„Wir befinden uns auf einem Schiff, das wir entweder gemeinsam retten oder damit untergehen“ Zdenka Becker, Schriftstellerin, 10.4.2020

 

Liebe Zdenka, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Auf den ersten Blick hat sich bei meinem Tagesablauf nicht viel verändert. Ich schreibe am Vormittag, bin in meinem Arbeitszimmer allein. Zu Mittag koche ich wie immer, vielleicht jetzt etwas bewusster, mache aus jedem Mittagessen ein kleines Fest.

An Nachmittagen gehe ich mit meinem Mann für etwa zwei Stunden spazieren. Das neue daran ist, dass wir in der Nähe bleiben und unseren Wald, die Au-Landschaft und die Seen neu entdecken. Was mir aber sehr fehlt, ist der Kontakt zu meinen Freundinnen, Besuch der Kulturveranstaltungen und vor allem meine Kinder und Enkelkinder gehen mir schmerzhaft ab. Anrufe, Fotos und Videos ersetzen nicht die echten Umarmungen. Unser jüngster Enkel ist erst drei Wochen alt und wir haben ihn nur einmal, kurz nach seiner Geburt besucht. Nicht zu sehen, wie er sich von Tag zu Tag entwickelt, tut weh.

 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich denke, wir sollen die Situation so nehmen, wie sie ist. Aus allem das Beste machen. Sich ergeben, fürchten und verzweifeln bringt nichts. Die Angst schwächt den Menschen und das ist etwas, was wir im Moment am allerwenigstens brauchen.

Ich finde es wunderbar zu sehen, wie sich die Menschen gegenseitig helfen und zu einander halten. Physisch auf Abstand zu gehen, muss nicht immer Entfernung bedeuten. Mir ist aufgefallen, dass die Menschen, mit denen ich in der letzten Zeit telefoniere, menschlicher klingen und viel mehr Interesse an einem zeigen.

 

In Deinen Romanprojekten geht es auch wesentlich um Neubeginn/Ankommen im täglichen gesellschaftlichen Prozess.

Auch jetzt wird es ein – in einem anderen Kontext – Neubeginn sein, von dem wir gesellschaftlich und persönlich stehen bzw. stehen werden. Was ist dabei wesentlich?

Alles, was rund um uns gerade passiert, hat einen tieferen Sinn, als es auf den ersten Blick erscheint. Unabhängig der Landesgrenzen, Sprachen und Nationalitäten befinden wir uns auf einem Schiff, das wir entweder gemeinsam retten oder damit untergehen. Es geht um viel mehr als um geschlossene Geschäfte, abgesagte Veranstaltungen oder entgangene Einkommen. Es geht um Gemeinschaft und Solidarität. Es geht jetzt um richtige Entscheidungen.

Darüber, dass uns die Globalisierung mit ihren Produktionsabhängigkeiten über den Kopf gewachsen ist, brauchen wir nicht zu diskutieren. Der übermäßige Konsum, den wir in den letzten Jahrzehnten betrieben haben und die Krankheit, die mit Waren- und Menschen-Transporten rund um die Erde fliegt, zeigen, wie sehr wir uns als Menschheit in die Irre hineinmanövriert haben. Um es mit Cicero auszudrücken „Fang nie an aufzuhören, hör nie auf anzufangen“, ist es nie zu spät, den falschen Weg zu verlassen und sich neu zu orientieren.

Der Neuanfang ist eine große Chance. Schon jetzt während der Quarantäne merken wir, wie uns die Gespräche mit lieben Menschen guttun, wir mehr Zeit für einander haben, sich die Natur erholt, Luft und Wasser sauberer sind. Sogar der Smog über China soll sich gelichtet haben.

 

dav

 

Was liest Du derzeit?

Es waren zwei Bücher, die mich begeistert haben: „Mein sanfterer Zwilling“ von Nino Haratischwili“ und „Die Bagage“ von Monika Helfer. Beide Bücher sind ganz unterschiedlich und beide auf ihre eigene Art großartig.

 

Welches Zitat, welche Textstelle aus Deinem aktuellen Roman möchtest Du uns mitgeben?

„Gleich am Anfang meiner Österreichjahre dachte ich oft, einen Brief, eine Nachricht zu schreiben und sie in einer dicht verschlossenen Flasche auf die Reise zu schicken. Heute reicht es mir zu wissen, dass wir alle verbundene Gefäße sind, dass die Nachrichten, die ich sende, auch ohne die Flaschenpost bei den richtigen Menschen ankommen werden.“ (Ein fesches Dirndl, Gmeiner Verlag, 2019)

 

Vielen Dank für das Interview liebe Zdenka, viel Freude und Erfolg für Deinen großartigen aktuellen Roman und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Zdenka Becker, Schriftstellerin

Aktueller Roman von Zdenka Becker: „Ein fesches Dirndl“ Gmeiner Verlag, 2019. 

http://www.zdenkabecker.at/

 

26.3.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

Foto_Walter Pobaschnig

 

https://literaturoutdoors.com

 

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