„Wir alle wissen – the show must go on“ Olivia Pflegerl, Schauspielerin_Wien 16.4.2020

 

Liebe Olivia, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Nachdem es mir derzeit gesundheitlich nicht gut geht, schlafe ich immer aus und gönne meinem Körper die Ruhe, die er braucht. Einen typischen Alltag hatte ich als Künstlerin nie wirklich und auch jetzt in Zeiten von Corona sieht jeder Tag ein bisschen anders aus.  Mal lese ich viele Stunden oder spiele für mich Klavier, telefoniere mit Freunden, wenn es sonnig ist, setze ich mich in den Hof wo keine Menschseele ist, höre Musik und lasse meinen Gedanken freien Lauf.  Ich habe angefangen viel mehr zu kochen, bestelle aber trotzdem hin und wieder mal essen. Derzeit schaue ich täglich einen Film oder Serien, verbringe Zeit mit meinem Freund und versuche es zu genießen einfach mal nur für mich zu sein und im wahrsten Sinne des Wortes zu entschleunigen.    

 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Es ist schwer für die Allgemeinheit zu sprechen, denn für jeden ist etwas anderes wichtig. Jeder ist anders betroffen von der Pandemie. Aber wenn ich eine Sache auswählen müsste, dann würde ich sagen: Nächstenliebe.  

 

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Welche Bezüge bzw Impulse nimmst Du von Deinen Schauspielprojekten jetzt für einen gelingenden Lebensalltag in Zeiten der Pandemie mit?  

Wir befinden uns alle in einer Extremsituation. Und genau in schweren Zeiten, wird einem oft erst bewusst, was in einem steckt oder wozu man fähig ist, im Guten wie im Schlechten. Alle Künstler wissen, dass man selbst, wenn das Leben hart auf hart kommt – the show most go on. 

Aus meinen bisherigen Projekten nehme ich mit, dass der Mensch in Extremsituationen zu Höchstleistungen fähig ist oder Dinge wahrnimmt, die er vielleicht sonst ignoriert hätte. Diese Situationen, sei es ein Todesfall in der Familie, Sorge um die eigene Gesundheit, Existenzängste oder in allem, welche nun die Pandemie vereint, öffnen die Augen. Und dabei ist keiner ausgenommen.  Der Lebensalltag gelingt, wenn man mit offenen Augen durch die Welt geht, dankbar ist für das was man hat und sein Bestes gibt.  

 

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Was liest bzw siehst Du derzeit?

Ich lese derzeit das Buch von Thomas Brezina  “auch das geht vorbei”, es hilft mir sehr dabei positiv zu bleiben und trotz allem den Fokus nicht zu verlieren für die Dinge, die mir wichtig sind.
Unter anderem habe ich auch Hörspiele für mich entdeckt. Sie erinnern mich sehr an meine Kindheit. Das letzte Hörspiel hörte ich mit 13 Jahren und zwar “ Harry Potter” und ich dachte mir, ich könnte mal wieder Dinge ausprobieren, die ich früher geliebt habe. Ich habe mir das Hörspiel Ghostbox von Ivar Leon Menger angehört und muss sagen, dass ich begeistert bin.Thriller bzw Psychothriller mit einer guten Story haben mich immer schon in den Bann gezogen.

Filme habe ich letzter Zeit sehr viele gesehen und Klassiker wie Pretty Woman oder Titanic stehen noch auf meiner Liste. Manche Filme kann man sicher immer wieder anschauen.

Welches Zitat, welche Textstelle aus Deinen Projekten möchtest Du uns mitgeben?

Ein tiefer Fall führt oft zu hohem Glück- William Shakespeare.

 

Vielen Dank für das Interview liebe Olivia, viel Freude und Erfolg für alle weiteren Schauspielprojekte und vor allem gute Besserung wie persönlich alles Gute!

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Olivia Pflegerl, Schauspielerin 

 

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„Ich bin Dynamit. Das Leben des Friedrich Nietzsche“ Sue Prideaux. Klett-Cotta Verlag.

 

„Ich bin Dynamit. Das Leben des Friedrich Nietzsche“ Sue Prideaux. Klett-Cotta Verlag.

1844. Europa ist in Bewegung. Revolution liegt in der Luft. Die Gesellschaft wie sie bisher war beginnt zu bröckeln. Säulen wanken und fallen schließlich. Denker und Dichter tragen wesentlich dazu bei. Die Freiheit einer neuen Zeit. Eine Dämmerung von Gesellschaft und Werten…

Am 15.Oktober kommt in einem protestantischen Pfarrhaus in Sachsen Friedrich Nietzsche zur Welt. Sein Vater stirbt als er fünf Jahre alt ist. Auch sein Bruder findet einen frühen Tod. Friedrich besucht die renommierte Schule in Schulpforta. Die klassische Bildung prägt ihn und motiviert ihn zu beruflichen Zielen und dem Interesse an Literatur, Philosophie und vor allem auch Musik, besonders jener Richard Wagners. Nach Schulabschluss beginnt er die Studien der klassischen Philologie und der evangelischen Theologie in Bonn. Früh ereilt dem begabten Wissenschaftler der Ruf an die Universität Basel als klassischer Philologe.

Mit Genialität und Kraft kritisiert er in philosophischen Abhandlungen die Konzeptionen in Sinn und Denken eines Richard Wagners wie Arthur Schopenhauers. Schrift um Schrift folgt. Doch auch seine Gesundheit verschlechtert sich mehr und mehr. In weiteren aphoristischen Schriften zertrümmert er die Wertkonzeptionen der Zeit und stellt die Fundamente der Gesellschaft in Frage. Er sprengt diese gleichsam „Ich bin Dynamit“. Ein Leben in letzter Konsequenz in allem…

Die renommierte Schriftstellerin und Kunsthistorikerin Sue Prideaux stellt in ihrer Biographie einen der bedeutendsten Philosophen der Moderne in Leben und Denken umfasst vor. Beeindruckend ist die Fülle detaillierter Information über Leben, Liebe, Denken und existentielle Tragik wie der flüssige Erzählstil, der sehr anschaulich den Menschen und die Zeit öffnet.

