„sie hat den Mut, bis zum Ende zu denken“ _ 100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _ Katarina Hartmann, Schauspielerin _ Klagenfurt 8.5.2026

Ingeborg Bachmann _ Katarina Hartmann

2026 _ 100.Geburtstag Ingeborg Bachmann

Ingeborg Bachmann, Schriftstellerin *25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom.

Ingeborg Bachmann, Rom 1962

100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _

Im Interview _ Katarina Hartmann, Schauspielerin

Liebe Katarina, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns? 

Mein Zugang zu Ingeborg Bachmann ist kein rein literaturwissenschaftlicher, sondern ein künstlerischer und existenzieller. Ich lese sie nicht „von außen“, sondern eher von innen – über Zustände, die ich aus meiner eigenen Arbeit kenne: dieses Ringen um Sprache, das Gefühl, dass etwas gesagt werden muss, obwohl es sich gleichzeitig entzieht. Malina ist für mich kein „Text“, sondern ein Zustand. Dieses Auseinanderbrechen zwischen Gefühl, Sprache und Kontrolle – das ist nichts Historisches, das ist Gegenwart.

Katarina Hartmann, Schauspielerin _
am Originalschauplatz _ erste Wohnung von Ingeborg Bachmann in Wien _
Walter Pobaschnig 3/26, folgende

Was macht das Besondere Ihres Schreibens aus?

Bachmann ist radikal. Und diese Radikalität fehlt oft heute.

Sie beschönigt nichts. Sie zeigt, wie Gewalt funktioniert – nicht laut, sondern leise, strukturell, in Beziehungen, in Sprache selbst. Und sie hat den Mut, das bis zum Ende zu denken.

Ihre Sprache ist dabei kein Schmuck, sondern ein Werkzeug. Und manchmal zerbricht dieses Werkzeug – genau das macht ihre Texte so stark.

Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben?

Malina ist für mich zentral.

Dieser Text ist unbequem, schwer auszuhalten, und genau deshalb notwendig. Er zeigt nicht nur eine Figur, die verschwindet – er zeigt, wie eine Gesellschaft dieses Verschwinden möglich macht.

Das ist keine Literatur zum Zurücklehnen. Das ist Literatur, die etwas fordert.

Wie siehst Du Ingeborg Bachmanns Gesellschaftskritik der zerstörenden und zerstörerischen patriarchalen Welt heute?

Sie ist nicht überholt – sie ist präzise.

Wir reden heute viel über Gleichberechtigung, über Strukturen, über Gewalt. Bachmann hat das alles schon gesehen – und zwar nicht als Theorie, sondern als gelebte Realität.

Was sich verändert hat, ist die Sprache darüber. Was sich nicht genug verändert hat, sind die Mechanismen.

Die Liebe in allen Facetten von Glück und Verhängnis ist ein wesentliches Thema in Gedichten wie Prosa Ingeborg Bachmanns_ „die Männer sind unheilbar krank…“ (Interview, 1971) _ wie lieben wir nach/mit Bachmann?

Ehrlicher – oder gar nicht.

Bachmann zerstört die Illusion, dass Liebe automatisch etwas Gutes ist. Sie zeigt, dass Liebe auch Besitz, Projektion und Selbstverlust sein kann.

Nach ihr kann man Liebe nicht mehr romantisch verklären, ohne sich selbst zu belügen.

„Es ist eine seltsame, absonderliche Art zu existieren, asozial, einsam, verdammt, es ist etwas verdammt daran“, so charakterisierte Ingeborg Bachmann in ihrer Rede zur Verleihung des Anton Wildgans Preises (1971) Schreiben und Existenz. Ist das Schreiben, die Kunst immer (auch) eine Form des persönlichen „Martyriums“?

Wenn es ernst gemeint ist: ja, oft.

Schreiben heißt, nicht auszuweichen. Es heißt, Dinge zu benennen, die weh tun – und die vielleicht niemand hören will.

Bachmann hat diesen Preis gekannt. Und sie hat ihn nicht umgangen.

Welche Aspekte in Bachmanns Schreiben möchtest Du neben den existenz- wie gesellschaftskritischen Grundpositionen noch hervorheben?

Ihre Konsequenz.

Sie hat sich nicht angepasst, nicht abgeschwächt, nicht gefällig gemacht. Das ist etwas, das ich sehr ernst nehme – gerade als Künstlerin.

Und ihre Musikalität: Ihre Texte haben Rhythmus, Atem, Spannung. Man kann sie nicht nur lesen, man muss sie hören.

Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?

Ich glaube, ich würde sie weniger fragen als ihr zuhören wollen.

Aber vielleicht würde ich sie fragen:
Wie hält man es aus, so klar zu sehen – ohne daran zu zerbrechen?

Was sind Deine aktuellen Projektpläne?

Ich stehe derzeit noch am Stadttheater Klagenfurt auf der Bühne – in Die Eingeborenen von Maria Blut von Maria Lazar, einem Text, der gesellschaftliche Abgründe mit großer Klarheit freilegt.

Parallel dazu spiele ich in Slowenien Erotika von Ivan Cankar – ein ganz anderer Zugriff auf Liebe, Körperlichkeit und Moral, aber genauso kompromisslos.

Danach geht es zurück in die Komödie – mit Sunny Boys. Ich finde diesen Wechsel wichtig: zwischen Schwere und Leichtigkeit, zwischen Abgrund und Humor.

Und ich trage schon länger den Gedanken an ein eigenes Projekt mit mir – rund um Rainer Maria Rilke, in Verbindung mit Musik. Etwas, das Sprache und Klang wirklich verbindet, nicht illustriert. Aber das ist noch offen. Ich will nicht zu früh festlegen, was erst entstehen muss.

Ich vertraue da ein bisschen darauf, dass die Reise weiß, wohin sie will – auch wenn ich es noch nicht ganz tue.

Darf ich abschließend zu einem Bachmann Zitat/Text bitten?

„Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar.“

Herzlichen Dank für das Interview!

Katarina Hartmann, Schauspielerin _
am Originalschauplatz _ erste Wohnung von Ingeborg Bachmann in Wien _
Walter Pobaschnig 3/26, folgende

Foto: Ingeborg Bachmann: Heinz Bachmann.

Fotos: Katarina Hartmann, Schauspielerin _
am Originalschauplatz _ erste Wohnung von Ingeborg Bachmann in Wien _
Walter Pobaschnig 3/26

Walter Pobaschnig, 23.3.26

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