inszeniert. Dann klingelt es an der Tür…

DSC_1431 (2)

Ein nächtlicher Besuch. Josefine, die neue Assistentin von Julia, und Tilmann stehen plötzlich vor der Tür. Nähe und Distanz in Begegnung und Gespräch der Paare werden nun zu ambivalenten Episoden zwischen psychologischen, aktionistischen und surrrealen Nachtbildern. Alles verliert jetzt den festen Boden im Blick vom abgründigen Seelenbalkon von Lebensweg und möglicher wie verpasster –richtung. Der freie Fall aus der Persönlichkeitsrolle im Tageslicht wird zum emotional explosiv-expressiven Szenario, dem niemand hier entgeht…doch wie wird es schließlich enden im Morgengrauen?

DSC_1532 (2)

DSC_1558 (2)

Das Schauspielhaus Wien zeigt mit der österreichischen Erstaufführung von „Schlafende Männer“ (Martin Crimp) modernes Theater, das in zahlreichen wie vielfältigen künstlerischen Referenzen gesellschaftliche Realitäten reflektiert. Die Fülle und Spannung der ästhetischen wie psychologischen Bezüge im Stück des gefeierten Autors Crimp macht es Inszenierung und Regie grundsätzlich nicht leicht. Eine Dramaturgie zu finden, die da für einen spannenden Theaterabend funktioniert, ohne zu viele kunsthistorische Voraussetzungen (Wiener Aktionismus, Maria Lassnig) einzubauen, ist eine Herausforderung, der Regisseur und Ensemble aber hervorragend gerecht werden. Vom ersten Bühnensetting und –dialog an wird eine Aufmerksamkeit erzeugt, die dem dramatischen Fortgang gebannt folgen lässt. Hervorragendes Schauspiel in stop and go motion trägt einen Abend, der auch in dem direkt ansprechenden ästhetisch-psychologischen Reflexionstransfer von Bühne und Publikum bestens greift. Sehen und Denkanstoss springen ausgezeichnet über. Es wird zerstört, aber auch aus den Trümmern eines Wohnzimmers an einem reflektierenden Menschenbild gebaut. Die kritische Einladung der Inszenierung, auch in hervorragendem Bühnenbild/Kostüm/Technik, kommt in Zeit und Leben der Gegenwart an – Gratulation!

 

 

DSC_1632

 

„Schlafende Männer“

Autor: Martin Crimp

Regie: Tomas Schweigen

Besetzung: Vera von Gunten, Alina Schaller, Sebastian Schindegger, Anton Widauer

 

Bühne: Giovanna Bolliger

Kostüme: Anne Buffetrille

Musik: Dominik Mayr

Video: Tim Hupfauer

Dramaturgie: Tobias Schuster

Licht: Oliver Matthias Kratochwill

Ton: Benjamin Bauer

Regieassistenz: Sophia Fischer

 

Weitere Spieltermine: 14., 15., 16., 17.11 und 4., 5., 7., 8., 12., 13., 14. Und 15.12.2018

Schauspielhaus Wien, Porzellangasse 19, 1090 Wien

Tel: +43 1 317 01 01 18 (Kartenvorverkauf)

Tel: +43 1 317 01 01 (Büro 10 – 18 Uhr)

Fax: +43 1 317 01 01 99 00

karten@schauspielhaus.at (Kartenvorverkauf)

www.schauspielhaus.at

 

Walter Pobaschnig 11_18

https://literaturoutdoors.com

https://literaturoutdoors.wordpress.com

DSC_1085

 

Alle Fotos_Walter Pobaschnig

 

„So wahr wie ich wirklich bin“ Hanne Orstavik. Neuerscheinung Rauch Verlag.

 

„Hier trifft sich beste hintergründige skandinavische Erzähltradition mit Sprachtiefe und-eleganz.“

 

„So wahr wie ich wirklich bin“ Hanne Orstavik. Neuerscheinung Rauch Verlag.

Am Morgen ist alles anders hier. Die Tür ist verschlossen und die Mutter fort. Ein Flugzeug taucht am Himmel auf. Sie sieht jetzt Ivar vor ihr. Eigentlich sollte sie ihn jetzt am Flughafen erwarten. Sie wollen fort. Ganz wo anders hin. Ganz ein anderes Leben. Es ist ein starkes Band, das auf dieser Begegnung liegt. Johanne ist bereit. Doch es ist ein großer Schritt und sie macht sich oft still Gedanken. Im Zwiegespräch mit Gott, im Gebet. Sie geht jetzt wieder zum Fenster. Streckt den Körper. Die Gedanken kommen wieder. Ihre Lebenswünsche. Und auch die Frage der Schuld. Ein neuer Weg könnte den Knoten lösen. Freiheit bringen. Es braucht einen Plan. Gelingt der Weg durch diese geschlossene Tür und alle geschlossenen Türen der Seele? Johanne greift nach ihrem Leben umgeben von stummen Mauern…