Ein umfangreicher Anhang mit Namens- und Ortsregister wie Bibliographie und Diskographie runden diese spannende Biographie mit einem weiterführenden Informationsteil sehr gut ab.

 

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„Pay the artist now“ Ina Loitzl, Künstlerin_Wien 15.4.2020

Liebe Ina, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Eigentlich wie immer – bis auf die Tatsache, dass ich noch länger in die Nacht hinein arbeite und daher eine Stunde später aufstehen. Dann jongliere ich die viele Zeit zu Hause zwischen Familie, Atelier, Arbeit am Computer, digital Freunde treffen, Geburtstage via Internet feiern und Masken nähen für eine guten Zweck, das ist das Neue.

 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ruhig und positiv bleiben, neue Projekte überlegen, nachzudenken, was ist jetzt wirklich wichtig – welche Themen, Arbeiten machen jetzt Sinn? Es tut auch gut, dass ich hier stärker filtere. Immer auch nicht nur die eigene persönliche Lage, sondern auch die meiner Umgebung im Auge behalten – sowohl bildungsmäßig, als auch arbeitstechnisch wird sich leider eine große Kluft auftun. Und auch – wie schwierig es auch sein mag– die Entschleunigung als Geschenk zu sehen.

 

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Kunst zu?

Die Kunst hat einen wichtigen Teil – erstens wird allen auffallen, die vor leeren Wänden sitzen oder keine guten Dokus finden, keine Bücher, keine Musik hören – wie wichtig die Kunst im Alltag ideel ist. Oder sie freuen sich an deren Präsenz.
Kooperationen zu bilden, zu sehen, dass man gut aufgestellt ist, wenn Finanzielles nicht das Notwendige ist um Ideen zu verwirklichen – kreativ auch hier zu werden – aber vielleicht geht es auch darum noch mehr seismographisch zu agieren – was kommt als Nächstes? Die Kunst ist für mich immer Kommunikationselement und auch ein Spiegel unserer Gesellschaft.
Mich beschäftigt die Frage – wie reagiert die Nachbarschaft, das Gegenüber – wie nahe wird meine Familie, meine Freundschaften und welche wieder – wer zeigt an, wer diffamiert auf Facebook – wer lamentiert, wer wird aktiv? Wo wird die Wirtschaft geschwächt, wo George Orwell fast Realität? Wir stehen uns nach der Pandemie anders als Menschen gegenüber. Wir haben uns neu kennen gelernt.

Persönlich bin ich weniger in der alltäglichen Atelierlaune – in meinem eigenen Cosmos – das finde ich erst gegen Ende der Ausgangssperre wieder animierend. Ich sehe es als meine Aufgabe, sozial zu handeln. Daher bin ich auch künstlerischer Teil der Maskennähaktion zugunsten der KAZ – StrassenzeitungsverkäuferInnen. Diese sind da besonders betroffen. Hier kann ich Upcycling (ich habe ja eine textile Sammlung aus alten Textilarchiven und neu Gekauftem, Übrigen Teilen von vorherigen Projekten) , mit meinem Namen, meiner Technik des CUTOUTS – Prints und das individuelle Nähen zu tragbaren Originalen ideal verbinden.

Auch das gemeinsame Kunstprojekt „den blick öffnen“ mit Tanja Prušnik hat einen online – Shop zugunsten „die möwe“ – da es Kindern in prekären Familiensituationen daheim auf engem Raum besonders schlecht geht. „Die möwe“ leistet gerade jetzt permanente Hilfe. Und ich möchte auch immer den Berufsstand Künstler*in unterstützen – ich finde es wichtig – autonom zu bleiben – und nicht auf ein Leben durch Förderungen angewiesen zu sein. Daher bekomme ich für meine Tätigkeit auch etwas. Pay the artist now ist mir auch ein wichtiges Statement.

 

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Was liest Du derzeit?

Ich lerne audiomäßig Italienisch und rudimentär Slowenisch und denke an meine italienischen FreundInnen und KollegInnen. Ich höre gerade von Thomas Mann „Der Zauberberg“ – wie passend zu all den Lungenkranken und ihren Tagesablauf in der schweizer Quarantäne am Sanatorium am Berghof als Hörspiel – und von Ingeborg Bachmann abwechselnd Malina – da ich so viel mit meinen Händen und im Atelier arbeite bleibt mir – geprintet nur die tägliche Tageszeitung in der Früh und den Rest abends analog. 😉
Welchen Impuls aus Deinen aktuellen Kunstprojekten möchtest Du uns mitgeben?

Meine für den 16. April angekündigte Einzelausstellung –  „IKARUS BORDER LESS „ Galerie District 4 Art, Wien  – kann doch mit Anmeldung stattfinden!

Anmeldung:

http://www.district4art.eu/
Sie zeigt neben der klassischen Thematik u. a. den amerikanischen Comichelden, der in all den Arbeiten nur eines tut – trotz seiner Kraft stürzt er immer nur ab.
Die Metamorphose des Absturzes kommt gerade jetzt in unsere Welt so dramatisch ins Spiel und betrifft uns alle – jeden, jede unabhängig von Region, Bildung, Status, Religion, finanziell geglaubter Sicherheit. Und auch dieses „Fliehen oder Fliegen“ zu anderen Ufern wird leider nicht so schnell wieder möglich sein – sprich – Reisen, sowohl beruflich als auch privat, unsere Welt ist auf einmal sehr klein geworden in real, größer vielleicht digital 😉
Eine Pandemie ist unglaublich – und lässt einen von vorne anfangen – ob positiv oder negativ.

