„Braucht die Menschheit eine Krise, um sich elementaren Fragen zu stellen? “ Marjana Gaponenko, Schriftstellerin_Odessa 14.4.2020

Liebe Marjana, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Es hat sich wenig verändert. Den Morgen beginne ich mit einem selbst gemahlenen Kaffee (schwarz, ohne Milch und Zucker). Dann schminke ich mich als eitle Ukrainerin und kleide mich vollständig an. Zu guter Letzt gehe ich zu meinem Parfümschrank und überlege lange, ob ich heute auf Moschus, Iris oder Weihrauch Lust habe. Den Rest des Tages verbringe ich am Schreibtisch. Ab und zu schaue ich nach meiner Katze und gegen Mittag nach meinem Mann, der nun auch im Home Office arbeitet. Abends sind wir beide im Stall. Wir ziehen Leuchtwesten an und gehen mit unseren Pferden in den Feldern spazieren. Dabei fällt mir immer wieder auf, wie wunderschön der Nachthimmel ist, der Duft blühender Obstbäume. An solchen Abenden möchte ich am wenigsten einem läppischen Virus erliegen.

 

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Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Überleben, auch wirtschaftlich. Außerdem finde ich es wichtig, dass wir bald unsere bürgerlichen Grundrechte wieder uneingeschränkt wahrnehmen können.

 

 Es wird jetzt ein Neubeginn sein, von dem wir gesellschaftlich und persönlich stehen werden. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt der Literatur dabei zu?

Ich stelle fest, dass viele Menschen versuchen, dieser Krise Gutes abzugewinnen:

Entschleunigung
Freuden eines gechillten Nichtstuns
Das aufkommende Wir-Gefühl.
Besinnung auf das, was wirklich zählt.

Doch braucht die Menschheit eine Krise, um sich diesen elementaren Fragen zu stellen? Und kann man auch ohne Corona Rücksicht auf einander nehmen, kann man auch ohne Corona der alten Nachbarin einfach so einen Kilo Äpfel vor die Tür stellen? Die Rolle der Literatur in/nach der Krise und überhaupt bleibt für mich unverändert, sie kann alles und muss gar nichts, außer: die moralische Keule im Keller lassen.

 

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Was liest Du derzeit?

Die Macht der Gerüche (Eine Philosophie der Nase) von Annick Le Guérer

 

 

Welches Zitat, welche Textstelle aus Deinem aktuellen Roman möchtest Du uns mitgeben?

Ich hätte stattdessen ein Zitat aus Bruce Chatwins letztem Roman „Utz“, der für immer zu meinen Lieblingsbüchern gehören wird. Dieses Zitat stelle ich auch am Anfang meines Romans, an dem ich gerade arbeite.

„Er hatte wie immer recht gehabt. Die Tyrannei schafft sich ihre eigenen Echokammern – ein leerer Raum, wo undeutliche Signale ziellos herumschwirren, wo ein Murmeln oder eine Anspielung Panik verursachen; und am Ende ist es wahrscheinlicher, dass die Repressionsmaschine nicht durch Kriege oder Revolutionen verschwindet, sondern mit einem Windstoß, oder dem Geräusch fallender Blätter.“

 

Vielen Dank für das Interview liebe Marjana und viel Erfolg für Deinen  großartigen Roman „Der Dorfgescheite. Ein Bibliotheksroman“ ,C.H.Beck Verlag 2018, wie Dein aktuelles Romanprojekt und persönlich alles Gute!

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Marjana Gaponenko, Schriftstellerin

 

Weitere Informationen: 

http://www.marjana-gaponenko.de/

 

30.3.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

Fotos_Marjana Gaponenko

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