Die norwegische Erfolgsautorin Hanne Orstavik legt mit „So wahr wie ich wirklich bin“ eine vieldeutige und hintergründige Reflexion über Leben und Liebe vor, die in reduzierter wie fokussierter Spracheleganz beeindruckt. Die Autorin lässt Leserin und Leser beklemmend in das innere Ringen der jungen Studentin Johanne blicken, die zwischen Freiheit und überfordernden Zwängen im symbolisch wie real verschlossenen Lebensraum gefangen ist. Der Prozess des Erwachsenwerdens in schmerzhafter persönlicher Identitätsbildung in Überlegung, Entscheidung und Handlung wird von der Mutter zur verordneten „Tageshaft“ für die Tochter und so zum Ausdruck großer Beziehungsproblematik in Wortlosigkeit und Aggression. Die Bezüge zur moralischen und religiösen Sozialisation lassen den Roman zu einem Mystery-Psychothriller werden, der immer wieder neue Bedeutungs- und Spannungsebenen öffnet und keine völlige Auflösung zulässt.

 

Hanne Orstavik, So wahr wie ich wirklich bin. Rauch Verlag.

 

Walter Pobaschnig, Wien 10_2018

https://literaturoutdoors.com

https://literaturoutdoors.wordpress.com

„Adrian oder: Die unzählbaren Dinge“, Angelika Stallhofer. Roman. Neuerscheinung Kremayr&Scheriau Verlag.

 

„Adrian oder: Die unzählbaren Dinge“, Angelika Stallhofer. Roman. Neuerscheinung Kremayr&Scheriau Verlag.

Hier ist keine Zeit zu verlieren. Es geht um das Geschäft. Ein Werbetext. Das Manuskript wird begutachtet. Die Minuten bis zur Antwort der Marketingleiterin sind jetzt endlos lang. Bilder vom Besuch beim Vater kreisen im Kopf. Bilder der Kindheit. Und die Gedanken an Anna. An den Chat von gestern Nacht. Dann zerreißt die unbehagliche erwartungsvolle Stille. Die Marketingleiterin sagt: „Es genügt nicht“. 48 Stunden bleiben jetzt für die Überarbeitung. Arbeitszeit. Lebenszeit. Anforderungen und Wünsche. Die Smartwatch zählt die Schritte. Im Notebook fordert der Werbetext. Häusermann spricht im Cafe vom Puls der Zeit. Anna kann für Momente alles leicht machen. Ein Gedicht am Morgen. Ein Anruf. Ein Ausflug. Das Schreiben. Doch das Schwere der Sorgen in Beruf und Leben umfasst die Stunden. Und die Suche nach Ausgleich und Auswegen beginnt – zwischen all der Macht der unzählbaren Dinge der Tage…

Angelika Stallhofer, Gewinnerin des Ö1-Literaturwettbewerbes „Geld und Gier“, legt mit „Adrian oder: Die unzählbaren Dinge“, einen Roman vor, der in packender Erzählung das moderne Leben in der Spannung von beruflicher Anforderung und persönlichem Glück an der Seele packt und Leserin und Leser gebannt staunen und folgen lässt. Die Autorin zeichnet eine außergewöhnliche psychologische Aufmerksamkeit aus, die in reduzierter direkter Sprachform Gedanken, Emotionen und Reflexionen der Charaktere auf den Punkt bringt. Die genaue Herausarbeitung von Lebensansprüchen (Berufsorientierung, private Verantwortung/Pflege, Begegnungen) ist eine große Stärke des Romans. Diesen wohnt jedoch immer eine Alternative, ein Ausweg, eine Hoffnung inne, die Offenheit, Mut und Konsequenz erfordern. Das Leben ist eine Reise, in welcher der Blick aus dem Fenster nicht genügt. Es ist nötig, sich Fragen persönlicher Entscheidung zu stellen und Aufmerksamkeit als Lebenswert und –aufgabe anzuerkennen. Die Autorin lädt in einem wunderbaren Roman dazu sein.

 

Walter Pobaschnig, Wien 10_2018

https://literaturoutdoors.com

 

„So tun als ob es regnet“ Iris Wolff. Roman in vier Erzählungen. Otto Müller Verlag.

„Ein Roman, der viel von Stille und Aufmerksamkeit der Worte weiß und deshalb dem pochenden und blutenden Lebensherz von Generationen faszinierend in Gänsehaut nahekommt“

„So tun als ob es regnet“ Iris Wolff. Roman in vier Erzählungen. Otto Müller Verlag.