 

 

 

Vielen Dank für das Interview liebe Ina, viel Erfolg Deine großartigen und so vielfältigen Kunstprojekte wie persönlich alles Gute in diesen Tagen!

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Ina Loitzl, freischaffende Künstlerin_Wien/Kärnten

http://inaloitzl.net/joomla2/

 

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„Braucht die Menschheit eine Krise, um sich elementaren Fragen zu stellen? “ Marjana Gaponenko, Schriftstellerin_Odessa 14.4.2020

Liebe Marjana, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Es hat sich wenig verändert. Den Morgen beginne ich mit einem selbst gemahlenen Kaffee (schwarz, ohne Milch und Zucker). Dann schminke ich mich als eitle Ukrainerin und kleide mich vollständig an. Zu guter Letzt gehe ich zu meinem Parfümschrank und überlege lange, ob ich heute auf Moschus, Iris oder Weihrauch Lust habe. Den Rest des Tages verbringe ich am Schreibtisch. Ab und zu schaue ich nach meiner Katze und gegen Mittag nach meinem Mann, der nun auch im Home Office arbeitet. Abends sind wir beide im Stall. Wir ziehen Leuchtwesten an und gehen mit unseren Pferden in den Feldern spazieren. Dabei fällt mir immer wieder auf, wie wunderschön der Nachthimmel ist, der Duft blühender Obstbäume. An solchen Abenden möchte ich am wenigsten einem läppischen Virus erliegen.

 

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Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Überleben, auch wirtschaftlich. Außerdem finde ich es wichtig, dass wir bald unsere bürgerlichen Grundrechte wieder uneingeschränkt wahrnehmen können.

 

 Es wird jetzt ein Neubeginn sein, von dem wir gesellschaftlich und persönlich stehen werden. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt der Literatur dabei zu?

Ich stelle fest, dass viele Menschen versuchen, dieser Krise Gutes abzugewinnen:

Entschleunigung
Freuden eines gechillten Nichtstuns
Das aufkommende Wir-Gefühl.
Besinnung auf das, was wirklich zählt.

Doch braucht die Menschheit eine Krise, um sich diesen elementaren Fragen zu stellen? Und kann man auch ohne Corona Rücksicht auf einander nehmen, kann man auch ohne Corona der alten Nachbarin einfach so einen Kilo Äpfel vor die Tür stellen? Die Rolle der Literatur in/nach der Krise und überhaupt bleibt für mich unverändert, sie kann alles und muss gar nichts, außer: die moralische Keule im Keller lassen.

 

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Was liest Du derzeit?

Die Macht der Gerüche (Eine Philosophie der Nase) von Annick Le Guérer

 

 

Welches Zitat, welche Textstelle aus Deinem aktuellen Roman möchtest Du uns mitgeben?

Ich hätte stattdessen ein Zitat aus Bruce Chatwins letztem Roman „Utz“, der für immer zu meinen Lieblingsbüchern gehören wird. Dieses Zitat stelle ich auch am Anfang meines Romans, an dem ich gerade arbeite.

„Er hatte wie immer recht gehabt. Die Tyrannei schafft sich ihre eigenen Echokammern – ein leerer Raum, wo undeutliche Signale ziellos herumschwirren, wo ein Murmeln oder eine Anspielung Panik verursachen; und am Ende ist es wahrscheinlicher, dass die Repressionsmaschine nicht durch Kriege oder Revolutionen verschwindet, sondern mit einem Windstoß, oder dem Geräusch fallender Blätter.“

 

Vielen Dank für das Interview liebe Marjana und viel Erfolg für Deinen  großartigen Roman „Der Dorfgescheite. Ein Bibliotheksroman“ ,C.H.Beck Verlag 2018, wie Dein aktuelles Romanprojekt und persönlich alles Gute!

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Marjana Gaponenko, Schriftstellerin

 

Weitere Informationen: 

http://www.marjana-gaponenko.de/

 

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„Der Neubeginn ist Verzicht – wir hinterlassen schon genug Saustall“ Helena Adler, Schriftstellerin_Wien 13.4.2020

Liebe Helena, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Fast so wie immer. Irgendwann in der Nacht brüllt mein Sohn Mama läuft zu mir und schlüpft unter die Bettdecke. Um spätestens sechs weckt er mich auf, indem er den Vorhang aufreißt, um mich zu blenden und zu prüfen, ob ich zerfalle. Ich kneife meine Augen zusammen, fluche in Kinderformeln und spiele einen theatralischen Vampir. Das ist sein erstes Frühstück. Mein Mann schlurft verschlafen vom Atelier herein, legt sich zu uns und ist beleidigt, weil er keinen Platz mehr findet, er quetscht sich an die Kante und beklagt sich darüber, eine Randfigur in unserer Familie zu sein. Ich mach dem Großen Kaffee und dem Kleinen Haferbrei mit Milch. Irgendwann wechseln wir uns mit der Kinderbetreuung ab. Manchmal schreiben wir die Minuten auf. Mein Sohn und ich knacken Eispfützen mit dem Fahrrad, bauen ausgeklügelte Höhlensysteme mit Decken, Sesseln und Wäscheständern und schauen uns riesige Pappebücher mit Darstellungen von Vogelarten an. Wir drapieren seine Steine- und Fossilliensammlung. Wir sind Forscher am Nordpol und sitzen an Deck unseres Eisbrechers, also auf dem breiten Fensterbrett. Während ich koche, holen meine beiden Ungestümen eine riesige Gartenfolie und bauen sich aus der provisorischen Holzbrett-Schaukel ein Piratenschiff mit Segel. Sie lehnen sich gegen den eisigen Sibirienwind auf, schreiten ihm mit Säbeln entgegen und trotzen allem Widrigen. Sie machen es sich zu nutze. Am Abend putze ich meinem Sohn die Zähne, danach erzählt ihm mein Mann eine Geschichte. Sobald die vorbei ist, lege ich mich zu ihm und warte bis er eingeschlafen ist.

 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Galgenhumor! Und wenn er noch so abgründig ist, der Humor ist eine gute Bewältigungsstrategie und hilft über vieles hinweg. Zumindest war es bei mir immer so. Und sonst das Übliche: Hoffnung, Trost, Ablenkung, Verdrängung und Liebe in jeder noch so kleinen Form und Geste. Bei alledem darf man diejenigen nicht vergessen, denen es nicht so gut geht wie uns. Ich habe auch in meinem nahen Umfeld Menschen, die kein Essen mehr auf den Sozialmärkten bekommen, weil diese längst geschlossen haben. Und nicht jeder hat eine Familie hinter sich, die unterstützend eingreifen kann.

 

Es wird jetzt ein Neubeginn sein, vor dem wir gesellschaftlich und persönlich stehen werden. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt der Literatur dabei zu?

Die Rolle der Literatur ist derzeit am ehesten die Dokumentation. Vielleicht noch das Anbieten von Blickwinkeln. Ein Neubeginn besteht im Verzicht jedes einzelnen von uns. Im Aufhören zum Beispiel. Aufhören mit Aufschieben, aufhören mit weitermachen wie bisher. Ablegen von schlechten Gewohnheiten. Das ist ungemütlich, ja. Aber notwendig und absolut unsere Pflicht, wenn wir an unsere Kinder denken, denen wir schon genug Saustall hinterlassen. Ich erinnere mich oft an Carl Popper, der sagte: „Wir wissen nichts, das ist das Erste. Deshalb sollen wir sehr bescheiden sein, das ist das Zweite. Dass wir nicht behaupten zu wissen, wenn wir nicht wissen, das ist das Dritte.“ Also auch ein bisschen mehr Bescheidenheit und Demut. Aber zugleich auch mehr Gelassenheit und die Bewahrung eines kritischen Blickes, bei dem man nicht nur die Lieder zuschlägt, der auch ein Blinzeln erlaubt, sodass die Augen nicht ganz austrocknen. Es ist legitim in Zeiten wie diesen, dass wir die Meinung, die wir noch am Vortag hatten, am nächsten revidieren.

 

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Was liest Du derzeit?

Alles, was so herumliegt, die Klassiker. Jelinek, Handke, Celan, Rilke, Schiller, Camus, Goethe. Auch in Géza Csáths Bücher lese ich immer wieder hinein. Und, nachdem ja gerade mein eigenes Buch erschienen ist, bin ich auch fokussiert auf die anderen Neuerscheinungen: Birigt Birnbacher „Ich an meiner Seite“, Sara Jäger „Nach vorne, nach Süden“, Anna Herzig „Herr Rudi“, Monika Helfer „Die Bagage“, Karin Peschka „Putzt euch, tanzt, lacht“, Valerie Fritsch „Herzklappen von Johnson & Johnson“, Leif Randt „Allegro Pastell“, Lutz Seiler „Stern 111“ usw.

 

Welches Zitat, welche Textstelle aus Deinem aktuellen Roman möchtest Du uns mitgeben?

Der Besorgte kümmert sich um den Geschundenen. Und der Geschundene um den Geschändeten. Der Geschädigte flickt den Verwundeten. Der Vergessene lässt den Besiegten siegen und der Besiegte hilft dem in die Knie Gezwungenen wieder auf. Die Verwaiste heiratet den Verwitweten. Der Fehlgeleitete zeigt dem Entrückten den Weg. Der Geächtete arbeitet für den Geknechteten und der Gescheiterte vergipst den Gebrochenen. Der Gezeichnete glättet den Vernarbten. Der Vernarbte krönt den Gefallenen. Der Entrechtete küsst den Geächteten. Die Gelähmten sprechen über Trost. Der Beschädigte salbt den Ruinierten. Der Vernichtete findet den Verlorenen und der Verlorene verewigt den Vernichteten. Der Ausgeschlossene verbindet die Entkoppelten. Der Gehörlose führt den Blinden. Der Blinde erzählt dem Verstummten und der Verstummte findet Besänftigung im geschriebenen Wort. Der Erniedrigte beschenkt den Enteigneten und der Enteignete erbt ein Land, in dem die Entmachteten Könige sind. Und die Vertriebenen und Verbannten finden Zuflucht im Gespräch, jeder ein Stück Heimat in einem anderen Dialekt. Und den Gescheiterten gehört das Wort. Wörter werden zu ihren Familien, und die Sprache wird zu ihrer Heimat, ihrem wichtigsten Gut.

(Helena Adler, „Die Infantin trägt den Scheitel links“, Jung und Jung Verlag)

 

Vielen Dank für das Interview liebe Helena, viel Freude und Erfolg für Deinen großartigen aktuellen Roman und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Helena Adler, Schriftstellerin

Aktueller Roman von Helena Adler: „Die Infantin trägt den Scheitel links“, Jung und Jung Verlag

 

29.3.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Hoffnungsvoll und präsent bleiben – in Leben und Kunst“ Daniela Turner, Schauspielerin_Villach 12.4.20

Liebe Daniela, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich bin mit meinen zwei Jungs jetzt schon seit 2 Wochen in selbstgewählter Quarantäne in unserer zwar sehr gemütlichen, aber kleinen Wohnung. Wir haben vor allem am Vormittag einen sehr strukturierten Zeitplan, damit das „homeschooling“ gut funktioniert. Der Zeitplan ist wichtig, damit wir alle ein wenig kontrolliert bleiben. Wir kochen meistens gemeinsam und am Nachmittag ist Zeit für freies Spiel, gemeinsames Bewegen und Herumtollen und Kreatives. Als alleinerziehende Mutter bin ich noch ein bisserl mehr gefordert, da sich wirklich rund um die Uhr alles auf mich konzentriert und mir oft der Austausch mit einer anderen erwachsenen Person fehlt.