Krieg. 1915. Im Zug geht es an Dörfern, Feldern entlang. Alles sieht hier gleich aus, denn die Gedanken sind immer woanders. Fern von hier. Jacob liest es in den Briefen der Soldaten. Er entwirft die Menschentypen dazu. Die „Dichter“ führen ein Tagebuch und schreiben die längsten Briefe. Dann fallen Schüsse, doch Jacob kann nicht mehr töten. Mit einem Gedicht des Salzburger Dichters Georg Trakl im Kopf geht das nicht. Jetzt verändert sich alles. Das Leben kommt wieder näher, wie auch der Tod…

Elemer lebt allein. Es fehlt der Schlaf wie die Menschen um ihn. Es sind Nachbarn, die ihn besuchen. Es geht um Politik. 1930er Jahre. Die Zeiten ändern sich. Seine Tochter Alma lebt mit ihren Töchtern an der Schwelle dieser neuen Zeit. Henriette ist aufmerksam in allen. Sie ist zielstrebig und greift nach dem Leben. Sie besucht gern ihren Großvater Elemer, schätzt die „Gesellschaft der Schlaflosen“. Henriette wächst heran zwischen all den Erinnerungen und Tagen, die wie Regenwolken am Himmel ziehen…

  1. Die Mondlandung. Das Sterben hat jetzt noch etwas Zeit hier auf der Erde. Mit Liane beginnt der nächste Tag. Eine Reise steht bevor. Doch Hedda bleibt das Alleinsein und die vielen Gedanken ihrer Großmutter im Tagebuch. Auch der Ring von Henriette. „Trag` ihn“, sagte Sie. Lebenskreise schließen und öffnen sich. Schritte der Menschen und Menschheit in Traum und Staub…

Iris Wolff, Ernst-Habermann-Preisträgerin 2014, entwirft im vorliegenden Roman ein existentielles Kaleidoskop, in welchem in mehrfacher Spiegelung wechselnde Lebenswege sich drehen und zusammenfügen und als Muster eines Jahrhunderts erscheinen. Die Erzählfolgen werden zu einem Fernrohr, das Charaktere der Generationen freigibt, welche Lebensraum und Weg verbindet. Der Autorin gelingt eine ganz besondere Aufmerksamkeit und Verdichtung der Sprache. Es ist keine spektakuläre Zeit- und Lebensrevue, die hier geboten wird, sondern eine Einladung lesend still wahrzunehmen was Leben war und ist. Beeindruckend.

 

Walter Pobaschnig, Wien 10_2018

https://literaturoutdoors.com

https://literaturoutdoors.wordpress.com

„Toni und Moni“ Oder: Anleitung zum Heimatroman. Petra Piuk. Neuerscheinung Kremayr-Scheriau Verlag.

 

„Eine satirisch kritische Reflexion von Zeit und Leben im kongenialen Sprachexperiment.“

 

„Toni und Moni“ Oder: Anleitung zum Heimatroman. Petra Piuk. Neuerscheinung Kremayr-Scheriau Verlag.

Der Weg in die Welt. Neujahr. Das Foto in der Zeitung. Archiviert in Klarsichthülle in der Stubengalerie. Neben Gesangsverein und Kameradschaftsbund. Der Beginn muss klar sein. Denn hier hat alles seine Ordnung. Und seine Erwartungen. Geburt. Leben. Liebe. Tod. Das Dazwischen, das sind nummerierte Tageskapitel. Oben und unten. Beistrich und Punkt. Mama und Mizzi-Oma. Gekochte Rinderzunge und Poldi-Opa. Jäger-Sepp und Schlagerglück. Aus und fertig. Mittendrin die Moni und der Toni und das alles in Schöngraben…

Und jetzt darüber schreiben. Was so gesagt und geschwiegen wird im Dorf. Na dann. Die Welt ist was der Fall ist. Los geht`s. Auf Wiedersehen bei der Lesung im Dorfgasthaus…oder doch nicht?

Petra Piuk, ausgezeichnet mit dem Literaturpreis des Landes Burgenland 2016, legt mit „Toni und Moni“ ein fulminantes Sprachexperiment vor, das in Form und Inhalt Maßstäbe setzt. Da treffen Satire, Psychoanalyse und innovativer Schreibstil, mit viel Selbstironie, sehr dynamisch und akzentuiert aufeinander. Was ist Wirklichkeit? – fragen hier gleichsam Qualtinger, Freud und Wittgenstein im Dorfgasthaus. Es ist eine fulminante experimentell literarische Brücke, von welcher die Autorin Leserin und Leser in den tosenden Wildbach gesellschaftlicher, persönlicher und politischer Täler und Abgründe blicken lässt.

 

Walter Pobaschnig, Wien 10_2018

https://literaturoutdoors.com