 

 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Zusammenhalt im Sinne von „Kümmern“. Menschen kontaktieren, die man mag, die einem am Herzen liegen, die man liebt, und ihnen damit zeigen, dass sie wichtig sind. Mit ihnen schöne Erinnerungen wieder lebendig machen und sich gegenseitig zum Lachen bringen. Positive Worte, Bilder und Gedanken verbreiten…Lachen und Liebe sind das beste Tonikum für das Immunsystem und die Seele erfährt in Zeiten der Krise einen stärkenden Aufwind.

 

 

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater und der Kunst zu?

Wesentlich wird sein, resilient, hoffnungsvoll und präsent zu bleiben. Die Verbindung mit sich selber aufrecht erhalten und Dankbarkeit zu leben.

Wenn nichts mehr auf der Welt funktionierte, so waren es doch immer die Künstler, die es geschafft haben, Menschen für Momente, für Zeiträume, in andere Welten zu beamen, um so von Leid, Angst und Traurigkeit plötzlich losgelöst, wieder hoffnungsvolle und schöne Gefühle in die Herzen der Menschen zu zaubern. Auch wenn vor allem die Kunst- und Theaterszene jetzt einen krassen Tiefpunkt erleidet, so glaube ich daran, dass sie wie der Phönix aus der Asche steigen und mehr Wertschätzung denn je erfahren wird.

 

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Was liest Du derzeit?

Charles Bukowski

 

Welches Zitat, welchen Text aus Deinen aktuellen Theaterprojekten möchtest Du uns mitgeben?

„Das Gebot ist: Sich verlassen, dass Augen den Augen genügen, dass ein Grün genügt, dass das Leichteste genügt. So dem Gesetz gehorchen und keinem Gefühl. So der Einsamkeit gehorchen. Einsamkeit, in die mir keiner folgt.“

Undine geht – Ingeborg Bachmann

 

Vielen Dank für das Interview liebe Daniela und viel Erfolg für Deine aktuellen wie kommenden Theaterprojekte und persönlich alles Gute!

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Daniela Turner, Schauspielerin

 

27.3.2020_Interview_Walter Pobaschnig

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„Vielleicht birgt ja gerade der jetzige Zeitpunkt die größte Chance für Utopien“ Lisa Schrammel, Schauspielerin_Wien 11.4.2020

Liebe Lisa wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Von Langeweile bis jetzt keine Spur, auch exzessive Putz- oder Ausmistanfälle sind bisher noch ausgeblieben. Zwar hab ich im Augenblick keine Proben oder Vorstellungen aber da ich seit einigen Jahren auch vermehrt als Sprecherin arbeite und zum Glück über ein Home Studio verfüge, gibt es in dem Bereich immer wieder was zu tun. Ein paar Aufträge sind natürlich weggefallen, dafür kamen wieder neue hinzu. Alles in allem fühle ich mich sehr privilegiert, da ich durch meine Festanstellung am TAG keine Existenzängste zu haben brauche. Einmal die Woche kaufe ich für meinen Vater ein, ansonsten versuche ich mir gerade bewusst Zeit zu nehmen für die Dinge, für die im Alltag oft wenig Zeit bleibt wie ausgiebig kochen, wieder öfter mal was backen, lesen, Yoga machen, damit das viele Essen nicht allzu sehr auf die Figur schlägt und vor allem viel mit lieben Menschen (video)telefonieren. Also nur physical distancing und kein social distancing.

 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich finde es schwierig Dinge in diesem Kontext zu verallgemeinern, da die aktuelle Situation für Jede und Jeden unterschiedlich große Schwierigkeiten und Herausforderungen mit sich bringt und auch diese wiederum ganz individuell empfunden werden können. Für mich ist im Moment Solidarität und Wertschätzung ein wichtiges Thema, vor allem gegenüber den Menschen und Dingen, die wir oft als Selbstverständlichkeiten ansehen. Trotz all der Widrigkeiten ist es aber wichtig sich bewusst zu machen, dass diese Ausnahmesituation, die für uns alle neu ist, nur temporär ist und die Entbehrungen, die wir gerade hinnehmen müssen noch viel schlimmer sein könnten.

 

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater und der Kunst zu?

Es wäre (zu) schön, wenn nach diesem globalen Ereignis gewisse Strukturen ernsthaft hinterfragt werden würden. Vielleicht birgt ja gerade der jetzige Zeitpunkt die größte Chance für Utopien. Was Theater und Kunst betrifft, hoffe ich in erster Linie natürlich, dass wir in absehbarer Zeit Kultur wieder hautnah und live erfahren können und dieses unmittelbare, gemeinschaftliche Erlebnis dann vielleicht noch mehr zu schätzen wissen, jetzt wo wir gerade erfahren, wie es ist auf einmal keinen Zugang mehr zu Theater, Ausstellungen, Konzerten und dergleichen zu haben.

 

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Was liest Du derzeit?

„Was man von hier aus sehen kann“ von Mariana Leky, ein humorvoller und berührender Roman mit herrlich skurrilen Elementen.

 

 

Welches Zitat, welche Szenerie aus Deinen aktuellen Theaterprojekten möchtest Du uns mitgeben?

Bis vor kurzem haben wir noch an Fahrenheit 451 geprobt, dann kam Covid 19 und plötzlich befanden wir uns selbst inmitten einer realen Dystopie. Meine Figur sagt in einer Szene, dass die Menschen überhaupt keine Zeit mehr füreinander haben und keine richtigen Gespräche mehr führen. Dass im Augenblick in meinem Umfeld das Gegenteil der Fall ist, zählt für mich definitiv zu den erfreulichen Aspekten der Krise.

 

Vielen Dank für das Interview liebe Lisa und auf ein baldiges Wiedersehen im TAG Theater Wien wie persönlich alles Gute!

 

5 Fragen an KünstlerInnen: Lisa Schrammel, Schauspielerin

http://www.lisa-schrammel.com/

 

26.3.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

Foto_Walter Pobaschnig_2018 „Der Untergang des österreichischen Imperiums“ _TAG Theater Wien

„Wir befinden uns auf einem Schiff, das wir entweder gemeinsam retten oder damit untergehen“ Zdenka Becker, Schriftstellerin, 10.4.2020

 

Liebe Zdenka, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Auf den ersten Blick hat sich bei meinem Tagesablauf nicht viel verändert. Ich schreibe am Vormittag, bin in meinem Arbeitszimmer allein. Zu Mittag koche ich wie immer, vielleicht jetzt etwas bewusster, mache aus jedem Mittagessen ein kleines Fest.

An Nachmittagen gehe ich mit meinem Mann für etwa zwei Stunden spazieren. Das neue daran ist, dass wir in der Nähe bleiben und unseren Wald, die Au-Landschaft und die Seen neu entdecken. Was mir aber sehr fehlt, ist der Kontakt zu meinen Freundinnen, Besuch der Kulturveranstaltungen und vor allem meine Kinder und Enkelkinder gehen mir schmerzhaft ab. Anrufe, Fotos und Videos ersetzen nicht die echten Umarmungen. Unser jüngster Enkel ist erst drei Wochen alt und wir haben ihn nur einmal, kurz nach seiner Geburt besucht. Nicht zu sehen, wie er sich von Tag zu Tag entwickelt, tut weh.

 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich denke, wir sollen die Situation so nehmen, wie sie ist. Aus allem das Beste machen. Sich ergeben, fürchten und verzweifeln bringt nichts. Die Angst schwächt den Menschen und das ist etwas, was wir im Moment am allerwenigstens brauchen.

Ich finde es wunderbar zu sehen, wie sich die Menschen gegenseitig helfen und zu einander halten. Physisch auf Abstand zu gehen, muss nicht immer Entfernung bedeuten. Mir ist aufgefallen, dass die Menschen, mit denen ich in der letzten Zeit telefoniere, menschlicher klingen und viel mehr Interesse an einem zeigen.

 

In Deinen Romanprojekten geht es auch wesentlich um Neubeginn/Ankommen im täglichen gesellschaftlichen Prozess.

Auch jetzt wird es ein – in einem anderen Kontext – Neubeginn sein, von dem wir gesellschaftlich und persönlich stehen bzw. stehen werden. Was ist dabei wesentlich?

Alles, was rund um uns gerade passiert, hat einen tieferen Sinn, als es auf den ersten Blick erscheint. Unabhängig der Landesgrenzen, Sprachen und Nationalitäten befinden wir uns auf einem Schiff, das wir entweder gemeinsam retten oder damit untergehen. Es geht um viel mehr als um geschlossene Geschäfte, abgesagte Veranstaltungen oder entgangene Einkommen. Es geht um Gemeinschaft und Solidarität. Es geht jetzt um richtige Entscheidungen.

Darüber, dass uns die Globalisierung mit ihren Produktionsabhängigkeiten über den Kopf gewachsen ist, brauchen wir nicht zu diskutieren. Der übermäßige Konsum, den wir in den letzten Jahrzehnten betrieben haben und die Krankheit, die mit Waren- und Menschen-Transporten rund um die Erde fliegt, zeigen, wie sehr wir uns als Menschheit in die Irre hineinmanövriert haben. Um es mit Cicero auszudrücken „Fang nie an aufzuhören, hör nie auf anzufangen“, ist es nie zu spät, den falschen Weg zu verlassen und sich neu zu orientieren.

Der Neuanfang ist eine große Chance. Schon jetzt während der Quarantäne merken wir, wie uns die Gespräche mit lieben Menschen guttun, wir mehr Zeit für einander haben, sich die Natur erholt, Luft und Wasser sauberer sind. Sogar der Smog über China soll sich gelichtet haben.

 

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Was liest Du derzeit?

Es waren zwei Bücher, die mich begeistert haben: „Mein sanfterer Zwilling“ von Nino Haratischwili“ und „Die Bagage“ von Monika Helfer. Beide Bücher sind ganz unterschiedlich und beide auf ihre eigene Art großartig.

 

Welches Zitat, welche Textstelle aus Deinem aktuellen Roman möchtest Du uns mitgeben?

„Gleich am Anfang meiner Österreichjahre dachte ich oft, einen Brief, eine Nachricht zu schreiben und sie in einer dicht verschlossenen Flasche auf die Reise zu schicken. Heute reicht es mir zu wissen, dass wir alle verbundene Gefäße sind, dass die Nachrichten, die ich sende, auch ohne die Flaschenpost bei den richtigen Menschen ankommen werden.“ (Ein fesches Dirndl, Gmeiner Verlag, 2019)

 

Vielen Dank für das Interview liebe Zdenka, viel Freude und Erfolg für Deinen großartigen aktuellen Roman und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Zdenka Becker, Schriftstellerin

Aktueller Roman von Zdenka Becker: „Ein fesches Dirndl“ Gmeiner Verlag, 2019. 

http://www.zdenkabecker.at/

 

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„Literatur muss sich aus dem Fenster lehnen: ungeschminkt und unfrisiert“ Anna Baar, Schriftstellerin _ Klagenfurt 9.4.20

 

Liebe Anna, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Bis auf die Abendstunden, die ich oft und gerne bei Vronis selbstgemachtem Hollersaft im Theatercafé verbringe, hat sich am Alltag in Klagenfurt, wo ich jetzt sozusagen feststecke, wenig geändert. Tagsüber bin ich bis auf zwei „Freigänge“ mit meinem Boxerhund Levi ohnehin zuhause bei der Arbeit. Ich stehe also wie immer spätestens um sieben auf, trinke eine Tasse Kaffee, hirsche mit Levi eine Stunde lang durch den nahegelegenen Wald, arbeite bis Mittag, koche für meinen Sohn David und mich, arbeite bis vier weiter, drehe mit Levi eine zweite Runde. Danach wird es ungewohnt.

Dass das Leben draußen nicht seinen gewohnten Lauf nimmt, hat für mich aber auch etwas Beruhigendes, weil ich ja einsamkeitserprobt bin, ungern einkaufen gehe (schon gar nicht das, was man shoppen nennt) und größere Gesellschaften nicht gut ertrage. Jetzt fällt das Gefühl weg, anders, also irgendwie absonderlich zu sein. Andererseits beunruhigt mich der Gedanke, nicht einfach aufbrechen zu können, wenn ich wollte – und vieles will man ja erst recht, sobald man es nicht mehr kann. Ich bin es gewohnt, zwischen Klagenfurt und Wien zu pendeln, dann und wann auf meine dalmatinische Insel zu fahren. Und natürlich fehlen jetzt wichtige Menschen, vor allem Ben, mein älterer Sohn, der seit zwei Jahren in Wien lebt, oder mein ebenfalls dort lebender Bruder, die Eltern und Freunde ….

Auch dass die Grenzen zwischen meinen Heimaten wieder dicht sind, bereitet mir Unbehagen. Wir wollten meine Ende Dezember gestorbene Großmutter in der Osterwoche auf der Insel Brač „beisetzen“, wie man so sagt. Jetzt steht ihre Urne in unserem Inselhaus auf dem Komon vis-à-vis ogledala, wie sie die nach Aceton, Medizin und Schuhpaste duftende Kommode gegenüber dem Spiegel immer genannt hat, und es kommt mir so vor, als würde dort nun ein lieber Flaschengeist die Stellung halten und sich ins Fäustchen lachen über die Quarantäne, die uns Hinterbliebene zum Aufschub seiner unfreiwilligen „letzten Ruhe“ zwingt.

Aus meiner Lesereise in die USA, die für April geplant war, wird vorerst ebenfalls nichts.

 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Besinnung – so ein aus der Zeit gefallenes Wort, das jetzt mitten in die Zeit trifft. Vielleicht gelingt es uns durch die notgedrungene Einschränkung, unsere Freiheit, Frieden, Wohlstand und all das viele Gute, mit dem wir hier sonst noch gesegnet sind, zu schätzen und Scheinbedürfnisse zu überdenken. Wir werden ja alle zurückgeworfen auf die Frage: Was brauche ich wirklich? Viele, viele konnten ja auch vor der so genannten Krise nicht uneingeschränkt teilhaben, und nicht aufgrund geschlossener Geschäfte, sondern schlicht, weil sie es sich nicht leisten konnten, auf Urlaub zu fliegen, Ski fahren zu gehen oder mehr als unbedingt nötig einzukaufen. Bestimmt erfahren jetzt unzählige Menschen Erleichterung, weil sie nun eine Zeit lang nicht das Gefühl haben müssen, nicht mithalten zu können.

 

Es wird jetzt ein Neubeginn sein, von dem wir gesellschaftlich und persönlich stehen werden. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt der Literatur dabei zu?

Vor wenigen Wochen noch war viel von ökologischen Fußabdrücken die Rede, aber wenig davon, was wir auf Erden an Gutem hinterlassen, was wir in unserer Reichweite zum Beispiel zum Frieden beitragen bei allem Kampfgeist …. Ich sage mir jetzt immer öfter: Sei für andere da! Und lern gefälligst verzeihen!

Lustig ist, dass wir zwar zum Rückzug verdonnert wurden, einander aber mehr und mehr ins Allerprivateste einlassen. Dieser Blick durchs weit geöffnete Schlüsselloch! Mich interessiert oft gar nicht so sehr, was einer in einer Skype- oder Video-Botschaft von sich gibt, aber ich schaue mir begeistert an, wie er haust, mit welchen Bildern und sonstigen Siebensachen er sich umgibt, welche Bücher im Regal im Hintergrund zu sehen sind.

Und apropos Bücher: Auch in der Literatur wird es eine neue Öffnung brauchen, werden die Texte wieder mehr mit ihren Verfassern zu tun haben, also wenigstens ihre Handschrift tragen müssen, um glaubwürdig zu sein. Gerade sie wird sich von den Gesetzen des Marktes befreien müssen, will sie mehr als Placebo oder Narkotikum sein. Der flotte Plotter ist kein Revolutionär, sondern Unterhalter. Unterhaltung allerdings, so toll ihre aufheiternde oder anästhesierende Wirkung in schweren Zeiten ist, schreibt nicht Geschichte. Ich hoffe, dass der Lagerkoller mehr und mehr Schreibende in einen heilsamen Wahnsinn treibt, sie zu Aufrührern, zu Aufständischen macht, solchen, die sich, um im Bild dieser Tage zu bleiben, weit aus den Fenstern lehnen. Ungeschminkt und unfrisiert.

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Was liest Du derzeit?

 Alte Briefe lieber Freunde, und Briefe meiner verstorbenen Großeltern an mich als Kind. Außerdem Peter Handkes „Das zweite Schwert“. André Hellers neues Buch „Zum Weinen schön, zum Lachen bitter“ liegt schon auf dem Nachttisch bereit. Und ich freue mich auf den gerade erst erschienenen Gedichtband „Erste und letzte Gedichte“ meines lieben, so sehr vermissten Freunds Fabjan Hafner.

 

Welches Zitat, welche Textstelle aus Deinem aktuellen Roman möchtest Du uns mitgeben?

In meinem nächsten Roman, an dem ich dieser Tage noch ein bisschen herumfeile, befindet sich der Ich-Erzähler seltsamerweise in einer ähnlichen Lage wie wir alle jetzt. Er sitzt in einem Zimmer, glaubt sich da festgehalten. Gegen Ende stellt sich heraus: Er ist Gefangener seiner selbst. An einer Stelle meint er: „Wer Geschichten wie ich erzählt, braucht nirgendwo hin zu gehen. Er sollte wohl in der Lage sein, sich die Ferne zu denken.“ Und dann: „Wozu eine Sehnsucht stillen, wenn sie der Antrieb ist? Obwohl mich in seltenen Augenblicken dieses nervöse Fernweh befällt, das den Menschen zum Aufbruch bewegt, und nicht aus Wanderlust, Neugierde, Ehrgeiz, sondern weil es das Leben so will, rühr ich mich nicht vom Fleck. (…) Das Leben draußen geht weiter. Das ist es, was mich stört.“

 

Vielen Dank für das Interview liebe Anna, viel Freude und Erfolg für Dein neues Romanprojekt wie Deinen großartigen aktuellen Roman und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Anna Baar, Schriftstellerin

Aktueller Roman von Anna Baar: „Als ob sie träumend gingen“, Wallstein Verlag 2017. 

https://annabaar.at/anna-baar.html

 

 

26.3.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

Foto_Anna Baar.

 

https://literaturoutdoors.com

„Schützt euch vor dem Fehlglauben, nur Sinnvolles machen zu dürfen“ Angela Lehner, Schriftstellerin_Wien 8.4.2020

 

Liebe Angela, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus? 

Ich habe Glück. Ich bin größtenteils mit dem Touren durch und befinde mich ohnehin gerade auf einem Schreib- und Rechercheaufenthalt in Stuttgart. Morgens versuche ich zu Schreiben. Wenn ich merke, dass ich von der aktuellen Situation bedrückt bin, mache ich mir einen Kaffee, höre Musik und notiere gute Gedanken. Die les ich mir dann selber vor und gehe wieder arbeiten. Am Nachmittag geh ich in die Sonne oder mache Sport. Am Abend handarbeite ich (sticken, stricken, Freundschaftsbänder, zeichnen,…) und schaue Gilmore Girls oder ich lese. Der zwischenmenschliche Kontakt geht mir schon ab, aber im Vergleich zu den Leuten, die sich jetzt angackn, weil sie in Isolation Homeoffice machen müssen, bin ich es ja gewohnt, viel allein zu sein. Mich gut selbst aushalten zu können ist meine Superpower, die ich in die Corona-Krise mitbringe.

 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Besonnenheit und Müßiggang. Sich nicht von der Amygdala den Tag versauen lassen, sondern rational Fakten und Wahrscheinlichkeiten durchdenken.

Müßiggang würde ich in der jetzigen Zeit gerne allen als Handlungsanweisung mitgeben. Schützt euch vor dem Fehlglauben, nur Sinnvolles machen zu dürfen.

 

 

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Es wird jetzt ein Neubeginn sein, von dem wir gesellschaftlich und persönlich stehen werden. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt der Literatur dabei zu?

Das weiß man ja gar nicht, was mit Subventionen und ausreichend Zeit nicht doch wieder an seinen alten Platz zurückrollen wird. Natürlich wird es eine längere Übergangsphase und Veränderungen geben. Ich sehe aber ganz viel Potential in den Leuten selbst. Unglaublich eigentlich, was sich Selbständige und Kulturschaffende jetzt schon alles als Zwischenlösungen einfallen haben lassen. Ich hatte zum Beispiel schon meine erste Video-Lesung beim Homestage-Festival. Außerdem habe ich grundsätzlich schon einen tiefen Glauben daran, dass der Mensch es im Leben immer wieder schaffen kann, zu seinen alten beschissenen Verhaltensweisen zurückzufinden.

Die Rolle der Literatur, ja. Jetzt, wo wir alle auf uns selbst und unsere Gedankenwelten zurückgeworfen sind, merken wir ja vielleicht doch, dass Kunst und Kultur ja gar nicht so ein Schas ist, den man bei der Planung eines jeden Finanzhaushaltes als erstes wegrationalisieren muss. Den Menschen, der die Isolationszeit ohne Filme, Literatur oder Musik verbringt, schau ich mir an. Man kann nur hoffen, dass das den Leuten nach der Krise im Gedächtnis bleibt. Dass man später nicht wieder im Kontext der Entlohnungsfrage mit aller Feigheit behauptet, Kunst- und Pflegeberufe seien nicht unbedingt „systemrelevant“.

 

Was liest Du derzeit?

Der Gesang der Fledermäuse – Olga Tokarczuk
Welches Zitat, welche Textstelle aus Deinem aktuellen Roman möchtest Du uns mitgeben?

Gut passt eine Stelle aus „Normal People“ von Sally Rooney:

 

„Still, Connell went home that night and read over some notes he had been making for a new story, and he felt the old beat of pleasure inside his body, like watching a perfect goal, like the rustling movement of light through leaves, a phrase of music from the window of a passing car. Life offers up these moments of joy despite everything.“

 

Vielen Dank für das Interview liebe Angela, viel Freude und Erfolg für Dein neues Romanprojekt wie Deinen großartigen aktuellen Roman und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Angela Lehner, Schriftstellerin

Aktueller Roman von Angela Lehner: Vater Unser, Hanser_BerlinVerlag 2019

 

2.4.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

Foto_Ramona Waldner.

 

https://literaturoutdoors.com